Duell der Gringos (The Last Challenge, USA 1967) #Filmfest 308

Filmfest 308 A

Spätes Exemplar eines klassischen Westerns

Der Schauspieler Glenn Ford ist uns allen durch die männliche Hauptrolle in dem legendären Film noir „Gilda“ (1946) bekannt. Die Frau, die ihn verrückt machen durfte, war Rita Hayworth. Eine Neuauflage dieses Themas mit demselben Personal gab es 1953 („Affair in Trinidad“)

Glenn Ford blieb bis in die 70er Jahre ein bekanntes Gesicht und ein A-Schauspieler in Hollywood. Die beeindruckendste Leistung, die wir bisher von ihm sahen, war die des engagierten Pädagogen Richard Dadier in „Blackboard Jungle“ (1955). Für die FilmAnthologie haben wir bisher „The Sheepman / In Colorado ist der Teufel los“ (1958) rezensiert.

Immer wieder drehte er neben solchen Filmen in den 50ern und 60ern nicht nur Western, sondern sogar ein bestimmtes Muster – auch in „Duell der Gringos“, wie der Film im Deutschen heißt. Stets ist er der Mann, der schnell schießen kann, wenn’s sein muss. Unter allen Umständen möchte er vermeiden, dass er tatsächlich von der Waffe Gebrauch machen muss, doch es kommt einer in die Stadt, der fordert ihn letztlich heraus – so auch dieses Mal, als der junge, schießwütige Lot McGuire auftaucht. Am Ende kommt es zum Duell zwischen den beiden Schnellschützen, wie der deutsche Titel es unmissverständlich aussagt.

Nachdem wir zuletzt „Valdez“ aus dem Jahr 1971 besprochen haben („Mit eiserner Faust“ aus dem Jahr 1968 wird demnächst folgen, beide mit Burt Lancaster in der Titel- bzw. Hauptrolle) besprochen haben, die am Übergang zwischen dem klassischen und dem Spätwestern entstanden sind, gehen wir wieder um ein Jahr zurück, denn die entscheidenden Veränderungen nicht nur in diesem Genre, sondern beim Übergang der klassischen Ära zu „New Hollywood“ ergaben sich genau in jenen Jahren.

Handlung

Das Städtchen Suwora im Südwesten der USA im Jahr 1877. Lot McGuire, ein junger Revolvermann, reitet in die Stadt, um den Marshal Dan Blaine herauszufordern. Er trifft den Marshal außerhalb der Stadt und freundet sich, trotz seiner Absicht, die er Blaine mitteilt, mit ihm an. Blaine ist ein ehemaliger Revolverheld, der zehn Jahre im Gefängnis saß und dabei Reue gezeigt hat. Er sieht in McGuire ein Spiegelbild seiner selbst als junger Mann. Erfolglos versucht er ihn von seiner Absicht abzubringen.

Als McGuire den Falschspieler Calloway erschießt, heuert Blaines Freundin, die Tänzerin Lisa Denton, Ernest Scarnes an, der McGuire töten soll. McGuire verletzt seinen Attentäter tödlich und erfährt von der Auftraggeberin. Er verspricht Lisa, Blaine nichts zu verraten, als er erfährt, dass Lisa Blaine helfen will. Lisa hat Angst um ihren Freund und will McGuire nun selber erschießen. Doch Blaine kann sie daran hindern. Er stellt sich dem Duell mit seinem jungen Herausforderer. Blaine gewinnt. Am nächsten Tag wirft er seinen Revolver auf den Sarg von McGuire, der gerade beerdigt wird und verlässt die Stadt. Lisa blickt ihm mit Tränen in den Augen hinterher.

2020-08-14 Filmfest ARezension

Mehr als zehn Jahre vor „The Last Challenge“ war Glenn Ford in einer ganz ähnlichen Rolle in „The Fastest Gun Alive“ zu sehen, einem Schwarzweißdrama, in dem der Konflikt des friedliebenden Mannes, der seine Vergangenheit als Revolverheld hinter sich lassen möchte, eindringlich dargestellt wird. Er ist in der Stadt nur ein Krämer, ein Ladenbesitzer, und die waren seinerzeit, wenn man diesem und anderen Filmen glauben darf, in der sozialen Hierarchie nicht gerade oben – unter anderem wohl deswegen, weil sie nichts oder nicht viel von dem legendären, weiten Land besaßen, wegen dem die Menschen aus dem alten Europa ausgewandert und unter großen Strapazen gen Westen gezogen waren, und weil sie eher friedliebende als kämpferische Naturen waren.

