Valdez (Valdez is Coming, USA 1971) #Filmfest 302

Filmfest 302 A

2020-08-14 Filmfest AElf Tote, 100 US-$

„Valdez“ hat schon einiges mit ikonischen Italowestern gemein, da hat die Kritik nicht unrecht:

„Die Geschichte bietet eigentlich ideale Voraussetzungen, um eine detaillierte Beschreibung über das bunte Völkergemisch im Amerika des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu geben. Die Auseinandersetzung zwischen den Rassen dienen jedoch nur als Vorwand, um eine Kette von Brutalitäten im Stile des Italo-Westerns in die Handlung einfließen zu lassen.“ TV-Spielfilm, Das Grosse Filmlexikon (zitiert nach (1))

Bunter als heute war es damals sicher nicht, aber es kommt natürlich darauf an, ob man das thematisiert – und wie. Im Anschluss an „Valdez“ zeigte der ausstrahlende Sender „Vera Cruz“, und anhand einer einzelnen Szene lässt sich gut verdeutlichen, wo die 17 Jahre, die inzwischen ins Land gegangen sind, einen Unterschied bedeuten. Und wenn wir schon bei den Postkutschen sind … Mehr dazu steht in der -> Rezension.

Handlung (1)

Bob Valdez, ein in die Jahre gekommener Mexikaner, früher Scout bei der US-Armee, ist Hilfspolizist und begleitet Postkutschen, um ihre Sicherheit zu garantieren. Die Kutsche trifft auf bewaffnete Männer, die unter dem Kommando des skrupellosen Waffenschiebers und Grundbesitzers Frank Tanner eine Blockhütte beschießen, wo sich Rincon, ein Schwarzer, und seine schwangere Frau, eine Apachin, verschanzen. Tanner wirft Rincon vor, den Ehemann seiner Geliebten Gay Erin ermordet zu haben. Bob versucht, die Schießerei zu beenden. Er geht auf die Blockhütte zu, um zu verhandeln. Rincon lässt sich auf einen Wortwechsel ein und behauptet, er sei nicht die gesuchte Person, das gehe aus den Papieren hervor, die sich auf seinem Wagen befinden. Als Bob nach den Papieren sucht, schießt Davis, einer von Tanners Männern, auf die offene Tür des Blockhauses. Rincon wähnt, Bob habe geschossen, und feuert auf ihn. Bob muss sich verteidigen, schießt zurück und tötet Rincon, der, wie sich herausstellt, nicht der gesuchte Mörder ist.

Bob Valdez begräbt Rincon und bringt die Witwe zu seinem mexikanischen Freund Diego. Dann reitet er in die Stadt, wo er um finanzielle Unterstützung für die Apachin bittet, um ihren Lebensunterhalt im Reservat zu sichern. Einige von Tanner abhängige Geschäftsleute bieten ihm 100 Dollar, unter der Bedingung, dass auch Tanner 100 Dollar beisteuert. Bob besucht Tanner inmitten seiner Revolvermänner und bittet um die Summe für die Witwe des zu Unrecht getöteten Schwarzen. Man jagt ihn von der Hazienda. Als er ein zweites Mal vorspricht, bindet man ihm ein Kreuz auf den Rücken und treibt ihn in die Wüste. Davis reitet ihm nach und verhöhnt ihn. Später wird er behaupten, Bob von seinem Kreuz befreit zu haben. Valdez schlägt sich zu Diego durch.

Der bittende, demütige und darum unterschätzte Valdez wandelt sich zu einem Mann, der fordert und nun bereit ist, seine Forderung gewaltsam durchzusetzen. Er zieht seine alte Armeeuniform an, bewaffnet sich und reitet ein drittes Mal zu Tanner. Einem Vorposten trägt er auf, Tanner zu melden, dass „Valdez kommt“ (daher der Originaltitel). Obwohl Tanner gewarnt ist und Vorbereitungen trifft, gelingt es Bob, zu ihm vorzudringen. Er fordert die Herausgabe von 100 Dollar. El Segundo (Tanners Vorarbeiter) bemerkt den Überfall und hilft seinem Boss. Valdez weiß sich nur zu retten, indem er Gay als Geisel nimmt und flieht. Um Bobs Aufenthaltsort zu erfahren, lässt der Bandenchef Diego foltern und sein Haus niederbrennen. Bob sieht den Rauch von seinem Versteck aus. Obwohl er mit einem Hinterhalt rechnet, nähert er sich dem niedergebrannten Anwesen, tötet drei von denen, die ihn töten sollten, nimmt Davis gefangen und flieht mit den zwei Geiseln in die Berge. Er kann zunächst die Verfolger abschütteln, weil er mit einem Fernglas und einem Scharfschützengewehr ausgerüstet ist. Er lässt Davis frei und gibt ihm eine Botschaft an Tanner auf den Weg: 100 Dollar für Gays Leben.

