Red River (USA 1948) #Filmfest 306 #Top250

Filmfest 306 A "Concept IMDb Top 250 of All Time" (34)

Mit „Red River“ haben wir einige Zeit verbracht – weil wir ihn sicher über die Jahre vier oder fünf Mal angeschaut haben, bis es zur nachfolgenden Rezension kam. Und jedes Mal war das Feeling zu dem Film ein anderes. Interessanterweise kam es nun zu einer Art Kreisbewegung: Heute verzeihen wir dem Film wieder einiges, was uns vor einem oder zwei Jahren, bei der letzten Sichtung, genervt hat.

Zum Beispiel seine teilweise schrägen Dialoge, die offenbar nicht überwiegend aus einer schlechten deutschen Synchronisierung herrühren, sondern schon beim Original von Kritikern bemängelt wurden. Nun haben wir ohnehin gerade einen Western mit John Wayne aus dem Jahr 1948 vorgestellt („3 Godfathers„), der nicht der Kavallerie-Triologie von John Ford angehört. Das ist bei „Red River“ ebenfalls so, zusätzlich stammt er nicht von John Ford, sondern von Howard Hawks. Wie ist dieser für einen John-Wayne-Film jener Jahre geardezu atypische Film bei uns angekommen? Darüber ist mehr zu lesen in der -> Rezension.

Handlung

Der Rancher Thomas Dunson und sein Pflegesohn Matthew „Matt“ Garth wollen eine Herde mit über 9000 Rindern verlustfrei von Texas über den berühmten Red River nach Missouri bringen. Dies wird zu einer ungeheuren Strapaze für Mensch und Tier. Dunson fordert seinen Leuten alles ab. Er glaubt sogar, über Leben und Tod seiner Cowboys bestimmen zu können. Nach der Überquerung des Flusses will er zwei aufmüpfige Cowboys aufhängen lassen. Mutig stellt sich ihm sein Pflegesohn entgegen.

Es kommt zu Streitereien, die so weit gehen, dass Dunson sich mit Matt entzweit und ohne seinen treuen Gehilfen Groot in der Prärie zurückbleiben muss. Matt bringt die Rinder über den Chisholm Trail nach Abilene (Kansas) zur Bahnlinie der Kansas Pacific Railway. Dunson hat inzwischen Rache geschworen und verfolgt Matt. In Abilene kommt es zum Showdown zwischen Vater und Sohn. Durch das Eingreifen von Tess, die Matt zwischenzeitlich vor Indianern gerettet hatte, gelingt es den beiden jedoch sich zu versöhnen.

Rezension

Rassismus und Verherrlichung des Raubtier-Kapitalismus diesem Film. Indianer? Lästig. Müssen Rinderherden und weißem Besitzdenken weichen. Überfallen Trecks. Weil sie wissen, was ihnen blüht, wenn sie zu viele Weiße am Leben lassen. Ein Native American dient als „Comic Relief“, aber selbst der ist tückisch, weil er dem armen Walter Brennan die dritten Zähne nur zum Essen überlässt, die dieser an ihn verzockt hat.

Und wie die faktische Inbesitznahme von Land vermutlich recht realistisch, aber mit einer geradezu lächerlichen Rechtfertigung dargestellt wird, das kann man in einer Zeit, in welcher der Kapitalismus, der in diesem Film hochlebt, sich immer mehr reorganisiert, nicht wirklich cool finden. Gebrochen wird das sicherlich am Ende, als der moderate, moderner wirkende Matt Garth seinen Ziehvater Thomas Dunson in die Schranken weist und sogar eine Frau eine starke Rolle übernimmt, aber es dauerte noch einige Jahre, bis im Western ernsthaft über die Legalität einiger Pioniertaten nachgedacht und der Rassismus gegenüber Native Americans, Mexikanern und anderen Ethnien wenigstens abgeschwächt wurde.

Dazu passt aber wunderbar, und es ist gleichzeitig eine der Stärken des Films, dass John Wayne hier eine der negativsten Figuren seiner langen Karriere spielt. An seiner Pionier-Rancher-Figur kann man sich wirklich reiben und den Vater-Sohn-Konflikt nachspielen, der den Film dramaturgisch in seiner zweiten Hälfte mehr trägt als der gefahrvolle Trail von Texas nach Kansas, wo die Herde letztlich ankommt, wo Garth sie zum Verkauf bringt – und nicht in Missouri, wo Dunson sie hintreiben wollte.

