Der schöne Schein – Tatort 788 #Crimetime 892 #Tatort #Konstanz #Blum #Perlmann #SWR #Schein #schön

Crimetime 892 - Titelfoto © SWR, Peter Hollenbach

Der Fisch, das Netz – der Golfball?

Schauen Sie sich Ihren Hausmeister mal etwas genauer an! Er hat (meistens) einen Schlüssel zu Ihrer Wohnung, wenn diese in einem Mehrfamilienhaus in der Stadt liegt, wo es Hausmeister gibt. Diesem Typ muss man absolut vertrauen können. Schauen Sie ihn also genau an. Wenn er ganz normal erscheint, kann das täuschen. Täuscht es? Dies und mehr klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Eine Schönheitsfarm am Bodensee, jenseits der Deutsch-Schweizer Grenze. Die Welt des schönen Scheins erhält einen herben Dämpfer, als die Eigentümerin der Klinik tot in einem Planetarium aufgefunden wird.

Das Gewaltverbrechen führt Klara Blum zu ihrem Schweizer Amtskollegen Reto Flückiger. Sie bekommen es gleich mit drei Hauptverdächtigen zu tun, den leitenden Ärzten der Klinik. Gemeinsam mit ihrem Schweizer Amtskollegen taucht Klara Blum in eine Welt aus enttäuschter Freundschaft, Misstrauen und Betrug.

Rezension

Denn das Dämonische an den Hausmeistern ist so unterschwellig, dass man es ihnen nie, nie zutrauen würde. Sie begehen in Tatorten bis zu drei Morde (geplant waren vier, aber den letzten hat die zuständige Ermittlerin gerade noch verhindert). Damit nicht genug – sie geben ihren ungeheuer brutalen Taten auch noch etwas Rituell-Symbolisches, indem sie mit Fischen, mit Netzen, mit … auf dem Golfgrün demonstrieren, dass sie auf Hauptkommissarin Klara Blum (Eva Mattes) gewartet haben. Denn niemand sonst wäre in der Lage, so intuitiv die Symbole zu entschlüssen. Da muss man schon den eigenen Mann bei einem Mord im Dienst verloren haben, um diesen siebten oder achten Sinn für Männer und ihre aus der Welt des Angelns stammenden Symbole zu bekommen.

Sie schreibt also auf eine Plexiglastafel: „Der Fisch stinkt vom Kopf“. Und noch ein paar andere Binsensprichwörter. Aber nein, es ist diese Sache mit dem Fisch, der vom Kopf her stinkt. Der Fisch, das ist die Schönheitsklinik, in der sich vier Ärzte tummeln, die gegenseitig Mordmotive hätten, aber nachdem sie alle tot sind, kommt nur noch der Hausmeister in Frage. Die Krankenschwester, die ebenfalls noch in diesem Tatort herumgeistert, die hätte niemals so ein Netz an einem Bodenseeboots-Segelmast hochgezogen, mit nem ausgewachsenen Mann drin – Hebelwirkungen hin oder her.

Architektur des Schönen Scheins. Wir sollten froh sein, dass der Einrichtungsstil der 70er und 80er Jahre Vergangenheit ist. Aber was tun die Tatortmacher? Sie stellen unübersehbare Verknüpfungen zwischen sachlicher Architektur, wie sie vom Bauhaus miterfunden wurde – und Gefühlskälte her, die zu moralischen Verwerfungen führt und gut und in solcher Architektur können und gerne Mörder leben. Leider zeigt man uns nicht die Wohnung des Hausmeisters. Das ist ein Konstruktionsfehler. Denn nur so könnte man abgleichen, wie es mit der Gerechtigkeit bestellt ist, die in den von ihm begangenen Morden liegt.

Nein, auch wenn die Schönheitschirurgen hohl wirken, ihre Welt genau die Künstlichkeit ausstrahlt, die von den Herstellern des Tatortes 788 beabsichtigt war, so einfach ist das nicht. Sie gehen alle fremd und daraus konstruieren sich Gefühlslagen und Motivmöglichkeiten, sie machen Schmu mit Billig-Brustimplantaten und sogar Kunstfehler (weil einer der Ärzte während der Operation an einem jungen Mädchen Sex hat, anstatt am OP-Tisch zu stehen (!)).