Bob wird in den Bergen bei starkem Nebel ausflankiert und sieht sich Tanners Übermacht gegenüber. Gay, die sich inzwischen freiwillig bei Bob aufhält (nach dem Geständnis, selbst ihren Mann umgebracht zu haben), weigert sich, zu Tanner zurückzukehren. Tanner befiehlt El Segundo, Bob zu erschießen. El Segundo aber kündigt Tanner mit dem Hinweis „ist ja nicht meine Frau“ die Gefolgschaft auf, weil er den Mut seines Gegenspielers schätzen gelernt und eingesehen hat, dass Bobs Geldforderung berechtigt ist und – wäre sie rechtzeitig erfüllt worden – elf Menschenleben geschont hätte. Bob Valdez rät Tanner, 100 Dollar zu zahlen oder selbst zu schießen. In dieser unentschiedenen Situation endet die eigentliche Filmhandlung und der Abspann folgt. An dessen Ende hört man dann aber noch zwei Schüsse fallen, wobei der letztere lauter ist und markant nachhallt, was den Ausgang des Duells zwischen Tanner und Valdez vermuten lässt.

Rezension

Wenn ich Burt Lancaster in einem Film sehe, fällt es mir nicht so leicht, neutral in dem Sinne zu bleiben, dass ich nur die Qualität des Films bewerte. Ich mag den Typ einfach. Es kam alles von „Der rote Korsar“ und hat sich verfestigt – sogar durch „Vera Cruz“, wo Lancaster schon optisch einen besonders fiesen Typ spielt, der in einen starken Gegensatz zum ehrenwerten Gary Cooper gestellt wird – im Verlauf ebnet sich alles ein wenig ein, aber die gewisse Übertreibung gehört zum packenden Stil dieses Films und der Epoche. In einer Szene wenige Minuten nach dem Start schiebt Lancasters Figur einen kleinen mexikanischen Barmann achtlos zur Seite, er ist damit als Inkorporation des überheblichen und verbrecherischen Gringos sofort erkennbar, während Cooper einen durch den Krieg entwurzelten Südstaatler auf der Suche nach neuen Perspektiven darstellt.

Eine Filmgeneration später: „Burt Lancaster verkörpert in ‚Valdez‘ eindrucksvoll einen alternden Mexikaner während der amerikanischen Pionierzeit, der sich von einem geduckten Hilfssheriff zum verbissenen Kämpfer für Gerechtigkeit wandelt. Regisseur Edwin Sherins Plädoyer für Gerechtigkeit schildert mitunter recht krass das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Mentalitäten.“ Kölner Stadt-Anzeiger (zitiert nach (1))

Wobei er nach der Rückverwandlung in den alten Kämpfer für mich authentischer wirkt – das mag aber daran liegen, dass ich Lancaster nie zuvor in einer Rolle gesehen habe, in welcher Unterwürfigkeit verkörpern soll. Dafür, dass dieser schon optisch recht kantige Charakter nicht der Typ dafür ist, macht er das in der Tat ordentlich. Mit Italowestern hat der Film nicht nur die vielen Schusswechsel und die enorme Treffsicherheit des Protagonisten gemein, die hier immerhin noch dadurch erklärt wird, dass der Mann ein besonders versierter Scharfschütze ist, der sich bei großer Entfernung außerdem eines Stativs bedient, sondern auch durch die unverblümte Darstellung der beinahe absoluten Wertlosigkeit eines Lebens.

Was will Valdez von Tanner? 100 Dollar für die Witwe eines Mannes, der irrtümlich für einen Mörder gehalten wird. Was nehmen beide in Kauf? Unzählige Tote. So lange, bis die mexikanische Truppe von Tanner sich weigert, weiterzumachen und ihr Blaut für einen – sic! – Gringo zu vergießen. Damit unmissverständlich ist, worum es geht, wird die Summe auch so gering gehalten. Noch geringer als beim namenlosen Kopfgeldjäger in Sergio Leones „Für eine Handvoll Dollar“, wo ein Kopf 500 Dollar einbrachte, dafür ist der Zweck auch ein anderer. Es geht nicht um ein großes Wagnis, mit dem man viel gewinnen könnte, das unter Umständen und wenn man nicht viel zu verlieren hat, den totalen Einsatz wert sein könnte, wie etwa in „Der Schatz der Sierra Madre“, sondern um Rassismus und Verachtung für das Leben anderer.

