Zehn Rosen – Polizeiruf 110 Episode 375 #Crimetime 882 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Magdeburg #Brasch #Köhler #Rosen #Zehn

Crimetime 882 - Titelfoto © MDR, Stefan Erhard

Ein noch nicht so häufig gezeigtes Thema

Unseres Wissens ist „Zehn Rosen“ der erste Film der Reihen Polizeiruf und Tatort, der sich mit dem Thema Transgender ernsthaft beschäftigt. Dafür vorab bereits ein Lob. Das  zweite für die Art, wie es gemacht wurde – nicht exploitiert oder nur wenig, sondern hinreichend subtil und sympathisch. Und wie kommt „Zehn Rosen“ als Fall und wie ging’s uns mit dem Ermittlerteam?

Handlung

In einem verlassenen Hinterhof Magdeburgs wird die schwer zugerichtete Leiche einer jungen Frau gefunden. Das Mordopfer Kim Pohlmann ist an den Füßen gefesselt. Hauptkommissarin Doreen Brasch vermutet aufgrund der symbolischen Fesselung einen Serientäter. Ihr Kollege, Hauptkommissar Dirk Köhler, forscht in der Datenbank nach vergleichbaren Fällen. Mit Hilfe ihres Vorgesetzten Lemp stoßen die Ermittler auf den Mord an der Prostituierten Jessica Peschke, deren Leiche auf dieselbe Weise gefesselt war.

Verdächtigt wurde damals der mit Jessica befreundete Paul Schilling. Doch mangels eindeutiger Beweise musste man ihn wieder freilassen. Mittlerweile heißt Paul Schilling nach einer Geschlechtsangleichung Pauline. Die Transfrau gerät erneut unter Verdacht, denn sie kannte auch das aktuelle Mordopfer. In der psychiatrischen Praxis, in der sie das Gutachten für ihre Operation anfertigen ließ, arbeitete Kim als Arzthelferin.

Doch Pauline bleibt nicht die einzige Verdächtige. Hauptkommissarin Brasch findet Hinweise darauf, dass der Exfreund der toten Kim, Jan Freise, sie in seinem Keller gefangen hielt. Irgendjemand muss Kim dort gefunden und aus dem Verlies befreit haben. Indem Brasch und Köhler die zwei Hauptverdächtigen immer stärker einkreisen, erkennen sie, dass der Täter Katz und Maus mit ihnen spielt.

Rezension

„Zehn Rosen“ ist der letzte Polizeiruf, der vor unserem Einstieg in die Reihe seine Fernsehpremiere hatte – im Februar 2019. Seit März rezensieren wir, wie bei den Tatorten, die neuen Fälle direkt nach der Erstausstrahlung. Jetzt wurde „Zehn Rosen“ erstmals wiederholt und er hat auf jeden Fall das Verdienst, dass wir, anders als beim Nachfolger „Mörderische Dorfgemeinschaft“ und beim Vorgänger „Crash“, vom Magdeburg-Team und der Anlage des Films ziemlich überzeugt sind. 

In der Süddeutsche Zeitung ist Cornelius Pollmer der Meinung: „In welcher Welt wäre es plausibel, dass die Polizei erst beim zweiten Besuch am überschaubaren Tatort nicht ganz unwesentliche Dinge entdeckt, beispielsweise eine schwer nach sexuellem Missbrauch riechende Matratzenecke oder eine blutverschmierte Dusche? Zweitens, das wird man in der Erzählstruktur des Kriminalfilms nie verstehen: Muss es immer so laufen, dass nach Auflösung der TäterInnen-Frage alle Erzählstränge eiligst in der letzten Minute abgebunden werden?“[6] (Zitiert nach Wikipedia)

Der Einstieg ist etwas holprig, das stimmt und die Geschichte mit den Beinfesseln und was psychologisch dahinter steckt, dient vor allem dem Verhältnis von Brasch mit dem Polizeipsychologen Wilke und schafft Spannungen zwischen ihr und dem Kollegen Köhler. Ein weiteres Nebenthema ist der mögliche Abgang von Kriminalrat Lemp – der am Ende aber nicht stattfindet. Das Team wird hier ungewöhnlich spannungsreich gezeigt. Knatsch gibt es ja häufig, gerade in Magdeburg, wo Brasch manchmal wirkt, als sei sie eine Mischung aus überbeobachtend und autistisch und damit eine der irritierendsten Cop-Figuren in den beiden Premium-Krimireihen. 

