Philadelphia (USA 1993) #Filmfest 307

Filmfest 307 A

Wichtige Weisung im Kampf gegen Diskriminierung

Ich hätte den Film ein paar Jahre neuer eingeschätzt, aber Tom Hanks sieht in „Philadelphia“ so jung aus wie in „Schlaflos in Seattle“, das hätte mir auffallen dürfen. Zurück von der Westküste in den Osten, nach Pennsylvania. Und „Streets of Philadelphia“ stammt tatsächlich aus dem Film und wurde nicht bloß für ihn verwendet.

Philadelphia ist ein US-amerikanischer Spielfilm aus dem Jahre 1993. Die Hauptrollen spielen Tom Hanks und Denzel Washington. Regie führte Jonathan Demme nach einem Drehbuch von Ron Nyswaner.

Er war der erste große Hollywoodfilm, der sich kritisch mit dem gesellschaftlichen Umgang mit AIDS-Erkrankten und Homosexuellen in den USA auseinandersetzte. Der Film wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter bei der Oscarverleihung 1994 mit dem Preis für den besten Hauptdarsteller (Tom Hanks) und den besten Original-Song (Bruce Springsteen mit Streets of Philadelphia).

Wir hat der Film den Test der Zeit bestanden? Wir erinnern uns, dass der Begriff AIDS in Deutschland erst um 1984-1985 allgemein bekannt wurde, bis dahin waren es nur acht Jahre bis zu diesem Film. Seitdem hat sich viel getan, nicht nur bei der Behandlung von AIDS, sondern auch bezüglich der Akzeptanz von LGBTI*-Personen. Wir betrachten dies und mehr in der -> Rezension.

Handlung (1)

Andrew Beckett ist ein ehrgeiziger junger Anwalt bei einer großen Anwaltskanzlei in Philadelphia. Seine Vorgesetzten halten große Stücke auf ihn und sein Können und planen, ihn zum Partner der Kanzlei zu machen. Zwei Fakten behält Beckett jedoch für sich: Erstens ist er homosexuell, zweitens ist er mit HIV infiziert.

Als sich die ersten Spuren einer AIDS-Erkrankung für alle sichtbar zeigen, die nach damaliger Ansicht nur homosexuelle Menschen befällt, wird Beckett aufgrund eines vorgetäuschten geschäftlichen Vergehens entlassen. Beckett vermutet, dass er lediglich aufgrund seiner sexuellen Orientierung für die meisten anderen Teilhaber moralisch untragbar geworden sei und möchte seinen ehemaligen Arbeitgeber wegen dieser Diskriminierung auf Entschädigung verklagen. Seine Eltern und Geschwister, vor denen er keine Geheimnisse hat, stehen dabei hinter ihm. Auf der Suche nach einem Rechtsbeistand stößt er jedoch auf breite Ablehnung.

Seine letzte Hoffnung ist Joe Miller, ein durch TV-Werbung allseits bekannter und erfolgreicher Anwalt, den er bereits zuvor bei einem Zivilprozess als Anwalt der Gegenseite kennengelernt hatte. Doch auch Miller möchte Beckett zunächst nicht vertreten. Er macht keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber Homosexuellen und vor allem gegenüber AIDS, zumal er Angst hat, sich und sein neugeborenes Kind dabei anzustecken. Doch als Miller einige Tage später in der Bibliothek der juristischen Fakultät zufällig miterlebt, wie Beckett, der entschlossen ist, seine Klage notfalls auch allein durchzukämpfen, wegen seiner Krankheit diskriminiert und ausgegrenzt wird, beginnt er zuerst nur zaghaft und zweifelnd seine Meinung zu überdenken, ergreift dann aber doch erstmals für ihn Partei.

Je mehr Joe Miller sich aber nun mit der Welt des Andrew Beckett beschäftigt, je tiefer er in diese eintaucht, umso mehr entsetzt ihn das Verhalten anderer gegenüber dem inzwischen sichtbar AIDS-kranken Beckett. Er muss nun auch erkennen, dass er selbst sich Beckett gegenüber nicht besser verhielt, als dieser ihn um Hilfe bat. Seine Menschlichkeit siegt über seine eigenen Vorurteile, welche für ihn selbst im weiteren Verlauf der Handlung völlig unverständlich sind, er sie zutiefst verabscheut und verurteilt. Er leistet Beckett sichtbar Abbitte und gemeinsam ziehen Miller und Beckett vor Gericht. Der zu Beginn der Handlung noch homophobe und ignorante Anwalt Miller wandelt sich zu einem glühenden Verteidiger der Menschenrechte.

