Mit eisernen Fäusten (The Scalphunters, USA 1968) #Filmfest 314

Filmfest 314 A

Mudwrestling macht alle Menschen gleich

Mit eisernen Fäusten (Originaltitel The Scalphunters) ist ein US-amerikanischer Western von 1968, bei dem Sydney Pollack Regie führte. Neben Burt Lancaster sind die Hauptrollen mit Shelley Winters, Telly Savalas und Ossie Davis besetzt.

Nach „Valdez“ haben wir einen weiteren Western mit Burt Lancaster versprochen und hier ist „The Scalphunters“. Ich fange mal eine Rezension von hinten an. Das heißt, mit der letzten Szene, die geht so: Ein Weißer und ein Schwarzer, die sich über ca. 100 Minuten Spielzeit beharkt haben, kommen zum finalen Kampf in einem Schlammloch zusammen und, Überraschung, danach haben sie (beinahe) die gleiche Hautfarbe. Was will uns ein Film aus dem Jahr 1968 oder überhaupt ein Film damit sagen? Na, so schwer ist das doch nicht. Darüber und über mehr zu „The Scalphunters“ steht zu lesen in der -> Rezension.

Handlung (1)

Der Film handelt von der langsam wachsenden Freundschaft von Joe Bass und „seinem“ schwarzen Sklaven Joseph Lee – von den Komantschen „Schwarze Feder“ genannt. Joe Bass wird mit seinen Fellen auf dem Weg zum Pelzhändler von Kiowas unter deren Häuptling „Schwarze Krähe“ überfallen. Sie nehmen ihm die Felle und seine Vorräte ab und „überlassen“ ihm als „Bezahlung“ den schwarzen, sehr gebildeten Sklaven Joseph Lee. Der kann zwar lateinische Sprüche zitieren, lesen und schreiben, doch vom Überleben in der Wildnis und Durchsetzen im Kampf hat er keine Ahnung. Bass hingegen beherrscht jegliche Überlebenskünste, die in der Wildnis von Vorteil sind, kennt die Pflanzen und Überlebensstrategien und kann sowohl mit dem Gewehr als auch mit dem Messer sowie seinen Fäusten sehr gut umgehen – und hat eine Schwäche für jede Art von Alkohol.

Bass nimmt mit Lee im Schlepptau die Verfolgung der Indianer auf, um seine Felle zurückzubekommen. Diese haben jedoch im Proviant inzwischen das Fässchen Rum entdeckt und fallen total betrunken einer Horde Skalpjäger um Jim Howie in die Hände, die die Indianer als leichte Beute einfach abknallen und sich auch der Felle bemächtigen.

So müssen Bass und Lee notgedrungen die Skalpjäger verfolgen. Als Bass die Banditen auskundschaftet, die im Tal unter ihnen lagern, wagt sich Lee aus Neugier zu weit vor, rutscht den Berg hinunter und gerät in die Gefangenschaft von Jim Howie und seiner Banditen, dem ein Treck mit deren Frauen angeschlossen ist, darunter auch Kate, die derbe Geliebte von Howie. Die Bande beschließt, Lee auf dem Sklavenmarkt von Galveston zu verkaufen. Lee kann sich jedoch mit seiner Bildung und seinen Manieren bei den Frauen des Trecks – und vor allem Kate – einschmeicheln. Als er hört, dass die Banditen aufgrund der vielen Steckbriefe, in denen nach ihnen gesucht wird, nach Mexiko wollen, beschließt er zu Bass’ Verdruss, bei ihnen zu bleiben, weil in Mexiko die Freiheit auf ihn wartet.

