Tödlicher Einsatz – Tatort 733 #Crimetime 879 #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal #Kopper #SWR #Einsatz #tödlich

Crimetime 879 - Titelfoto © SWR, Jacqueline Krause-Burberg

Herzflimmern, Kaltentzug, Patriarchat

50 Jahre Tatort ist derzeit das Motto, die große Überschrift über allem, was mit der Reihe zu tun hat, denn Ende November 1970 war der Start, mit einem Film namens „Taxi aus Leipzig“. Lena Odenthal kommt mittlerweile auf 71 Fälle und 31 Dienstjahre. Damit ist Sie Nr. 1 als Dauerbrennerin und Nr. 3 (hinter dem Team München und dem Team Köln) bezüglich der Zahl der Episoden. Kopper ist schon wieder weg, obwohl er dem Team etwas später beigetreten war.

Interessant ist, wie vergleichsweise straight der Umgang des Duos miteinander in diesem SEK-Einsatzfilm ist. Man hätte dieses seltsame Herzflimmern nach Stromschlag bei Lena Odentahl weglassen können und diese Sache mit dem Cousinenbesuch bei Kopper, dann wäre es ein richtig konzentrierter Film geworden. Ist jetzt aber ein schlechter? Das klären wir in der -> Rezension.

Wäre konzentriert auch gut konstruiert gewesen? Die Motivlage der SEK-Männer ist nicht zwingend, die Ausführung des Mordes an dem Kollegen auch nicht, wenn man davon ausgeht, dass dies Profis sind. Doch das Hierarchisch-Patriarchalische funktioniert in seiner Darstellung. Erstaunlich der zweite Handlungsstrang: Wie ein Vater seinen Sohn beim kalten Drogenentzug betreut, da kann man von Glück reden, dass beide das überleben.

Am Ende geht Lena Odenthal mit ihrem bedrohlichen Herzproblem ins Hotel, anstatt ins Krankenhaus. Ganz sicher wird sie in der nächsten Folge aber wieder vollkommen gesund sein, ohne dass erklärt wird, wie das angesichts dieses selbstzerstörerischen Verhaltens kommen konnte. Aber so ist sie, unverwüstlich und auch über ihr eigenes Leiden erhaben, wenn es um den Kampf gegen das Verbrechen und den Ermittlungserfolg geht.

Handlung

Bei einem Einsatz gegen einen bewaffneten Drogendealer kommt es zum Schusswechsel und der SEK-Beamte Andreas Ziegler wird tödlich verletzt. Lena Odenthal und Mario Kopper übernehmen die Ermittlungen und fahnden sofort nach dem flüchtigen Florian Weigold. Die Kollegen des SEK unterstützen die beiden Kommissare dabei bestmöglich.

Aber Lena Odenthal erkennt, dass auch die SEK-Kollegen Menschen mit ganz alltäglichen Sorgen und Nöten sind – und manch einer von ihnen einen guten Grund gehabt hätte, Andreas Ziegler zu töten.

 Rezension

Wäre konzentriert auch gut konstruiert gewesen? Die Motivlage der SEK-Männer ist nicht zwingend, die Ausführung des Mordes an dem Kollegen auch nicht, wenn man davon ausgeht, dass dies Profis sind. Doch das Hierarchisch-Patriarchalische funktioniert in seiner Darstellung. Erstaunlich der zweite Handlungsstrang: Wie ein Vater seinen Sohn beim kalten Drogenentzug betreut, da kann man von Glück reden, dass beide das überleben.

Am Ende geht Lena Odenthal mit ihrem bedrohlichen Herzproblem ins Hotel, anstatt ins Krankenhaus. Ganz sicher wird sie in der nächsten Folge aber wieder vollkommen gesund sein, ohne dass erklärt wird, wie das angesichts dieses selbstzerstörerischen Verhaltens kommen konnte. Aber so ist sie, unverwüstlich und auch über ihr eigenes Leiden erhaben, wenn es um den Kampf gegen das Verbrechen und den Ermittlungserfolg geht.