Anfangs zeigt aber auch der mexikanische Chef von Tanners Hilfstruppen nur Verachtung für Valdez und sieht in ihm alles, was er an seinem eigenen Volk verabscheut. Erst, als der frühere Armeescout sich erhebt, wagen auch Tanners Leute, sich gegen ihn zu stellen und es läuft auf den klassischen Shootout hinaus – in einer interessanten Variante: Er wird gar nicht mehr gezeigt, man hört nur noch die beiden in der Handlungsbeschreibung erwähnten Schüsse. Ich hatte das Ergebnis so interpretiert, wie es dort angedeutet wird, allerdings, ohne zu bemerken, dass der zweite Schuss lauter war als der erste. Es ist klar, wer von beiden die Donnerbüchse abfeuert.

Hätte die Zahlung der 100 Dollar etwas wie ein Schuldanerkenntnis bedeutet oder eher eine Anerkennung dafür, dass man sich geirrt hat, zumal Tanner ja nicht selbst auf den Afroamerikaner geschossen hat, sondern der typische junge Desperado, der in so vielen Western vorkommt als Symbol für das ebenfalls junge, raue Land, das erst zivilisiert werden und seine Kräfte richtig nutzen muss. Der Typ steht aber in Tanners Diensten und somit ist Tanner für ihn verantwortlich. Diese Figur war mir zu klischeehaft gezeichnet – bis zu dem Moment, als er Valdez doch von dem Kreuz losschneidet, an das ihn die Männer von Tanner gebunden haben. Danach lässt Valdez sich nicht mehr auf einen Nahkampf ein, sondern hätte sie wohl alle erledigt, hätte „El Segundo“ nicht Tanners Befehl verweigert. Ein einziger Mann in den Bergen, gut geschützt und ein famoser Schütze, kann eine kleine Armee in Schach halten. Auch darüber gibt es selbstverständlich noch mehr Filme und ich habe einmal versucht, ein ähnliches Szenario zu beschreiben, das sich in Spanien während der napoleonischen Kriege entwickelt.

Finale

„Valdez“ hat auch ein paar Schwachstellen, wie die umständliche Szene, in der die Titelfigur ihrem mexikanischen Freund erzählt, wie seine Verletzung im Rücken entstanden ist und ob man die pointierte Sicht auf die „Mentalitäten“ mag oder nicht, ist Ansichtssache, wie man den beiden zitierten Kritiken entnehmen kann. Selbstverständlich ist der Film ein „Spätwestern“ und von den Italo-Western beeinflusst, aber doch unverkennbar amerikanisch durch – genau, durch Valdez, der mit eiserner Sturheit für die Gerechtigkeit kämpft. Insofern wird der Westernmythos zwar gebochen, was die Darstellung der weißen Amerikaner angeht, aber nicht bezüglich seiner Mythen selbst: Ein Mann, sogar einer, der zunächst sehr friedlich ist, muss sich erheben, sonst wird das nichts mit ebenjener Gerechtigkeit.

Hilfe hat er nicht, wenn man von ein paar Freunden absieht, die ihn mal versorgen können, aber sicher nicht zu den Waffen greifen werden. Letztlich durchbricht „Valdez“ die Rassenschranken bzw. -darstellungen, aber nicht die Muster des Westens, die besagen, dass nur ein einzelner Mutiger gegen das ganze Gesindel bestehen kann, wenn er seine mehr oder weniger aufgezwungene Passivität oder Einordnung ins Ganze, z. B. als Hilfssheriff bei einer Postkutsche, fallen lässt und sich ganz in den Dienst seiner eigenen Ethik stellt. Was den Film mit Klassikern verbindet: Eine straighte Dramaturgie und der Beweis, dass 86 Minuten ausreichend sind, um zu erzählen, was man erzählen wollte

73/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Edwin Sherin
Drehbuch Roland Kibbee
David Rayfiel
Elmore Leonard (Roman)
Produktion Ira Steiner
Musik Charles Gross
Kamera Gábor Pogány
Schnitt James T. Heckert
George Rohrs
Besetzung

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