Gesang der toten Dinge – Tatort 728 #Crimetime 872 #50JahreTatort #Tatort #München #Batic #Leitmayr #BR #Gesang #Dinge #tot

Crimetime 872 - Titelfoto © BR / Bavaria, Stephen Power

Ivo goes Eso

Und München goes Münster? Das Drehbuch wäre sicher von Thiel, Boerne & Co. gut umgesetzt worden, aber das Schöne ist, dass es in München auch geht. Die Ermittler sind dann eben nicht Teil der verrückten Tradition, sondern werden als bodenständige Typen in Kontrast zum sonstigen Personal der Episode gestellt. Sicher ist „Gesang der toten Dinge“ nichts für ernsthafte Krimirätsler oder Thrillerfans, die Handlung ist zu wenig stringent und voller absichtlicher Unglaubwürdigkeiten. Spannung oder gar Grusel kommen nicht auf und der Humor überlagert alles andere. Ist der Tatort 728 deshalb ein schlechter Tatort? Das klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Dieser Fall führt die Münchner Hauptkommissare Franz Leitmayr und Ivo Batic bis an ihre Grenzen: In ihrer Nymphenburger Villa wird die Fernseh-Astrologin Doro Pirol erschossen aufgefunden. Nicht nur Doros Ehemann Remy und ihr Stiefvater Prof. K.D. Mosberg zeigen sich erschüttert. Auch die langjährige Haushälterin Annemarie Weigand kann den plötzlichen Tod der ätherischen Schönheit kaum fassen. Der Gerichtsmediziner spricht von Selbstmord und hat dafür nach erstem Augenschein stichhaltige Argumente. Aufgefunden wurde die Tote von ihrer Freundin Selina Fritsch. Doro und Remy agierten als populäre Esoterik-Stars in ihrer TV-Show „Astraltime“ vor der Kamera. Selina arbeitet als Wahrsagerin hinter den Kulissen. Dort landet die Mehrzahl aller Anrufe vonseiten der Zuschauer.

Für die Münchner Kriminalhauptkommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr schält sich schnell heraus, dass es in der Ehe von Doro und Remy kriselte. Gatte Remy hatte eine Affäre mit Selina, der besten Freundin seiner Frau. Der Brief der „Selbstmörderin“ erweist sich als Fälschung. Also handelt es sich doch um Mord? Ein letzter Kalendereintrag Doros führt die Kommissare in die Parkanlage von Schloss Nymphenburg. Hier wirkt Fefi Zänglein seit Jahren als kundige Gärtnerin. Schnell merken Batic und Leitmayr: Fefi ist besonders: sie kann „Aura-Sehen“, ihre Begabung brachte ihr mehr als einmal Ärger mit den Behörden. .

Batic ist verblüfft, weil Fefi ihm von seinem einstigen Hund berichten kann, der lange tot ist und an dem sein Herz hing. Er bemüht sich, im Lauf der weiteren Ermittlungen bei klarem Verstand zu bleiben. Denn die Entwicklungen in der Villa und vor allem die Begegnung mit Fefi führen die Kommissare in eine rätselhafte Welt.

Rezension

Batic, Leitmayer und das gesamte Münchener Team haben ein so gutes Standing, dass sie ab und zu auch eine Abweichung von den packenden, oft bewegenden Fällen vertragen, mit denen sie bekannt geworden sind – es gibt in der bayerischen Hauptstadt immer wieder Experimente, die auf dem sicheren Boden hoher Gesamtqualität angesiedelt sind.

Das hat so keine andere Tatortstadt drauf und das Risiko, dass viele Tatortseher mit dem Gesang der toten Dinge, den Gedichten lebender Kräuterhexen, den Fernsehastrologen und Astrowissenschaftlern, dem gesamten feinnervig-fiesen Figurentableau nichts anfangen können, weil es in dieser Konzentration und in vielen Details nun einmal komplett unrealistisch ist, dieses Risiko ist man eingegangen und ob die Macher es als Bestrafung empfinden, dass viele konservative oder einfach nur an der Krimiqualität interessierte Fans den Daumen für diese Folge senken – dessen sind wir gar nicht sicher. Manchmal ist eine goldene Himbeere vom Publikum eine Auszeichnung und wenn nur eine Minderheit etwas klasse findet, ist es manchmal auch klasse – auf seine Art.