Die Handlungsbeschreibung, welche die ARD für die heutige Sendung zur Verfügung gestellt hat, ist verdächtig kurz. Deshalb noch einmal von vorne: Nach einem Raubüberfall auf eine Ludwigshafener Tankstelle lassen die Bilder der Überwachungskamera erkennen, dass der junge Täter bewaffnet und unberechenbar ist – eine Aufgabe für das Spezialeinsatzkommando unter der Führung von Thomas Renner. Beim Zusammentreffen mit seinem Dealer soll der Täter gestellt werden. Als das Kommando die Halle stürmt, kommt es zu einem Schusswechsel. Der SEK-Beamte Andreas Ziegler wird tödlich getroffen. Während der Dealer festgenommen werden kann, gelingt es dem Tankstellenräuber, durch den Hinterausgang zu fliehen.

Als Lena und Kopper die Ermittlungen am Tatort aufnehmen, treffen sie auf einen schockierten Teamleiter Renner, der damit fertig werden muss, dass einer seiner Mit-arbeiter tot ist und ein anderer, der gut ausgebildete, aber unerfahrene Karsten Engelhard, den Tatverdächtigen am Hinterausgang entkommen ließ. Die Kommissare lösen die Fahndung nach dem Tatverdächtigen aus. Florian Weigold heißt er, ist als Beschaffungskrimineller bekannt und ohne festen Wohnsitz. Florians Vater, der Notar Peter Weigold, hat seinen Sohn seit zwei Jahren nicht gesehen. Bei ihm erhält Lena den Hinweis, dass es zwischen Florian und Karsten Engelhard eine Verbindung geben muss. Sie wollen Karsten deshalb befragen, doch Thomas Renner wertet das als Kompetenzüberschreitung.

Er ist empört und stellt sich entschieden vor seine Männer. Doch Lena lässt nicht locker. Im Verhör erfährt sie von Karsten Engelhard, dass Florian ein alter Freund von ihm ist und er Skrupel hatte, auf ihn zu schießen. Im Verhör kann Mario Kopper den Dealer dazu bringen, einen Hinweis auf Weigolds Aufenthaltsort zu geben. Tatsächlich spüren sie ihn auf. Doch Florian setzt seine Schusswaffe ein und kann entkommen. Völlig entkräftet, bleibt ihm als Ausweg nur noch, Zuflucht bei seinem Vater zu suchen. Dem gesteht er den Tankstellenüberfall und seine prekäre Lage ein und kann ihn tatsächlich dazu bewegen, ihn vorläufig zu verstecken. Nach der Entgiftung, verspricht Florian, werde er sich ganz bestimmt der Polizei stellen. Peter Weigold bringt seinen Sohn im verlassenen Schlachthofgelände unter, wo Florian versucht, mit den Folgen seines einsamen Entzugs fertig zu werden.

Währenddessen bemüht sich Lena, die Blockade der SEK-Männer zu durchbrechen. Von Eva Ziegler, der verstörten Frau des Ermordeten, erfährt sie mehr über die Lebensverhältnisse der Spezialkräfte. Der Zusammenhalt der Männer ist eng, fast alle wohnen nah beieinander in einer Siedlung, über die Arbeit reden sie untereinander, aber nicht mit ihren Frauen. Deshalb konnte Eva Ziegler sich nicht erklären, warum ihr Mann sich seit Monaten auf rätselhafte Weise verändert hatte. Und Franziska Renner, die Tochter des Einsatzleiters und Verlobte von Karsten Engelhard, muss lange auf Karsten einreden, bis er ihr erzählt, wie er in den Fall verwickelt ist.

Obwohl Thomas Renner sogar seinen Vorgesetzten intervenieren lässt, um Lenas Ermittlungen bei der SEK zu stoppen, hält sie an ihren Ermittlungen fest. Sie sucht nach Gründen für Erpressbarkeit, nach Verstrickungen und nach der Waffe. Verdächtig ist die Persönlichkeitsveränderung Andreas Zieglers, deren Grund sie und Kopper herausfinden wollen. Verdächtig ist auch Christian Howald, der sich lieber prügelt als zu riskieren, dass seine Kollegen von seiner Homosexualität erfahren. Zur Empörung der SEK-Truppe nimmt Lena Howald fest. Aber sie muss ihn wieder frei-lassen, denn der tödliche Schuss stammte nicht aus seiner Waffe. In den Augen des aufgebrachten Thomas Renner kümmert Lena sich zu wenig um den eigentlich tatverdächtigen Florian. Während er mit seinen Leuten beschließt, Florian selbst zu stellen, konfrontiert Lena Peter Weigold mit ihren Informationen über Florians Gesundheitszustand. Der leidet inzwischen extrem unter den Entzugserscheinungen und ist völlig unberechenbar geworden.

