Das Mädchen auf der Treppe – Tatort 138 #Crimetime 885 #50JahreTatort 12 #Tatort #Duisburg #Schimanski #Thanner #WDR #Treppe #Mädchen

Crimetime 885 - Titelfoto © WDR

Knapp vorbei ist auch korrekt

Die Geschichte hat es so gewollt: Der Tatort ist 50 Jahre alt geworden – und der WDR packt einige seiner Perlen aus. Haferkamp kommt zu seinem Recht, Schimanski natürlich, Flemming aus Düsseldorf und es werden einige frühe Episoden mit den Köllnern Ballauf und Schenk gezeigt. Und mit dem Münster-Team, selbstverständlich und mit den Dortmundern. Nur Kressin hält man lieber raus. Warum eigentlich? Jedenfalls hätte er gewusst, was zu tun ist, als unvermutet ein Mädchen auf der Treppe sitzt. Soweit das Klischee. Was macht Nach-Nachfolger Schimanski mit dem Mädchen und wie gut ist der Film im Vergleich zu anderen Tatorten und anderen Schimanski-Fällen?

Ich kenne noch nicht alle Schimanski-Tatorte (das trifft auch 2020 noch zu, obwohl vor einiger Zeit gerade diejenigen gezeigt wurden, die von den Fans nicht als Highlights angesehen werden), aber dieser hier ist schon recht speziell. Das ist Schimi zwar sowieso, es gibt bis heute keinen Ermittler und keine Ermittlerin, den oder die man als direkten Nachfolger oder direkte Nachfolgerin bezeichnen kann. So, jetzt haben wir das mit den männlichen und weiblichen Formen aber geschafft. Die PoC hätte allerdings eine Benennung der Geschlechter in umgekehrter Reihenfolge erfordert. Whatever, mehr zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung

Als Schimanski abends vom Dienst nach Hause kommt, sitzt ein Mädchen bei ihm auf der Treppe. Es ist die 17jährige Katja. Ihre Mutter, Geschäftsführerin des Spezialitätenrestaurants „Hawaii“, ist ermordet worden, ermordet auf eine Weise, die auf sehr persönliche Motive des Täters schließen läßt. Katja, die eine intensive Bindung an ihre Mutter hatte – ihren Vater hat sie nicht gekannt -, ist tief verwundet. Sie schirmt sich ab durch gespielte Flapsigkeit.

Schimanski und Thanner müssen sich zwangsläufig um Katja kümmern: Man ist hinter ihr her, sucht etwas, das in der Wohnung der ermordeten Mutter nicht gefunden worden ist. Es geht um Rauschgift. Das Restaurant war ein Großumschlagplatz für Drogen. Katjas Mutter wollte aussteigen, mit zwei Kilo Kokain als Kapital für die Zukunft und mit der Drohung, die Polizei zu informieren, wenn man sie nicht in Ruhe lasse. Großdealer und mutmaßlicher Mörder von Katjas Mutter ist Straub, Besitzer des Restaurants „Hawaii“. Man wird ihn erwischen – es ist nur eine Frage der Zeit.

Aber dann stellt sich heraus, daß die Zusammenhänge viel komplizierter sind. Die Polizei ist jetzt dringend auf Katjas Hilfe angewiesen.

Rezension

Was also macht Schimanski mit dem Mädchen auf der Treppe und wie ist der Film im Vergleich zu anderen Tatorten und anderen Schimanski-Fällen?

Ich kenne noch nicht alle Schimanski-Tatorte, aber dieser hier ist schon recht speziell. Das ist Schimi zwar sowieso, es gibt bis heute keinen Ermittler und keine Ermittlerin, den oder die man als direkten Nachfolger oder direkte Nachfolgerin bezeichnen kann. So, jetzt haben wir das mit den männlichen und weiblichen Formen aber geschafft. Die PoC hätte allerdings eine Benennung der Geschlechter in umgekehrter Reihenfolge erfordert.

