Hanglage mit Aussicht – Tatort 840 #Crimetime 898 #Tatort #Luzern #Flückiger #Ritschard #SRF #Hanglage #Aussicht

Crimetime 898 - Titelfoto © SRF, Daniel Winkler

Gentrifzierung im Kapitalstaubsauger

Über den Tatort 839 („Skalpell“) hatten wir als einzige Erstsendung seit Aufnahme unserer Rezensionstätigkeit für den Wahlberliner nicht geschrieben. Es ging gestern gleich weiter mit der Schweiz, trotzdem fehlt uns vorerst eines von drei Teilen zum langsam entstehenden Flückiger-Puzzle.

Was wir gestern sahen, empfanden wir gegenüber dem ersten Flückiger-Tatort („Wunschdenken“) als in Maßen besser. Reto Flückiger (Stefan Gubser) hat inzwischen die Ermittlungspartnerin – eigentlich ist er ihr Chef – gewechselt. Die schneidige Abigail Lanning aus „Wunschdenken“ ist seit „Skalpell“ durch die bodenständiger wirkende Liz Ritschard (Delia Mayer) ersetzt worden, was sicher zu weniger Diskussionen um die Besetzung und zu einer Normalisierung des Teams geführt hat.  Ist normal immer besser? Dies und mehr zum Film betrachten wir in der -> Rezension.

Handlung

Reto Flückiger und Liz Ritschard werden an die äußerste Kantonsgrenze gerufen. Unterhalb der Wissifluh, einer Höhenlage über dem Vierwaldstättersee, liegt am Nationalfeiertag ein Lebemann aus dem Luzerner Jetset tot in einem Waldstück.

Alles deutet darauf hin, dass er aus der Seilbahn gestoßen wurde, die zum Ausflugrestaurant hinaufführt, wo am Vorabend eine Feier zum 1. August stattfand. Regierungsrat Mattmann, der als Festredner geladen war, wurde Zeuge eines Streits zwischen dem Besitzer der Wissifluh und dem Mordopfer, das in die Wissifluh investieren wollte. Mattmann drängt auf Festnahme des streitsüchtigen Bergbauern Arnold.

Doch Flückiger erweitert den Ermittlungshorizont und stößt auf die diskreten Machenschaften von Ansiedlungsspezialisten für reiche Ausländer. Geht hier tatsächlich jemand über Leichen, um an Immobilien in exklusiver Lage zu kommen?

Infos

Am Anfang des dritten Luzerner „Tatorts“ hält Regierungsrat Mattmann auf der Wissifluh, in bester Lage hoch über dem Vierwaldstättersee, eine Rede zum Schweizer Nationalfeiertag und schließt mit den Worten: „Die Schweiz gehört uns allen“! Die Frage, ob dem (noch) so ist, befeuert die politische Diskussion in der Schweiz seit 50 Jahren. Dabei spielen die Angst vor der Zersiedlung der Schweizer Landschaft, vor „Überfremdung“ durch Zuwanderung, vor Bodenspekulation und dem unkontrollierten Zustrom von ausländischem Kapital auf den einheimischen Immobilienmarkt eine Rolle. 

Im Film gehört das schöne Stückchen Schweiz namens Wissifluh einer fiktiven Familie Arnold. Inspiriert dazu, deren Geschichte als „Tatort“ zu erzählen, hat Drehbuchautor Felix Benesch, als er selbst zum ersten Mal auf der Wissifluh stand, die Frage: Wie, mit welchen mehr oder weniger legalen Mitteln, kann man jemanden, der nicht auf Rosen gebettet, aber im Besitz einer so attraktiven Immobilie ist, dazu bringen, diese zu verkaufen?

Rezension

„Hanglage mit Aussicht“ ist nicht ganz fehlerfrei, aber nach vielen deutschen Tatorten mit Experimentalcharakter haben wir ihn gerne gesehen. Dieser traditionelle Whodunnit hat uns nicht mitgerissen, aber auch nicht verärgert. Die Synchronisation der wichtigsten Sprechrollen ins Hochdeutsche trägt einerseits zum entspannten Hören, andererseits zu einer gewissen Künstlichkeit bei.

Der Alpenland-Vergleich mit dem gemischten Wiener Team Eisner/Fellner drängt sich auf, und dieser Vergleich belegt, wie weit der Weg der Schweizer noch ist, falls man ihn daran bemisst, ob sie es denn auch so schräg und kauzig haben mögen wie die östlichen Nachbarn, oder ob es mentalitätsfremd wäre und man dazu steht, bei sich selbst zu bleiben. Der Fußweg von einer Seilbahn-Talstation zu einer Bergstation ist jedenfalls in der Schweiz ziemlich kurz und nicht sehr anstrengend, wie Reto Flückiger uns gleich zweimal beweist, womit sich beinahe die Frage stellt, warum überhaupt Seilbahnen, aus denen man Leute schmeißen kann, damit sie ums Leben kommen und in denen weiblichen Ermittlern furchtbar übel wird.