Schließlich outet sich dieser Gemischtwarenhändler unter großem inneren Druck und alle seine Freunde, die ihn immer aufgezogen haben wegen seiner pazifistischen Haltung, sind verblüfft.

In „The Last Challenge“ liegt der Fall ein wenig anders. Dan Blaine ist vom Bankräuber früherer Tage  zum Marshall geworden. Als solcher muss er damit rechnen, dass er zum Einsatz seiner Waffe gezwungen wird. Die Logik der Abschreckung ist also insofern intakt, als jeder weiß,  wie schnell er ist. Dass er den Herausforderer persönlich mag und den Kampf mit Revolvern vermeiden möchte, ist der Konflikt in „The Challenge“.

Der Film selbst ist stringent aufgebaut und die Handlungen der Beteiligten sind nachvollziehbar – mit Ausnahme wohl der des jungen Mannes Lot McGuire. Blaine versucht, den Jungen zu analysieren und zu belehren, da erkennen wir den pädagogischen Ansatz wieder, den dieser nett aussehende, kumpelhaft, ernst und verständnisvoll wirkende Glenn Ford wie kaum ein anderer Schauspieler der Zeit verkörpern konnte und der seine schönste Ausprägung in „Blackboard Jungle“ aus 1955 fand.

Was in den bedingungslos melodramatischen 50er Jahren vielleicht ein packender Film geworden wäre, wirkt 1967 müde. Ein später traditioneller Western, mitten in der Ära des Aufbruchs, in dem bereits der neue Realismus Einzug hielt, die Sprache und die Charaktere sich veränderten und das Genre bereits von seiner italienischen Spielart dominiert wurde: die durch karge Landschaften ziehenden Typen waren gleichermaßen lakonisch und stilisiert und drückten sich ohne große psychologische Analysen in ihren meist tödlichen Handlungen aus.

„The Last Challenge“ wirkt, wie der Originaltitel – vermutlich unfreiwillig – andeutet, wie eine letzte Herausforderung an das klassische Genre, in ruhigen, traditionellen Bildern, in Panavision und von der MGM herausgebracht, dessen konservativer Stil schon seit einiger Zeit mit dafür verantwortlich war, dass das einst führende Studio hinter andere Produktionsfirmen zurückfiel. Wie das Mono-Recording und die Kürze des Films belegen, war er allerdings auch keine Prestigeproduktion. Die Figuren sind noch ganz traditionell erzählt. Vor allem aber ist der Film dialoglastig, was einem Western nicht steht.

Es ist gerade die Stärke dieses Genres, existenzielle Situationen, die überzeitlich und nicht landesgebunden sind, in die einfache Zusammenhänge archaischer Gemeinschaften stellen zu können, die sich gerade erst herausbilden, aus dem Nichts entstehen, jenseits einer vorhandenen Zivilisation. Ebenso kann man die Figuren grobmaschig stricken, ohne dass sie deswegen unglaubwürdig wirken, denn die Menschen, die damals durch die Welt zogen, waren gewiss auch in der Realität so auf ihr Ziel des Überlebens und den Aufbau einer neuen Existenz fokussiert, dass sie als Charaktere auch dann authentisch wirken, wenn sie nicht unzählige Brüche sichtbar ausleben und über alles endlos reflektieren und moralisieren, wie es in „The Last Challenge“ Glenn Ford tut.

Der Western kann also darstellen, ohne viele Worte machen zu müssen. Doch das hatte man 1967 offenbar vergessen, so dass der Westernkontext einerseits aus Versatzstücken früherer Filme zusammengefügt wirkt, andererseits künstlich daherkommt, weil ein Konflikt wie der vorliegende z. B. in einem Jetztzeit-Kriminalfilm zeitgemäßer hätte ausgestaltet werden können, in dem ein Mann des Gesetzes versucht, einen jungen Outlaw zu bekehren.