„Gesang der toten Dinge“ ist insbesondere von Irm Hermann in der Rolle der Fefi wundervoll gespielt, die übrigen Figuren fallen stufenweise ein wenig ab, auffällig ist, dass Miroslav Nemec (KHK Ivo Batic) und Udo Wachtveitl (KHK Franz Leitmayr) sehr dezent agieren; dass sie mit der Esoterikszene nichts anfangen können (bei Ivo ändert sich das ja aufgrund der wirklich begabten Fefi), das nimmt man ihnen ab, sollte aber ihr gewiss im Drehbuch stehendes Befremden nicht mit schauspielerischer Lustlosigkeit verwechseln. Was sollen zwei Kommissare auch in einer Folge, in der es keinen Mord gibt, an prägnanten Aktionen setzen und worüber sollen sie sich echauffieren, wozu eine Haltung zeigen, wenn die seltsamen Figuren, mit denen sie in Folge 728 konfrontiert sind, für oder gegen sich selbst sprechen?

Diese Esoterik-Szene hat etwas Süddeutsches. Eine Welt, in der es den Leuten ganz gut geht, die bringt es hervor, dass man sich neue Ziele sucht, zum Beispiel die vollkommene innere Balance. Uns hat das dargestellte Personal zwar noch mehr an Österreich als an Bayern erinnert, wo viele Leute sehr esoterisch geprägt sind, aber das passt zu unserer These, dass die Beschäftigung mit alltagsfernen Dingen durch eine gewisse Ruhe und Sicherheit im Alltag gefördert wird. Kräuterhexen wie die Fefi Zänglein (Irm Hermann) gibt es aber schon lange und es ging den Menschen nicht immer schon so prächtig, dass sie aus lauter Langeweile, also, weil das normale Leben irgendwie fad und eingefahren ist, anfangen, übersinnlich zu werden.

In „Gesang der toten Dinge“ hat man das wunderbar komprimiert, indem man soziale Aspekte mal vollkommen außen vor gelassen und auch den Krimi als solchen nicht sehr in den Vordergrund gestellt hat. Konsequenterweise gibt es keinen Tatort und die Normalos, besonders Ivo Batic, irren sich, als sie zu fühlen glauben, dass man die Fernsehastrologin Doro Pirol (Jutta Fastian) umgebracht hat. Der Mann von der Kriminaltechnik ist sauer auf die Obergescheiten, die Kommissare, er geht von Selbstmord aus – und behält recht. Es ist großzügig und souverän, dass sowas den beiden intern und mit ihren Episoden mehrfach ausgezeichneten Cops aus München unterlaufen darf – und erkennbar, dass man mit „Gesang der toten Dinge“ nicht nach Fernsehpreisen geschielt hat und nicht vorwiegend auf die Gunst des Tatortpublikums.

Uns hat’s gefallen, da positionieren wir uns. Vielleicht, weil wir selbst Kontakt zur Esoszene hatten und uns genauso gewundert haben wie der Ivo und der Franz. Leider ist uns keine Fefi begegnet, hatten wir keine Träume. Gedichte gab’s wohl, aber die trugen nicht zur Lösung von eventuellen Morden bei. Wir erkannten vieles wieder, auch wenn die Wirklichkeit nie so skurril ist. Gerade die feinnervige, überspannte Ernsthaftigkeit der Haushälterin Annemarie Weigand (Therese Affolter) aber kam uns verblüffend realistisch vor, solche Typen gibt es und wir haben sie erlebt, die Personen vorwiegend mittleren Alters, die ihren Gurus lauschen, in welche sie alle romantischen Vorstellungen der Welt hineinlegen, obwohl diese Männer, wie hier der scharlatanierende Mathemaiker und Professor Mosberg (Bernd Stegemann), objektiv nichts Anziehendes oder Charismatisches haben.

