Glaube, Liebe, Tod – Tatort 769 #Crimetime 891 #Tatort #Wien #Eisner #ORF #Glaube #Liebe #Tod

Crimetime 891 - Titelfoto ORF, Petro Demenigg

 Paranoia in Eis(ner)grün

Uns interessiert erst einmal nicht, ob das Thema Sekten gerade ganz aktuell ist, ob es schon mehrere Tatorte dazu gab und wie oft Major Moritz Eisners Tochter dafür herhalten muss, dass der Major sich emotional weitaus stärker zu engagieren hat, als wenn sie nicht vor einigen Jahren bei ihm aufgetaucht wäre und seitdem die ungute Eigenschaft vorführt, immer für Unruhe bei diesem liebenswerten Grantler, notabene Eigenbrötler, zu sorgen. Wir beleuchten, wie der Tatort mit dem Thema jener gewissen Sekten umgeht und, das sei bei der Wiederveröffentlichung dieses Textes im Dezember 2020 hinzugefügt: Kommt uns das Phänomen Irrglaube angesichts der heillosen Verwirrungen unserer Tage nicht alles ohnehin ganz jetztzeitig vor? Jetztzeitig ist auch, dass Moritz Eisner nach „Glaube, Liebe, Tod“ Bibi Fellner als Verstärkung hinzubekam und heute kaum noch wegzudenken ist aus dem Wien-Tatort. Mehr zum letzten Solo für Eisner in der -> Rezension

Handlung

Unter äußerst mysteriösen Umständen wird die 23jährige Anna Kaber im Rohbau eines Einfamilienhauses am Boden liegend ermordet aufgefunden – ihr langes, blondes Haar ist wie ein Kranz ausgebreitet, sie trägt eine Halskette mit zwei ineinander gelegten Händen als Anhänger, am Tatort steht ein Kamerastativ und auf der Innenseite der Tür fehlt die Klinke. Zudem scheint in einem anderen Raum Wachpersonal gewohnt zu haben. Wurde die Studentin hier gefangen gehalten?

Der auffällige Anhänger führt Sonderermittler Moritz Eisner zu der Organisation „Epitarsis“, deren Logo dieses Hände-Symbol ist und zu deren Mitgliedern Anna gehörte. Doch „Epitarsis“-Chefin Katharina Leupold ist zum Einsatz äußerster Mittel bereit, um Schaden von ihrer weltweit agierenden, mächtigen „Glaubensgemeinschaft“ abzuwenden. Und sie hat einen einflussreichen Vertrauten bei der Staatsanwaltschaft. In ihren Händen befindet sich ein vertrauliches Dossier über Moritz Eisner. Obwohl sie ihm gegenüber bereitwillig ihre Mithilfe zur Aufklärung des Mordfalles erklärt, merkt er sehr schnell, dass alles ein abgekartetes Spiel ist und die Befragten das sprichwörtliche Blaue vom Himmel herunter lügen.

Als Eisners Tochter Claudia ihrem Vater erzählt, sie möchte Zuhause aus- und bei einer Studenten – WG einziehen, ahnt er nicht, dass dies eine geschickt vorbereitete Falle ist, um seine Ermittlungen zu durchkreuzen. Gutgläubig und ahnungslos ist Claudia auf das ebenso verlockende wie gezielt verdeckte Angebot eines weiblichen „Epitarsis“-Mitgliedes eingegangen. Als Eisner zu einer Hausdurchsuchung der „Glaubensgemeinschaft“ auftaucht, die er und andere als Sekte betrachten, wird er jäh gestoppt. Denn dem Polizeipräsidenten sind Fotos vom Besuch Claudias bei „Epitarsis“ zugespielt worden. So sieht alles nach dem privaten Rachefeldzug eines Polizisten aus. Eisner ist stocksauer und wütend zugleich, wie raffiniert jemand da die Fäden im Hintergrund gesponnen und ihn reingelegt hat.

