Ist das Leben nicht schön? (It’s a Wonderful Life, USA 1946) #Filmfest 317 #Top250 #Weihnachtsfilm

Filmfest 317 A "Concept IMDb Top 250 of All Time" (35)

Vorwort anlässlich der Publikation im Jahr 2020. Der Entwurf zu dieser Rezension entstand vor fünf Jahren und eine damals gestellte Frage ist beantwortet: Wird dieser Weihnachtklassiker weiterhin  jedes Jahr gezeigt, wo doch so viel Neues auf den Markt kommt? Doch, irgendwo schon. Deshalb ist er auch unserer erster Weihnachtsfilm für dieses Jahr. Keine Sorge, es wird nicht zu viele geben, ein richtiges Special ist aus Kapazitätgründen wohl erst Ende 2021 drin. Am US-Produktionsjahr 1946 sind wir aber kürzlich auch bei der Aufbreitung von „Das Internationals Filmverzeichnis Nr. 8“ aus dem Jahr 1989 angelangt, ließen „Ist das Leben nicht schön“ noch ein wenig liegen (wegen Weihnachten) und außerdem ist er Bestandteil unseres „Concept IMDb Top 250 of all Time“ – denn noch heute rangiert er locker in dieser Topliste, obwohl er bei seinem Erscheinen kein großer Kassenerfolg war. Es ist mit ihm ein wenig wie mit der Hauptfigur George Bailey: Erst, wenn man sie sich wegdenkt, weiß man, was sie wert ist.

Handlung (1)

Ausgerechnet am Weihnachtsabend verliert George Bailey aus der amerikanischen Kleinstadt Bedford Falls seinen Lebensmut. Voller Sorge ertönen in den Häusern des Ortes Gebete um Beistand für den beliebten George. Zwei himmlische Kräfte, symbolisiert durch zwei sich miteinander unterhaltende Galaxien, erhören die Gebete und beraten daraufhin, was zu tun sei. Ein Engel muss her, doch leider hat nur der etwas ungeschickte Engel Clarence Dienst. Auch nach fast 300 Jahren im Dienst ist Clarence immer noch ohne Flügel, was ihn zu einem „EZ2“ (Engel Zweiter Klasse) macht. Es bleibt noch eine Stunde für Clarence, bevor George seinen Suizidversuch unternimmt. Diese Zeit nutzt er, um sich eingehend über George und seine Lebensgeschichte zu informieren. Daraufhin spielt sich die eigentliche Geschichte des Films als Rückblende ab:

Als 12-jähriger Junge rettet George im Jahr 1919 seinem jüngeren Bruder Harry das Leben, als dieser beim Schlittenfahren ins Eis einbricht, Bei der Rettungsaktion zieht er sich allerdings eine Erkältung zu, durch die er für immer das Hörvermögen seines linken Ohres verliert. Nach seiner Genesung arbeitet er wieder nachmittags im örtlichen Drogerieladen vom alten Mr. Gower. Eines Tages bekommt George von Mr. Gower den Auftrag, ein Medikament an einen schwerkranken Jungen auszuliefern. Allerdings gibt Gower, der gerade vom Tod seines Sohnes erfahren und sich daraufhin betrunken hat, George anstelle des Medikaments versehentlich Gift mit. George bemerkt den Fehler und rettet damit sowohl das Leben des Kindes als auch Mr. Gower.

George wächst auf und arbeitet zunächst im Unternehmen seines Vaters, der mit der Bausparkasse „Building and Loan“ den einfachen Bürgern von Bedford Falls zu ihrem Traum vom eigenen Heim verhilft. Doch will George seine Kindheitsträume verwirklichen und seine Heimatstadt verlassen, um zu studieren, die Welt zu bereisen und Millionär zu werden. Sein Vater, dessen Lebenswerk die „Building and Loan“ ist, bedauert Georges Pläne, weil ihn eigentlich als seinen Nachfolger aufbauen wollte. Auf der Highschool-Abschlussfeier seines Bruders Harry trifft George seine alte Klassenkameradin Mary wieder. Bei einem gemeinsamen Tanz fallen sie dabei in einen Swimming-Pool. Auf dem Heimweg redet George mit Mary über seine Pläne in der Zukunft, und es bahnt sich eine Liebesbeziehung zwischen George und Mary an. (…)

2020-08-14 Filmfest ARezension

 „Ist das Leben nicht schön?“ Die Frage muss man als rhetorisch ansehen, wenn man Frank Capras ersten Nachkriegsfilm angeschaut hat. Klar ist es schön. Vor allem, wenn man Dutzende von Menschen um sich herum hat, die dafür beten, dass man sich nicht umbringt, nur wegen eines finanziellen Missgeschicks, dass sich außerdem alsbald in einer Schwemme von Mitgefühl und Hilfsbereitschaft auflöst.

