Alles Lügen – Polizeiruf 110 Episode 304 #Crimetime 893 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Brandenburg #Potsdam #Herz #Krause #RBB #Lüge #alles

Crimetime 893 - Titelfoto © RBB,Arnim Thomaß

So traurig das Land

Mittlerweile wissen wir, dass Ost-Elegien zum Repertoire des Polizeifunks zählen, das fing sogar vor der Wende schon an. So bestürzend melancholisch wie manche älteren Filme ist „Alles Lügen“ nicht einmal, was vor allem der Anwesenheit von Horst Krause zu verdanken ist. Seine rosige Fülle vermittelt immer das Gefühl, dass nicht alles nur schrecklich ist. Wie es ist, wenn jemand fehlt, der wenigstens noch einen Hauch von handfestem, widerständigem Scheinrealismus reinbringt, kann man beim Anschauen der aktuellen MDR-Magedburg-Schiene inspizieren. „Alles Lüge“ war das letze Projekt von Regisseur Ed Herzog vor „Herz aus Eis“, dem wohl besten aller Konstanz-Tatorte – deutet sich etwas von dessen Klasse schon in „Alle Lüge“ an? Dies und mehr klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Der Unternehmer Herbert Marstein, der sich für ein Bauprojekt polnischer Investoren stark gemacht hat, wird tot in seinem Büro aufgefunden. Kommissarin Herz wird gerufen, die diesen Abend eigentlich rein privat verplant hatte. Alles deutet auf Raubmord, obwohl die Haustür nicht gewaltsam geöffnet wurde. Krause, der ebenfalls verständigt wurde, fällt auf, dass Marsteins Hund fehlt. Ein Zeuge will einen polnischen Lieferwagen gesehen haben.

Den Bewohnern war Marstein ein Dorn im Auge, sein Vorhaben statt einheimischer, polnische Firmen und Handwerker zu beschäftigen, traf auf wenig Gegenliebe. Insbesondere beim Bürgermeister und seiner Frau war Marstein sehr unbeliebt. Kommissarin Herz erfährt von einem handfesten Streit zwischen Marstein und Bürgermeister König, bei dem es aber eigentlich nur um Banalitäten ging.

Inzwischen trifft Marsteins Sohn ein, der lange Zeit keinen Kontakt zu seinem Vater hatte. Kurzfristig gerät er unter Mordverdacht, da er eher in das Dorf zurückgekehrt war, als er bei der ersten Befragung angegeben hatte. König erhofft sich von ihm als Erben ein Grundstück seines Vaters kaufen zu können. Sein Sohn Max hatte sich auf Marsteins Anwesen bereits eine Werkstatt eingerichtet, die er gern behalten möchte.

Krause findet inzwischen mit Veras Hilfe Marsteins Hund. Obwohl er am Straßenrand gefunden wird, ist er erschossen worden. Allerdings nicht mit der gleichen Waffe wie sein Besitzer, sondern mit einem sehr alten Modell aus dem Zweiten Weltkrieg. Dies führt zu einem der Dorfjugendlichen, der das Tier aus Übermut erschossen hatte.

Zur Testamentseröffnung gibt es eine Überraschung. Florian Marstein ist davon ausgegangen alles zu erben, doch muss er vom Notar erfahren, dass sein Vater Max König zum Alleinerben bestimmt hat. Das verwirrt nicht nur Max, sondern auch seinen Vater. Selbst Kommissarin Herz hatte sich gewundert, warum der sonst so unzugängliche Marstein ausgerechnet Max in seiner Nähe duldete. Diese Frage löst sich, als Erika König zugibt, dass Marstein der biologische Vater von Max ist. Darüber sei sie mit ihm öfter in Streit geraten, was letztens eskalierte als Marstein diese Tatsache im ganzen Dorf bekannt geben wollte, woraufhin Erika König ihn im Affekt erschossen hätte.