In der Vorbereitung zur Hauptverhandlung bekommt Miller einerseits Einblick in das Leben und Fühlen eines Homosexuellen und erfährt, was es bedeutet, mit AIDS leben zu müssen. Andererseits erlebt der aus dem TV bekannte Miller, wie er nun von anderen deshalb abgelehnt wird, weil er einem Schwulen beisteht – oder dass er gar selbst für schwul gehalten wird. Zunehmend entwickelt Miller – nicht zuletzt mit der Hilfe seiner liberalen Frau – Verständnis und ein tiefes Mitgefühl für Andrew Beckett, der ihm schon bald offenbart, dass er das Ende der Verhandlung wohl nicht mehr erleben wird. Doch es ist nun nicht mehr nur der Ehrgeiz, der Miller antreibt, um nicht zu verlieren, sondern auch seine sich entwickelnde tiefe Menschlichkeit.

Während der Verhandlung bricht Beckett im Gerichtssaal zusammen und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Es stellt sich heraus, dass die bei ihm ausgebrochene Krankheit seinen Organismus bereits schwer geschädigt hat. Inzwischen beginnt aber auch die Front der Gegenseite hinter den Kulissen zu bröckeln: Nicht mehr alle Gesellschafter der Kanzlei stehen zu deren ursprünglich homophobem Kurs. Dies ist besonders anhand der Aussage im Gericht eines sichtlich mitfühlenderen Teilhabers, Bob Seidman, zu erkennen, welcher voller Reue zugibt, eine AIDS-Erkrankung und auch die Homosexualität bei Beckett schon länger vermutet zu haben, ihm aber nie die Gelegenheit gab, ihm seine Situation zu offenbaren.

Kurz vor Becketts Tod im Krankenhaus überbringt Miller ihm die Nachricht, dass der Prozess in erster Instanz gewonnen wurde. Der Film endet mit einem Abschiedsfest zu Ehren Andrews, an dem neben dessen Angehörigen auch Miller und seine Familie sowie Bob Seidman teilnehmen.

Rezension

Von dem Filmemacher, der zwei Jahre zuvor mit Jodie Foster in der Hauptrolle „Das Schweigen der Lämmer“ inszeniert hat, darf man natürlich einiges erwarten, was das hochsensible Thema mit doppelter Diskriminierung aufgrund homosexuell und AIDS-infiziert sein angeht. Aber „Das Schweigen“ ist in seinem Werk eher ein Einzelfall und er stach ansonsten vor allem mit Filmen über Persönlichkeiten der Musikwelt hervor. Musikalisch geht es auch in der wohl berührendsten Szene von „Philadelphia“ zu, als Andrew Beckett in Anwesenheit seines Anwalts Opernmusik hört und seine sensiblen und synästhetischen Züge offenlegt, die nach meiner Ansicht bezüglich der LGBTI*-Personen nicht bloß Klischee sind. Der Anwalt hingegen zählt selbst zu einer Minderheit, die gerade in unseren Tagen mit „Black Lives Matter“ gegen Diskriminierung kämpft – und es gibt ein paar Stellen im Film, in denen man sieht, wer versucht, von den anwesenden Weißen respektiert zu werden, indem er ebenfalls über Schwule herzieht bzw. ein wenig mitgeht, wenn es zu Witzen kommt. Es ist das alte Lied, dass nach unten getreten wird, wenn es um den Platz an der Sonne geht. Jeder ist froh, (vermeintlich) nicht mehr das letzte Glied in der Kette der Diskriminierten zu sein.

