Endspiel – Polizeiruf 110 Episode 305 #Crimetime 886 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #München #Tauber #Obermaier #BR #Endspiel

Crimetime 886- Titelfoto © BR, Kerstin Stelter

Es ist das Endspiel

Da auch der Polizeiruf mal einen Fußballkrimi braucht, dachten wir – wo einen hochklassigen Film mit diesem Thema inszenieren, wenn nicht in München? In „Endspiel“ rollt aber kein einziges Mal das runde Leder oder Plastik, vielmehr ist es der letzte Fall des Kommissars Jürgen Tauber, dargestellt von Edgar Selge, sowie seiner Co-Ermittlerin „Jo“ Obermaier, gespielt von Michaela May. Als der Film gedeht wurde, war der Abgang des Paares wohl mindestens in der Diskussion. Das Drehbuch stellt – sic! – am Ende doch nicht konsequent darauf ab, sondern lässt noch einmal alles offen. Mehr zum Film, auch Überraschendes, steht in der -> Rezension.

Infos zum Film (ARD-Text)

„Endspiel“ ist der 17. gemeinsame „Polizeiruf 110“ von Michaela May und Edgar Selge. Hinter ihnen liegen herausragende, preisgekrönte Filme, die eine ganz besondere Farbe ins Fernsehspektrum brachten: Der politisch brisante „Gelobtes Land“, 2001, nominiert für den Grimmepreis und ausgezeichnet von Amnesty International. „Tiefe Wunden“ und „Pech und Schwefel“, für die Edgar Selge den Deutschen Fernsehpreis 2003 erhielt. Dominik Grafs eindringlicher „Er sollte tot“, 2006, mit dem Rosalie Thomass entdeckt wurde, oder jüngst der hochgelobte „Rosis Baby“. 

Ihren Abschied feiern Michaela May und Edgar Selge unter der Regie eines der renommiertesten deutschen Kino- und Fernsehregisseure: Andreas Kleinert („Wege in die Nacht“, „Polizeiruf 110 – Rosis Baby“). Das Buch zum großen Finale schrieb der mehrfach ausgezeichnete Autor Alexander Adolph („Tatort: Der oide Depp“ „Die Hochstapler“). Als Produzent fungiert Andreas Bareiss für BurkertBareiss/TV60Film.

Drehbeginn für „Endspiel“ war am 11. November, Ausstrahlung am 8. November 2009 im Ersten.

Handlung

Tauber hat einen neuen Kollegen, der ihn daran erinnert wie er selbst einmal war: Unkonventionell, frech, mutig und nicht so müde und duckmäuserisch, wie Tauber sich gelegentlich fühlt, wenn er abends nach Hause fährt.

Matthias Kurtz arbeitet beim Dezernat für organisiertes Verbrechen. Er ist überzeugt davon, dass der Tod seines Exkollegen Harald kein Selbstmord war, sondern das Mordkomplott eines gewissen Herrn Jankowski. Angeblich ist dieser Jankowski Münchens größter Drogenhändler, was weder der Staatsanwalt noch Jo Obermaier so richtig glauben wollen. Doch ausgerechnet der misstrauische Tauber erliegt dem Charme des jungen Kollegen, lässt sich von ihm auf illegale nächtliche Touren mitnehmen und übersieht dabei, dass Jo im Begriff ist, sich versetzen zu lassen. Denn Tauber glaubt an Matthias Kurtz.

Bis Kurtz vor Taubers Augen einen Tatverdächtigen erschießt und den entsetzten Tauber zum Komplizen erklärt. Taubers vermeintliches Alter Ego ist ein hochintelligenter, schwer korrupter junger Mann, der Tauber missbraucht hat, um seinen, Matthias Kurtz’ Ruf und den seiner Abteilung zu retten. Aber Tauber spielt nicht mit. Und plötzlich hat Tauber alle gegen sich. Bis auf eine einzige Kollegin, die Obermaier heißt. Aber was kann man tun, wenn es keine Beweise mehr gibt?

Rezension

Der verlorene Arm von Jürgen Tauber spielt in diesem Film eine enorme Rolle. Erstmals seit Langem trägt er wieder die Prothese. Aber wenigstens bei seinem Abschiedsfilm sollten wir erklären, wie es zum Verlust des Armes kam:  „Einige Jahre ist es her, daß Jürgen Tauber seinen Arm bei einem Einsatz verloren hat. Damals jagte er drei Bankräuber über die Dächer Münchens. Einer der Bankräuber allerdings war eine wunderschöne Frau: Katja Trenk, die eben nicht nur in Sekundenschnelle das Geld aus dem Tresor des Hotels, sondern auch Tauber das Herz und den Verstand geraubt hatte. Nach einem lebensgefährlichen Kampf mit den beiden anderen Bankräubern «Jako» (Thure Riefenstein) und dessen Bruder Zach Brenner (Wolfgang Maria Bauer), die Katja aus Taubers Armen rissen, hat Tauber nicht nur seine große Liebe, sondern auch einen Arm verloren. Sein fehlender Arm bleibt für immer das Symbol für seine verlorene Liebe und der Phantomschmerz auch ein Ausdruck seiner seelischen Qualen.“ Dieser Ausschnitt stammt aus der Antwort von jemandem, der sich auf „Gute Frage“ dazu geäußert hat.

