Fantomas gegen Interpol (Fantômas se déchaîne, FR / IT 1965) #Filmfest 320

Filmfest 320 A "Mini-Special Fantomas-Filme der 1960er Jahre" (2/3)

Französische Kinogeschichte in eine James Bond-Satire gedreht und mit einer Hommage an Hitchcock

Die Handlung in einem Satz: Gerade wurde Kommissar Juve (Louis de Funès) für seine Verdienste um die Ergreifung des Schurken Fantômas geehrt, da treibt dieser schon wieder sein Unwesen, entführt einen Wissenschaftler, um dessen Erkenntnisse zur Beherrschung der Welt zu nutzen, ein weiterer Forscher ist gefährdet und es kommt zu vielen Verstellungen und Tricks und zu einem Ende, das Fortsetzungen zulässt.

Fantômas ist nicht mehr und nicht weniger als eine französische Kino-Ikone aus den Pioniertagen der bewegten Bilder. Es war der Stummfilmregisseur Louis Feuillade, der diese Verbrecherfigur zum ersten Mal auf der Leinwand zum Leben erweckte, und zwar im Jahr 1913. Gaumont, das Studio, in dem die Filme entstanden, feiert dieses Jahr das hundertjährige Bestehen der Serie (bezogen auf den Entwurf der Rezension aus dem Jahr 2013). Und wie war es 52 Jahre, nachdem Fantomas das Licht der Welt erblickte, um ihn bestellt? Das klären wir in der -> Rezension.

Handlung (1)

Soeben erfreute sich Kommissar Juve noch des Kreuzes der Ehrenlegion, das ihm für seinen Sieg über den gefährlichen Verbrecher Fantomas verliehen wurde, da meldet sich dieser vor laufenden Fernsehkameras zurück und blamiert den hektischen kleinen Polizisten bis auf die Knochen. Zugleich präsentiert Fantomas, der Meister der Verkleidung, damit erstmals der Öffentlichkeit die Maske, die er für seine eigentliche Persönlichkeit auserkoren hat, nämlich jenen gespenstisch blaugrauen Kahlkopf mit dem starren Gesicht und den furchterregenden Augen, den bislang nur seine Komplizen und Opfer zu sehen bekamen.

Natürlich tüftelt Fantomas auch längst an einem neuen Coup, zu dem unter anderem die Entführung des Wissenschaftlers Marchand gehört. Aber noch bevor das Unternehmen Gestalt annimmt, kommt ihm wieder sein alter Gegner, der Journalist Fandor, in die Quere. Fandors Verlobte, die attraktive Pressefotografin Hélène, vermutet nämlich, dass auch der bekannte Professor Lefèbvre in Gefahr ist, weil dessen Forschungen mit denen Marchands eng zusammenhängen. Beide arbeiten auf dem Gebiet der Hypnose und Telepathie. Ihr vereintes Wissen wäre höchst gefährlich, wenn es in die Hände eines Ganoven wie Fantomas fiele. Deshalb befürchtet Fandor, dass Fantomas die bevorstehende Reise Lefèbvres zu einem Kongress in Rom benutzen wird, sich des Gelehrten zu bemächtigen.

Rezension

Ziemlich genau in der Mitte zwischen diesen ersten Stummfilmen und heute liegen die komödiantischen Abwandlungen der 1960er, denen vor allem Louis de Funès als Kommissar Juve, Widersacher des Großverbrechers, prägende Gaglastigkeit auf den Weg gibt.

Natürlich sind die Filme eine Reminiszenz an die Zeit, als der französische Film schon einmal führend war, schließlich wurde das Kino in Frankreich erfunden. Neben Fantômas zeichnet Louis Feuillade, der in der IMDb eine gigantische Filmographie von 672 Titeln vorzuweisen hat, auch für die berühmte „Judex“-Serie und für „Vampire“ (1915) verantwortlich, die zu den Höhepunkten des Weltkinos vor dem Ende des Ersten Weltkrieges zählen.