Doch Bass kann auch allein durch immer neue Attacken (seine Schießkunst, Steinlawinen, das Pferde irre machende Narrenkraut) die Banditen in Schach halten. Da diese nach der Narrenkraut-Attacke schwer angeschlagen sind, kann Lee sie überreden, über ihn einen Vergleich mit Bass auszuhandeln. Bass lässt sie nach der Freigabe der Felle ziehen, verlangt jedoch von Lee, dem er nicht mehr so richtig traut, zunächst bei ihm zu bleiben. Doch Jim Howie denkt gar nicht daran, die Abmachung einzuhalten und Bass die Felle zu überlassen. Er versteckt sich auf eine sehr raffinierte Art und kann Bass überwältigen und fesseln, weil Lee immer noch nicht kämpfen will. Erst als Howie Bass eröffnet, er wolle ihn skalpieren und danach das Fell über die Ohren ziehen, reagiert Lee. Er kann Howie erst das Messer und sodann den Revolver entwenden. Es folgt ein Handgemenge bei dem ein Schuss fällt, der Howie tötet. Doch der Ruhm des Siegers steigt ihm zu Kopf: Er raubt erst Howie aus und will dann auch Bass liegenlassen und mit dessen Pferd nach Mexiko reiten.

Doch Bass kann sich von den Fesseln befreien und fordert Lee zum Kampf. Während der nun folgenden Prügelei, in der sich beide nichts schenken, kommen die Kiowas mit ihrem Häuptling „Schwarze Krähe“ zurück, bringen die restlichen Skalpjäger um und nehmen die Frauen samt Wagentreck gefangen. Zum Schluss nimmt „Schwarze Krähe“ Bass erneut die Felle ab und zeigt auf dessen Proteste hin auf seine „Bezahlung“ Lee. Bass nimmt einen Schluck aus seiner Whisky-Flasche und gibt sie diesmal – im Gegensatz zu früher – auch Lee. Der macht ihn darauf aufmerksam, dass in dem von den Indianern eroberten Wagen der Banditen noch zwei Kisten Whisky seien, sodass spätestens am Abend viele Indianer total betrunken sein würden. Bass reicht Lee die Hand und lässt ihn mit auf seinem Pferd sitzen. Gemeinsam reiten sie in die Richtung, die die Indianer eingeschlagen haben.

2020-08-14 Filmfest ARezension

Die Moral des Films lautet, in einem Satz zusammengefasst: Die Afroamerikaner müssen kämpfen lernen, die Weißen hingegen sind, wenn es um die Beherrschung des Lateinischen geht, klar im Nachteil. Offenbar spielt der Film vor dem Bürgerkrieg, was auch das rüde Setting erklärt, in dem jeder gegen jeden kämpft und die Native Americans frei jagen und nicht längst in Reservaten untergebracht wurden. Was hätte Malcolm X zu diesem Film gesagt? Auch wenn Die Figur „Joseph Lee“ für den Film exitenziell ist, wer kennt schon hierzulande deren Darsteller Ossie Davis – und wer kennt nicht Burt Lancaster? Ossie Davis:

Seine schauspielerische Karriere, die sich über sieben Jahrzehnte erstreckte, begann 1939 in der Harlemer Theatergruppe Rose McClendon Players. Seine erste Filmrolle spielte er 1950 in No Way Out an der Seite von Sidney Poitier.

Davis hatte die gleichen Schwierigkeiten wie die meisten afro-amerikanischen Darsteller seiner Generation: Er wollte zwar arbeiten, aber nicht nur die Rollen von Butlern spielen, die schwarzen Schauspielern in dieser Zeit meist angeboten wurden. Anstelle dessen versuchte er, Poitier zu folgen und angesehenere Charaktere zu spielen, oder zumindest, wenn er schon einen „Pullman Porter“ (Schlafwagenschaffner) oder einen Butler spielen musste, diesen Figuren Charakter und Würde zu verleihen.

Er fand erst spät breite Beachtung, dadurch dass er in verschiedenen Filmen von Spike Lee mitwirkte, so zum Beispiel in Jungle Fever (1991), Doctor Dolittle (1998), She Hate Me (2004) und Get on the Bus. Daneben sprach er für einige Werbespots die Hintergrundstimme; davon bekannt wurde vor allem der Satz für das American Negro College Fund: „A mind is a terrible thing to waste.“

Ossie Davis und seine Frau, die Schauspielerin Ruby Dee, die er im Dezember 1948 heiratete und mit der er drei Kinder hatte, waren auch bekannt für ihr bürgerrechtliches Engagement. Sie waren befreundet mit Malcolm X, Jesse Jackson, Martin Luther King und anderen prominenten Bürgerrechtlern. Davis schrieb die Grabrede auf Malcolm X; Teile dieser Rede sprach er zum Ende des Films Malcolm X von Spike Lee. Er schrieb außerdem ein Buch über Martin Luther King Jr. (1)