Offen gesprochen, wir stehen dem Film zwiespältig gegenüber. Einerseits ist er eines der letzten Hollywood-Werke, das F. D. Roosevelts New Deal noch einmal in großem Aufwasch hochleben lässt. Kleine Leute sind wunderbar und Banker sind seelisch krank. Wer wollte diese Wahrheit im Jahr 2015 ernsthaft bestreiten? Insofern ist der Film überzeitlich und sein Nachhall zielt auf unser kollektives Bewusstsein: Das Leben ist so schön, wenn alle nett und solidarisch miteinander sind und wenn der Gegner zwar mächtig, aber immerhin lokalisierbar und als hassenswerte Person ein schönes Feindbild ist. Dass Capras Film, der heute als ein bester gilt, direkt nach dem Krieg nicht so recht gezündet hat, können wir aber gut nachvollziehen. Hollywood hatte sich gewandelt.

Die Depression, von der „Ist das Leben nicht schön“ noch einmal episch erzählt, war vorbei. Endgültig. Die Leute wollten wohl gar nicht mehr so sehr daran erinnert werden, dass es die Kriegswirtschaft war, die Amerika wieder auf die Füße geholfen hatte und sie hatten ja insofern recht, als eine Periode des allgemeinen Wohlstandes folgte, in der die Klassengegensätze zu schrumpfen schienen und der Amerikanische Traum, um den es auch in „Ist das Leben nicht schön“ geht, eine Art Allgemeingut zu werden schien. Die harsche Art, wie der Banker hier als Onkel Scrooge gezeigt wird, war nach dem Krieg nicht mehr so angesagt, individuelle Schicksale standen höher als gesellshaftliche Bewegungen. Mit Harry Truman war zwar noch ein Demokrat und Verwalter von Franklin D. Roosevelts Erbe im Amt, wurde sogar 1948 wiedergewählt, aber die Stimmung im Land veränderte sich.

Natürlich spürte auch Frank Capra dies, und man muss mal hinschauen, wie konservativ das Weltbild in diesem Film eben auch ist – anders als in den Vorkriegswerken, die gesellschaftlicher viel offener und moderner wirkten. Mrs. George Bailey würde zum Beispiel niemals auf die Idee kommen, einen Job anzunehmen, um ihrem Mann zu  helfen. Wie auch, bei vier kleinen Kindern, die alle Kraft einer Hausfrau fordern? Aber so sind alle Frauen im Film nur Hausfrauen, und erschreckenderweise betreibt George Baileys Mutter eine Pension – in der Negativersion von Bedford Falls, durch die ihn der Engel Clarence führt.

Der Glitzer, das Großstädtische, das diesem Städtchen in der Traumversion zugewachsen ist, wird mit rau und mies gleichgesetzt, die verschlafene Kleinstadt hingegen, die unter Mitwirkung von George Bailey bewahrt wurde und die es nicht mehr gibt, weil es ihn in der Was-wäre-wenn-Version nicht gibt, ist das Ideal und das Maß aller Dinge. Und natürlich sind alle Menschen, denen Bailey einmal geholfen hat, ungeheuer solidarisch – aber erst, als er, von Clarence gerettet, zurückkehrt. Hätte er diesen Engel nicht getroffen, wäre ihre Hilfe, teilweise auch ihr Meinungsumschwung, zu spät gekommen. Eigentlich hat das Prinzip der gegenseitigen Achtung und des Respekts versagt, als es wirklich darauf ankam – nämlich, nachdem die 8000 Dollar verschwunden waren. Lediglich ein Freund in der Ferne, der nicht sofort von der Sache wusste und 25.000 Dollar zur Verfügung stellt, konnte eben nicht schneller handeln. Die anderen mussten sich erst besinnen, als George Bailey verschwunden war.

