Geniale Göttin – Die Geschichte von Hedy Lamarr (Bombshell: The Hedy Lamarr Story, DE / FR 2017) #Filmfest 299

Filmfest 299 D

2020-04-18-filmfest-d-documentary-2020Hedy Lamarr, eigentlich Hedwig Eva Maria Kiesler (* 9. November 1914 in Wien, Österreich-Ungarn; † 19. Jänner 2000 in Altamonte Springs, Florida), war eine österreichischamerikanische Filmschauspielerin und Erfinderin.

Nach Beginn ihrer Filmkarriere in Österreich wurde sie ab Ende der 1930er-Jahre zum Hollywood-Star. Für ihre Erfindungen, die sie im Zweiten Weltkrieg im Dienste der US Navy und der Alliierten zu entwickeln begann, wurde sie im Jahr 2014 in die National Inventors Hall of Fame aufgenommen.[1][2]

Ich wusste bisher relativ wenig über Hedy Lamarr, aber da ich kürzlich die 89er Rezensio zu einem Film mit ihr („Come, Live with Me“) veröffentlicht hatte und ARTE die Dokumentation „geniale Göttin“ im Programm hatte, wollte ich mich ein wenig vertiefen.

Handlung

Der Hollywoodstar Hedy Lamarr („Mädchen im Rampenlicht“, „Samson und Delilah“) galt einst als weltweit schönste Frau und feierte als Filmschauspielerin besonders in den 1940er Jahren große internationale Erfolge. Ihr Dasein als Wissenschaftlerin und ihre Pionierarbeit im Bereich der Mobilfunktechnik war hingegen nie Teil öffentlicher Diskussion. Zu Unrecht als „ein weiteres schönes Gesicht unter vielen“ betitelt, hat Hedys eigentliches Erbe viel mehr Gewicht.

Als österreichische Jüdin, die nach Amerika emigrierte, erfand sie ein störungsgesichertes Fernmeldesystem, das zur Niederlage des Dritten Reiches hätte beitragen können. Sie wollte ihr Patent der amerikanischen Marine übergeben, wurde aber abgewiesen – sie solle lieber Küsse gegen Kriegsanleihen verkaufen.

Kurz vor ihrem Tod wurde ihre Erfindung, die als Basis der heutigen Kommunikationstechnik für sichere WiFi-, GPS- und Bluetooth-Verbindungen dient, entdeckt. Hedy Lamarr hat nie öffentlich über ihr Leben als Wissenschaftlerin gesprochen und so hat auch ihre Familie Hedys Erbe mit ihrem Tod begraben geglaubt.

Regisseurin Alexandra Dean und der Produzent Adam Haggiag brachten vier Audiokassetten zutage, auf denen Hedy ihr unbekanntes Leben dokumentierte. Die Kombination dieser Sprachaufnahmen mit vertraulichen Interviews ihrer Kinder, anderen Familienmitgliedern, engsten Freundinnen und Freunden sowie prominenten Bewunderern macht aus „Geniale Göttin – Die Geschichte von Hedy Lamarr“ mehr als nur eine Dokumentation über die schöne Hedy Lamarr. Denn es ist eine späte Würdigung ihres unentdeckten Lebens als Erfinderin und Wissenschaftlerin, in der sie erstmals ihre eigene Geschichte erzählen darf.

Rezension

„Weltweit schönste Frau“ und ähnliche Zuschreibungen finde ich inadäquat. Wer so etwas in eine Inhaltsangabe setzt, plappert im Grunde nur die Werbekampagnen der Filmindustrie von damals nach – außerdem war das auch in Hollywood nicht so eindeutig, u. a. wegen Gene Tierney und ab den späten 1940ern wegen Ava Gardner – um nur zwei weitere Frauen zu nennen, die man ebenfalls auf dieses Podest zu heben versuchte. Außerdem ist das Hollywood-Universum nicht die Welt, obwohl die Filmindustrie natürlich ein Interesse hat, es den Menschen so zu verkaufen. Heute ist das aber nicht mehr so prägnant wie in der Zeit des Glamours und der Mythen, in denen Menschen auch gefangen wurden wie in einem goldenen Käfig.