Es kommt durch das Zeigen solcher Umstände auch zu recht peinlichen Momenten, in „Philadelphia“, die nach Ansicht von US-Kritikern vor allem dazu dienen sollen, den Film einem Massenpublikum verständlicher zu machen, der Score von „Metacrictic“ beträgt denn auch angesichts des wichtigen Themas und der hochkarätigen Hauptdarsteller eher zurückhaltende 66/100 – allerdings auch deshalb, weil eine sehr negative Kritik dabei ist (10/100). Roger Ebert hat den Film, wie bei ihm häufig zu beobachten, vor allem wegen seiner Ambitionen hoch angesetzt (88/100): Wenn man auch AIDS gegenüber sehr negativ eingestellt ist, Tom Hanks und Denzel Washington können helfen, die Erkrankung verständlicher zu machen. Das müssen sie auch, denn es gibt einige Schwächen, die durch die herausragende Darstellung von Hanks und die überzeugende Leistung von Washington immerhin gemildert werden. Auch ich halte dem Film zugute, dass er 27 Jahre alt ist, und das ist in Anbetracht der Entwicklungen seitdem, wie der Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe in den USA und auch hierzulande, angesichts der Tatsache, dass nun jeder weiß, dass AIDS nicht durch die Luft übertragen werden kann oder durch Hautkontakt, doch eine lange Zeit. Es war damals ein neues und ziemlich heißes Thema und keine Überraschung, dass der Film in der Clinton-Ära entstand, in der sehr offen für mehr Politcial Correctness eingetreten und in der die Identätitspolitik heutigen Stils geboren wurde. Geplant wurde er wohl schon in der Amtszeit von George Bush senior, atmet aber ganz den hochherzigen und manchmal auch etwas zuckrigen Stil der nachfolgenden Jahre.

Deswegen wird mit ziemlichem Nachdruck die Betroffenheit des Zuschauers bearbeitet und wird der junge Anwalt, den die Krankheit erwischt hat, sehr positiv dargestellt, einerseits – aber in einem wichtigen Moment, als es um „verschuldet oder nicht verschuldet“ geht, kommt er ins Straucheln und der Film auch. Trotzdem, wir sind im Jahr 1993 und „Schuld“ ist in Amerika sowieso ein großes Wort, während wir hier hoffentlich immer mehr dazu kommen, von Verantwortungsbewusstsein als von moralischer Verwerflichkeit im Sinne einer aus der Bibel abgeleiteten Verfehlung zu sprechen, wenn es nicht gerade um den strafrechtlichen Schuldbegriff geht. Dieser enthält bei vielen Delikten keinen moralischen Aspekt bezüglich der Motive, wohl aber bei Tötungshandlungen, wenn es darum geht, auf Mord zu erkennen. Ich erinnere mich gut, dass in jenen Jahren, als AIDS virulent wurde, die absichtliche oder in Kauf genommene Ansteckung Dritter mit AIDS als Körperverletzung, Körperverletzung mit Todesfolge – oder doch im Sinne einer absichtlichen Tötung aus niedrigen Beweggründen in Einzelfällen auch Mord? – häufig besprochen wurde. Jemand weiß also, dass er an dem Virus erkrankt ist, hat aber dennoch weiterhin ungeschützten Geschlechtsverkehr. Das kann man auch Andrew Beckett unterstellen, zumindest lässt der Film diesen Schluss zu. Mindestens aber kann davon ausgegangen werden, dass er sich infiziert hat, obwohl das anfangs tatsächlich als „Schwulenkrebs“ bezeichnete Phänomen in diesen der Community schon kannte, bevor es an die breite Öffentlichkeit gelangte. Mir wäre es lieber gewesen, man hätte diesen Aspekt weggelassen – aber in den USA muss einfach die Schuldfrage so besprochen werden, wie wir es in dem Film sehen, das ist  heute nicht viel anders und der Outcome ist oftmals reaktionärer als in „Philadelphia“.