Allein die Tatsache, dass es Übersinnliches geben könnte, macht diejenigen, die sich damit beschäftigen bzw. ausukennen glauben, faszinierend für jene, die daran glauben möchten. Im Grunde geht es um Glauben, genau wie bei der  Religion, deren konstitutiven Merkmale genauso wenig beweisbar sind wie die der Parapsychologie. Auch frömmeleikritische Tatorte gab es schon und solche, die alles nicht Hinterfragte kritisch behandeln, aber man kann über das Christentum oder gar über den Islam insgesamt natürlich nicht so parodistisch referieren wie über die Paranormalen, das wäre doch politisch zu inkorrekt und gäbe einen Stress, den ein paar Parapsychologen und Astrologen niemals verursachen könnten.

So bleibt ein wenig das Gefühl, dass man sich an denen ausgelassen hat, die sich wenig wehren, weil sie keine mächtige Lobby haben, obwohl sie weitaus ungefährlicher für Dritte und sich selbst sind, als religiöse Fanatiker und Sektologen aller Art, wie zum Beispiel die verblendeten Anhänger eines ungezügelten, sozial- und ressourcenschädlichen Kapitalismus. Die Esoteriker werden die Welt nicht in den Untergang führen, auch wenn sie als Spinner und Herrscher über einen begrenzten Kreis von Jüngern nicht liebenswert oder komplett harmlos sind – die anderen, die wir erwähnt haben, sind aber drauf und dran. Wo die einen viel mehr zu sehen glauben oder vorgeben zu sehen, als es gibt, sehen die anderen nicht über den Tellerrand. Jetzt fragen wir mal das Publikum, was ist schlimmer? Der Trost im vagen Übersinnlichen mit angemaßten Titeln bzw. Funktionen – oder die Trostlosigkeit der radikal verengten Halbwissenschaftlichkeit, wie sie an Lehrstühlen für Ökonomie gelebt wird und die immer neue hybride und unfähige Banker, Betriebswirte, Volkswirte u. a. hervorbringt, die mit echten Diplomen in der Tasche durch ihr Handeln in Wirtschaft und Politik riesige Schäden anrichten?

Das alles gibt es in „Gesang der toten Dinge“ nicht, es wird nicht über wirtschaftliche Hintergründe referiert, die für diese oder jene Erscheinung verantwortlich sind, das haben die Münchener in vielen anderen Folgen hinreichend bearbeitet – und deswegen wirkt die Nymphenburger Parkwelt doch irgendwie niedlich und die Fefi, die könnten wir uns auch gut in unserem Freundeskreis vorstellen, als ein Element, das eine sehr dem Nachvollziehbaren und Beweisbaren verpflichtete Sichtweise mildern könnte – ein Mensch, der heilend korrigieren kann, keine paranormale Hybris lebt.

Mit den vielen verschiedenen Spielarten und Formen von Astrologie und Parapsychologie, die es gibt, setzen wir uns hier nicht auseinander, in „Gesang der toten Dinge“ werden einige von ihnen angedeutet. Ein paar Worte aber zur Fernsehastrologie. Es stimmt schon, dass solche kleinen Billigsender von den Öffentlich-Rechtlichen gerne verrissen werden, wobei diese auch vor ihren eigenen Regionalabteilungen nicht unbedingt halt machen. Was uns ein wenig gestört hat, war bei diesem Part schon, dass der technische Ablauf falsch dargestellt wurde. Auch bei diesen Kleinsendern hat man es wohl drauf, Gespräche erst abzuhören und dann erst auf Sendung gehen zu lassen. Ein Live-Anruf, der aus dem Ruder läuft und ausgestrahlt wird, wäre selbst in diesem Milieu zu unprofessionell (wobei natürlich bei der Ausstrahlung Menschen mit Ausstrahlung zugange sind, einer von mehreren Wortwitzen mit offenbar bewusst gesetzten Niveaugrenzen, wie etwa auch Leitmayrs-Münzenwurf-Chancendarstellung). Man kann zwar sagen, diese technische Fehldarstellung gehört zur Parodie, aber genau da wird es dann auch etwas zu rau und eine Art Doppel-Unglaubwürdigkeitseffekt entsteht. Zum einen wirken die Menschen unglaubwürdig, zum anderen die Parodie selbst.

