Spuren im Sand (3 Godfathers, USA 1948) #Filmfest 305

Filmfest 305 A

3 Männer in der Wüste retten dieses Baby

Die Weihnachtszeit kommt und außerdem sind wir gerade dabei, uns verstärkt mit dem Hollywood-Filmjahr 1948 zu befassen – da kommt uns ein Western, der auch eine Weihnachtsgeschichte ist, gerade recht, denn wir können dazu eine Rezension aus dem Jahr 2012 auf dem Filmfest des „neuen“ Wahlberliners wiederveröffentlichen.

Was kommt dabei heraus, wenn der höchstdekorierte amerikanische Filmregisseur (4 Oscars) auf die Idee kommt, einen ganz untypischen Film zu machen, der in typischer Kulisse spielt? Zunächst, die Idee ist nicht neu. Die Story von den drei recht sympathischen Bankräubern Robert, Pedro und William, genannt the Abilene Kid (John Wayne, Pedro ArmendarizHarry Carey, Jr.), die vor dem robusten Sheriff Perley Sweet (Ward Bond) in die Wüste fliehen, ist 1948 bereits zum vierten Mal verfilmt worden.

Handlung

Die Viehdiebe Robert, Pedro und William kommen in die Kleinstadt Welcome, Arizona, um die dortige Bank auszurauben, doch der Überfall misslingt, William wird angeschossen, und die drei fliehen in die Wüste. Sie versuchen ihren Verfolgern zu entkommen, doch zu ihrem Unglück hat der Marshall von Welcome, Buck Sweet, bei ihrer Flucht ihren Wasserschlauch zerschossen und, ihre Taktik vorausahnend, Leute an den nächsten Wasserstellen postiert. Als sie in der Wüste eine andere Wasserstelle aufsuchen wollen, finden sie diese durch die Tat eines leichtsinnigen Stadtmenschen zerstört vor und in der Nähe eines Planwagens stehen, in dem sich dessen hochschwangere Frau, die Nichte des Sheriffs, befindet. Die drei helfen ihr, das Kind zur Welt zu bringen. Die Frau ist dem Tode nahe und die Männer versprechen ihr, für das Kind zu sorgen, bis es erwachsen ist. Aus Dankbarkeit benennt sie ihr Kind nach ihren Helfern, Robert William Pedro, und macht die drei Männer zu seinen Paten. Kurz darauf stirbt sie.

Weil sie kein Wasser mehr gewinnen können, um sich und das Baby zu versorgen, und wegen der Verfolger im Nacken beschließen die drei, inspiriert durch eine im Gepäck der toten Mutter gefundene Bibel, das Baby durch die Wüste in das Städtchen New Jerusalem zu bringen. Doch auf dem Weg stirbt der verwundete William an Erschöpfung und Pedro verübt mit Roberts Revolver Selbstmord, um nicht leiden zu müssen, nachdem er sich bei einem Sturz das Bein gebrochen hat. Im Delirium gelingt es Robert, sich und das Baby in die Stadt New Jerusalem zu bringen, wo er am Weihnachtsabend halbtot in einen Saloon torkelt.

Der Marshall indessen hat den Planwagen entdeckt und vermutet, dass die Bankräuber seine Nichte getötet haben. Es gelingt ihm, Robert in New Jerusalem einzuholen, doch aufgrund seiner Rettungsaktion wird Robert in Welcome bald als Held gefeiert. Da er sich standhaft weigert, sein Patenkind für immer seinem Onkel, dem Marshall, zu überlassen und damit sein der Mutter des Kindes gegebenes Versprechen zu brechen, wird er vom Geschworenengericht zu der geringstmöglichen Strafe von einem Jahr und einem Tag Gefängnis verurteilt und von der gesamten Stadt auf dem Weg zum Bahnhof als teurer Freund verabschiedet.

2020-08-14 Filmfest ARezension

Der Hauptdarsteller der ersten Version von 1916 war Harry Carey, der Vater von Harry Carey, Jr, der in John Fords Film einen jungen Feuerkopf spielt.

1919, also nur drei Jahre nach der ersten Version, gab es wieder eine – mit ebenjenem Harry Carey – und dieses Mal war der Regisseur niemand anders als der sehr junge John Ford. Harry Carey, ein Schauspielpionier in Hollywood und Weggefährte von John Ford, der in mehr als 250 Filmen auftrat, verstarb 1947.