„Red River beschreibt den Übergang zur arbeitsteiligen Produktionsweise (Aufzucht, Versand, Verkauf) in der Viehwirtschaft. Auf politischer Ebene ist das der Übergang von der Feudalherrschaft Dunsons (Wayne) zur bürgerlichen Herrschaft Matts (Clift), auf psychologischer Ebene der Vatermord durch den Sohn. Der Film endet etwas unmotiviert, aber geschichtlich passend, mit dem Erscheinen der Frau am Beginn ihrer Emanzipation“ (Enno Patalas, zitiert nach der Wikipedia)

Bezüglich der Dramaturgie hat unsere Einstellung zu dem Film interessanterweise am meisten gewechselt. Mittlerweile finden wir sie wieder genial. Dieses lange Dahinziehen mit der riesigen Herde wirkt realistisch und gewaltig überdehnt zugleich, wie alles, was zu den Westernmythen zählt, und dann kommen immer wieder die plötzlichen emotionalen Höhepunkte wie die unvergleichliche „Yipiiiiaaaaah!“-Szene oder die ziemlich unvermittelt aufflammende Liebe zwischen Matthew Garth und Tess, die nach dem gefahrvollen Treck, den Streitigkeiten und Todesfällen innerhalb der Treibergemeinschaft, der Nässe, der Hitze, der Erschöpfung der Stampede, dem (zweiten) Indianerüberfall, mitten im Konflikt zwischen Garth und Dunson endlich etwas Erlösendes in den Film bringt. Das ist viel besser, als wenn sich eine Lovestory durch den Film hindurchgezogen hat und spiegelt außerdem die verlorene Liebe von Dunson, eine zweite Chance, jetzt doch noch Nachkommen zu erzeugen – wenn auch nicht auf die von ihm gedachte, typisch materialistische Weise, sondern durch seinen Ziehsohn Matthew.

Ganz sicher ist „Red River“ einer der pathetischsten Western, die bis dahin gedreht wurden und weist auf die 1950er mit ihren langen, epischen Filmen und auf die Zunahme an Melodramatik und Überhöhung hin, die während dieses Jahrzehnts einen Höhepunkt erreichte, der in gewisser Weise viel realistischer und glaubwürdiger wirkt als heutige Hollywoodfilme. Denn nicht die Realität, sondern die Einstellung zu den Dingen des Lebens war damals noch ziemlich frei vom heutigen Zynismus und obwohl man mit der Zeit gelernt hat, das auf dem Bildschirm Gezeigte zu relativieren, waren Filme wie „Red River“ der Auftakt zu einer sozusagen endgültigen Selbstdefinition der USA nach dem Ende der Great Depression und des Zweiten Weltkrieges. Deswegen wirken die bedenklichen Elemente in diesem Film nicht weniger bedenklich, aber man spürt mit nie versiegender Faszination die Kraft, die in diesem Land und in seinen Kinostücken steckte und die es in mehreren konservativen Rollbacks seit den 1980ern immer wieder zurückzugewinnen suchte, anstatt sich in einer veränderten Welt neu zu definieren (wie es die aktuelle Obama-Administration wenigstens in in kleinen Schritten immerhin versucht – der nächste Rückfall ist aber schon abzusehen, insofern ist die Geschichte von Dunson und Garth, den Fackelträgern verschiedener Prinzipien, welche bis heute in den USA miteinander um die Vorherrschaft ringen, noch nicht zu Ende geschrieben).

Ursprünglich sollte Gary Cooper den Thomas Dunson spielen, was insofern logisch erscheint, als er direkt nach dem Zweiten Weltkrieg ein Superstar war, Wayne hingegen noch auf dem Weg dorthin. Der lange Weg nach Kansas hat ihm dabei erheblich geholfen. Sicher hätte Cooper den Mann einen Tick sympathischer gemacht, aber hätte er auch das bedrohlich Sture und Kompromisslose von Dunson so rübergebracht, und hätte die Chemie mit Walter Brennan, dem wichtigen Sidekick und Narrator so exzellent funktioniert, wie sie es in „Red River“ und mehreren späteren Paarungen der beiden Schauspieler getan hat? Und wäre der Kontrast zu Montgomery Clift, der hier seine erste Kino-Hauptrolle spielt, so dynamisch und spannend gewesen? Durchaus, wie die epische Rolle von Gary Cooper als Sheriff Will Kane im Echtzeitfilm „Zwölf Uhr mittags“ vier Jahre später.