Aber die 1960er waren eine ganz andere Zeit und an die hat Regie-Routinier André Hunebelle seine Interpretation des Stoffs so angepasst, dass man nicht nur den Ursprung erkennt, sondern auch einige viel neuere Einflüsse und Zitate. Zunächst muss gesagt werden – so übermütig und quirlig war das Kino seitdem nie weder, und wir sehen vereint und persifliert in den drei Fantômas-Filmen:

  • Zunächst die gerade mit großem Erfolg gestartete James Bond-Reihe. Der Superverbrecher und seine weitläufigen Wohnlandschaften und die ganzen technischen Gags nehmen die ersten Bonds aufs Korn, auch wenn es keine überragende Agentenfigur in der Fantômas-Reihe gibt.
  • Weiterhin eine Anlehnung an „The Pink Panther“, der ein Jahr vor dem ersten Fantômas entstand; hier ist Peter Sellers‘ Inspektor Clouseau deutliches Vorbild für den im Grunde unfähigen, aber doch irgendwie mindestens am Rand des Erfolgs operierenden Juve, den Louis de Funès gibt – auch wenn die Art des Witzes, den die beiden großen Komiker oder Komödianten versprühen, verschieden ist. Der Film von Blake Edwards entstand zwei Jahre vor „Fantômas gegen Interpol“.
  • Der Kostümball in „The Pink Panther“ ist jedoch bereits ein Zitat, nämlich des Höhepunktes aus „Über den Dächern von Nizza“ von Alfred Hitchcock, der im Jahr 1955 entstand und ebenfalls einen komödiantischen Einschlag hatte.

Sich durch die Kinogeschichte treiben zu lassen, indem man einen so witzigen und nicht übermäßig anspruchsvollen Film wie „Fantômas gegen Interpol“ anschaut, die damit verbundenen Assoziationen sind bereits ein Vergnügen, der Film selbst wirkt natürlich trashiger als die Hochglanzwerke, die Hitchcock, Blake Edwards („The Pink Panther“) und spätestens der dritte Bond namens „Goldfinger“ darstellen, der ein Jahr vor dem hier besprochenen Film entstand.

De Funès war gerade als Gendarm von Saint Tropez zu Ruhm gekommen und feierte im Jahr nach „Fantômas gegen Interpol“ mit der Kriegskomödie „Die große Sause“ den größten Erfolg eines französischen Films bis zu diesem Zeitpunkt. Jean Marais steht im hier besprochenen Film noch an erster Stelle der Besetzungsliste – und auch im letzten Werk der Trilogie, „Fantômas bedroht die Welt“ (1967), nachdem de Funès bereits der größere Star war.

Ursprünglich sollte er eine eher untergeordnete Rolle neben Marais verkörpern, der einen Journalisten spielt und auch als Fantômas in Erscheinung tritt (im ersten Film, der schlicht „Fantômas“ heißt), doch er bannt den Zuschauer mit seiner energetischen, manischen Präsenz, die von keinem anderen Komiker je übertroffen wurde. Auch wenn man den Film an sich und die Handlung nicht so prickelnd findet, für Funès-Fans, und davon gibt es zu Recht auch heute noch eine große Anzahl, ist der Film, ist die gesamte Serie ein Muss.

Jean Marais hingegen wird uns für immer unvergesslich bleiben als Prinz in Jean Cocteaus wundervollem „Die Schöne und das Biest“ (1946), den wir demnächst für den Wahlberliner rezensieren werden und war in den 1940ern bis 1960ern einer der vielbeschäftigten französischen Kinostars, er hat mit großen Regisseuren wie Luchino Visconti in „Weiße Nächte“ an der Seite von Marcello Mastroianni gedreht – aber nie den internationalen Ruhm erreicht wie Delon, Belmondo und, mit Abstrichen, Yves Montand oder Michel Piccoli, Schauspieler-Ikonen des neuen französischen Films ab etwa 1959 („Nouvelle Vague“).