Da hielt der große Regisseur mitten in der berühmten Kavallerie-Trilogie („Fort Apache“ 1948 / „She Wore a Yellow Ribbon“ 1949 / „Rio Grande“, 1950) inne und beschloss ein Remake der alten Story in Technicolor. Zwischendurch gab es noch eine Schwarzweißversion mit Ton aus dem Jahr 1936, in der allerdings der Bankdirektor erschossen wurde, was wohl kaum dazu führen konnte, dass einer der drei Räuber am Ende überlebt, wie es in der 1948 der Fall war. Ein weiteres Indiz ist, dass 1936 für die Warner Bros. gefilmt wurde, bekannt für härteres, realistischeres Kino, 1948  hingegen unter dem Dach von MGM – da bekam sogar ein Film von John Ford einen leicht süßlichen Touch. Der ihm allerdings nach unserer Ansicht nicht schadet.

Nicht nur wegen der Widmung und dem Casting des Carey-Sohnes, der mit diesem Film eine eigene Karriere startete, ist dies ein generöser und humanistischer Film vom Landschaftsmaler unter den großen amerikanischen Filmemachern.

Die von uns gesehene Version wirkte restauriert – keine Einsprengsel, kaum Farbabweichungen und ein beinahe realistisches, gleichwohl atemberaubend intensives Technicolor – einhergehend mit brillanter Bildschärfe, was in der Kombination und Qualität in den 1940ern noch nicht üblich war. Selbstverständlich und wie bei einem Film von John Ford nicht anders zu erwarten, ist die Fotografie jenseits der technischen Aspekte kongenial. Der Mann hat die große Natur für den Film eingefangen wie kein anderer; diese Bilder von gigantischen Landschaften, durch die, irgendwo am Rand, ein paar ameisengroße Menschen ziehen, auch in „Spuren im Sand“ gibt es sie wieder. In Maßen, dieses Mal wurde das Monument Valley, das John Ford mit „Stagecoach“ (1939) für den Film entdeckte, nicht als Kulisse verwendet.

Wenden wir uns wieder der Frage zu, wie das Ergebnis aussieht, wenn John Ford mit all seinen Fähigkeiten bezüglich grandioser Szenarien und symbolhafter Bildgestaltung, zur Schaffung kantiger, ja ikonischer Charaktere, einen eigentlich zarten und kleinen, besinnlichen Film macht? Kann er das? Ja und nein.

Die Sache mit der Bibel, die sich, vom göttlichen, ewigen Wind bewegt, immer dorthin blättert, wo es gerade für den Fortgang der Story oder den geistigen Hintergrund des Geschehens Sinn ergibt – aber auf eine etwas zu übersetzte Weise – ist doch etwas arg melodramatisch und die Symbolik mit den beiden Kameraden, die das Baby tragen, soweit die eigenen Füße tragen und von ihren Sünden erlöst werden, indem sie dafür sorgen, dass dieses Baby weiterleben und dass Big Robert es bis in die Stadt Welcome tragen kann, in der die drei vor einiger Zeit die Bank ausgeraubt haben, die ist schon mächtig aufgebrezelt mit christlichen Ingredienzien. Obwohl die Handlung grundsätzlich nicht unmöglich erscheint, bekommt sie einen illusionären Touch gerade durch dieses Visionär-Religiöse, das ihr unterlegt wird. Das war bei den älteren Versionen des Films gewiss nicht so ausgeformt – gut, das lässt sich leicht schreiben, denn 1936 war die Filmsprache noch etwas anders, zumal bei den Warners, und 1916 war das Kino bildtechnisch und was die Möglichkeiten anging, dem noch unerfahrenen Publikum Subtext mitzugeben, noch viel rudimentärer unterwegs und die Sprache an sich fand in lähmenden Zwischentiteln statt. Nicht viel anders war es wohl 1919, obwohl da schon der kommende Meister John Ford im klapprigen Pionier-Regiestuhl saß.

Manchmal haben John Fords Filme durchaus ruppige Schnittfolgen, was allerdings auch daher kommen kann, dass die von uns geschauten deutschen Versionen ungünstig verkürzt wurden. Aber schroff waren sie eben schon manchmal, diese Meisterwerke, wie die Charaktere darin und die Natur drumherum. Auch „3 Godfathers“ ist recht kontrastreich und zuweilen abrupt im Wechsel zwischen Nahaufnahmen von den 3 Paten des Wüstenkindes und des Wagens, in dem es geboren wurde, wie er einsam und klein in der Landschaft steht und wie dessen zerschlissene Plane im unablässigen Wüstenwind flattert. In einer Szene denkt man, jetzt fliegt sie weg – tut sie aber nicht. Das wäre, kurz nach dem Tod der Mutter des Kindes, vielleicht der Symbolik etwas zu viel gewesen, ohne diese Veränderung aber wirkt die Szene etwas motivleer.

