Vermisst – Tatort 743 #Crimetime 881 #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal #Kopper #SWR #vermisst

Crimetime 881 – Titelfoto © SWR, Jacqueline Krause-Burberg

 Deckel drauf!

„Vermisst“ hat eines der besten Krimidrehbücher von den immerhin 174 Tatortfolgen, die wir bisher rezensiert haben (1). Dann hat er Corinna Harfouch. Die holt aus einer Nebenrolle so viel raus, dass es gut ist, dass sie keine Tatorkommissarin spielt. Sie wäre zu präsent.

Und Lena O. flirtet mit einem Mann. Wie wir im Abgleich mit anderen Folgen feststellen können, ist sie also nicht eindeutig definiert. Da kann man als Gemütsmensch Kopper etwas eifersüchtig werden. Aber trotzdem in sich ruhen. Das ist doch schön. Und mehr in der -> Rezension.

Handlung

Lena Odenthal bekommt einen Anruf: eine Zeugin möchte etwas Wichtiges zu einem Mordfall aussagen, aber als Lena Odenthal bei dem Treffpunkt ankommt, ist die Zeugin tot, ihr Personalausweis weist sie als Michaela Bäuerle aus.

Der Fall, zu dem sie etwas aussagen wollte, liegt zwölf Jahre zurück, der Mörder war geständig und hat seine Strafe abgesessen. Was wollte Michaela Bäuerle also noch mitteilen?

Lena Odenthal und Mario Kopper begeben sich auf Spurensuche in der Vergangenheit und stoßen dabei auf einen merkwürdigen Zusammenhang: Michaela Bäuerle gilt seit 1997 als vermisst. Was haben die beiden Fälle miteinander zu tun?

 Rezension

Dieses schnelle Geständnis des Ritterling, der ohnehin schon 12 Jahre für den Mord an seiner Frau saß, die verkohlte Leiche, unkenntlich. Da war etwas offen. Es roch nach einem Komplott und danach, dass dessen Frau vielleicht gar nicht tot war – bis 2009, bis zum Beginn von „Vermisst“. Und es gab nur eine weitere Frau im Film, von der gesprochen wurde. Kombiniere: Sie war also damals, 1997, gestorben, nicht die Frau Ritterling. Aber warum bloß? Letztlich ist es ein eher banaler Zufall gewesen, der ihr jähes Ende herbeigeführt hat.

Selbst, wenn man manches erahnen konnte, der Film blieb spannend genug, weil die Hintergründe nicht ohne Weiteres zu entschlüsseln waren, man hatte zu warten, bis sie durch den Verlauf der Handlung, die Ermittler, die übrigen Charaktere offengelegt wurden.

Wenig Nebengeräusche, konzentriertes Abspulen eines im Ganzen gut durchdachten Plots, ein beinahe lupenreiner Krimi, ein klassischer Whodunit und ein Schauspielerensemble, das dazu beiträgt, dass man mitgeht, ohne Händchen halten durch eine der Figuren.

 

Ja, warum, so fragt man sich impulsiv, können nicht alle Odenthal-Folgen so sein. Oder gar alle Tatorte? Die Antwort ist einfach: Dann gäbe es ja keine Unterschiede mehr in der Qualität und in der Konstruktion, mithin keine herausragenden Folgen.

Die Odenthal / Kopper-Folgen, die seit dem Beginn unserer Anthologie für den Wahlberliner als Erstausstrahlungen zu sehen waren, konnten an „Vermisst“ nicht heranreichen, doch einige frühere Werke aus Ludwigshafen haben uns ähnlich gut gefallen. Aber „Vermisst“ zeigt, die können es noch, der große Halbitaliener und die hartnäckige Kommissarin mit dem intensiven Blick aus dunklen Augen.

Es ist nicht so, dass es noch nie Fälle auf dem Bildschirm zu sehen gab, in denen Autounfälle dazu genutzt wurden, falsche Tatsachen vorzutäuschen, das ist eine ziemlich alte Variante, eine Verwechslung zu inszenieren, um einen Mord oder ein Untertauchen zu kaschieren. Die Motive, warum Christine Ritterling untertauchen will, sind ein wenig herbeigezaubert, außerdem hätte man auch mit den Mitteln von 1997 im Grunde feststellen müssen, dass die im Auto verbrannte Person eben nicht die Frau des romantischen Bootsbesitzers ist, den wir im Jahr 2009 kennenlernen. Es war ja nicht so, dass man an einen Unfall glaubte, es wurde wegen Mord ermittelt und es gibt eindeutige persönliche Kennzeichen, auch bei einer stark verkohlten Leiche – das wird normalerweise überprüft.

Aber die Logik hat ihre Grenzen und wenn sie so relativ weit gesteckt sind wie in „Vermisst“, kann man sich sagen, okay, für gut gegeben, weil sehr vieles in dieser Folge stimmig ist.

Wir wollen uns nicht zu sehr mit den Nebenrollen beschäftigen, aber es ist schon faszinierend zu sehen, wie Corinna Harfouch mit tausend wie beiläufig wirkenden Nuancen eine ganz eigene Atmosphäre erzeugen kann und wie man als Zuschauer begierig ist, diese Kleinigkeiten aufzunehmen und zu genießen. Die anderen Schauspieler fallen aber nicht ab, das kann man so nicht schreiben. Auch Thomas Sarbacher als gerade aus der Haft entlassener Nick Ritterling wirkt authentisch und wie ein Typ, der auch eine wenig über sich selbst und ihre Träume nachdenkende Person wie Lena O. für sich einnehmen kann. Immerhin kommt sie in die Lage, während eines romantischen Abendessens auf seinem Boot die Wahrheit über die beiden toten Frauen zu erfahren.