Da ist etwas Dunkles und Archaisches,

in diesen Männerbünden. Gleich, ob SEK, Drogendezernat, Bereitschaftspolizei. Wo immer die Mordkommission es mit Kollegen zu tun bekommt, wird gemauschelt, gemauert, aufgetrumpft, deckt man sich und ist voneinander abhängig.

Sowas kommt sicher im Realleben vor, wenn Leute lange zusammenarbeiten, sowas kann in jeder Firma vorkommen, wenn auch selten bis hin zum Mord, falls solche Relationen aus dem Ruder laufen.

Bei einem SEK spielt aber noch etwas anderes eine Rolle, das ist in „Tödlicher Einsatz“ recht gut dargestellt. Im Grunde ähnelt eine solche Truppe stark einer Armee-Einheit. Man trainiert zusammen in Gruppen, man fährt die Einsätze zusammen und man besteht zusammen diese vielen Gefahrenlagen, die im Film gezeigt oder besprochen werden.

Es dürften im wahren Leben nicht so viele sein, wie es hier kolportiert wird, schon gar nicht in Ludwigshafen. Aber das Prinzip einer Gefahrengemeinschaft führt ganz sicher zu engen Bindungen und zu einer Ethik des Füreinander-Einstehens, die anderen ethischen Prinzipien zuwiderlaufen kann – wie zum Beispiel dem der Selbstverpflichtung zur persönlichen Integrität und zum Dienst an der Gemeinschaft außerhalb der engen Grenzen des persönlichen Umfeldes.

Nach unserer Ansicht ist es gelungen, einen weiteren Aspekt zu zeigen. Was geschieht, wenn einer von den Kumpels nicht funktioniert, wird das zu einem echten Problem für alle, kann sogar tödliche Folgen haben? Offensichtlich, auch die Struktur einer verschworenen Truppe leidet sofort, demgemäß ist nicht nur der Stres in Extremsituationen, sondern auch der ständige Konformitätsdruck hoch und leichtkann es passieren, dass ein Mitglied der Gruppe diesen Anforderungen nicht gewachsen ist.

Dass solche Gefahrengemeinschaften bisher beinahe ausschließlich Männervereine waren, liegt in der Struktur begründet. Die Steinzeitmenschenm … Mann jagt draußen in Gruppen, Frau sitzt am Herd und knüpft dabei soziale Kontakte, das kennen wir ja. Es wirkt klischeehaft, es ist aber auch etwas dran und ganz sicher sind uralte Dispositionen in uns mit dafür verantwortlich, dass Männer Relationen auch heute noch anders aufbauen als Frauen und ziemlich kompromisslos beim Bilden von Seilschaften sind, die einem bestimten einzigen Zweck dienen sollen.

Die Unterschiede verringern sich aufgrund einer in den letzten Jahrzehnten veränderten Sozialisierung allmählich. Man müsste jetzt in die Biogenetik einsteigen, um zu untersuchen, ob das in relativ kurzer Zeit auch die Erbanlagen verändern kann, die immer noch für archaische Bünde jenseits moderner ethischer Aspekte verantwortlich sind; aber das ist ein anderes Fass, und dieses Fass steht nicht in unserem Keller. Jedenfalls waren die Sozialstrukturen noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts so, dass Frauen kaum Zweckvereinigungen bilden konnten und materiell gerade bei höherer Stellung von den Männern abhängig waren.