Der bislang drittletzte Tatort des Bodensee-Teams Blum-Perlmann wirkt insgesamt schönscheinig, so viel ist nicht dahinter, wie man angesichts des Settings in einer Schönheitsfabrik glauben könnte. Letztlich könnten die Verwicklungen, die sich dort ergeben, genauso in einer Anwaltskanzlei spielen, deren Partner sich schon während des Studiums kennen gelernt haben. Gründe, einander zu entzweien, das Recht zu beugen, sich bei krummen Sachen gegenseitig zu decken, kann es überall geben. Die Beliebigkeit ist aber auch programmatisch. Schließlich werden Menschen nach jeder Schönheitsoperation austauschbarer. Der Mensch strebt aber offenbar nach Austauschbarkeit. Wussten Sie, dass Leute sich auf Fotos am schönsten finden, bei denen so viel Fotoshop eingesetzt wurde, dass den Zügen jede Individualität verloren ging? Schöne, neue Welt. Fehlt nur noch der genetisch wunschdesignte Optimalfunktionierer. Wir sind sicher, die Chinesen arbeiten schon daran.

Man könnte über den Perfektionierungswahn unserer Zeit tiefgründig, ja abgrundtief philosophieren und räsonnieren, aber der Tatort bleibt leider so oberflächlich wie die Welt, die er kritisiert. Das ist mehr als schade, dass ein Film seinem eigenen Thema zum Opfer fällt. Selbst Blum und Perlmann wirken in dieser Folge flach, und wir mögen die ruhigen, manchmal intensiven Bodenseetatorte ja eigentlich. Hier ist es nur ruhig – handlungstechnisch gesehen. Intensiv ist nur die Abwesenheit von Dramatik wahrzunehmen, die auch leider nicht durch erschütternde Einblicke ins Seelenleben von Schönheitsmachern ersetzt wird. Wir wollen von einem Tatort ja eigentlich nie alles, aber von irgendwas doch eine ausreichende Menge, um resümmieren zu können: Das waren 90 gut investierte Minuten.

Ende der Dreisamkeit. Zudem hat Reto Flückiger (Stefan Gubser), der Schweizer Kollege von Klara Blum, keinen sehr schönen Abgang geschrieben bekommen, bevor er auf die (wie wir mittlerweile wissen, schwierige) Reise nach Luzern geschickt wurde. Da gibt es einen Kuss, den wir ein wenig peinlich fanden, weil er in der Bar herumhing wie ein Liedtext ohne Noten.  Das war’s offensichtlich, zwischen Blum und dem Kollegen Eidgenossen. Sie ermitteln den aktuellen Fall zusammen, aber auch hier dieses seltsame Gefühl von Austauschbarkeit. Aus der bilateralen Zusammenarbeit wird keine Spannung gezogen, es ist im Grunde egal, dass ein Teil der Settings diesseits, ein anderer  jenseits der Grenze angesiedelt ist. Keinerlei Lokalkolorit am einen und am anderen Ufer des Bodensees. Arrivederci Reto!

Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) wird’s recht sein. Nicht, weil er in Klara verknallt ist und froh wäre, einen Konkurrenten los zu sein. Oder? Ödipal ist er wohl nicht veranlagt, der junge Kommissar, der im Tatort 788 auch schon erstaunlich kompakt wirkt. Doch er bekommt nun mehr Spielzeit und wir meinen wirklich, zwei Ermittler sind ausreichend, um Fälle zu lösen, bei denen man offenbar besser mit der Intuition einer Einzelperson arbeitet als mit gründlicher Recherche und Analyse.

Perlmann in der Schönheitswelt. Recherche? Da war doch was! Richtig, Perlmann geht als Undercover-Agent in die Schönheitsfarm und spaziert dort solange herum, bis er Akten mit belastendem Material findet. Wie leicht er an die herankommt, ist frappierend. Jeder Arzt, der einen Fall von Kunstfehler verschweigen will, würde die Unterlagen dazu genau so offen zugänglich archivieren. Das ist dann sicher eine Äußerung des schlechten Gewissens, die der Arzt gar nicht bewusst wahrnimmt. Sein Gewissen bettelt aber um Erlösung, deshalb muss der Fehler entdeckt werden!

