Um jeden Preis – Tatort 744 #Crimetime 889 #50JahreTatort #Tatort #München #Batic #Leitmayr #BR #Preis

Crimetime 889 - Titelfoto © BR / Hager Moss Film GmbH, Heike Ulrich

Die Bankrott-Ära und ihr hoher Preis

Um jeden Preis vielleicht nicht, aber mit viel Ambition hat man 2009, dem Jahr Eins nach der Lehman-Pleite, in München einen Wirtschaftskrimi gemacht. Einen echten Wirtschaftskrimi, nicht nur einen Tatort, der die Möglichkeit des Wirtschaftskrimis am Ende im politischen Niemandsland einer Beziehungstat verpuffen lässt. Und wie gelang der Wirtschaftskrimi? Darüber schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung

Der spektakuläre Selbstmord des Münchner Journalisten Rainer Truss schlägt hohe Wellen. Truss war bekannt für solide Recherchen an vorderster Front, wenn es darum ging, Missstände oder Korruption aufzudecken. Die Reporterin Ute Kropp wittert ihre Chance. Verzweiflungstat? Gebrochenes Herz? Ihre Zeitung zahlt einen Bonus für interessante Privatfotos und sachdienliche Informationen. Die übliche Schmutzkampagne droht. Auch wenn von höherer Stelle der Fall merkwürdig schnell als abgeschlossen betrachtet wird, es bleiben Ungereimtheiten. War Truss hinter einer neuen, brisanten Story her? Welche große Firma hatte er dieses Mal in der Schusslinie?

Die Münchner Hauptkommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr wollen die Dinge nicht auf sich beruhen lassen und ermitteln seine letzten Gesprächspartner. Sie stoßen auf den populären Gewerkschaftsführer Leo Greedinger, der offenbar engen Kontakt zu Truss hatte. Kriminalhauptkommissar Ivo Batic kontaktiert den Mann allein in der Oper – ohne Leitmayr – und das hat sehr persönliche Gründe. Denn Batic und Leo Greedinger kennen sich seit ihrer Kindheit.

Kann Batic unter diesen Umständen sachlich bleiben? Seine private Beziehung zur Familie Greedinger ist nicht frei von Gefühlen. Greedingers Vater Hans, ein überzeugter Gewerkschafter vom alten Schlag, ist noch rüstig. „Samstags gehört Vati mir“ ist eine der frühen Errungenschaften, die er mitgetragen hat. Er unterstützt die Aktivitäten des erfolgreich gewordenen Sohnes in jeder Hinsicht. Natürlich gibt es interne Auseinandersetzungen und Diskussionen über die unterschiedlichen Zielvorstellungen und besonders darüber, welches der beste Weg zum großen Ziel sein kann? Wie erreicht man in diesen Zeiten internationale Solidarität in einer globalisierten Welt? Die alten Seilschaften mauern.

Hauptkommissar Leitmayr geht gezwungenermaßen einen von Kollege Batic unabhängigen Ermittlungsweg. Er beobachtet die Vorgehensweise seines Freundes in diesem Fall genau. Aber auch Luca Panini, die temporäre italienische Fachkraft für organisierte Kriminalität, kommt zu Erkenntnissen, die den Tod des Journalisten neu beleuchten helfen. Leo Greedinger punktet auf seinem Karriereweg in jeder Hinsicht. Er wird von dem gewieften Strategen Max Stadler groß herausgebracht. Vorstandswahlen stehen vor der Tür und mit einem wie Stadler im Rücken, kann man nur gewinnen. Doch erfüllt von seiner Mission übersieht Leo die Neider und Intriganten in seiner Nähe.

Rezension

Wenn man genau hinschaut, auch das, was in Beziehungen schief läuft, ist ja zuweilen durch die Umstände bedingt, und die wiederum durchs System. Auf der Schiene dieser Form von Gesellschaftskritik fahren einige Tatorte. Hier aber hat man den direkten und zudem umgekehrten Weg gewählt. Wo es in Beziehungen kriselt, da ist das politisch-beruflich bedingt. Dort, wo beides keine Rolle spielt, sind auch die Beziehungen intakt. Es stimmt also nicht zwischen den machthungrigen Gewerkschaftern, es gibt nur Zweckbündnisse zwischen Wirtschaft und Gewerkschaft, zwischen einem alten Mann alter Schule und seinem Sohn kommt es zu Konflikten, weil der Sohne den berühmten Marsch durch die Institutionen antritt, weil man dadurch ja so viel mehr bewirken kann.