Denn immerhin siegt am Ende Andrew Beckett mit Hilfe seines im Verlauf doch sehr engagierten Anwalts. Allerdings aus dramaturgischen Gründen zu spät und es kann nicht sein, dass erst bei der Konferenz der Jury der Vorsitzende der Jury darauf hinweist, dass man doch wohl kaum einem Junganwalt ein so wichtiges Mandat wie dasjenige, das hier in Rede steht – die zivilrechtliche Klageschrift war zwz. abhandengekommen – anvertraut, nur, um zu testen, ober er endlich performt. Solch einen für das Renommee der Kanzlei wichtigen Fall übergibt man nur denjenigen, denen man eine sachkundige Bearbeitung jederzeit zutrauen darf. Daran hätte sich Joe Miller schon während der Verhandlung viel mehr festbeißen müssen, um den Arbeitgeber von Beckett unglaubwürdig aussehen zu lassen. Außerdem wird in diesem Zusammenhang nicht darauf insistiert, dass man einem so jungen Mann doch in der explizit als beste der Stadt bezeichneten Kanzlei eine Partnerschaft anbietet, die nur durch Leistung, nicht durch sich einkaufen zustande kommt, wenn man nicht ganz und gar von ihm überzeugt ist. Alles, was die Kanzleibosse hier tun, steht auch ohne Diskriminierungsaspekt auf sehr wackeligen Füßen und man hätte die Doppeldiskriminierungskarte vielleicht gar nicht ausspielen müssen – wenn es eben nicht aus ethischen Gründen und wegen der Edukation der Zuschauer*innen als notwendig erachtet worden wäre. To hire and to fire ist zwar in den USA eher Usus als bei uns (immer noch), aber so, wie es hier gezeigt wird, riecht es nach Sabotage und ist es auch. Anstatt Szenen wie die Entblößung der Brust von Beckett im Gerichtssaal zu bringen, hätte man das Gerichtsdrama stärken können, indem man mehr auf die genannten Aspekte abhebt und / oder darauf, dass die Beklagten keine einzige weitere konkrete Fehlleistung von Beckett ins Spiel bringen als ebenjenes kurzzeitige Verschwinden einer Klageschrift. Heute wäre das noch unglaubwürdiger, angesichts der Sicherungsvorgänge sensibler Daten, die mittlerweile üblch sind.

Dass ich die teilweise gruseligen Darstellungen mit Schwulenwitzen peinlich fand, lag wohl auch daran, dass das Thema zu jener Zeit in meinem häuslichen Umfeld zwar ablehnend (auf der katholischen Seite) oder sehr zurückhaltend (auf der protestantischen) diskutiert wurde, aber man niemals Witze oder diskriminierende Bemerkungen über irgendeine gesellschaftliche Gruppe – Ausnahme: die Faulenzer – von sich gegeben hat, wohingegen wir als Kinder untereinander beim Erzählen der seinerzeit modernen Ostfriesenwitze nicht gedacht hatten: Vorsicht, Diskriminierung einer regionalen Gruppe!

Finale

Sensible Sprache fördert sensibles, weniger wertendes und diskriminierungsfreies Denken, daran besteht kein Zweifel. Aber diese bessere Sprache muss aus Überzeugung angewendet werden, muss wirklich angekommen sein, und darf nicht von der Politik missbraucht werden, um Probleme zu kaschieren und nicht von verschiedenen Menschen, die sich für einflussreich halten, um ein Meinungsdiktat herbeiführen zu wollen. Denn in der privaten Arbeitswelt, weniger vielleicht im Öffentlichen Dienst, lassen sich immer Wege finden, um so zu diskriminieren, dass es „wasserdicht“ ist und nicht so plump gemacht wie in „Philadelphia“ von einer Kanzlei, welche doch die Spitze der juristischen Finesse in jener Stadt von 1,6 Millionen Einwohnern (aktueller Stand) darstellen möchte. Es ist also eine Frage der gesellschaftlichen Übung und der demokratischen Einstellung, wie man alle Gruppen respektiert, ohne einer von ihnen zuzubilligen, dass sie Sonderrechte hat oder sich welche anmaßt, die zu faktischer Ungleichheit führen, und sei es im Sinne der Gleichberechtigung.

Wegen Tom Hanks und Denzel Washington sollte man sich „Philadelphia“ anschauen, außerdem ist er ein sehr gutes Zeitdokument und positioniert sich selbstverständlich auf der richtigen Seite, wie die A-Filme aus Hollywood es meistens tun – das heißt aber, wie wir wissen, nicht, dass dadurch der Alltagsrassismus verschwinden würde. Früher waren Filme der 1970er nicht so mein Ding, heute schäze ich die damalige Vorgehensweise von „New Hollywood“, endlich die harte Realität zu zeigen, aber ohne sie zu sehr zu kommentieren oder mit dem erhobenen Zeigefinger unterwegs zu sein. Es ist der tägliche Alltag, der es weisen muss und in dem wir uns anderen gegenüber zugewandt verhalten müssen, nicht, was wir nach dem Anschauen eines Films vielleicht für ein paar Stunden toll finden, solange, bis uns eingeüte negative Muster wieder unter ihrer Kontrolle haben.

73/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Wikipedia

Regie Jonathan Demme
Drehbuch Ron Nyswaner
Produktion Jonathan Demme
Edward Saxon
Musik Howard Shore
Bruce Springsteen
Neil Young
Kamera Tak Fujimoto
Schnitt Craig McKay
Besetzung

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