Der Fund – Polizeiruf 110 Episode 127 #Crimetime 888 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Grawe #Zimmermann #Fund

Crimetime xxx - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD (Der Film ist in Farbe)

Jener Schatz brachte niemandem Glück

Wir haben nun eine Pause von etwa sechs Wochen hinter uns, in denen wir nur Tatorte und Spielfilme rezensiert haben, unter anderem die Sherlock-Holmes-Reihe, die von 1939 bis 1946 entstand und Basil Rathbone in der Titelrolle zeigt. Der Ausstieg für eine Zeit hatte aber auch mit „Der Fund“ zu tun. Wir sind beim ersten Anschauen nicht mit dem Film klargekommen. Warum das der Fall war und wie es bei der Wiederaufnahme lief, unter anderem darüber schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung

Ein Mann wird an der Küste nach einem Streit erstochen und stürzt mit seinem Koffer einen Abhang hinunter. Der Täter raubt das Geld, das der Mann bei sich trägt und verscharrt die Leiche am Strand. Der Koffer bleibt jedoch verschollen. Neun Jahre später ermitteln Oberleutnant Lutz Zimmermann und Oberleutnant Thomas Grawe in der Gegend im Fall eines Bungalow-Einbrechers. Mehrfach hat der Dieb bereits zugeschlagen und zahlreiche, mehr oder weniger wertvolle Gegenstände geraubt. Der letzte Einbruch geschah im Haus von Professor Conradi, der in Berlin arbeitet und nur selten an die Küste kommt. Sein Sohn Holger jedoch nutzt das Haus regelmäßig für seine Frauenbekanntschaften. Rentner Gau kümmert sich ebenfalls regelmäßig um Haus und Hof. Die Ermittler finden unter einem Tisch eine alte Münze.

Holger meldet der Polizei erst später, dass er zufällig eine alte Tasche im Küstensand gefunden hat, in der sich 23 alte Münzen befanden. Er nahm Tasche und Münzen an sich. Betrunken wollte er mit einer dieser Münzen in einer Disko bezahlen. Das Geldstück fiel Sammler Harry Stresow auf. Die Tasche mit den Münzen wiederum wurde bei dem Einbruch in Professor Conradis Haus gestohlen. Nur die eine Münze auf dem Fußboden blieb, war sie Holger doch nach dem Diskobesuch aus der Tasche gefallen.

Uhrmacherin Anita Schilling erhält einen anonymen Anruf. Der Anrufer will ihren Mann Konrad Schilling sprechen, sei er doch wie er ein Sammlerfreund und habe von den Münzen erfahren. Anita erklärt dem Anrufer, dass ihr Mann seit längerer Zeit im Ausland weilt. Tatsächlich wartet sie bereits fast zehn Jahre auf seine Rückkehr. Einst hatte er sich laut Aussage seines besten Freundes Richard Lorenz überstürzt nach Schweden abgesetzt, da er in der DDR eine Strafverfolgung befürchtete. Aus Schweden schickte er Anita eine Postkarte und deutete an, nach Verjährung seiner Strafe zurückkehren zu wollen.

Lutz Zimmermann lernt an der Küste die junge Archäologin Roswitha Rütt kennen. Er zeigt ihr die Münze und sie erinnert sich, vor einiger Zeit eine ähnliche Münze bei einer ihrer Ausgrabungen gefunden zu haben. Sie lag unweit eines menschlichen Skeletts ohne Kopf, dessen Liegezeitbestimmung den Experten Schwierigkeiten bereitete. Auf Veranlassung von Oberleutnant Zimmermann wird das Skelett neu untersucht und es kann festgestellt werden, dass schwere Verletzungen des etwa 40-jährigen Mannes durch einen Sturz an der Kreideküste erfolgten. Bei einer großangelegten Such- und Ausgrabungsaktion wird auch der Schädel des Mannes gefunden. Unter anderem durch Analysen des Zahnbestandes kann das Skelett als die Leiche von Konrad Schilling identifiziert werden. Auch der Koffer mit den Münzen muss ihm gehört haben.

