Als gestohlen gemeldet – Tatort 48 #50JahreTatort #Crimetime 873 #Tatort #München #Muenchen #Veigl #BR #gestohlen

Crimetime 873 - Titelfoto © BR

Der gestohlene Lover zweier Generationen

Dank der ARD-Mediathek können wir immer mal wieder einen alten Tatort einstreuen, einen richtig alten. Wir tun das passenderweise am heutigen Jubiläumstag des Tatorts: 50 Jahre gibt es dieses Format und heute Abend sind auch die Münchener Batic und Leitmayr dabei, wenn es im 1146. Tatort zu einem Familiendrama in Köln kommt. Und wie war’s so mit dem ersten Münchener Kommissar Veigl, vor fast 1.100 Episoden?

Nicht alle Sender sind gleichermaßen willig, ihre Frühwerke der Reihe in der Mediathek zu zeigen. Vorreiter waren, wie bei der Krimireihe selbst, der NDR und der WDR, aber auch der Bayerische Rundfunk hat nun einiges hinzugetan. Und was wäre die Tatort-Historie ohne den ersten Bayern-Kommissar bzw. Oberinspektor Veigl, die Assistenten Lenz und Schneider und Dackel Oswald. Der Dackel hat hier einen etwas herbeizitierten Kurzauftritt, aber die Assistenten machen in diesem für damalige Verhältnisse sehr komplett wirkenden Team – auch der Kriminalrat von nebenan und zwei weibliche Polizisten, die weibliche Tatverdächtige filzen dürfen, sind zu sehen – einiges vom Flair des Films aus. Alles weitere steht in der -> Rezension.

Handlung

Der Kraftfahrzeugmeister Otto Jirisch wird schwerverletzt am Stadtrand von München gefunden. Im Krankenhaus erliegt er seinen Verletzungen.

Bei den Ermittlungen stellt Oberinspektor Veigl fest, dass in der renommierten Autowerkstatt Kunden eben gekaufte Autos gestohlen wurden. Stets musste die Versicherung zahlen und stets konnte die Autowerkstatt binnen kurzer Zeit Ersatz liefern.

Veigl hat es mit vielen Verdächtigen zu tun: mit der verwitweten Besitzerin der Kraftfahrzeugwerkstatt, deren minderjähriger Tochter, dem entsprungenen Häftling Leu und mit der schlagfertigen Masseuse Mathilde. Kommissar Trimmel aus Hamburg und sein Assistent Laumen treffen in München ein. Gemeinsam mit Veigl lässt sich das Verbrechen aufklären.

Rezension

Bayern war Mitte der 1970er noch ein gemütliches Land. Die Art, wie im Fall der geklauten Autos und des getöteten Automechanikers hyperrealistisch ermittelt wird, kann man auch als gedehnt bezeichnen und es muss alles so exakt sein, dass man auch sofort merkt, wenn sich das Drehbuch verfährt, wie etwa beim Verhalten der Versicherung, das viel zu defensiv ist, angesichts des massiven Betrugsverdachts im Fall der Werkstatt mit dem passenden Namen Stumm. Man riecht aber geradezu Benzin und Öl, wenn man das Gelände betritt, in die Werkstatthalle späht, man hört die Arbeit und man wird unverzüglich in die Kindheit versetzt. Diesen Effekt haben nicht alle Filme aus der Zeit auf uns in diesem Ausmaß, auch wenn jeder davon ein unschätzbares Zeitdokument darstellt.

Bayern war, wie heute noch, aber auch konservativer. Während besonders der NDR in den ersten Jahren mit großen Themen, mit Überlänge, mit ungewöhnlichen Plotkonstruktionen arbeitete, bleibt man in München auf dem Pfad der kriminalistischen Whodunit-Tugend, wenn man von „Münchener Kindl“ absieht, dem ersten Veigl-Tatort, den wir schon vor längerer Zeit als Wiederausstrahlung angeschaut haben. Der Hamburger Kommissar zu jener Zeit hieß Trimmel und war auch ein sehr traditioneller Typ, aber in welchen Szenarien ermittelte, wirkt schon geradezu kontrastreich, einer, der damals schon aus der Zeit gefallen schien, mitten im Zeitgeistigen. All das sieht man in Bayern so nicht, Veigl wirkt ganz und gar integriert in seiner Art und mit dem Herrn Lenz sieht man schon die 1980er kommen, denn sein Darsteller Helmut Fischer wird von Gustl Bayrhammer den Part des leitenden Ermittlers bei der Mordkommission übernehmen. Als genial gelten die Veigl-Tatorte im Allgemeinen nicht, aber der Kommissar dürfte damals mit seiner sehr menschlichen, manchmal sogar warmherzigen Art ziemlich beliebt gewesen sein. Süddeutsch-menschelnd gegen norddeutsch-kantig, das war schon in den ersten Jahren ein sichtbarer Unterschied, der zum Erfolg der Reihe viel beigetragen hat.