1967 war die liberale Ära, die kurz vor der Zeit der Kennedy-Präsidentschaft angebrochen war, in voller Blüte, es war das Jahr des „Summer of Love“. Inhaltlich ist der Film ganz dem pazifistischen Tenor der Filmschaffenden in jener Zeit verpflichtet, doch er ist sehr elegisch, in Moll, und stellenweise schimmert auch der alte Geist durch. Besonders anhand der Darstellung von Afro- oder hispanischen Amerikanern, insbesondere aber von amerikanischen Ureinwohnern merkt man, dass man sich zwar Mühe gab, den  Zeitgeist in der Hauptlinie des Films zu adaptieren, aber dass er nicht von jungen, politisch hochaktiven Autorenfilmern gemacht wurde, sondern von einem Regisseur, der ungeheure 185 Streifen inszeniert hat, von denen keiner heute besser denn als gutes Mittelmaß angesehen wird. Ein kapabler Handwerker, der seine Filme nicht als hohe Kunst verstand oder gar missverstand, war er aber gewiss, sonst hätte er nicht diese stattliche Anzahl von Produktionen, vornehmlich für die MGM, zusammengebracht. „Duell der Gringos“ war sein letzter von diesen vielen Filmen.

Richard Thorpe hat Tarzan ebenso gefilmt wie kleinere MGM-Musicals, seine heute noch bekanntesten Werke sind vermutlich „Ivanhoe“ (1952) und „The Prisoner of Zenda“ (1953), die durchaus Charme und Romantik auf die Leinwand bringen – interessanterweise hatte Thorpe in vielen seiner Filme Schauspieler aus der ersten Liga zur Verfügung, die seinen Filmen Flair und Hochwertigkeit gaben, die aber selten zu den Hauptwerken dieser Schauspieler zählten. Handwerklich ist Thorpe eindeutig ein Mann der 40er und 50er Jahre und hat mit all seinen Filmen die eine oder andere Oscar-Nominierung eingefahren, speziell auf dem Höhepunkt seines Schaffens, den frühen fünfziger Jahren, doch niemals persönlich eine Auszeichnung gewonnen.

Diese Durchschnittlichkeit merkt man bei durchaus ansehnlichen Schauspielleistungen auch „The Last Challenge“ leider deutlich an, zudem fehlt die zwingende, steile Dramaturgie, die einige seiner Filme aus den 50ern gemäß alter Hollywoodschule noch aufwiesen. Dass am Ende der Marshall einfach davonreitet, ist zwar ein gerne genommenes Westernklischee, aber bei einem Ordnungshüter nicht sehr logisch. Wenigstens hätte er den Stern in den Sand werfen müssen, wie es in Fred Zinnemans legendärem „High Noon“ der legendäre Gary Cooper in der legendären Rolle des Sheriffs Will Kane tat.

Allerdings hätte das in diesem eher symbolarmen Spätsechziger-Western denn doch sehr aufgesetzt gewirkt und hätte als eindeutiges Zitat für unfreiwillige Komik sorgen können – und Komik oder auch nur Humor in Form von Ironie dem gealterten Genre gegenüber ist „The Last Challenge“ komplett fremd. Auch die Rituale, besonders der Showdown, sind ganz und gar frei von der Distanz einerseits und der Stilisierung andererseits, die 1967 zwei Wege darstellten, mit denen man den Western renovieren und in eine neue Zeit führen wollte.

Gealtert wirkt auch Glenn Ford als Marshall Dan Blaine. Sein Gang, seine Mimik und die Art zu reden, sind die eines älteren Mannes, so hat er seine Marshallfigur sicher bewusst gespielt. Auch sein Outfit ist ähnlich dem, das er im Jetztzeit-Western „The Rounders“ aus 1965 trug, der ihn zusammen mit Henry Fonda als in die Jahre kommenden Cowboy zeigt. Durchaus möglich, dass Ford die wenig martialisch wirkende Cowboy-Kleidung wollte, um moderner und auch friedlicher zu wirken als sein Herausforderer, dessen Stil man eher mit der Zeit um 1880 assoziiert, in welcher „The Last Challenge“ angesiedelt ist. Dass der Marshall immer noch schnell ziehen kann, obwohl er ansonsten eher bedächtig wirkt, nimmt man ihm ab und dies ist das Verdient von Glenn Ford, der seine wache, beobachtende Mimik in einen interessanten Kontrast stellt. Hinzu kommt, dass er tatsächlich der Hollywoodschauspieler war, der am schnellsten einen Revolver ziehen konnte, schneller als etwa John Wayne. Diese Bewegungsgeschwindigkeit hat ihn für „Fastest Gun“-Filme prädestiniert.