Ich hatte beim Verfassen des Absatzes zuvor nicht gewusst, dass Davis und Malcolm X tatsächlich eng befreundet gewesen sein müssen, aber ich übernehme trotzdem eine Kritik, die man heute durchaus vorbringen darf: Es ist trotz allem ein weißer Film und, wie eine Kritik anmerkt, die Darstellung der Rassenfrage und der Bürgerrechte sei „sehr gefällig“. Gleichwohl stimmt es, dass der Western „elastisch wie ein Strumpf sei“ und man ihn immer dem Zeitgeist anpassen kann. Dabei gab es allerdings ein paar Holperer wie die sehr späte Anerkennung der Native Americans als gleichberchtigt darzustellende Menschen – und eben auch die jahrzehntelange Diskriminierung von People of Color dadurch, dass in Rollen gesteckt wurden, die sie schon als Sklaven 100 Jahre zuvor innehatten. Burt Lancaster war politisch linksliberal, wie sein Freund Kirk Douglas, dafür mag ich die beiden auch – aber die Gefahr, dass die Rassenfrage zu sehr aus weißer Sicht dargestellt wird, ist eben nicht so leicht von der Hand zu weisen.

Auch Sidney Poitier, der erste farbige Oscarpreisträger in einer Hauptrolle, konnte nur Karriere machen, weil er besonders „High-Brow“ war, sehr gepflegt, sehr eloquent und bürgerlich im Gepräge. Ähnlich wie in „The Scalphunters“ Ossie Davis auftritt. Ich weiß nicht, was Malcolm X gesagt hat oder hätte, aber wir sind nun einmal fünfzig Jahre weiter und die Rassenfrage ist lange nicht gelöst, sofern man den Begriff überhaupt anwenden sollte. Irgendwer hat außerdem immer das Nachsehen.

In der Wikipedia steht, der Film sei in Deutschland als „harter Western“ verkauft worden, worauf schon der Titel hindeute. Was an „The Scalphunters“ auf eine Komödie und einen Softwestern hindeuten soll, ist mir allerdings schleierhaft. Und da liegt für mich auch das Problem. Die Tatsache, dass ziemlich zu Beginn ebenjene Scalphunters für 25 Dollar pro Skalp eine „Rothaut“ einfach erschießen, besagt viel über die Art, wie Weiße den Westen der USA Mitte des 19. Jahrhunderts gestaltet hatten und es verschwindet dann tatsächlich hinter dem Komödiantischen, wie eben dem Verhältnis zwischen Bass und Lee und der Tatsache, dass auch der Boss der Scalphunters, der immer kenntliche Telly Savalas, ein Gemütsmensch ist, der alles mitnimmt, was er kriegen kann, sogar ein vergoldetes Stahlgestell-Bett für seine Geliebte in einem Wagen, der mit Rollos ausgestattet ist. Das alles sagt wiederum, dass auch 1968, mitten in der aufkommenden Jugendrevolte, die moralischen Eckpfeiler einer Komödie noch ziemlich weit gesteckt werden durften, zumal, wenn es sich um eine Westernkomödie handelte.