Sicher hätte der Film auch mit dieser Besetzung funktioniert, aber eine bessere als diejenige, die wir hier sehen, können wir uns nicht vorstellen, auch wenn John Waynes Auftreten letztlich auf seinem wirklichen Charakter beruht und insofern kein Schauspiel ist. Die letzten Szenen, in denen er feststellen muss, dass sein Ziehsohn ihm in vielen Dingen überlegen ist, waren sicher nicht einfach für Wayne. Wobei man berücksichtigen muss, dass der endgültige Aufstieg zu einem der ganz großen Stars eben damals noch nicht erfolgt war und erst die gleichzeitig mit „Red River“ startende Kavallerie-Trilogie von John Ford Wayne in die Position versetzte, sich die Rollen mehr oder weniger aussuchen zu können.

Zur epischen Wirkung des Films trägt zweifelsohne die Narration bei, die interessanterweise von den kurzen Texststellen abweicht, von den Aufzeichnungen, die wir immer wieder eingeblendet sehen. Offenbar hat „Groot“inzwischen schreiben gelernt, denn zu Beginn des Trails konnte er ja nur ein Kreuz machen, als er sich in die Payroll eintrug. Einer der vielen Tricks in einem Film, der durchaus mit Subtexten arbeitet, die man teilweise erst nach mehrfachem Anschauen aus dem Unbewussten hervorkramen kann. Mehrmals gucken hilft wirklich, nur dadurch fiel uns auch auf, dass der gleichmäßig und in einer gewollt monotonen Sprechweise vorgetragene Narrationstext von diesen Aufzeichnungen abweicht. Zunächst schoben wir das auf die Synchronisation, bevor wir noch einmal nachdachten und zu dem Schluss kamen, dass es einen Grund haben muss, dass diese aufgeschriebenen Zeilen immer nur so kurz eingeblendet sind, dass man sie kaum komplett lesen kann: Wir meinen, sie sollen einen Auszug aus Memoiren darstellen, die „Groot“ lange nach dem Ende des Rindertrieb-Abenteuers verfasst hat, durch den Treck zu Wohlstand gekommen, auf der „D/M“-Ranch verblieben und dort im Kreis der Familie, die Matthew mittlerweile gegründet hat, einen ruhigen Lebensabend verbringend. Die Narration jedoch könnte sofort nach dem Ende der Handlung „entstanden“ sein, die pointiertere Wortfassung der Memoiren somit durch eine zunehmende Sprachmächtigkeit und Distanz von „Groot“ zum Geschehen verursacht, die im Lauf der Jahre eintritt. Auffällig wird der Unterschied an mehreren Stellen, zum Beispiel jener, an welcher in der Narration von Dunson noch nicht so klar von einem „Tyrann“ die Rede ist wie im Schrifttext mit seinem klareren und auch  mehr wertenden Stil.

Der Abenteuer- und Komödienspezialist Howard Hawks wird manchmal unterschätzt, aber seine Filme funktionieren auf und setzen sich zusammen aus verschiedenen Ebenen, und er appelliert bewusst an unsere Atavismen, wie die Männlichkeitsrituale, die „Red River“ oder „Hatari“ (1962) prägen, die manchmal sehr offensiven und über die Stereotypen der Zeit hinausragenden Frauentypen („Bringing up Baby“, 1938), und unsere Art, Ereignisse in zeitliche Zusammenhänge zu stellen, wozu sich ein beinahe epischer Film natürlich gut anbietet, der erst durch die Nachbetrachtung in Form der Narration wirklich seine epische Dimension vollendet.

Finale

Wir haben nicht alle Aspekte des Films behandelt, sondern einige herausgegriffen, die ihn nach allgemeiner Ansicht kennzeichnen und einige, die wir für memorabel hielten, weil sie nur auf eigener Beobachtung fußen. Sicher wird es auch von dieser Rezension noch einmal eine Überarbeitung geben oder eine neue Kritik, denn wir haben das Gefühl, mit Dunson und Garth sind wir noch nicht ganz fertig. Und auch nicht mit der schmissigen Musik von Dimitri Tiomkin, der mit Scores wie diesem den Standard für die – sic! – pathetischen 1950er gesetzt hat.

An diese mächtige Musik mussten sich Schauspiel und Inszenierung erst anpassen, und kennzeichnend ist, dass Tiomkin eine seiner ersten großen Musiken nicht für „Red River“ sondern etwas früher für den emotional und inszenierungstechnisch wesentlich mehr hyperventilierenden „Duel in the Sun“ (1946) geschrieben hat. Aber zu diesem besonders mythischen Western passt das „Wir überqueren die Furt“-Thema schon sehr gut.

83/100

© 2020, (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Howard Hawks
Drehbuch Borden Chase,
Charles Schnee
Produktion Howard Hawks,
Charles K. Feldman,
(Executive Producer,
ungenannt)
Musik Dimitri Tiomkin
Kamera Russell Harlan
Schnitt Christian Nyby
Besetzung

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