Kein Wunder, dass einige nachdenkliche Kritiker wie Bosley Crowther von der New York Times in ihrer zeitgenössischen Kritik das eine oder andere zum Aussetzen an diesem Film fanden, und dass es auch heute Stimmen gibt, die in dem Film etwas Falsches und Gekünsteltes sehen. Vielleicht muss man eine Dorfgemeinschaft nicht so negativ darstellen, wie Fred Zinnemann es in „Zwölf Uhr Mittags“ getan hat, aber im Verlauf von „Ist das Leben nicht schön“ hat man schon den Eindruck, dass da allzu simpel an unseren Gefühlen herummanipuliert wird, damit wir diesem schönen Märchen glauben, in dem George Bailey lebt und das er beinahe freiwillig verlässt.

Unsere Probleme fingen aber schon relativ früh an. Jedes Mal, wenn wieder irgendetwas passierte, das George Bailey davon abhielt, sich in der großen Welt auszuprobieren und seine großen Talente zu prüfen und stattdessen mal wieder seine kleine Welt zu retten, schrie etwas in uns: Aua, Aua, Aua! Nicht jeder kann in der Großstadt Erfolg haben, und wir wären die Letzten, die nicht wüssten, wie begrenzt wir in Wirklichkeit oftmals sind, aber es nicht zu versuchen, ist eine schreckliche Verschwendung. Die Unzufriedenheit von Bailey mit seinem Leben hat er wirklich bewundernswert im Griff, vor allem, wenn sich die Griffkugel am Treppengeländer seines Hauses löst, dieses Symbol für den nie endenden Kampf gegen die kleinen Tücken des gewöhnlichen Alltags und die mangelnde Perfektion in jenem Alltag. Er hätte die Kugel ja festkleben können, aber dann hätte sie ja nicht diese Symbolkraft gehabt. Und wie geht eine Frau damit um, dass sie einst als Mädchen ein Bild gemalt hat, das „George Lassos The Moon“ heißt – und dann dafür sorgt, dass er niemals dazu kommt, das Lasso seiner Fantasie bis zum Mond zu schwingen? Müsste sie ihn nicht ermutigen, sein Glück zu versuchen, wenn sie ihn wirklich liebt? Wer will einen Typ um sich haben, der sich immer für andere opfert – das aber nicht als seine Bestimmung ansieht, solche Menschen gibt es ja auch und muss es auch geben, sondern immer das Gefühl hat, zu kurz gekommen zu sein?

Vielleicht ist Bailey doch ein verkappter Kleinstädter von Grund auf, sonst würde er diese innere Spannung nicht jahrzehntelang aushalten. In dem Moment, als sein Kampf gegen das Kapital verloren scheint, bricht er innerlich zusammen – das wieder ist gut nachvollziehbar, denn wenn man schon vor Ort geblieben ist und diesen zähen, endlosen Kampf geführt hat, dann kann es einem den Boden unter den Füßen wegziehen, wenn es wirkt, als sei dies alles umsonst gewesen.

George Bailey hat Glück, dass er von James Stewart gespielt wird. Von jenem James Stewart, der seine eigenen Erfahrungen im Krieg gemacht hatte, als einer der am höchsten dekorierten Hollywoodstars aus ihm heimgekehrt war und um vieles reifer wirkte als der Junge mit der etwas dicken Unterlippe, welcher er noch in „Destry Rides Again“ oder, um bei Capra zu bleiben, in „Mr. Smith Goes to Washington“ (beide 1939) hatte. Trotzdem krieg er den jungen Mann noch ganz gut hin, aber da ist auch schon diese stoische Art von Antihelden-Heldentum, die er bald auch in Western zeigen sollte. Stewarts Darstellung klammert alle etwas seltsamen Verläufe und menschlichen Verhaltensweisen in diesem Film und sorgt dafür, dass wir auf einer persönlichen Ebene mitgehen können. Wir interessieren uns für das Schicksal dieses Mannes, obwohl wir ihm links und rechts eine dafür geben könnten, dass er sich immer wieder davon abhalten lässt, endlich die Koffer nicht nur zu packen, sondern sich auch in den Zug zu setzen – nicht einmal bis zum College kommt George! Doch die Ohrfeigen bekam er ja schon von seinem Chef, bei dem er als Junge arbeitet. Eine ziemlich harte Szene übrigens, sein ohnehin verletztes Ohr blutet dabei. Überhaupt ist der Anfang des Films noch ziemlich frei von der süßlichen Tendenz, die sich im Verlauf immer mehr einstellt. Die Jugendzeit von George Bailey ist schon geprägt von Prüfungen und Verlusten, es zeichnet sich schon ab, dass es nichts wird mit den großen Träumen, aber es geht auch vergleichsweise unsentimental zu.

