Eine Maria aus Stettin – Polizeiruf 110 Episode 297 #Crimetime 894 – #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Schwerin #Tellheim #Hinrichs #NDR #Maria #Stettin

Crimetime 894 - Titelfoto © NDR, Dirk Plamböck

Die zurückliegenden Todesfälle

Regisseur Stephan Wagner wird Tatort-Fans vor allem durch seine Arbeit an dem herausragenden „Borowski und die Frau am Fenster“ ein Begriff sein. Bei dem Film spielt auch das exzellente Drehbuch von Sascha Arango eine wichtige Rolle, aber die Inszenierung hat dazu gepasst. Der Stil von „Eine Maria aus Stettin“ ist für dieses Thema recht ungewöhnlich – oder doch nicht? Wir mache uns weitere Gedanken darüber und über andere Aspekte des Films in der -> Rezension.

 Handlung (Wikipedia)

Jens Hinrichs findet eine schwer verletzte polnische Prostituierte im Gebüsch. Maria kommt dabei fast ums Leben, doch trotz ihrer drei Messerstiche im Rücken, verschwindet sie noch am selben Tag aus der Klinik. Der Arzt hält es für möglich, dass sich das Mädchen illegal in Deutschland aufhält und nicht versichert ist. Er hat auch Hinweise gefunden auf eine frische Entbindung. Obwohl hier kein direktes Tötungsdelikt vorliegt, ermitteln Tellheim und Hinrichs. Denn dieser Vorfall passt zu zwei zurückliegenden Fällen, bei denen junge Prostituierte aus Polen getötet wurden, die gerade ein Kind zur Welt gebracht hatten.

Alles deutet auf einen illegalen Kinderhandel, doch Tellheim muss allein ermitteln, weil sich Hinrichts nach einem Freizeitunfall längere Zeit im Krankenhaus aufhalten muss. Die erste Spur führt nach Stettin. Die dortige Kriminalpolizei hatte die beiden Mordfälle übernommen und schon bald als unerledigt zu den Akten gelegt. Tellheim kontaktiert die polnischen Beamten und arbeitet daraufhin mit Kommissar Andrzej Kaminiski zusammen, der ihn nach Deutschland begleitet.

Maria ist derweil wild entschlossen ihr Kind zurückzuholen. Es gelingt ihr die Adoptivfamilie ausfindig zu machen und beginnt dort als Kindermädchen zu arbeiten. Schon am ersten Abend nutzt sie die Gelegenheit mit ihrem Kind zu verschwinden. Die Wendlands bringen die Entführung zur Anzeige, da sie sich keiner Schuld bewusst sind und ihnen das Kind angeblich offiziell von den polnischen Behörden zugeteilt wurde. Damit hat Tellheim einen Grund mehr nach Maria zu suchen, da sie der Schlüssel zu den Hintermännern der Kinderhändler ist. Da die beiden vorigen Opfer in einem Bordell gearbeitet hatten, versuchen Tellheim und Kaminiski sie dort ausfindig zu machen. Da der dortige Zuhälter, Gregor Karolewski, gerade inhaftiert ist, halten sich die Kommissare an dessen Handlanger Kai Mertens. Dieser ist so naiv, dass er schon bei der ersten Vernehmung den Anschlag auf Maria zugibt. Karolewski hätte ihn damit beauftragt, weil Maria drohte unbequem zu werden. Die beiden anderen Prostituierten hätte Karolewski selber „platt gemacht“.

Während Tellheim dabei ist weitere Beweise für Karolewskis Machenschaften zu suchen, bemerkt Maria, dass ihr Zuhälter, der vor kurzem aus dem Gefängnis entlassen wurde, sie nicht liebt, obwohl sie sein Kind zur Welt gebracht hatte. Vor Wut schlägt sie auf ihn ein und verletzt ihn so schwer, dass er bleibende Schäden zurückbehalten wird. Gregor Karolewski wird daraufhin in ein Gefängniskrankenhaus gebracht. Maria hat sich mit dem Kind nach Polen abgesetzt und ist untergetaucht. 

Rezension

Vielleicht hilft es, dass die Todesfälle, die in „Eine Maria aus Stettin“ behandelt werden, alle schon etwas zurückliegen und dass die Polizeirufe mehr Gestaltungsspielraum beim Plot erlauben als klassisch aufgebaute Tatorte Es ist also nicht schlimm und auch nicht unerwartet, dass es im  297. Polizeiruf nicht zu einem – weiteren – Tötungsverbrechen kommt. Der Film hat stellenweise komödienhafte Züge, vor allem, wenn Dirk Borchardt als „Speedy“ seine Auftritte hat. Die Szenen mit ihm und dem Hund seines Herrn sind krass, das gilt aber kaum weniger für die übrigen Interaktionen dieser Figur mit anderen Charakteren. Das Milieu wird auf die Schippe genommen  – und Hinrichs wird herausgenommen. Beinahe jedenfalls, denn er verletzt sich in einer leider sehr vorhersehbaren Weise beim Anbringen eines Schildes an seinem frisch angestrichenen Haus und ist für den Rest des Films im Krankenhaus, wo er am Geschehen teilnimmt, es aber nicht beeinflussen kann. So erhält sein Co-Ermittler Telheim (Felix Eitner) fast die gesamte Aufmerksamkeit und wird von zwei sehr unterschiedlichen Kommissar*innen aus Polen unterstützt. Wie schon im ersten Film der Zusammenarbeit Hinrichs-Telheim  und in weiteren Fällen wird Telheim als Frauenschwarm herausgestellt, was dadurch erträglicher wird, dass immer eine ironische Komponente drin ist. Tatsächlich?