Ganz anders die Charaktere. Meisterschaft zeigt sich nicht unbedingt in jedem einzelnen Satz. Die Szene etwa, in der John Wayne gefühlt minutenlang dasitzt und seinen Kumpels erklärt, was irgendein Idiot, der mit einem Planwagen unterwegs war, mit dieser Wüsten-Wasserstelle angestellt hat, ist schon ein arger talking (over-) head, aber das sind solche Elemente in Fords Filmen, die sie von Routineproduktionen unterscheiden. Sie haben eben Kanten und verlassen auch mal den wiegenden Rhythmus – den allerdings „3 Godfathers“ ohnehin nicht hat, trotz des Themas mit dem Baby, das von drei Männern adoptiert wird. Die 3 Typen sind grandios mit einfachen, aber klaren Strichen gepinselt. Nicht monolithisch, das nicht, aber lebendig und individuell, ebenso wie der Sheriff Sweet, dessen Charakter man erst einmal gar nicht so leicht erfassen kann. Ist er süß oder ein gnadenloser Rächer? Wie reagiert er auf die Sache mit der zerstörten Wasserstelle – natürlich muss er denken, dass es die drei Halunken waren, die ihren Verfolgern damit die Möglichkeit nehmen wollten, weiterzumachen. Das Ende ist nett, obwohl es uns sehr leid tat, dass die beiden guten schlechten Jungs Pedro und William kurz hintereinander (für unseren Geschmack etwas zu dicht hintereinander für einen erstklassig getakteten Film) in der gnadenlosen Wüste das Zeitliche segnen. Der Junge ist entkräftet aufgrund einer Schussverletzung, die er noch in Welcome erhalten hat, Pedro bricht sich das Bein, als er an einer unwegsamen Stelle des Geländes, schon fast am Ende des Weges, hinfällt – und zurückgelassen werden muss. Robert, selbst schon nahezu am Ende und nur noch durch die verheißenden Worte der Bibel, die er ärgerlich wegwirft, vorangetrieben, kann nicht Pedro und das Kind, den kleinen Robert William Pedro, mit sich schleppen.

Für Robert, den Hauptpaten, hat der Film ein gutes Ende. Er bringt sich und das Baby tatsächlich durch, wird unter komfortablen Bedingungen für ein Jahr ins Gefängnis gesteckt, spielt dort mit Perley, seinem Bewacher, Schach und man darf sicher sein, wenn er rauskommt, wird die Welt ihm zulächeln. Wer es nicht gemerkt hat – natürlich ist die Grundlage der Story die Weihnachtsgeschichte der Bibel, die Ankunft von Jesus, der Wagen ist die Krippe – die Eltern sterben in Film allerdings schon an dem Ort, an dem das Kind geboren wird, anders als in den Evangelien nach Lukas und Matthäus. Ob die drei Outlaws die Hirten nach Lukas oder die Weisen aus dem Morgenland nach Matthäus sind, spielt keine Rolle, sie tragen dieses kleine Bündel Hoffnung in die Welt und werden dadurch entweder erlöst (William, Pedro) oder gerettet (Robert). Wenn man so will, hat der kleine Junge in der blauen Decke sofortige Erlöserfunktion und muss nicht durch den eigenen Tod messianische Größe erlangen.

Finale

Trotz einiger Kanten und einer etwas überdeutlichen Symbolik ist „3 Godfahters“ ein sehr schöner Ford-Western, wenn auch nicht sein größter. Als Weihnachtsfilm finden wir ihn auch deshalb gut, weil er die biblische Geschichte an einen anderen Ort bringt und sie dort in eine Handlung transzendiert, in der Sünde, Schuld, Erlösung und viel Symbolik von der Wüste, in der die Männer dürsten müssen bis hin zu dem großen Lattenkreuz, unter dem die Mutter begraben wird, eine stetige Verbindung zum christlichen Fundament des Films halten. Für jemanden, der weltanschaulich anders verortet ist, gibt der Film nicht so viel her, ist aber immer noch ein humanistisches und, selbstverständlich, dies ist ein US-Film von kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, Gerechtigkeitskategorien spielen in diesem Werk eine Rolle, das mit begabten Darstellern aufwartet und einer Handlung, die uns mitleiden lässt, obwohl wir selbstverständlich ahnen, dass mindestens der kleine Junge diesen Wüstentrip überleben wird.

80/100

„Spuren im Sand“ in der deutschen Wikipedia und in der amerikanischen IMDb.

Regie John Ford
Drehbuch Frank Nugent,
Laurence Stallings
Produktion John Ford,
Merian C. Cooper
Musik Richard Hageman
Kamera Winton C. Hoch
Schnitt Jack Murray
Besetzung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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