Er ist innerlich, bei allem Interesse, das er seinerseits an seinem jungen Herausforderer hat, ein Mann alter Schule. Dass seine Geliebte Lisa (gespielt von Angie Dickinson) einen Outlaw anheuert, damit dieser den Gegner vorzeitig zur Strecke bringt, nimmt er als Beleidigung seiner Ehre auf, nicht etwa als die Liebestat, die ihn hätte dazu bekehren können, endlich sesshaft zu werden, den Job zu wechseln und eine friedliche Familie mit Lisa zu gründen. An einer Stelle wird ausgiebig über den Wert von Menschen reflektiert, die Argumentation schlingert etwas und die moderne Konsequenz, zu verzeihen und sich zu wandeln, die vollzieht die Figur Blaine nicht, sondern verlässt die Stadt. Das passt schlussendlich zum Abgesang-Charakter des Films.

Als persönliches Zitat wird Glenn Ford der Satz „The Western is a man’s world and I love it“ zugeschrieben und auch der korrespondiert gut mit seiner Haltung gegenüber der Frau, die ihn liebt und damit, dass er behauptete, nie eine Figur, sondern immer nur sich selbst zu spielen. Das war es aber wohl nicht, warum er trotz seiner andauernden Popularität nie für einen Oscar nominiert wurde, denn viele frühe Hollywoodschauspieler waren in erster Linie ihrem eigenen Image verpflichtet, das sie durch alle ihre Rollen hindurch pflegten. Der erste US-Filmstar, dem ein Imagewandel gelang und der dadurch ganz nach oben kam, war wohl Humphrey Bogart, der sich zu Beginn der 40er Jahre vom finsteren Schurken zum lakonischen, gebrochenen Typ mit romantischer Ader entwickeln durfte.

Auch Ford hat nicht nur einsame Westerner gespielt, doch es ist schon so, dass er stets einen gewissen Grundtypus verkörpert hat, der in Varianten auf seiner sympathischen Ausstrahlung fußt.

Finale

„The Last Challenge“ ist ein Standardfilm ohne Highlights, die Inszenierung oder die Formsprache betreffend. Er ist angenehm zu sehen, weil John Ford und Chat Everett ihre Rollen ausfüllen, wohingegen Angie Dickinson, so hübsch sie auch ist und so sehr sie das Geschehen auch beeinflusst, keine hervorzuhebende Präsenz entwickelt. Gleiches gilt für den gesamten Film. Es gibt zum Beispiel keine dichte Atmosphäre, die an die Stelle von Aktion treten und den Zuschauer binden könnte, sondern wirkt elegisch und zollt der Zeit nur insofern Tribut, als sein Ende etwas unbefriedigend ist – eine sehr typische Kombination der letzten Old-School-Hollywoodfilme ab etwa Mitte der 60er Jahre.

Da der Film für einen Western wenig Aktion enthält, könnte man auch in die Versuchung kommen, ihn als Charakterstudie zu sehen – dazu sind aber auch Fords und Everetts Rollen grundsätzlich zu glatt angelegt, was gerade dadurch auffällt, dass Fords Marshall Blaine ein aufgeklärter Typ mit pazifistischer Einstellung sein möchte, der differenziert über Gewalt und ihren Einsatz denkt, aber letztlich alle konventionellen Westernmuster erfüllt. Ford als Schauspieler hat sich in den Dienst der Sache gestellt und das Beste aus seiner Rolle gemacht.

Ob der Western wirklich durch seine reflexive Art erwachsener wirkt als frühere Werke, oder ob Filme wie „The Last Challenge“ eher eine Fehlentwicklung innerhalb des Genres darstellen, ist vielleicht Geschmacksache, aber es wird einen Grund haben, dass diese Linie des Dialogkinos über innere Zustände in anderen Genres bis heute fortbesteht, nicht aber im Western. Die Neowestern etwa eines Clint Eastwood sind wieder viel näher an den archaischen Urzuständen, die das uramerikanische Genre einst so aktionsgeladen und packend gemacht haben.

„The Last Challenge“ war auch der letzte Film von Regisseur John Thorpe, auch er war vielleicht etwas müde, als er zum 185. Mal auf dem Regiestuhl Platz genommen hatte und hinterlässt uns ein Werk, das wir verfolgt haben, ohne unsererseits müde zu werden, aber aufgewühlt waren wir ebenfalls nicht von dem, was sich in der um mehr als zehn Minuten gekürzten und damit bereits verdichteten deutschen Version auf dem Bildschirm abspielte – jede einzelne der Westernroutinen, die wir in „The Last Challenge“ sahen, wurde in anderen Werken des Genres stärker präsentiert.

55/100

© 2020, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Richard Thorpe
Drehbuch Albert Maltz
Robert Emmett Ginna
Produktion Richard Thorpe
Musik Richard Shores
Kamera Ellsworth Fredericks
Schnitt Richard W. Farrell
Besetzung

 

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