Politisch korrekt war Schimanski übrigens, trotz seiner Fäkalsprache. Seine Ansichten waren immer genau diejenigen, welche die ARD ihren Zuschauern übermitteln wollte. Aber auch das Wort Scheiße kommt in „Das Mädchen auf der Treppe“ nicht oder ganz selten vor, und das ist doch überraschend. Schimi wirkt überhaupt vergleichsweise zahm, säuft nicht, prügelt sich nicht, sondern ist doch ein guter Kumpel mit Verständnis für eine knapp 18jährige Göre, die ihn und seinen Thanner ziemlich nervt. Wir haben es beim Tatort Nr. 138 also mit der soften Form des Schimansikismus zu tun. Dazu passt natürlich, dass das Mädchen sich in den Bullen verlieben darf, das war doch sowieso mal fällig, und das ist man Götz Georg auch schuldig gewesen.

Eine gewisse Eitelkeit liegt schon in dieser Kommissar-Figur und ob sie schauspielerisch so herausragend dargestellt ist, wie viele Fans denken, weil sie so authentisch wirkt, da bin ich mir nicht sicher. Es ist ja auch eine Art Selbstdarstellung, viel mehr als bei den meisten anderen Tatort-Schauspielern, die wir sehen. Sicher aber ist Schimi originell und war in seiner Zeit nicht nur umstritten, sondern war auch sehr zeitbedingt. Ich würde nicht sagen, dass er einen Trend gesetzt hat, wenngleich heutige ErmittlerInnen anders sind als vor 45 Jahren, als das Tatortwesen sich aus der öffentlich-rechtlichen und damals einzigen Fernseh-Ideenwerkstatt auf den Weg machte, um den Sonntagabend der Deutschen an sich zu reißen. Anfangs allerdings nur etwa mit einer Premiere pro Monat, deswegen hat dieser Film aus dem Jahr 1982 auch die Nummer 138 (Beginn der Reihe war 1970).

Auch das muss man berücksichtigen, wenn man einen solchen Tatort heute anschaut, dass die neuen Krimis noch Ereignisse waren – ohne als solche klassifiziert zu sein („Event-Tatort“), um sie von den übrigen 40 Filmen pro Jahr unterscheiden zu können, die mittlerweile pro Jahr neu auf den Bildschirm kommen. Was 1982 in einem Tatort am Sonntagabend kam, wurde am nächsten Morgen in den Betrieben und vielleicht auch in den Schulen wirklich diskutiert, da muss heute schon einiges passieren, auch wenn die Fanszene so groß ist wie bei keinem anderen deutschen Fernsehformat und es allein in Berlin eine zweistellige Anzahl von Tatort-Kneipen gibt.

Was die Zuschauer 1982 zu dem Film gesagt haben, wissen wir nicht, denn damals trieben sie sich noch nicht in Internet-Foren herum, um ihre Meinung kundzutun, aber aus heutiger Perspektive hat dieser Film für mich sofort eine Art innere Schlagzeile evoziert: Es gibt Krimis, die sind zeitlos. Es gibt Filmklassiker, die wirklich viel älter sind als jeder Tatort, die kann man heute noch schauen, ohne dass irgendetwas seltsam daran wirkt, denn man erkennt das Universale und Überzeitliche in ihnen. Manche Films werden mit der Zeit sogar immer wertvoller und manchmal auch kultiger. Das trifft auch auf einige Tatorte zu, die niemals ihren Reiz verloren haben. Unter ihnen gibt es aber zwei Kategorien. Die eine wird von den Krimis gebildet, die eben, wie gute alte Kinofilme, überzeitlich wirken, das ist allerdings eine kleine Minderheit, weil man nämlich sehr aufs Zeitkolorit geachtet hat und nie neutral bleiben wollte. Deswegen dominiert die zweite  Kategorie, die Tatort-Klassiker mit Echt-Feeling, ihre Entstehungszeit betreffend. Dazu zählt aus den den 1970ern z. B. „Reifezeugnis“. Dennoch könnte man den Film mit ein paar Abwandlungen so heute auch noch drehen.