Besonders die Rolle von André Eisermann als Remy Pirol, der den Ehemann der toten Astrologin und ihr Medium im Fernsehen spielt, leidet ein wenig unter dieser potenzierten Unglaubwürdigkeit. Eisermann kann erkennbar nicht das zeigen, wozu er fähig ist.

Finale

Es gibt immer wieder Neues, womit man Fälle für Tatorte konstruieren – oder, wie in „Gesang der toten Dinge“ –, eher andeuten kann. Die Themen werden nicht alle, das ist schön und stärkt die Stellung der Tatorte als Zeitdokumente. Die Münchener gehen immer wieder neue Wege und man hat dabei  nie das Gefühl, dass sie nicht wieder auf den Pfad der Krimitugend zurückfinden werden. Nach der Folge 728 kamen Highlights wie „Nie wieder frei sein“, den wir bereits für den Wahlberliner rezensiert haben. Nebenbei bemerkt, die Münchener sind ein Team, das Anlaufzeit gebraucht hat. Die ersten Folgen von Batic und Leitmayr sind in der Regel keine solchen, die von den Tatort-Fans besonders hoch eingeschätzt werden. Obwohl damals Carlo Menzinger (Clemens Fritz) als dritte Kraft und weniger seriöses Korrektiv der beiden soliden Kommissare auf der Dienststelle war, und nicht die in Folge 728 zu sehende, ob ihres Schweizer Dialektes vielfach kritisierte Gabi Kunz (Sabine Timoteo).

Dass die Bayern langsam in Fahrt kamen und sich erst mit der Zeit das Renommee erarbeiten konnten, das abweichende Tatorte wie „Gesang der toten Dinge“ möglich macht, ohne dass gleich das Team und das Konzept infrage gestellt wird, nehmen wir als Beleg dafür, dass es richtig ist, den vielen neuen Teams, die in letzter Zeit gestartet sind, eine Chance zu geben, auch wenn nicht jede ihrer Folgen ein Knaller ist.

Ein Knaller ist auch „Gesang der toten Dinge“ nicht, aber wir kommen wegen der Figuren und Einfälle in diesem Film und auch, weil man es gewagt hat, eine Welt zu zeigen, in der es keinen echten Mord, sondern nur die einen oder andere stümperhaft versuchte Handlung gem. § 211 gibt, zu einer noch überdurchschnittlichen Wertung.

7,5/10

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kriminalhauptkommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Kriminalhauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Gabi Kunz [Schweizer Polizei-Kollegin] – Sabine Timoteo
Remy Pirol [TV-Seher ] – André Eisermann
Fefi Zänglein [Gärtnerin] – Irm Hermann
Doro Pirol [TV-Astrologin ] – Jutta Fastian
Annemarie Weigand [Haushälterin ] – Therese Affolter
Prof. Karl-Dieter Mosberg [Mathematiker, Forscher für parasensorische Stochastik] – Bernd Stegemann
Selina Fritsch [Wahrsagerin] – Christiane von Poelnitz
Dr. Arnfried Goll [Rettichologe :-)] – Stefan Merki
Achim Knott [Kellner ] – Stephan Zinner
Staatsanwalt Rogler – Christian Hoening
Pathologe Dr. Alt [„sag ich mal“] – Georg Blumreiter
Frau Prochazka [Aktienkurs-Vorhersage-Expertin] – N.N
Parkwächter Haubner – Harald Dietl
Grete Filchner [Greteltant] – Edeltraut Schubert
Rechtsanwalt Bschliessmayer [Greteltants Anwalt] – Wolfgang Freundorfer
Greteltants Mitbewohner [im Rollstuhl] – Walter Stapper
Bienchen [Golls Praxismitarbeiterin] – Yvonne Pajonkowski
Muhackl [Fefis Hund] – Golden Retriever Jessy (Tierfilmranch)
Kater Lehmann aus Haus Pirol – Boris (Tierfilmranch)

Regie – Thomas Roth
Drehbuch – Markus Fenner

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