Aber dieses Mal wirkt das alles wohl auch deshalb trotz aller Dissonanzen rund, weil der Fall sich quasi von alleine fortentwickelt, egal, ob einer der Polizisten mal einen Fehler macht und von falschen Annahmen ausgeht – und weil mit der Transfrau Pauline eine ungewöhnliche Figur in den Mittelpunkt gerückt wird. Einiges von den Informationen, die durch sie oder ihre Ärztin an den  Zuschauer vermittelt werden, stimmt wohl in etwa und soweit wir mit dem Thema vertraut sind. Wir kennen auch einen Fall, in dem ein Mann, der zur Frau wurde, ebenfalls ein Kind hat und nicht das Sorgerecht bekam und enorme Schwierigkeiten mit dieser Beziehung hat – neben vielen anderen, die in diesem Film nicht vorkommen, weil sie teilweise nicht so äshetisch dargestellt werden können wie die Welt von Pauline, die in einem Blumenladen lebt. Die politische Korrektheit hat allerdings den Täterkreis ziemlich stark eingeschränkt, denn dass Pauline nicht für die Morde verantwortlich sein könnte, versteht sich von selbst. 

Man hat ihr Gefühlsleben mit seinen Widersprüchen und die schmerzhafte und hindernisreiche Frauwerdung , auf eine Weise rübergebracht, das es Mainstream-Zuschauern ermöglicht, darauf einzugehen. Das ist einerseits okay und verständlich, weil man sich auf Neuland bewegt – aber man lässt Pauline auch tatsächlich von einer Frau spielen. Das hatten wir ziemlich schnell erkannt und es ist etwas anderes, wenn eine Frau, auch wenn sie vorher ein Mann war, von einer Frau, die immer eine Frau war, dargestellt wird. Auch Schwule und Lesben werden in Filmen oft nicht von homoexuellen Darsteller*innen verkörpert, aber sie verändern ja auch ihre Körpermerkmale nicht. 

Ist es okay, ist es dezent, hilft es dem normalen Krimzuschauer – ist es doch diskriminierend? Vermutlich hat die ARD keine Transfrau unter ihren Vertragsschauspieler*innen. 

Trotz der Tatsache, dass es kaum Verdächtige gibt, sind wir aber nicht sofort auf den Polizeilehrer gekommen, sondern haben auf den Exfreund des aktuellen Mordopfers getippt, der auf eine ziemlich dezidierte Weise als verwahrloster Mensch porträtiert wird und dessen in Kalt- und Dunkelfarben dargestelltem Messie-Haus besonders auffällig mit den warmen Farben des Blumenladens und allgemein den sehr ansprechenden Szenen von Pauline kontrastiert wird. Irgendwo dazwischen in der kühlen Bürowelt die Polizisten, wie in Magdeburg üblich – und doch etwas mehr aufgetaut, etwas zugänglicher und weniger distanziert gezeigt als sonst. Am schwierigsten ist wieder Brasch, aber wie sie zeigt, dass sie den geplanten Wechsel ihres Chefs auf eine andere Stelle missbilligt, ist dann doch rührend und man denkt: Jeder drückt seine Gefühle eben so aus, wie er kann. Hauptsache, sie äußern sich überhaupt. 

Eine richtig gute Teamarbeit, eine enge Verzahnung und Abstimmung, sehen wir aber zwischen Brasch und Köhler auch dieses Mal nicht und mittlerweile ist bekannt, dass dessen Darsteller Matthias Matschke aussteigen wird – wie zuvor schon Sylvester Groth („Drexler“). Verblüffend, wie sich das, was man im Film sieht, in der Realität durch den nunmehr zweiten Wechsel des Brasch-Partners zu spiegeln scheint. Ob diese Übertragung stimmt, wissen wir natürlich nicht. Wenn Darsteller*innen sich nicht in Interviews, meist erst nach ihrem Ausstieg, äußern –  den immer hübsch und auffällig ähnlich verklauselten Pressemitteilungen der Sender kann man selten entnehmen, warum Neubesetzungen tatsächlich vorgenommen werden.

Finale

Bis auf die Pyrotechnik am Ende zeigt „Zehn Rosen“ vergleichsweise wenig Action, sondern ist ein Krimi, in dem es vor allem auf menschliche Interaktion ankommt. Dass die Menschen, die hier miteinander umgehen müssen, auf eine nicht ganz so herausgehobene Weise ähnlich viele, wenn nicht mehr psychische Wackersteine mit sich herumschleppen wie Faber im Dortmund-Tatort, der immer noch die Psycho-Messlatte im Polizeidienst setzt, macht es für uns in diesem Fall endlich spannend, weil das Hermetische von Brasch nicht so in den Vordergrund gerückt wird, dass man sowieso weiß, das wird wieder ein emotional ziemlich trister Abend werden, mit dem Magdeburg-Polizeiruf. 

Für uns ist trotz großangelegter Filme wie „Wendemanöver“, dem Zweiteiler, an dem auch das Rostock-Team beteiligt ist, kann man „Zehn Rosen“ als den besten Magdeburg-Polizeiruf bezeichnen, den wir bisher gesehen haben – von 10 Brasch-Filmen fehlen uns derzeit noch  zwei in der Rezensionssammlung.

8,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Torsten C. Fischer
Drehbuch Wolfgang Stauch
Produktion Iris Kiefer
Musik Warner Poland und Wolfgang Glum
Kamera Theo Bierkens
Schnitt Heike Parplies
Besetzung

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