Johanna Herz muss in dieser Folge erkennen, dass ihr langjähriger Lebensgefährte Robert Beck offensichtlich eine Geliebte hat. Als Buchautor kommt er viel herum und hat sich mit seiner Verlegerin eingelassen, da seine Johanna sehr oft nicht da war, wenn er sie brauchte. Herz zieht schweren Herzens die Konsequenzen und trennt sich von ihm.

Rezension

Der wohl beste Gag des Films ist „Mutti“. Dass Angela Merkel schon 2008 diesen Beinamen hatte, war uns nicht bewusst, aber hier wird Johanna Herz damit gefoppt, dass sie bzw. ihre Darstellerin Imogen Kogge Merkel ähnlich sieht. Wären wir nicht drauf gekommen, aber 2019 stellte sie in „Die Getriebenen“ tatsächlich die Bundeskanzlerin dar. Wenn das kein prophetischer Humor ist, wissen wir’s auch nicht.

Allerdings kann man das Ganze auch weiterspinnen und sagen, die schlaftablettenhafte Ausstrahlung ist vielleicht das, was diese Ähnlichkeit erst so frappierend macht. Nun tut Ed Herzog und Autor Stefan Rogall in „Alles Lüge“ wirklich viel, um Johanna Herz mehr emotionale Tiefe zu geben, sogar so viel, dass zwischenzeitlich die eigentliche Handlung in den Hintergrund tritt. Hat es genützt? Ein wenig. Der Film hat berührende Szenen und eine oder zwei gehen auf das Konto des Beziehungskonflikts mit Robert Beck. Der Schock im einzigen Supermarkt des fiktiven Ortes Stolzow und was daraus folgt, ist nachvollziehbar und die Ambivalenz, das „Geh ich weg von dem Fremdgeher oder bleib ich trotzdem, der vielen schönen Stunden wegen, die wir hatten und weil vielleicht, wer weiß … nein, das eher nicht“ kommt gut rüber.

Auch das Finale ist überdurchschnittlich emotional. Oft wird leider gerade dieser wichtige Moment verhudelt, das kann man von „Alles Lügen“ nicht sagen, der Film wirkt nicht gestaucht und nicht dramaturgisch falsch eingestellt. Aber es dauert ganz schön lange, bis er ins Laufen kommt, nämlich fast 80 Minuten – und die Handlung, wenn man sie vom Ostbrandenburg-Zerfall entkleidet, wo sich Stolzow vermutlich befindet, obwohl alle wichtigen Stellen, Notariat, Kommissariat, in Potsdam angesiedelt sind, ist recht konventionell. Wir haben leider ziemlich früh geahnt, dass Max König der Sohn von Marstein ist. Die Werkstatt im Keller, welchen Grund sollte sie wohl sonst haben, wo Marstein doch gar nicht gesesellig ist?

Und wann lernen Drehbuchautoren endlich, dass es nach deutschem Recht nicht so einfach ist, jemanden komplett zu enterben und beispielsweise alles einer Sekte zu vermachen oder eben dem Lieblingskind. Florian, der demnach andere Sohn, hätte unter normalen Umständen, und andere werden nicht angesprochen, zumindest den Pflichtteil erhalten, sich ausbezahlen lassen können und bissl was mitnehmen dürfen fürs teure Leben in Innsbruck.

In dem Jahr, in dem der Film gedreht wurde, waren wir auch viel in Brandenburg unterwegs und unter Wessis war damals das Lied „Brandenburg“ von Rainald Grebe ziemlich in – aber es kommt auf das Milieu und den Zweck des Dortseins an, ob sich das im eigenen Weltgefühl manifestiert, was so gut zur Szenerie von Stolzow passt. Das war bei uns nicht so, denn wir hatten meist mit Menschen zu tun, die a.) direkt südlich von Berlin leben und dort ist Brandenburg anders und b.) große Dinge anpacken wollten, von denen die Stolzower im Film doch ein gutes Stück entfernt sind. Diejenige, die weggeht, kommt dort auch vor; Max‘ Freundin zieht nach Hamburg. Jung, weiblich, besser gebildet, der allgemeine Ost-Abwanderungstyp.