Anita erzählt ihren Freunden Erika und Richard Lorenz von dem Anruf und der Frage nach den Münzen. Sofort begibt sich Richard an die Küste. Wenig später wird der alte Rapsch überfahren aufgefunden und schwerverletzt ins Krankenhaus gebracht. Bei ihm findet sich das Diebesgut aus den Bungaloweinbrüchen, sodass dieser Fall gelöst werden kann. Rapsch hatte auch einen Teil der Münzen sowie Bargeld bei sich. Es stellt sich heraus, dass Rapsch und der alte Gau eng befreundet sind. Gau gibt nach einer Befragung zu, den Einbruch bei Professor Conradi fingiert zu haben. Er habe die Scheibe eingeschlagen und den Koffer mit den Münzen an sich genommen. Den Münzfund hatte er vor rund zehn Jahren selbst auf seinem Grundstück gemacht, den Fund jedoch nicht den Behörden gemeldet. Stattdessen verkaufte er die Münzen illegal an Konrad Schilling. Da sie nun wieder auftauchten, befürchtete er eine Strafverfolgung aufgrund seines damaligen Fehlverhaltens. Zudem versuchte er, Konrad Schilling telefonisch zu erreichen. Er gab die Münzen an Rapsch weiter, der vom damaligen ersten Münzfund wusste. Auch Richard Lorenz war der Münzspur bis zu Rapsch gefolgt und wollte ihm die Münzen nun abkaufen – vor neun Jahren war ihm dabei Konrad Schilling zuvor gekommen. Die Ermittler können schließlich Rapsch im Krankenhaus befragen, der angibt, Richard habe ihn umgefahren. Dieser wollte den Mitwisser aus dem Weg räumen. Schließlich kann nachgewiesen werden, dass Konrad Schilling nie die DDR verlassen hat. Richard fälschte die Postkarte aus Schweden, die er damals einem schwedischen Touristen mitgab. Er tötete Konrad Schilling, weil er meinte bei ihren illegalen Geschäften stets übervorteilt worden zu sein und bei diesem letzten Münzgeschäft einen größeren Anteil haben wollte. Oberleutnant Zimmermann hat nun die unangenehme Aufgabe, Anita mitzuteilen, dass sie fast zehn Jahre umsonst auf ihren Mann gewartet hat und dessen Mörder niemand anderes als der vermeintlich beste Freund war.

Rezension

Wir sind wirklich froh, dass die Wikipedia diese ausführlichen Handlungsangaben bereithält. Denn auch beim zweiten Anschauen hatten wir wieder Aussetzer. Da aber auch der neue Medienreceiver schon wieder randvoll ist, konnten wir keinen dritten Durchgang einplanen. Einfacher ausgedrückt:

Der Film ist überkomplex und unterspannend. Das Bemühen, eine ausgefeilte Plotkonstruktion zu basteln, ist deutlich spürbar, inklusive Rücksturz in die Tiefe der Zeit, aber schon der Beginn wirkt fahrig oder gewollt kniffelig, indem ständig neue Schauplätze und Figuren eingeführt werden. Auch die Ermittler Grawe und Zimmermann werden so gut wie nie zusammen gezeigt, vielmehr verfolgt jeder seine eigenen Spuren. Ein Wunder, dass die Übermittlung von Informationen in beide Richtungen so reibungslos klappt, (wenige Jahre) vor dem Handy-Zeitalter.

Zimmermann ist in diesem Film gut drauf, macht eine Strandbekanntschaft, die sich für die Lösung des Falls durchaus als hilfreich erweist, Grawe kommt nicht so zur Geltung und wirkt eher genervt von der Suche nach einem Datscheneinbrecher. Dabei gibt es doch Berührungspunkte zwischen dieser Serie und dem Mord, der vor fast einem Jahrzehnt geschah. Geklammert wird alles durch Taler, die um 1650 geprägt wurden und hier und da taucht wieder einer auf oder auch  mal 23 davon, in einem alten Koffer. Sicher ist das Szenario eines archäologischen Grabfeldes originell, die Idee, einen der Cops eine Liebesgeschichte beginnen zu lassen, ist in den DDR-Polizeirufen sehr selten umgesetzt worden, vieles an dem Film wirkt nett und beiläufig, aber vielleicht eben zu beiläufig, sodass es ins Unkonzentrierte tendiert.

Filme, die an der Küste spielen, sind grundsätzlich mit schönen Bildern gesegnet, außerdem ist „Der Fund“ sehr gut erhalten oder restauriert und auf Kinomaterial gedreht worden, das alles wirkt angenehm. Es fehlt nichts Wesentliches, was eine gründliche, wenn auch konservative Inszenierung ausmacht. Ein Nachteil ist jedoch das Übermaß an Figuren. Die lange Besetzungsliste ist zwar für Polizeirufe nicht untypisch, zumindest nicht in der Wikipedia-Version, weil man sich dort bemüht, alle Darsteller mit Sprechrollen in die Liste aufzunehmen, aber hier gibt es zu wenig prägnante, hervorgehobene Charaktere, wenn man von den beiden Polizeiruf-Stars Grawe und Zimmermann (Andreas Schmidt-Schaller und Lutz Riemann) absieht. Am meisten wird uns wohl der ABV mit seinem pensionierten Polizeihund Bella im Gedächtnis bleiben. Der Darsteller hat nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag, spielt aber einprägsam, hat eine markante Stimme – und ähnelt offenbar einem anderen Schauspieler, jedenfalls hatten wir das Gefühl, ihn schon gesehen zu haben.