Dann aber gibt es Werke, die wären zehn Jahre zuvor ebenso undenkbar gewesen wie zehn Jahre später, und zu jenen rechne ich „Das Mädchen auf der Treppe“. Selbstverständlich spielt damit auch die typische 1980er-Figur Schimanski eine Rolle, der, wie alle anderen außer dem Täter, Bart trug. Schnauzer, versteht sich, kein Vollbart zuzüglich Mopp auf dem Kopf, wie ein anderer Mitwirkender. Aber das waren haarige Zeiten, keine Frage. Aber die Aufmachung und die Attitüde des Mädchens Katja, die sind wirklich in einem ganz schmalen Zeitfenster angesiedelt, das von etwa 1981 bis 1985 liegt. Zuvor und danach wäre die Figur so nicht gegangen. Und ich weiß, wovon ich rede, und ich finde sie auf ihre Art authentisch. Ihre Attitüde als Quälgeist, der nach emotionalem Zugang sucht, in einer Zeit, in der Alleinerziehende und allein ihr Ding machende Menschen häufiger wurden, ein Wesen zwischen Mädchen und Frau, das nach einer Identität sucht und dafür die Stufe der Exzentrik durchläuft und sich mit ihrer Art und ihrem Outfit abgrenzt und schützt, die ist gut angelegt. Der Jargon, die Gesten, die Mimik, irgendwie trifft es den Ton jener Zeit. Unterstützt natürlich durch eine Disco-E-Musik, die in unseren Tagen geradezu chillig wirkt und etwas psychedelisch, die damals aber etwas Neues war. Und die Milchshakes!

Absoluter Echt-Charakter. Das war genau die  Zeit, in welcher die Schnellrestaurants aufkamen und diese Shakes waren so ziemlich das einzige Getränk, das es vorher in der Form nicht gab und sie werden auf nette Art in den Film eingebaut, so, wie es heute auch unmöglich wäre, indem „Hänschen“ die Bestellung für Katja aufnimmt.

Man bemerkt es schon, die Krimihandlung hat bisher keine Erwähnung erfahren. Als plötzlich im Lift Günter Lamprecht auftaucht und dann überhaupt nicht mehr, ist eigentlich schon alles klar, zumal die anderen Verdächtigen am Tod von Katjas Mutter doch alle irgendwie nicht passen – und dann wird, nachdem der Fall bereits gelöst scheint, nochmal eins drauf gesetzt und seltsam dysfunktionale Entführungsversuche organisiert. „Laterne, Laterne“, kann man da nur sagen, aber auch das ist irgendwie niedlich.

Für mich hat „Das Mädchen auf der Treppe“ seine Spannung eindeutig aus der persönlichen Konstellation Schimanski-Katja-Thanner bezogen, nicht aus der seltsamen Hintergrundgeschichte, und der Krimi ist tatsächlich die Hintergrundgeschichte und das Persönliche dominiert.

Finale

Ein besonderer Tatort ist „Das Mädchen auf der Treppe“ gewiss, aber man ist nicht so weit gegangen, wirklich Sex zwischen Schimanski und Katja zu inszenieren. Ich kann mir gut vorstellen, dass man letztlich nach einigem Hin und Her doch davon abgesehen hat, den nächsten Aufreger nach der Schimanski-Figur an sich zu platzieren, nachdem die beiden immerhin schon nebeneinander im Bett liegend zu sehen sind. Sie allerdings nicht nackt, in dieser Hinsicht gab es schon Tatorte mit mehr Explizitem. Für mich zählt der 138. Tatort zu denen, die eher etwas seltsam als herausragend sind, aber er ist gar nicht unspannend und mir hat das Zuschauen bis zum Schluss vor allem deshalb Spaß gemacht, weil der teilweise surreale Plot und die Reaktionen der Menschen in ihm den Reiz des Unberechenbaren hatten.

7/10

© 2020 (Entwurf 2016) Der Wahlberliner, Thomas Hocke
 
Kriminalhauptkommissar Schimanski – Götz George
Kriminalhauptkommissar Thanner – Eberhard Feik
Hänschen – Chiem van Houweninge
Pit – Günter Lamprecht
Straub – Jörg Hube
Katja – Anja Jaenicke
Wolli – Jan Fedder
Leo – Erich Bar
u.a.

Drehbuch – Martin Gies
Regie – Peter Adam
Kamera – Sepp Vilsmeier
Ausstattung – Monika Bauert
Schnitt – Ingrid Broszat
Produktionsleitung – Michael Senftleben
Produzent – Hartmut Grund

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