Erinnert uns das an etwas? An fett gewordene Alt-68er etwa? An Menschen, die ihre Ideale später ebenso leicht verrieten, wie sie sich selbige in jugendlicher Unbekümmertheit, manchmal auch Unverfrorenheit angeeignet hatten?

Die Gewerkschaft im Film ist als pars pro toto zu verstehen. Sie steht für alle politischen Institutionen, in denen man nur vorwärts kommt, indem man kungelt, illegale Handlungen unterstützt, Seilschaften bildet, eine Machtbasis erarbeitet oder auf verschiedene Weise erkauft. Wie soll der Mensch, der dies jeden Tag tut, nicht korrumpierbar werden und höhere Ziele als das eigene Vorwärtskommen aus den Augen verlieren?

Wir meinen, dass viele junge Leute durchaus mit echt guten Absichten in die Politik gehen, aber was dabei herauskommt, ist das, was wir jeden Tag sehen, weil das System zu sehr durch die Interessen der Wirtschaft dominiert wird. Wer anschafft, bestimmt auch, das weiß jeder. Und in der gegenwärtigen Form des Kapitalismus geht es um nichts anderes. 

Eine hübsch schwierige Aufgabe für Thomas Sarbacher, einen Gewerkschaftsmann modernen Zuschnitts zu porträtieren, der dieselben Ideale hat wie sein Vater, aber ganz andere Wege geht, um diese zu verwirklichen. Der dabei mit der Macht in Berührung kommt, mit ihr koaliert und sich in dem einen oder anderen Dilemma festfährt.

Darf man Korruption mittragen, wenn dadurch, zumal in Krisenzeiten, 5.000 wertvolle Industriearbeitsplätze gesichert werden? Darf man dafür sogar einen investigativen Journalisten erpressen? Die Macher von „Um jeden Preis“ haben ein Statement dazu abgegeben. Am Ende trägt die Polizei die Akten aus der Hauptverwaltung der Firma, die gerade einen lukrativen Vertrag mit „den Vietnamesen“ abgeschlossen hat. Um den zu kriegen, war einiges an Schmiergeld notwendig.

Gerade jüngst gab es wieder Bericht, wie sehr solche Gelder in bestimmten Weltgegenden unerlässlich sind, um voran zu kommen. Da ist nichts untertrieben. Eher wirkt das rigorose Vorgehen des Staates übertrieben. Denn es ist ja tatsächlich ein Unterschied, ob der Rechtsstaat hierzulande immer weiter durch Vorteilsnahme etc. unterwandert wird, oder ob man sich in Ländern bewegt, in denen die Schmierung des Systems nichts anderes als die übliche Vorgehensweise darstellt und wo man sich entweder an die Verhältnisse, die man nicht ändern kann, anpasst – oder draußen bleibt und diese besonders lukrativen neuen Märkte in Asien meidet.

Die Gesamtthematik der Lohnarbeit in den Zeiten des in allen Fugen ächzenden Kapitalismus wird gut angesprochen. Wir haben uns mit der Frage zu beschäftigen, ob der Gewerkschaftler Greedinger naiv ist oder nur noch Phrasen von sich gibt, vor den eigenen Kollegen oder vor dem Vater, einem Roten von altem Schrot und Korn. Ist es wirklich machbar, weltweit die Sozialstandards anzugleichen, sodass nicht massenhaft Arbeitsplätze in den alten Industrieländern durch das heutige, starke Lohngefälle verloren gehen? Wohl kaum. Eher schon sorgt der Mensch als eine Spezies, die nicht genug kriegen kann, ausgerechnet dafür: Weil in den aufstrebenden Ländern die Leute auch irgendwann mehr fürs Geleistete haben wollen als eine Schüssel Reis pro Tag, gleicht sich alles mit der Zeit sowieso an. Wir werden die Folgen dieser im Grunde unbedingt notwendigen Nivellierung noch am eigenen Geldbeutel spüren, aber das führt hier zu weit.

Wirtschaftliche Thematiken und Kreisläufe, die in der Tat nicht einfach zu bewerten sind, werden in „Um jeden Preis“ auf nachvollziehbare Weise angesprochen, etwas mehr Vertiefung hätte stellenweise nicht geschadet, aber die Spielzeit dafür ging für einen Austauschkommissar aus Italien drauf. Die bewusst strapazierten Klischees fanden wir ganz witzig, und man kann’s mit den komplexen wirtschaftlichen Zusammenhängen auch übertreiben und dann geht es zu sehr ins Spekulative.