Eine Auffälligkeit des Polizeiruf-Jahrgangs 1989 zeigt auch „Der Fund“. Der Film hält sich stark zurück mit sichtbarer Ideologie. Klar ist der Unternehmer der Mörder, das wussten wir in dem Moment, als sein Erfolg herausgestellt wurde. Wenn es solche Figuren gibt die sich sozial von den anderen unterscheiden, dann sind sie meist asozial, denn das, was sozial ist, wird sehr eng definiert. Dies ist eine Lehre, die man aus fast 20 Jahren DDR-Polizeiruf ziehen kann. Die Angehörigen höherer Einkommensklassen und Berufe werden weitaus häufiger als Täter gezeigt als einfache Arbeiter. Über sie hielt man die schützende Hand, wie es einem Arbeiter- und Bauernstaat zukommt. Eine ähnliche Tendenz gibt es auch in Tatorten, aber sie ist vor allem der heutigen Political Correctness geschuldet, in den ersten Jahrzehnten kamen die Täter aus fast allen Milieus, sogar aus migrantischen.

Vereinfacht wird die Generallinie des Arbeiter- und Bauernschutzes dadurch, dass es in Polizeirufen der DDR-Epoche meist nicht um Mord geht, sondern um Vermögensdelikte, bei deren Ausführung immer wieder ungewollte oder nicht geplante Körperverletzungen oder gar Todesfälle eintreten. Eine Ausnahme bilden die Jahrgänge 1984 und 1985, in denen man sich intensiv mit der Innenwelt von Jugendlichen befasst hat, die delinquent werden. Eine weitere Eingrenzung dieser Wahrnehmung dieser Wahrnehmung Anfang 2020, als der Entwurf für diese Rezension erstellt wurde: Uns fehlen noch weitgehend die Jahre 1980 bis 1983. Leider hat der MDR seine ziemlich komplette Wiederholungsserie des letzten Jahres mit dem Jahrgang 1979 vorerst enden lassen und der RBB ist gerade im Jahr 1989, wie wir an „Der Fund“ sehen. Mittlerweile ging es aber weiter und wir sind, bis auf ein paar „Ausreißer“, durch. Eine wesentliche Änderung der Eindrücke kam dadurch nicht zustande, allerdings: Gerade einige brisante Filme hat der MDR damals nicht gezeigt, das blieb jetzt dem RBB vorbehalten und die haben es insofern in sich, als Menschen gezeigt werden, die zum Beispiel triebhaft morden (z. B. in „Minuten zu spät“) oder es versuchen und damit aus dem üblichen Muster gesellschaftsdienlich / asozial fallen.

Da man Ende der 1980er auch stark variiert hat und einige ungewöhnliche Filme produziert, muss man „Der Fund“ als konventionell einstufen, auch wenn außer dem Spediteur als der Person, der man einen Mord zutrauen darf und die sogar versucht, eine weitere Person umzubringen, keine weiteren Stereotypen dieser Art zu erkennen sind.

Finale

Gemälde, Münzen und alte Uhren spielen in DDR-Polizeirufen häufig mit – als Objekte der Begierde. Meistens sind sie nicht so alt wie in diesem Fall und es handelt sich nicht um Grabungsfunde, sondern um bereits ausgestellte Stücke, die entwendet werden, einmal ging es auch um einen Oldtimer. Aber die Möglichkeiten sind im Sozialismus begrenzter, mit Sammelstücken Kapital zu bilden und zu binden, der gesamte Komplex der organisierten Unterwelt und der großen privaten Unternehmen mit ihren diversen Sünden entfällt.

Dafür ist die Plotkonstruktion freier als in den Tatorten, in denen man sich an das klassische Schema hält, das eine Leiche nicht zum Dessert, sondern als Apéritif vorsieht. Aber auch „Der Fund“ ist ein traditioneller Whodunit, der als Thriller sicher mehr Dynamik entwickelt hätte. Trotzdem war es nett, die zweite Generation der Ermittler wiederzusehen – die erste, Fuchs und Hübner, sahen wir dieses Mal gar nicht. Das ist eher selten, meist haben sie mindestens kurze Auftritte, in denen sie als Leitende Ermittler gezeigt werden oder Fälle delegieren; besonders auf Hauptmann Fuchs trifft das zu. Man vertraut hier ganz den vermutlich als Nachfolger gedachten Ermittlern, Fuchs wird lediglich einmal kurz erwähnt. An Grawe und Zimmermann liegt es aber nicht, dass der Film uns nicht mitreißen konnte.

6/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hans Knötzsch
Drehbuch Gerhard Stübe
Produktion Siegfried Kabitzke
Musik Rudi Werion
Kamera Günter Heimann
Schnitt Bärbel Bauersfeld
Besetzung

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