In diese Richtung geht auch die sehr glatte Dialogführung zwischen den Ermittlern und den Verdächtigen. Was die Ärzte so alles von sich und zugeben, ohne Not und gegen jede Vernunft, ist nicht das, was wir zum Beispiel von Politikern und Managern kennen. Nur das Notwendigste! Nur, was sowieso schon nicht mehr zu leugnen ist, das lernt man im System als erstes. Fehler machen angreifbar, Schwächen aller Art zur Schau zu stellen, das tut niemandem gut. Das Volk verzeiht vielleicht einmal, aber das System nicht. Es sortiert alle aus, die nicht den schönen Schein erwecken, dass sie perfekt funktionieren.

Eines kommt aber gut rüber: Dass Perlmann einen Burnout haben könnte. Es liegt an seiner Mimik in diesem Tatort, weniger an einer besonders stark wahrnehmbaren beruflichen Überlastung. Er wirkt irgendwie gequetscht, nicht in seiner Mitte.

Da ist ein interessanter Subtext. Der wirkliche schöne Schein, das können wir jetzt extrahieren, ist also, dass die hier gezeigten Menschen, die immerhin ein hoch profitables Menschenverschönerungszentrum leiten, in irgendeiner Form besonders intelligent oder der Fassade entsprechend mit schönen Wesenzügen gesegnet sind. Man soll sich ja auch nicht mit ihnen identifizieren – sie zu  hassen oder abscheulich zu finden, gelingt aber auch nicht. Die Welt, wie sie hier gezeigt wird, ist eben doch eher ein Aquarium als ein Hexenkessel.

Finale

Vielleicht müssen wir uns diesen Tatort noch einmal anschauen, um seine Vorzüge zu entdecken, nach der ersten Begegnung mit dem Schönen Schein ist jedenfalls sicher: Noch nie hat uns ein Bodensee-Tatort so unbeteiligt zurückgelassen. Wir haben nichts zum Jubilieren gefunden, aber auch nicht, wie bei Engel der Nacht, mit Abwehrreaktionen zu kämpfen, die uns selbst überrascht haben.

Die Wahrnehmung, dass viele neuere Tatorte, die Dekors, die Sozialmilieus betreffend, austauschbar geworden sind, ist hoffentlich subjektiv. Auf jeden Fall ist sie davon beeinflusst, dass auch die aktuellen Folgen, die in unserer Heimatstadt gedreht werden, genau diese Karte spielen und dadurch so atmosphärefrei sind, wie Berlin sicher nicht ist. Wir verstehen, was damit ausgedrückt werden soll – aber das Problem ist, dass diese Darstellung von Fassaden, hinter denen kein wirkliches Leben steckt, genau das vermittelt – Leblosigkeit. Als Kritiker unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems mag man das interssant finden und bei einer dampfenden Tasse fair gehandelten Tees dazu nicken, aber als Krimi- und Filmfan, der kräftige Figuren und straffe Spannungsbögen schätzt, seufzt man sich in den Schlaf, wenn der letzte Tee schon getrunken ist.

Dabei bietet gerade der ländliche Raum genau denselben – für die Entwicklung packender, konzentrierter Dramen. Deswegen gehen ja auch die städtischen Tatort-Kommissare machmal aufs Land und finden dort die besten, verschrobenen, wüsten Charaktere und lösen dort ihre interessantesten Fälle. Oder es wird mal richtig auf den Putz gehauen, das geht auch ab und zu und das gab’s in jüngeren Tatorten ja auch glücklicherweise wieder.

Immerhin, die Sache mit den unzuverlässigen Brustimplantaten hat durch die jüngsten Vorfälle in Frankreich ungeahnte Aktualität gewonnen.

6/10

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Klara Blumn – Eva Mattes
Hauptkommissar Reto Flückiger – Stefan Gubser
Hauptkommissar Kai Perlmann – Sebastian Bezzel
Dr. Peter Marquardt – Johann von Bülow
Annika Beck [Beckchen] – Justine Hauer
Gloria Riekert – Ursina Lardi
Holger Riekert – Andreas Pietschmann
Robert Zöllner – Samuel Weis
Susi Buck – Katrin Bühring
Frau Schenk – Maria Boettner
Marili Rottacher – Luana Bellinghausen
Dr. Wehmut [Gerichtsmediziner] – Benjamin Morik
Kassiererin Tommasi – Karin Pfammatter
Marcel Steiner [Seepolizei Thurgau] – Ralph Gassmann
u.a.

Regie – Rene Heisig
Drehbuch – Susanne Schneider

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