Ohnehin musste, so hat man das Gefühl, die Inszenierung konventionell ausfallen, um die Grundzüge des Bermudadreiecks der Wirtschaft, der Exekutive und der Medien als vierter Gewalt sachlich so zu erläutern, dass der Zuschauer mitkommt. Wir schreiben bewusst nicht: Dass er sie versteht. Denn die Beteiligten verstehen sie ja, wie sich immer mehr herausstellt, selbst kaum noch, beschränken sich auf das, was die selektive Wahrnehmung zulässt und machen damit unglaublich viel kaputt.

So ist jede der Figuren in „Um jeden Preis“ ausgestattet und begrenzt. Man entscheidet sich für einen Weg. Der Unternehmensführer für das Geschäft und gegen die Weltethik, der Gewerkschafter für die Karriere und gegen den Protest von unten. Der alte Gewerkschafter umgekehrt. Ivo Batic, der den roten Karrieristen aus gemeinsamen jungen Jahren kennt, entscheidet sich dafür, plötzlich mit mehr mit dem Kollegen Leiti zusammen, sondern asynchron zu ermitteln und sogar Beweise zurückzuhalten, weil er den alten Freund Greedi erst einmal stützen will und nicht glaubt, dass dieser sehr tricky ist – auch wenn er keinen Mord begeht, er ist sozusagen der moralische Täter und man wird sehen, wie es am Ende strafrechtlich zu bewerten sein wird, dass er offenbar den Selbstmord des Journalisten Truss ausgelöst hat.

Wäre diese Verbindung zwischen dem Ivo und dem Moritz nicht gewesen, dann hätte am Ende auch nicht der Gag mit dem Film stattfinden können, der das Wesen des Moritz so gut erläutert. Das ist echter Schabernack, und falls diese Art von Profiling für Anfänger ernst gemeint sein sollte, müssen wir das leider wertmindernd berücksichtigen. Wir meinen, es war so halb und halb gedacht. 

Gerade, wenn man den Münchener Tatort zum Jahreswechsel 2012-2013 mit seiner ungewöhnlichen Plotanlage zum Vergleich heranzieht, dann muss man erst einmal innehalten und sagen: Leute, Tatort-Gucker, seid nett zu den Gelegenheits-Assistenten vom Ivo und vom Franz. Der Italiener ist notwendig gewesen, damit dieser Tatort etwas aufgelockert wurde. So! Wenn wir nämlich anfangen, an der Notwendigkeit dieses running gags (filmübergreifend gemeint) zu zweifeln, dann passiert das, was in „Der tiefe Schlaf“ (die letzte Münchener Erstausstrahlung mit der Nummer 856) so schockierend war: Die Drehbuchautoren bringen diese ambitionierten jungen Menschen einfach um.

Finale

Klar, Tatorte ohne Leichen sind kein wirklicher Fortschritt, aber wer 856 gesehen hat, der hat auch mitbekommen, wie betroffen dann die beiden Münchener Parade-Ermittler waren, als der junge E. ihnen während einer Alleinermittlung verloren ging. Da machen sie sich immer lustig über die Greenhorns, wie auch in 744 über den italienischen Kollegen – und dann das. Selbst der versierteste Mobber empfindet in dem Moment vielleicht noch etwas wie eine Gewissensregung. Naja, darauf bauen tun wir nicht, aber Ivo und Franz sind ja Gute, halt auf die bayerische Art.

Alles in allem sehen wir die Folge 744 nicht als eine der herausragenden an, die ja gerade in München immer wieder vom Stapel gelassen bzw. aus dem Waldhorn gepustet werden, man hätte mit literarischer Verdichtung hier viel bewirken können. So wirkt zwar das Thema gut gewählt und so dargestellt, dass wir diese Darstellung abkaufen, aber das Ganze ist auch etwas umständlich und dramaturgisch flach geraten. Verhaltene Begeisterung äußert sich immerhin noch in

7/10. 

© 2020, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Kriminalhauptkommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Kriminalhauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Hans Greedinger – Fred Stillkrauth
Luca Panini – Leonardo Nigro
Dörte Truss – Tanja Schleiff
Horst Bergmann – Alexander Duda
Ute Kropp – Petra Berndt
Dr. Erwin Rohpe – Christian Maria Goebel
Moritz Greedinger – Martin Stührk
Esther Greedinger – Berfin Öztoprak
Max Janussen – Hannes Hellmann
Dr. Suska Droemer – Petra Einhoff
Leo Greedinger – Thomas Sarbacher
Sabine Greedinger – Bettina Redlich
Dezernatsleiter – Christian Springer
Inge Greedinger – Claudia Lössln
Rainer Truss – Nikolas Benda

Regie – Peter Fratzscher
Kamera – Wolf Siegelmann
Buch – Christian Jeltsch
Musik – J. J. Gerndt

 

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