Über Maria Levin von der „Arbeitsgemeinschaft Sekten und Kulte“ erfährt Moritz Eisner, dass Annas Vater seine Tochter selbst in dieses Haus gebracht hatte, um sie durch Gespräche vor laufender Kamera zur Abkehr von „Epitarsis“ zu bewegen. Und offenbar gibt es auf einem der Videos, das Maria Levin der Polizei schicken will, einen Hinweis auf den Täter. Aber der oder die Mörder sind schneller – sie wird ebenfalls erwürgt. Ein Foto bringt Moritz Eisner schließlich auf eine ganz heiße Spur zu „Epitarsis“. Mit einem ebenso raffinierten wie überraschenden Coup versucht diese Organisation jedoch, den Kopf in allerletzter Minute aus der Schlinge zu ziehen.

Rezension

Was uns aber wichtig ist: Welches Gefühl hatten wir beim Zuschauen? Es war alles da. Mitfiebern mit Eisner und starke Identifikation mit seinem Kampf gegen – letztlich – Windmühlen, trotz Mordaufklärung. Dann noch einmal wegen seiner Tochter Claudia, die in die Hände der „Epitaris“-Sekte gerät. Diese Ohnmacht, die Eisner zwischenzeitlich verspürt, die hat uns berührt und es war ein emotionaler Moment, als seine Tochter ihm dann zusicherte, doch lieber bei ihm bleiben zu wollen als in die Sekten-WG zu ziehen, deren Mitglied Anna Kaber zu Beginn des Films erwürgt in einem halbfertigen Reihenhaus gefunden wurde.

Die Spannung, das atemlose Hinschauen, das Spiel von Harald Krassnitzer als Moritz Eisner und der anderen Darsteller war stimmig, die Ermittlungen vielleiht ein wenig zu einseitig Richtung Sekte, die  Auflösung grandios. Es war die Sekte Epitarsis, die das Mitglied Anna, das abtrünnig zu werden drohte, auf dem Gewissen hat. Da diese Sekte bzw. deren führendes Personal aber kein Gewissen hat, läuft trotz Aufklärung alles ins Leere und am Ende wird klar, sogar die Justiz in Person eines Staatsanwaltes, der gleichzeitig ranghohes Mitglieder der österreichischen Sektion von „Epitarsis“ ist, wird infiltriert bleiben. Da kann man schon eine Paranoia entwickeln, die steht Eisner sowieso gut und wird in 2010 noch nicht durch die flirrende Bibi Fellner als Co-Ermittlern gemindert.

Eine Sache aber hat uns doch gestört. Die Sekte wird maximal manipulativ dargestellt und schreckt  vor nichts zurück. Aber wir meinen, es fehlt die Anziehungskraft für halbwegs intelligente Leute. Die Botschaften sind zu hart, zu trist, nicht in die emotionale Mitnahme verpackt, die eine Sekte insbesondere neuen Mitgliedern gewiss suggeriert. Gerade, weil die Zeiten so eisig geworden sind und Sekten auch deshalb eine Gefahr darstellen, weil sie Gemeinschaft signalisieren, ist diesbezüglich in „Glaube, Liebe, Tod“ der Glaube an die Sekte nicht richtig nachvollziehbar. Es wird nur mit Druck gearbeitet, um den Glauben zu erzeugen und mit diktatorischen Botschaften, aber eben nicht mit einer Vortäuschung von Liebe über die harten Prinzipien hinaus, wie es erfolgreiche Sekten mit Sicherheit drauf haben. Die Großveranstaltung im Schloss mit den Vorträgen internationaler Sektenvertreter macht besonders deutlich, dass hier inhaltlich zu wenig geboten wird – das Ganze wirkt öd und farblos, die Botschaften, die wir von echten Sekten durchaus kennen, haben einen Charme an der Gefriergrenze und die Vortragenden nicht einen Hauch von Charisma, wie man es braucht, um in unserem auf mediale Wirkung ausgerichteten Zeitalter Kolonnen von Anhängern hinter sich zu scharen.

„Glaube, Liebe Tod“ ist für uns der beste Eisner aus seiner Zeit ohne Bibi Fellner, den wir bisher gesehen haben. Wir schrieben oben darüber, dass eine gute Sekte mehr drauf haben muss als Infiltration, Manipulation, Druck und Prinzipien, die so sinister rübergebracht werden. Die außerdem ziemlich hohl wirken im Jahr 2010, weil sie nicht über das hinausgehen, was schon ganze an Selbstüberschätzung leidende Managergenerationen dazu verführt hat, Milliarden in den Sand zu setzen und Millionen Arbeitnehmer arbeitslos zu machen:

Die Verselbstständigung des sogenannten „Positiven Denkens“, das sich von Situationen, in denen es wirklich besser ist, positiv zu denken, um sie  zu bewältigen, zu einem beinahe abstrakten Credo verselbstständigt. Alles, was hier gezeigt  wird, ist in manchen Lagen und in Maßen nicht schlecht – Disziplin, die Schuld für Dinge, die man nicht auf die Reihe bekommt, erstmal bei sich selbst suchen und nicht immer bei anderen, Eigenverantwortung in Gemeinschaft, einer Sache dienen. Aber es gibt eben in einer gesund gelebten Realität für alles Grenzen und Ausnahmefälle und genau die kennt eine Sekte natürlich nicht – das macht Sekten generell und schon deswegen unsympathisch, weil alles, was hier verkündet und von treuen Anhängern gelebt wird, einen höchst totalitären Alleinwahrheitsanspruch hat.

Und Fanatismus jeder Art und im Namen eines jeden Gaubens ist gefährlich, egal, ob dieser Glaube als Religionsgemeinschaft anerkannt ist oder – wie etwas Scientology in Deutschland – diesen Status nicht hat. Da sind wir ganz bei den Machern von „Glaube, Liebe, Tod“.

Die hier gezeigte Sekte „Epitarsis“ ist eindeutig Scientology nachgebildet, und man bekommt gut vermittelt, was für Charaktere eine solche Gemeinschaft steuern müssen, damit der Laden läuft. Man weiß, dass es all diese Versuche, in die Gesellschaft einzudringen, und zwar auf möglichst hoher Ebene, auf Mitglieder Druck auszuüben, alles straff zu organisieren und die Mitglieder ständig zu indoktrinieren, dass es das alles wirklich gibt. Wir sind nun einmal fähig zu manipulieren und anfällig dafür, manipuliert zu werden. In einem solchen Spiel, wie es „Epitarsis“ hier treibt, kann im Grunde jeder mitmachen oder Opfer sein. Auch die radikalen Parteien, die einst so großen Zulauf hatten, haben im Grunde als Sekten angefangen.

Aber wie jene Parteien mit ihren – unwiderlegbar charismatischen – Führern muss da etwas mehr sein, sonst würden nicht so viele Leute freiwillig in den Dienst einer Sache treten, die nicht einfach ist, die viel Demut erfordert und außerdem so überzeugend dargestellt wird, dass Menschen ihr Ego zurückstellen und sich für diese Sache vorbehaltlos einsetzen. Heute gilt es noch mehr, das Ego mit allen Tricks zu überwinden als in jenen unguten Zeiten, in denen Parteien mit radikalen Ideen und diktatorischen Zielen zu Massenbewegungen wurden.

Ja, auch heute sind die Zeiten wieder unsicher geworden. Unser Wirtschaftssystem offenbart seine Schwächen mittlerweile schonungslos, Ersatz ist aber nicht zu erwarten. Mangels realer Alternativen kann man schonmal darüber nachgrübeln, ob man sich nicht irgendwo anschließt, wo die kommenden Erschütterungen wenigstens von starker Hand gemanagt werden und wo man von ihnen vielleicht nicht so betroffen sein wird wie etwa der (wie die meisten Tatort-Polizisten) existenzialistische Moritz Eisner. Gut, der arbeitet beim Staat, für überraschend geringe 3.650,00 Euro brutto. Dafür ist er auch auf der sicheren Seite und für Sekten daher gewiss weniger anfällig als Menschen, die mit ihren Jobs nicht zufrieden sind oder in persönlichkeitsorientierten Bereichen arbeiten, in denen nicht das Wissen, die Erfüllung einer schönen Aufgabe, Forscherdrang oder ein Aspekt von Hilfe leisten für andere, sondern der Erfolg als Selbstzweck im Vordergrund steht. Verkäufertypen, die natürlich auch eine Sekte gut verkaufen können, sind unseres Erachtens auch am meisten gefährdet, bei  einer solchen zu landen. Viele Verkaufsorganisationen, besonders Strukturvertriebe, haben durchaus sektenähnliche Züge.