Das ist schon eine tolle Volte, die Umkehrung von Strafe und Tat – zeitlich gesehen. Aber leider, und das weiß auch Lena O., kann man Nick Ritterling noch einmal wegen Mordes verurteilen, auch wenn er seinerzeit unschuldig war und seine Frau eben nicht 1997, sondern erst jetzt vom Leben zum Tode gebracht hat. Das sind zwei verschiedene Taten, die man nicht verrechnen kann. Eine andere Sache ist, wie man ihm die bereits verbüßte Haft anrechnet. Der Plot von „Vermisst“ eignet sich als juristischer Lehrfall und gewiss hat ihn der eine oder andere findige Professor auch offen oder, wie es immer mehr in Mode kommt, ohne Hinweis auf die Zitierung verwendet, um seinen Studenten eine knifflige Klausur oder Hausarbeit zu stellen.

Ganz in den Dienst der Handlung hat man die Ermittler gestellt. Es gibt kein Privatleben außerhalb dessen, was im Fall selbst generiert wurde, die Romanze zwischen Lena O. und Nick R., die aber nicht einmal bis zum Sex aufblühen darf, das geht bei der Jeanne d’Arc des deutschen Polizeiwesens nicht. Man hatte ein feines Gespür dafür, dass das Publikum da wohl mit Befremden reagiert hätte.  Dem Plot hat sich aber auch die Inszenierung untergeordnet. Es gibt keine Effekte, die Bebilderung ist unspektakulär, die Szenenfolgen sind bis auf wenige Ausnahmen von ruhiger Hand gestaltet und dem Erzählkino der traditionellen Art verpflichtet.

Finale

„Vermisst“ ist für einen modernen Tatort ungewöhnlich konzentriert und fokussiert – es gibt nur wenige Fragwürdigkeite, keine größeren Plotpannen, ein sehr gutes Schauspielerensemble agiert positiv routiniert oder gar mit Bravour, die Inszenierung ist straff. Es gibt kein Sozialthema, keinen deutlichen Bezug zu irgendeinem aktuellen gesellschaftlichen, politischen Geschehen. Natürlich wirkt die Ehe der Seegmeisters kühl, wie die Branche, in der die beiden tätig sind, wie eine Zweckgemeinschaft – und ist es doch nicht nur, wie Corinna Harfouch als Cornelia Seegmeister mit Leichtigkeit herausarbeitet.

Die Fallkonstruktion mag nicht die realistischste sein, im Vergleich zu anderen Tatorten neueren Datums ist sie allemal dicht an der Wirklichkeit. Wir mögen auch die überdrehten und skurrilen Tatorte, wenn sie gut gemacht sind. Jedes Format, das seinen Erfolg immer wieder erneuern will, muss Tendenzen aufnehmen,  Wege ausprobieren können. Aber es tut auch gut, hin und wieder einen klassisch oder traditionell gebauten Fall zu sehen, der dennoch nicht altbacken ist und beweist, dass es nicht an den Schauspielern liegt, wenn ein Tatort-Team in die Krise kommt, was man nach den Folgen, die nach 743 kamen, auch für Odenthal und Kopper konstatieren muss – sondern an schwachen, manchmal geflickschusterten Drehbüchern und einer lieblosen, uninspirierten Regie. Das eine verstärkt das andere, wenn es zusammenkommt und dass sich dann auch die Schauspieler nicht mehr so recht wohl fühlen, merkt man ihnen bei aller Professionalität  hin und wieder an.

Jedes Thema geht, auch heute noch. Es kommt drauf an, wie es gezeigt wird. „Vermisst“ hat es gezeigt. Dass ein klassisches Eifersuchts- und Liebesdrama, eine Geschichte von Schuld und Sühne und Hörigkeit ebensogut in die heutige Zeit wie in die Steinzeit des Fernsehens, des Kinos oder eben in die Steinzeit passt. Es sind nämlich Motive wie diejenigen, die wir in „Vermisst“ sehen, welche die meisten Morde auslösen, nicht etwa wirtschaftliche Gründe, wie es die vielen Polit- und Businesskrimis suggerieren.

Wir tun den Deckel drauf, haken die Folge ab mit dem finalen Akt der Bewertung und stellen „Vermisst“ in die Reihe der sehr guten Tatorte, die wir mit 8,5/10 bewertet haben.

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Stand Oktober 2012, zum Zeitpunkt der Erstpbulikation des Texte für die „TatortAnthologie“ des „ersten“ Wahlberliners

Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Mario Kopper – Andreas Hoppe
Jan Seegmeister – Jeroen Willems
Nick Ritterling – Thomas Sarbacher
Frau Bäuerle – Cornelia Schmaus
Herr Bäuerle – Peter Rühring
Frau Keller – Annalena Schmidt
Conny Seegmeister – Corinna Harfouch
Schlothfang – Hans-Jörg Assmann
Becker – Peter Espeloer

Regie – Andreas Senn
Kamera – Jürgen Carle
Buch – Christoph Darnstädt
Szenenbild – Anke Osterloh

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