Vielleicht ist es in diesem Fall ganz okay, dass in der deutschen Version, die in den frühen 1960ern synchronisiert wurde, wieder einmal unverhältnismäßig viel von der Musik eliminiert wurde, mit der Hollywoodfilme jener Jahre typischerweise unterlegt sind. Dadurch wirkt alles etwas trockener und nicht ganz so emotionalisiert, als wenn andauernd Glocken läuten (das soll im Hintergrund im Original über 40 Mal der Fall sein, und gemäß den Aussagen des Engels Clarence bedeutet das, dass jedes Mal ein Kollege von ihm seine Flügel verdient hat).

Finale

Das American Film Institute hat „Ist das Leben nicht schön“ als den am meisten inspirierenden und machtvollsten amerikanischen Film aller Zeiten auf Platz Eins einer entsprechenden Liste mit besonders inspirierenden Filmen gesetzt. Die Inspiration scheint aber nicht darin zu bestehen, seinen Träumen zu folgen und sein Glück zu suchen, sondern sich das eigene Leben immer dann, wenn’s darauf ankommt, von anderen diktieren zu lassen und daraus, dass es so gekommen ist, einen Gewinn zu  ziehen. Mögen die Freunde, die man in der Wirklichkeit hat, sich dann so verhalten wie die im Film, wenn man sie braucht. Sollte diese Gleichung nicht aufgehen, könnte es mit künftiger Inspiration schwierig werden.

James Stewarts Darstellung des George Bailey gilt dem Institut als achtbeste überhaupt, die IMDb-Nutzer vergeben durchschnittlich 8,6/10 Punkte für „Ist das Leben nicht schön?“ und setzen ihn damit auf Platz 25 der besten Filme aller Zeiten, in Relation zu seinem Alter steht er sogar auf Platz 1, alle vor ihm platzierten Werke sind jüngeren Datums, Kritiker und Nutzer auf „Rotten Tomatoes“ erreichen einen Durchschnitts-Score von 95 oder 96 % (alles Stand 04.09.2015). Keine Frage, dass an dem Film etwas dran sein muss, was die Menschen stark berührt. Wir erinnern uns noch, dass auch wir ihn an Weihnachten zuhause zum ersten Mal gesehen haben. Vielleicht ist das besser, als es im Sommer zu tun, wenn es draußen so heiß ist wie in dem Sommer, als er gedreht wurde (James Stewart schwitzt in der Brückenszene, bevor sich George Bailey das Leben nehmen will, nicht aus Angst vor dieser Entscheidung, sondern wegen der Hitze am Set). Vielleicht ist da aber auch ein Zweifel an der Wahrhaftigkeit dieses doch ziemlich spekulativen Werks aufgekommen, den wir auch dann nicht mehr beiseite wischen können, wenn wir  es uns an Weihnachten und vielleicht nicht allein im Kritiker-Modus, sondern mit lieben Menschen zusammen anschauen werden. Falls es anders sein sollte, werden wir diesen Text entsprechend revidieren.

Dass wir dennoch 81/100 vergeben, verdankt der Film einerseits dem tollen Schauspiel von James Stewart und seiner Mitstreiter*innen, dem großen Ideenreichtum, der unbestreitbar etwas Besonderes aus dem Werk macht und der Anerkennung der Tatsache, dass eine andere Biografie, dass eine Mentalität, vielleicht auch nur ein anderer Zeitpunkt, eine andere Lebenslage, eine andere Sicht auf diesen berühmten Film bedingen dürfte. Und bei aller Subjektivität, die eine Kritik beinhaltet und beinhalten sollte, wenn sie ehrlich ist, kann man aus einem guten Film nicht einen schlechten machen, weil seine Aussagen nicht allen Menschen gleichermaßen etwas bedeuten können. Denjenigen, die mehr ein Leben wie George Bailey führen, und das sind, mehr auf seine familiäre und berufliche Lebenssituation als auf seinen überragenden Altruismus bezogen, sehr viele, lieben „Isn’t Life Wonderful?“ zu Recht. 

© 2020 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Frank Capra
Drehbuch Frances Goodrich
Albert Hackett
Jo Swerling
Frank Capra
Produktion Frank Capra für
Liberty Films
Musik Dimitri Tiomkin
Kamera Joseph F. Biroc
Joseph Walker
Schnitt William Hornbeck
Besetzung

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