Die Symbolik, die am Ende des Zitats erwähnt wird, passt gut zu dem, was wir in „Endspiel“ gesehen haben: Hoffnung kommt auf, Tauber macht sich heraus, dann die Erkenntnis, die Trauer über den Verrat und das Ende von allem, wie wir wissen. Das Ende einer Ära, die vor der Zeit lag, in der wir uns mit den deutschen Fernsehkrimi-Reihen Tatort und Polizeiruf 110 befasst hatten. Der Abschied des Teams Obermaier und Tauber fand 2009 statt, seit 2011 rezensieren wir Tatorte, erst 2019 haben wir die Parallelreihe Polizeiruf 110 dazugenommen. Bisher haben wir erst einen Film mit Tauber und Obermaier gesehen, das war „Scharlachroter Engel“, der aber gleich vermittelt hat, wie gut die München-Polizeirufe sind und die Darsteller, die in ihnen eingesetzt werden. Dass wir Edgar Selges Abschied nicht mehr als zehn Jahre später betrauern, liegt vor allem daran, dass er in Matthias Brandt als Hanns von Meuffels einen würdigen Nachfolger gefunden hat. Interessant und ganz gegen die allgemeine Tendenz, dass man dabei von einem nahezu gleichberechtigten Ermittlerpaar auf einen männlichen, weißen Einzelgänger gewechselt hat. Auch wenn dieser sich hin und wieder einer weiblichen Person, gar einer Polizistin, angenähert hat – er blieb die dominierende Figur bis zu seinem eigenen Abschied 2019.

Der 305. Polizeiruf ist ein intensiver Film, in dem die Charaktere alles sind, der Fall ziemlich zurücktritt, in dem manchmal auch etwas überzogen wird, wie zum Beispiel bei der Darstellung der Polizeitruppen, als es plötzlich so wirkt, als seien die Mordkommission und die Drogenfahndung eine Truppe, bei der die Drogenfahnder das emotionale Regiment führen – gegen Tauber, als der beginnt, in das dortige Korruptionsdickicht einzudringen. Das Motiv, dass Polizisten, die mit einem so einträglichen Verbrechen wie der Drogenkriminalität tagtäglich konfrontiert sind, auch etwas abhaben  und eine große Gerechtigkeitslücke auf die persönliche Art schließen wollen, ist nicht neu und wird auch ein wenig schematisch abgehandelt, trotz der Heraushebung des jungen Kurtz – der den gewieften Tauber erst einmal reinlege kann, indem er ihn in eine Situation bringt, die er für sich ausnutzt, um einen möglichen Informanten, einen der Bescheid weiß und auspacken könnte, zu erschießen.

Ob man die Polarisierungen und Konstruktionen des Films gut findet, ist auch Geschmacksache, aber einen der besten Darsteller zu würdigen, die je die Formate Tatort und Polizeiruf beglänzt haben, ist allemal angebracht. In Tatorten war Selge zusätzlich als Episodenfiguren-Darsteller zu sehen. Ein wenig hat Sylvester Groth wohl seine Drexler im Magdeburg-Krimi an Tauber ausgerichtet, aber das arg düstere Gesamtsetting mehrerer Brasch-Drexler-Filme hat es nicht ermöglicht, diese Darstellung so zu kultivieren und anzuheben, wie Selge es mit seinem einarmigen Polizisten Tauber tut. Dass der Tauber als Kriminaler vielleicht nicht maximal realistisch war, teilt er mit vielen heutigen Kommissar*innen, aber er war eine besonders literarische Figur, vielleicht noch mehr als sein Nachfolger von Meuffels, bei dem der Akzent zu einer nicht so gebrochen wirkenden Persönlichkeit hin verschoben wurde, aber das Leise und Intensive wurden beibehalten.

Finale

Uns bleibt jetzt, uns auf nicht weniger als 18 Tauber-Polizeirufe zu freuen, die wir noch nicht gesehen haben. Seit wir unsere Arbeit an der Reihe vor zehn Monaten gestartet haben, ist der Bayerische Rundfunk mit den Wiederholungen seiner Filme also recht sparsam umgegangen, vielleicht ändert sich das noch. Jedenfalls werden die Von-Meuffels-Krimis viel häufiger gezeigt. Die Tauber-Edition ist vielleicht aber auch typischerweise ein Pet der Kritiker. „Endspiel“ hatte bei Erstausstrahlung nur 5,48 Millionen  Zuschauer, bei heutigen Polizeirufen sind über 8 Millionen bei Premieren nicht selten, die Tatorte liegen im Schnitt bei ca. 9 Millionen, wenn sie erstmals auf den Bildschirm kommen.

Wir sind der Meinung, man muss nicht immer nur auf die Quote schielen, sonst hat das Ungewöhnliche, das Feine und das, was zum Nachdenken anregt, keinen Platz mehr. Darüber sollten auch mal diejenigen nachdenken, die den öffentlich rechtlichen Rundfunk kritisieren. Wir meinen nicht die Rechten, sondern unsere linken Freunde, die sich politisch von ARD und ZDF nicht selten falsch oder zu wenig dargestellt fühlen. Klar, die Nachrichtensendungen kann man für ihre Tendenz und die Themenauswahl kritisieren, aber für manches Magazin manches fiktionale Format rechtfertigt bereits die Gebühren von knapp 18  Euro monatlich. Das gilt auch für die Erhöhung die jetzt geplant und so umstritten ist, als ginge es ums Leben.

8/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Andreas Kleinert
Drehbuch Alexander Adolph
Produktion Andreas Bareiss,
Gloria Burkert,
Sven Burgemeister
Musik Andreas Hoge
Kamera Johann Feindt
Schnitt Gisela Zick
Besetzung

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