Eine gewisse Internationalität hatte München damals auch schon: Preißn kommen vor, als Berliner natürlich, Hessinnen, die Dialekte sind jeweils sehr ausgeprägt, ein Österreicher spielt den Filou, vom Idiom her hätte der Figur eine Biografie als Wiener besser gestanden, als einen Tiroler darzustellen. Uns hat dieser Charakter an die Wien-Tatorte der aktuellen Generation erinnert, in denen gerne Deutsche als die negativen Figuren eingesetzt werden. Des muss oba nix zum sogn hom, solange es nicht zum Ritual wird.

Nicht nur die Atmosphäre und die Ermittlungsarbeit, auch die Handlung wirkt zumindest teilweise sehr nachvollziehbar, weil die psychologische Seite mit einigem Fingerspitzengefühl behandelt wurde. Schön anzusehen sind Gisela und Susanne Uhlen als Werkstattbesitzer-Witwe und deren Tochter, der Mann, der sich in der Werkstatt geradezu einnistet, indem er sich eine Werkswohnung bauen lässt, macht erst die Mutter von sich abhängig und vergnügt sich dann mit der Tochter. Vor allem die Figur der Frau in mittleren Jahren, die versuchen muss, ohne Fachkenntnisse den Betrieb über Wasser zu halten, ist sehr gut, dezent, glaubhaft gespielt – während man andere Charaktere bewusst überzeichnet hat, wie die Prostituierte mit der Revolverschnüss (vielleicht ist der Ausdruck auch in Hessen bekannt). Drama und Komik halten sich in dem Film sehr gut die Waage.

Weniger gelungen ist das Verhältnis zwischen den beiden Ganoven, auch wenn beide in Hamburg-Santa Fu eingesessen haben, einander kennen und daher Trimmel zum Einsatz kommt und etwas zur Aufklärung beisteuern darf. Gastauftritte waren damals ein besonderer Clou der Reihe: Föderalismus und regionale Unterschiede wurden groß geschrieben, aber die Zusammenarbeit funktioniert bundesweit sehr gut. Das ist geschickt gemacht und war sicher auch fürs Publikum ein Schmankerl, das auf diese Weise immer eine weitere von den beliebten Ermittlerfiguren zu sehen bekam. Diese Gastauftritte gaben dem Ganzen etwas wie eine größere räumliche Dimension und wieso fragt wohl Veigl den Trimmel, wie’s ihm geht und dessen Antwort klingt recht hermetisch? Na bitte. Siehe oben. Viele dieser Standards waren sehr subtil und hintergründig angelegt, manchmal mehr als die eigentlichen Fälle.

Nachdem man sich als Zuschauer bereits darauf eingestellt hat, dass die Frau Stumm ihren Automechaniker trotz dessen Wert für den Betrieb und die körperliche Wärme um die Ecke gebracht hat, weil er mit der eigenen Tochter, ist doch am Ende ein etwas banales Motiv der Grund – ein Streit um den Anteil an der Beute, bei dem der Berliner sich vom Österreicher über den Tisch gezogen gefühlt hat. Eine Rangelei, ein kleiner Kampf, ein harter Stein, pardauz!, da war er hin, der Mittäter im Fall der gestohlenen Autos.

Finale

Diese alten Filme sind wie eine Reise, viel mehr als Kinoklassiker, die doch nicht dieses Gefühl des nahen Alltags haben – und gerade dieser 48. Tatort hat einige Erinnerungen in uns ausgelöst, weil er besonders alltäglich wirkt, mittelständisch, mit Autos, mit hübschen Mädchen und deren Müttern, die auf eine Weise zeitlos und fern aus der Nähe wirken, mit Verstrickungen, die man durch das Spiel der Darsteller authentisch findet – und man bekommt mehr als genug Zeit, auf die Charakter einzusteigen und sie sich anzuschauen. Das ist bei heutigen Tatorten so nicht mehr möglich, deswegen ist alles, was heute als gute Figurenzeichnung anzusehen ist, unter der Bedingung zu betrachten: Soweit es die Hatz und die Dominanz des Visuellen zulassen, die eine gewisse Verfremdung erzeugen.

Wir sind sehr gespannt, wie der Stil der Tatorte in zehn Jahren sein wird. Denn diese Reihe hat Zeitenwechsel überdauert, Wirtschaftskrisen, wird auch die aktuelle Corona-Krise überleben und uns weiter begleiten. Wir haben immer noch einige sehr alte Tatorte nicht gesehen und werden, wenn es zwischen den Premieren, den Wiederholungen neuerer Filme, die wir noch nicht kennen und der seit 15 Monaten bestehenden zusätzlichen Arbeit mit der Reihe Polizeiruf 110 möglich ist, immer mal wieder schauen, was sich in der Tatort-Steinzeit getan hat. Auch die Mehrzahl der Veigl-Filme haben wir noch nicht gesehen. Oba des basst scho, mia ham no a bisserl Zeit.

7/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Wilm ten Haaf
Drehbuch Erna Fentsch
Produktion Peter Hoheisel
Musik Rolf Alexander Wilhelm
Kamera Luy Briechle
Schnitt Margret Sager
Besetzung

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