Dass hingegen eine intakte Familie nicht zwangsläufig vor Verführungen schützt, das zeigt das Beispiel der Kabers. Wie der Vater (August Zirner) um seine Tochter Anna kämpft, ist beeindruckend. Letztlich wird er mit ihrem Tod nicht fertig, gibt sich (und bekommt von seiner Frau) die Schuld daran und erhängt sich. Das ist erschütternd und auch ein wenig sehr dramatisch – hinterleuchtet werden die Familienverhältnisse hingegen nicht.

Tiefere Zusammenhänge zu zeigen, dafür ist eben in einem Krimi von 90 Minuten kein Platz, auch die schleichende Art der Gehirnwäsche mit allen Rafinessen wird eher rabulistisch skizziert als  1:1 nachgebildet, denn letztlich, mit Eisner zur eisigen Sekten-Sektionsschefin Katharina Leupold (Viktoria Trautmannsdorff) gesprochen: Es interessiert mich nicht, was Sie glauben, ich hab einen Mord aufzuklären.

Dieser Aufklärung ist natürlich Raum  zu geben. Da aber offenbar für Eisner von Beginn an klar ist, dass nur das Sektenumfeld täterseitig infrage kommen kann, wird der Plot schön linear, hat sogar eine gute Dramaturgie, die erst etwas flach verläuft, um in der zweiten Hälfte des Films, als Eisners Tochter Claudia von der Sekte in die Fänge genommen wird, steil nach oben zu schwingen.

Finale

„Glaube, Liebe, Tod“ ist ein klassischer Tatort und man kann von einem Tatort zwei Dinge nicht verlangen: Dass er ein Thema so detailliert abhandelt wie eine Sozialstudie oder eine auf investigativen Recherchen fußende Dokumentation. Dafür bringt er sein Ding bei einem viel größeren Publikum an. Und weil das wichtig ist, kann man nicht verlangen, dass in Tatorten auf solche Themen verzichtet wird, nur, weil sie nicht mit maximaler wissenschaftlicher Akuratesse dargestellt werden können und manches verkürzt, pointiert und damit auch übertrieben rüberkommt.

Was wir uns aber schon gewünscht hätten, ist, dass man eine solche Sekte wie „Epitarsis“ (von der offenbar Menschen glauben, dass es sie wirklich gibt oder sich dieses Namens bedienen, um Scientology nicht benennen zu müssen und juristischer Verfolgung ausgesetzt zu sein, siehe diesen Link), dass man eine solche Sekte ein wenig anziehender darstellt. Dadurch gehen sicher nicht mehr Tatortzuschauer hin, um einen Mitgliedsantrag zu stellen – für den Fall geschrieben, dass die Macher jedwede Faszination aus der Welt on „Epitarsis“ rausgenommen haben, damit ebendies nicht eintritt. Das, was wir erkennen ist aber, dass es Menschen gibt, die durch Mitgliedschaft in einer mächtigen Organisation selbst an die Machtausübung herankommen wollen und dafür zu Vielem bereit sind.

Dass die Oberen sich nicht selbst die Hände dreckig machen, das wird ebenfalls in „Glaube, Liebe, Tod“ sehr überzeugend gezeigt – am Ende war es nur ein fehlgeleitetes, übermotiviertes Sektemitglied mittleren Ranges, das gemordet hat. Selbstverständlich nicht im Auftrag der Führung, das wäre unsubtil wie damals, wo im NS-Staatsauftrag Millionen ermordet wurde, sondern nur durch die von der Führung propagierte Ideologie vergiftet.

Wir meinen, dass „Glaube, Liebe, Tod“ ein wichtiger und insgesamt gut gemachter Tatort ist, 8/10.

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Moritz Eisner – Harald Krassnitzer
Katharina Leupold – Victoria Trauttmansdorff
Claudia Eisner – Sarah Tkotsch
Sophie – Franziska Hackl
Lisa – Magdalena Kronschläger
Kovatcs – Denis Raunig
Maria Levin – Michou Friesz
Anna Kaber – Alma Hasun
Gerhard Braun – Andreas Vitasek
Sieglinde Kaber – Isabel Karajan
Kathrin Berger – Catherine Andree
Karl Bindmayer – Johannes Silberschneider
Ralf – Christopher Schärf
Hans Florian – Teichtmeister
Heinrich Kaber – August Zirner
Ernst Rauter – Hubert Kramar

Regie – Michi Riebl
Kamera – Josef Mittendorfer
Buch – Lukas Sturm
Musik – Matthias Weber

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