Über die Rollenbilder, die im 297. Polizeiruf vermittelt werden, kann man ohnehin bestens streiten. Sowohl das deutsch-polnische Verhältnis wird thematisiert als auch das von Männern und Frauen zueinander und dann beides über Kreuz. Leider wird damit viel zu flapsig umgegangen und man muss froh sein, wenn nicht zu viele Menschen in Polen den Film schauen und wenn Frauen nicht dagegen protestieren, dass sie als Kletten oder ziemlich einfach oder nur berechnend dargestellt werden. Das deutsch-polnische Verhältnis wird mittlerweile professionell im Brandenburg-Tatort mit Olga Lenski und Adam Raczek aufbereitet – und es bleibt immer etwas Unbefriedigendes, weil die ständige Thematisierung  für die Verhältnisse täglicher Zusammenarbeit zu übertrieben ist.

Frauen, die gerade entbunden haben und umgebracht werden, damit ihre Kinder verkauft und in Polen zur Adoption freigegeben werden können, sind das eigentliche Thema des Films oder sollten es sein. Speziell: Prostituierte und der Sex ohne Gummi und welche Probleme dadurch entstehen können. Wir haben uns gefragt, ob die meisten Frauen, die solche ungewollten Kinder bekommen, nicht ohne Gewalt einverstanden wären, wenn sie ihre Kinder abgeben dürften, aber vielleicht sind diejenigen, die nicht abtreiben lassen, ,sondern austragen wollen, auch nicht bereit, auf die Kinder zu verzichten – und dann stellen sie ein Problem in Bezug auf die weitere Ausübung des Jobs dar.

Finale

„Eine Maria aus Stettin“ ist der dritte Hinrichs-Telheim-Fall, den wir anschauen konnten, unter den dreien auf jeden Fall der amüsanteste, aber es ist bei dieser Ausprägung schwierig, sich in das Leid von Betroffenen zu versetzen. Die Ermittler tragen das ihrige dazu bei, dass der Film lustig wirkt, aber nicht so zentral wie in Münster, die Episodencharaktere tun jedoch das Ihrige Ein zu wohlgelaunter Ton ist aber in vielen Tatorten und Polizeirufen das Problem, der Verbrechen zu sehr als lästige Routine erscheinen lässt. Die Filmermittler haben in der Regel mehr Morde zu  bearbeiten als „echte“ Polizisten und man kann wohl nicht verlangen, dass es immer wirkt, als sei jemand gerade erst in den  Beruf eingestiegen, außerdem ist emotionale Abgrenzung generell wichtig.

Obwohl Uwe Steimle in diesem Film kaum Spielzeit hat, wirkt sein Kommissar Hinrichs immer auf eine Weise präsent – weniger in den kurzen Szenen die ihn im Krankenhaus zeigen als in der Art, wie der Film augezogen ist. Wir haben uns mehrmals bei dem Gedankengang erwischt  Was würde Hinrichs in dieser Situation sagen? Vermutlich würde es dann noch mehr durcheinandergehen.

Der Plot ist aber gut verständlich und abgesehen davon, dass die Hintergründe für den Verkauf der Kinder sehr  viele Bedingungen erfordern, um glaubwürdig zu wirken und das Milieu recht launig dargestellt wird, fällt er vor allem dadurch auf, dass er nicht logisch sein muss, weil die Figuren aus dem Milieu sich überwiegend irrational verhalten. Unter diesen Voraussetzungen kann man von einem gelungenen und unterhaltsamen Film sprechen, der nie wirkt, als gebe es keine Hoffnung und keinen Ausweg. Was wir uns allerdings immer vergegenwärtigen müssen, weil es bis jetzt kein Automatismus geworden ist:  Steimle und Tellheim waren die Vorgänge des heutigen Rostock-Duos Buckow und König und ihres Teams. Das Polizeirevier bzw .die Mordkommission lag damals in Schwerin, der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern.

7,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke  

Regie Stephan Wagner
Drehbuch Eckhard Theophil
Produktion Heike Richter-Karst,
Studio Hamburg
Musik Ali N. Askin
Kamera Thomas Benesch
Schnitt Friederike von Normann
Besetzung

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