Aber irgendeine Kategorie brauchte es offensichtlich, damit alle Schönheiten, die nicht so berühmt waren, wussten, was eine Göttin ausmacht, nämlich, dass sie in Tinseltown beheimatet ist. Wenn ich die Aussagen von Hedy Lamarr in der Doku und das, was vor allem am Ende gezeigt wird, richtig verstanden habe, fand sie diese Beschreibung nicht nur zu flach, sondern litt auch in höherem Alter erheblich darunter – was dazu führte, dass sie unzählige Schönheitsoperationen an sich durchführen ließ, um ihr Aussehen so gut wie möglich zu erhalten – die letzten davon leider mit dem Ergebnis, dass sie aussah wie ihre eigene Karikatur. Außerdem zählte sie zu jenen Stars, und davon gab es in jener Generation eine Menge, die trotz großen Ruhms am Ende verarmt waren. Dank ihrer guten inneren Aufstellung überstand sie depressive Phasen und beging nicht, wie andere in ähnlichen Situationen, Selbstmord.

Ein wenig kurios wirkt aber nicht dieser Part, es gibt viele ähnliche Biografien von Hollywoodschauspieler*innen, sondern die Erfinderseite. Die Wikipedia und die Dokumentation enthalten dazu aber sehr ähnliche Angaben und eines muss man wissen, wenn man den Film schaut: Er ist aus ihrer Perspektive gefilmt, anhand eines späten Tonbandinterviews revidiert sich das, was viele jahrelang von ihr dachten offensichtlich, außerdem kommt ihr leiblicher Sohn Anthony umfänglich zu Wort und er hat eine sehr positive Meinung über seine Mutter. Nach meiner Ansicht war sie auch eine sehr begabte, positive Person.

Einige Angaben im Film unterscheiden sich von denen in der IMDb, zum Beispiel, dass Louis B. Mayers Frau während einer Ozeanreise, auf der sie an Bord desselben Schiffes unterwegs gewesen sind wie die damalige Hedwig Kiesler, ihren Künstlernamen erfunden haben soll: After a screen test, it was Louis B. Mayer who changed her last name to Lamarr in honor of silent film star Barbara La Marr.

Die statuarischen Aufnahmen, welche von den Studios von ihr gefertigt wurden, geben den natürlichen Liebreiz, den sie hatte, nicht vollkommen wieder, weil sie vor allem auf Glamour ausgerichtet waren, weil Stil über Inhalt ging und damit vor allem den Frauen nicht gerecht wurde, die mehr bieten konnten als ein nach der Mode Zeit angenehmes Aussehen. Der Film zeigt einige Privataufnahmen und Filmschnipsel, die in der Tat eine andere Person zeigen, die dann allerdings durch den berüchtigten „Dr. Feelgood“, der offenbar halb Hollywood mit Drogen versorgte und ihr über schwere Zeiten des Karriereknicks hinweghelfen sollte, auch unberechenbare Züge annahm.

Vielleicht hat sie sich tatsächlich für den Filmruhm weniger interessiert als einige Kolleginnen, jedenfalls kam sie nie auch nur in die Nähe eines Oscars, weil sie kein einziges Mal nominiert war und hatte auch einige schräge Auftritte, die später zu Parodien führten, die für sie selbst schmerzlich waren. Ich hatte am Ende des Films ein Gefühl von Bedauern, obwohl Hedy Lamarr am Ende zurückgezogen und friedlich bis zu ihrem 85. Lebensjahr verstarb.

Die Dokumentation selbst ist konventionell, chronologisch angelegt und angereichert mit Interviews von Lebenden, die sie kannten, wobei vor allem der Reporter, der sie 1990 telefonisch interviewte und ihr Sohn erheblichen Einfluss auf die Darstellung von Hedy Lamarr nehmen, auch eine Enkelin von ihr kommt zu Wort. Ich empfehle dieses Dokument einer in gewisser Weise fürs damalige Hollywood typischen Karriere, die einer doch ungewöhnlichen und fraglos schönen Frau zuteil wurde und die nicht glanzvoll endete. Auf einem jener berühmt-berüchtigten MGM-Familienbilder aus den 1940er Jahren, auf denen Louis B. Mayer alle seine Stars und Sternchen versammelte, sitzt sie in einem aufwendigen grünen Kleid in der ersten Reihe – zwischen der Hauskomikerin Lucille Ball und Katharine Hepburn, die einen ihrer typischen Hosenanzüge trägt. Besonders der Vergleich mit Hepburn macht den Unterschied deutlich: Lamarr ist eine legendäre und glamouröse Person, die Hepburn eine Ikone des Films.

7,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Alexandra Dean

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s