Aus heutiger Sicht: Man kann jedes Genre persiflieren, aber dass der Film mit diesem Gemetzel startet bzw. es sich nach wenigen Minuten zuträgt, hat bei mir dazu geführt, dass ich mich in die Komödie und den Schlagabtausch zwischen Lee und Bass schwer einfinden konnte. Außerdem war mir der Film zu unzentriert, zu wenig dynamisch. Komödien neigen zur Verspieltheit, das ist schon klar, diesbezüglich ist „The Scalphunters“ auch ein echter Übergangsfilm zwischen dem alten und dem neuen Hollywood. Er ist schon recht derb, aber folgt noch klassischen Handlungsmustern, und die hatten sich Mitte der 1960er ziemlich überlebt, weil es kaum noch Neues gab und viele Filme letztlich doch zu dialogreich wurden. Das sieht man auch an Werken wie „Die vier Söhne der Katie Elder“ mit John Wayne, wenn man sie mit wenige Jahre zuvor entstandenen Werken wie „Rio Bravo“ vergleicht oder an überlangen, sagen wir, Komödien wie „Vierzig Wagen westwärts“ (1965) mit Burt Lancaster in einer schönen Rolle, aber auch einer zu starken Auswalzung des Plots. Wir sind drei Jahre weiter, das Kino veränderte sich rasch, aber „The Scalphunters“ beginnt eben als Drama und Regisseur Sydney Pollack zeigt hier schon, dass er relativ bedenkenlos Genreklitterung betreiben kann und dabei auch ein wenig den aus der Hand zu geben bereit ist. Hingegen hat der Film gar nichts von den Italowestern, die durchaus einen ironisch-komödiantischen Unterton hatten und durch einen coolen Mix aus Übertreibung und Untertreibung bestachen – aber nicht dadurch, dass man zu viel reinpackte. Das kam erstmals mit „Spiel mir das Lied vom Tod“ auf, der im selben Jahr wie „The Scalphunters“ entstand und die Tradition des amerikanischen Epos mit dem Italowestern – ausnehmend mutig und auf selten zu sehende Weise gekonnt – verknüpfte.

Am Ende wird sozusagen alles gut, weil der Boss der Skalpjäger, den man häufig, wie John Wayne zwei Jahre zuvor in „Eldorado“, im rosa Unterhemd bewundern kann, sein Leben lassen muss. Deswegen kann ich auch hier nicht mitgehen und hatte beim Lesen das Gefühl, der Rezensent hat das Werk rückwärts angeschaut:

Das Lexikon des internationalen Films befand: „Elegant inszenierter Western, in dem sich das politische Klima der 60er Jahre niederschlägt: Nachdem er zunächst Gewalt als legitimes Mittel gegen Unterdrückung propagiert hat, schwächt der versöhnliche Schluß diese Stoßrichtung ab.“[6]

Anfangs werden die Natives einfach erschossen, von Unterdrückern, der Ex-Sklave lehnt Gewalt jedoch lange ab. Am Ende wehrt er sich jedoch, hilft Bass und prügelt sich schließlich mit ihm. Gleichwohl, das Ende ist versöhnlich, wenn man es nicht gerade aus der Sicht der „Indianer“ betrachtet.

Finale

Wie so häufig in amerikanischen Filmen kann man auch hier sagen: Was für ein Glück, dass die Schauspieler*innen ihre Sache immer gut machen und man ihnen zu folgen bereit ist, egal wohin. In jener Übergangsphase des Films war das sogar besonders wichtig, denn Form und Inhalt waren nicht immer sehr glücklich gewählt, die Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten führte auch zu recht seltamen Ergebnissen. Drei Jahre später hat Burt Lancaster wieder in einem Western gespielt, „Valdez“, den ich kürzlich rezensiert habe. Ich glaube, im Jahr 1972 war man schon ein Stück weiter, obwohl man beide Filme der Kategorie „Spätwestern“ zurechnen muss. Es ist richtig, dass man damals daran arbeitete, Mythen zu dekonstruieren, „The Scalphunters“ ist das Gegenteil eines „Edelwesterns“ der 1950er Jahre, als die Überhöhung am weitesten vorangeschritten war, aber das Genre in seiner klassischen Ausprägung auch seine Vollendung fand. Neowestern beziehen sich denn auch eher wieder auf diese Tradition, selbstverständlich ohne den Einfluss der Italo-Western abzustreifen, der dem Genre neue Impulse gab und zu Recht fortwirkt. Für Lancaster, Davis und Savalas und die durchaus löblichen Absichten des Films noch

67/100. 

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Wikipedia

Regie Sydney Pollack
Drehbuch William W. Norton
Produktion Jules V. Levy,
Arthur Gardner,
Arnold Laven,
Roland Kibbee,
Burt Lancaster
für United Artists
Musik Elmer Bernstein
Kamera Duke Callaghan,
Richard Moore
Schnitt John Woodcock
Besetzung
Synchronisation

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s