EInige Darsteller liefern adqäuate Leistungen, auch wenn man das Verhältnis Herz-Krause immer wieder mit unsinnigen Dialogen auflädt und für die Fähigkeiten von Krause auch dieses Mal etwas zu wenig Verständnis aufbringt – stellenweise jedenfalls, der Film mäandert bezüglich der Qualität seines Einsatzes ziemlich stark, womit wir nicht seine Fähigkeiten als Ermittler meinen. Nervige Elemente wie die Fortbildung hätte man sich wirklich sparen können und damit etwas für die Konzentration aufs Hier und Jetzt getan.

Die tragende Figur aber war für uns Erika König in der Verkörperung von Julia Jäger, die in diese Rolle wohl einiges von sich selbst einbringt. Gerade wenn eine attraktive Person Züge von Scheitern vermitteln kann, wirkt das in dieser Umgebung sehr präsent, weil man ein Gefühl von Bedauern aufbaut, nur aus der Idee heraus, dass auch eine komplette Familie, ein Gasthaus, die Stellung als Frau des Bürgermeisters am Ende und summarisch ganz schön Brandenburg sein können. Vor allem, wenn man die Täterin ist. Das Motiv für diese Tat kommt authentisch rüber, wenn man es emotional kundig ausformuliert und die letzten Minuten des Films sind so gestaltet, dass man eine Standard-Demütigung, die in vielen Krimis nicht überzeugend wirkt („Er hat mich nur ausgelacht!“ und ähnliche Varianten), hier durchaus funktioniert.

Finale

Wir müssen, bevor wir schreiben, wir können das Lied vom sterbenden Osten kaum noch hören, berücksichtigen, dass wir die Polizeirufe mit einer sehr hohen Geschwindigkeit „abarbeiten“, seit wir uns im März 2019 entschlossen, sie im Rahmen von Crimetime parallel zu den Tatort-Kritiken zu rezensieren. Dadurch kommt alles Gute und Schlechte dieser Filme ziemlich massiv auf uns zu und gerade die RBB-Schiene spielt ganz schön häufig die Melodie der immerwährenden Abwicklung. Was wir aber innerhalb weniger Monate davon zu sehen bekommen, zog sich in Wirklichkeit über Jahrzente.

Gleichwohl ist die Zeit mit Krause und Herz für uns manchmal nicht einfach. In einem farbenprächtigen Krimi wie „Die Schlacht„, in dem viele skurrile Typen vorkommen (und in dem Julia Jäger ebenfalls mitspielt) funktioniert es ganz gut, dass Herz so zurückgenommen wirkt, aber je trister das Drumherum, desto wichtiger ist – eine Olga Lenski, beispielsweise. Was ihre Darstellerin Maria Simon in wenigen ausdrucksstarken Momenten an Bindung mit dem Zuschauer aufbauen kann, dazu braucht Herz die komplizierte Darstellung ihres Beziehungslebens und ein französisches Chanson, das im Tankstellen-Restaurant und angesichts des dortigen Publikums deplatziert wirkt. Uns bleibt dann, mit uns selbst zu klären, ob das jetzt ein Ed-Herzog-Moment war oder doch etwas peinlich.

Selbstverständlich kann man es anders herum deuten: Die Kommissarin mit dem skeptischen Ausdruck stört nicht durch eine zu frische, zu energetisch wirkende Art die herbstweltliche Atmosphäre, die doch so wichtig für eine Brandenburg-Elegie ist.

6/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Ed Herzog
Drehbuch Stefan Rogall
Produktion Jost-Arend Bösenberg,
Frank Schmuck
Musik Johannes Kobilke,
Stefan Ziethen
Kamera Philipp Sichler
Schnitt Vera Theden
Besetzung

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