Um Sozialisierung geht es

auch zwischen Florian Weigold (Mirco Kreiblich) und seinem Vater (Rudolf Kowalski). Ausführlich besprechen die beiden miteinander, während der Junge einen kalten Entzug ausgerechnet im passenderweise sicherlich sehr kalten Keller eines ausrangierten Schlachthofes durchsteht, wie es kommen konnte, dass Florian drogenabhängig wurde. Man merkt, es liegt daran, dass die Erwachsenen immer ihr eigenes Ding gemacht haben, das Wohl des Jungen stand im Hintergrund.

Die Alternative wäre gewesen, eine vermutlich zerrüttete Beziehung zu perpetuieren. Ob das für ein Kind besser ist, in einer ständigen Atmosphäre gegenseitiger Abneigung aufzuwachsen, nur, weil die Familie komplett bleiben will, lassen wir mal offen. Jedenfalls hat hier eine Figur einen richtig ausführlichen Hintergrund verpasst bekommen, das ist ja mittlerweile recht selten geworden und auch deshalb erwähnenswert, weil zudem die SEK-Kiste noch gemanagt werden musste.

Schön sind manche Bildfolgen, zum Beispiel die Sequenz, in der von Blende zu Blende die verschiedenen SEK-Mitglieder kurz, aber prägnant in ihrem privaten Umfeld gezeigt werden. Das ist zwar auch eine Form von erklärender Narration, aber besser, als alles zu verbalisieren.

Schwach hingegen viele Dialogpassagen. Das fällt weniger bei den SEK-Polizisten auf, obwohl auch die viele Plattitüden zum Besten geben, könnt ja sein, dass die Jungs eben einfach so sprechen und nichts Originelles zum permanenten Prozess der deutschen Sprachschöpfung beitragen können. Aber auch Odenthal und Kopper haben schon wesentlich flüssiger und weniger phrasenhaft formuliert als in „Tödlicher Einsatz“. Vermutlich hatten sie selbst ein ungutes Gefühl, denn sie wirken schauspielerisch stellenweise sogar ein wenig unsicher, trotz ihrer großen Routine. Die Kombination aus beidem verstärkt erheblich den Grobstrick-Effekt, der sich durch die etwas rasterartige Darstellung der SEK-Welt aufbaut.

Finale

Wir meinen jedoch, so unrealistisch ist der dargestellte Typ Polizist nicht und immerhin erfährt man in der oben erwähnten Bildfolge eine Menge über die Menschen hinter den Helmen und Masken.

Zudem – es funktioniert immer wieder gut, Lena Odenthal in eine Männerdomäne einbrechen zu lassen. Prototypisch ist das in „Nahkampf“ zu sehen gewesen, dem ersten Odenthal-Kopper-Tatort, den wir für den Wahlberliner rezensiert haben, und ein SEK ist gemäß diesen Inszenierungen beinahe so martialisch wie die Army. 

Stärken und Schwächen dieses Tatortes gleichen sich knapp aus, jedenfalls war das Zuschauen nicht langweilig und einige Figuren sind so aufgestellt, dass man bereit ist, ihnen 90 Minuten lang zu folgen. Anlässlich der Wiederveröffentlichung der Rezension im Jahr 2020 nehmen wir die ursprüngliche Bewertung um 0,5 Punkte zurück, da sich seit 2012 das Muster dahingehend verändert hat, dass wir auch aus qualitativen, nicht nur aus ethischen Gründen hin und wieder weniger als 5/10 vergeben.

6,5/10

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Mario Kopper – Andreas Hoppe
Thomas Renner – Heikko Deutschmann
Andreas Ziegler – Andreas Grötzinger
Christian Howald – Holger Daemgen
Markus Schenk – André Dietz
Roman Fritsch – Moritz Grove
Eva Ziegler – Constanze Weinig
Peter Becker – Peter Espeloer
Frau Keller – Annalena Schmidt
Franziska Renner – Oona Devi Liebich
Karsten Engelhard – Stefan Roschy
Kerem Yildiz – Bijan Zamani
Florian Weigold – Mirco Kreibich

Regie – Bodo Fürneisen
Kamera – Cornelia Wiederhold
Buch – Kai-Uwe Hasenheit
Szenenbild – Christine Caspari

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s