Für uns in Deutschland sind die vielen Linien innerhalb des französischen Kinos und seiner Geschichte, das Netz, in das „Fantômas“ eingewoben ist, weniger leicht zu erkennen als die auch für hiesige Zuschauer gut herauszufilternden Zitate, die wir weiter oben erwähnt haben. Nur Cineasten dürften die Feuillade-Stummfilme kennen und wissen, wie diese Vorbilder der 1960er-Trilogie sich in die Geschichte des Films einordnen.

Finale

Auch ohne dieses Wissen macht das Treiben jedoch Spaß und sorgt für typisches Feeling – die Swinging Sixties mit ihrer heiteren Stimmung kommen ebenso zur Geltung wie der burleske Humor französischer Prägung, der sich vom britischen aus derselben Dekade unterscheidet – ohne dass dies im Fall von Louis de Funès als Wertung zu verstehen ist.

Die Vorbildfilme aus den Kindertagen des Kinos waren nicht komödiantisch und es ist interessant, dass es schon einmal eine Epoche gab, in der Superverbrecher so bedrohlich wirkten, man kann sagen, die Ahnung vom Urknall eines explosiven Jahrhunderts, der kurz darauf stattfinden sollte, war in diesen Filmen schon antizipiert. In  Deutschland war die Phase solcher Figuren konsequenterweise in den unruhigen 1920ern bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten – Fritz Langs Dr. Mabuse etwa steht durchaus in dieser durch Feuillade begründeten Tradition, auch „Spione“ von 1928 zeigt ähnliche Konstellationen und Charaktere. Nicht zuletzt gab es in einigen der Edgar-Wallace-Filme, die zur gleichen Zeit entstanden, maskierte Schwerverbrecher und das eine oder andere „Superhirn“ und die Mabuse-Formel wurde zu der Zeit weiterverwendet, teilweise auch missbraucht.

Nie war die Welt aber so nah am Abgrund wie kurz vor der Realisierung der „Fantômas“-Trilogie, nämlich während der Kubakrise 1962. Dass die Agenten- und Überverbrecher-Filme der Zeit durchgängig humoristisch waren, zeigt, dass die Grundstimmung gut war und die Filme schon ein Bewusstsein dafür schaffen wollten, dass wir alle in einem Boot sitzen und es nicht böse Völker gibt oder gute und schlechte Ideologien und Gesellschaftsmodelle, sondern böse Individuen, die alle Völker gleichermaßen mit ihren Weltherrschaftsfantasien bedrohen. Mit ihren vielen Helfershelfern, die unhinterfragt jedes Verbrechen ausführen, stehen sie gleichzeitig für die „bösen Systeme“.

Fantômas wirkt in der Riege dieser Charaktere eher wie ein Leichtgewicht und ist mit seiner grünlichen Maske doch nur ein Mensch, der spricht, geht, handelt wie alle anderen, kein stilisierter, manchmal sogar unsichtbarer und damit viel bedrohlicher wirkender der ganz geheimnisvollen Art. Man weiß am Ende von „Fantômas gegen Interpol“ nicht, wer nun hinter der Maske steckt. Es ist ein schwarzer Mann, der einen Citroen DS  zum Fliegen bringt, aber wohl nicht die Welt ins Wanken. Da der dritte Teil der Fantômas -Trilogie aber behauptet wird, dass der Grünmaskierte die Welt bedroht, wird es wohl noch zu einigen Verwicklungen kommen. Im Original heißt der Film aber „Fantômas contre Scotland Yard“.

69/100

© 2020 (Entwurf 2013) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Wikipedia

Regie André Hunebelle,
Haroun Tazieff
Drehbuch Pierre Souvestre,
Marcel Allain,
Jean Halain
Produktion Paul Cadéac,
Alain Poiré
Musik Michel Magne
Kamera Raymond Pierre Lemoigne
Schnitt Jean Feyte
Besetzung

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