So ein altmodischer Tatort! Kein Ermittlerprivatleben, keine Gags und Gimmicks, weder optischer noch inhaltlicher oder darstellerischer Natur, keine rätselhaften Verstrickungen und fragwürdigen Konstellationen, dafür eine ganz klare Einteilung in Gut und Böse – da fühlt man sich als Zuseher gut aufgehoben. Vor allem, wenn man kein Schweizer ist. Wir glauben ja auch den Schweden die Art, wie sie ihr Land in Krimis darstellen. Von den Österreichern – sagen wir, von den Wienern – hingegen wissen wir, dass sie so hintergründig sind, wie der Hauptmann Eisner in seinen Tatorten daherkommt.

Die kursiv gedruckte Bemerkung in der ARD-Programmvorschau belegt, dass es um schweizerische Zentralthemen geht, so aufbereitet, dass sie auch jeder hierzlande versteht. Trotz des oben erwähnten Themas Überfremdung stellt sich der einzige Deutsche im Film, der in einer Hotelfachschule lernt, als nicht gefährlich heraus, sondern als etwas fluchtreflexgeprägt, dann für einen Moment grundlos und in der Situation deplatziert schräg, wo er Faxen gegen die Scheibe macht, und am Ende ein wenig weicheimäßig. Da fühlt man einen deutlichen Realitätsbezug zu unserer Generation der 20jährigen.

Wo Deutsch als Normalsprache vorkommt, wirkt es auf der hanglagigen Wissifluh etwas fremd, andererseits sind wir dankbar dafür, dass wir uns auf die Handlung konzentrieren dürfen. Daher werten wir die Synchronisation neutral, ohne allerdings zu wissen, wie verständlich für uns das Original gewesen wäre, welches das SF1 gestern gesendet hat. Von dem, was die Schauspieler in ihrem Heimatdialekt drauf haben, geht durch die Quasi-Übersetzung natürlich etwas verloren, das kann aber keine Entschuldigung für die in der dritten Flückiger-Folge immer noch hölzerne Art zu agieren sein. Man kann dies natürlich auch als dezent und schön understatend bezeichnen und es wirkt angesichts mancher deutschtatortlicher Eskapaden so unangenehm nicht – jedenfalls als Abwechslung. Gäbe es jede Woche einen Tatort im Stil von „Hanglage“, würden wir die Rezensionen wohl irgendwann einstellen.

Amerikanische Filme werden ebenfalls synchronisiert und wirken doch oftmals sehr lebendig, die Schauspieler bringen ihr Potenzial auch mit deutschen Stimmen gut rüber. Deswegen bleibt jenseits der gewissen Verfremdung festzuhalten, dass es noch erhebliches Steigerungspotenzial gibt. Am besten hat uns der grantige Bergbauer Rolf Arnold (Peter Freiburghaus) gefallen. Vielleicht ist diese Rolle gar nicht so exorbitant gespielt, vielleicht ist der Mann gar nicht so typisch für die Gegend, aber das war wenigstens ein Typ.

Die Schweizer Banker, Anwälte und Politiker hingegen sind auf eine Weise blass und klischeehaft dargestellt, dass man selbst vom deutschen Gepräge der jeweiligen Berufe oder Tätigkeitsfelder noch einmal Abstriche machen muss, was, wenn man davon ausgeht, dass hier die Realität einigermaßen gespiegelt ist. Man bekommt das ungute Gefühl, das Langweilige ist das wirklich Böse. Hinter nichtssagender Normalität versteckt sich die Gier am besten und währt am längsten. Dort untergräbt sie die Postkartenidylle der Alm und wirkt in alle erdenklichen Richtungen negativ. Wir erfahren aber sehr informativ, wie das, was man bei uns Flächennutzungsplan nennt, demokratisch verändert wird. In der Schweiz trägt diese gemeindliche Nutzungsordnung den Namen Zonenplan. Da hat man ein wenig Ironie reingebracht. In Deutschland zum Beispiel werden diese Pläne eben nicht von der Bevölkerung beschlossen oder geändert, und wer weiß, vielleicht sind sie dadurch weniger zu manipulieren. Die Öffentlichkeit ist zwar durch frühzeitige Information zu beteiligen, Änderungsvorschläge sind sinnvoll zu berücksichtigen, aber grundsätzlich ist die Aufstellung der Pläne amtlich.

Der Zonenplan, in dem die Alm mit Bergrestaurant mit dem Namen Wissifluh angesiedelt ist, spielt im Film eine wichtige Rolle und wir erfahren, dass selbst in Gegenden, die man bei uns mindestens als Landschaftsschutzgebiet bezeichnen würde, die Änderung in eine beinahe frei gewerblich nutzbare Zone möglich ist. Wie sich das optisch ausnimmt, auf so einer Alm, ist dann mit einem Mal sekundär. Darin steckt schon einiges an Sarkasmus dem Schweizer Kommerzdenken gegenüber, das offensichtlich jederzeit jede naturverbundene Sichtweise überstimmen und überrennen kann. Dieses Denken gibt es im wesentlich mehr zersiedelten Deutschland auch, aber Schutzgebiete schränken hierzulande die Nutzungs- und Gestaltungsmöglichkeiten von Bauten und Baufeldern tendenziell immer mehr ein, große Flächen sind der Bebaubarkeit und damit der Spekulation, wie sie im Film vorkommt, dauerhaft entzogen.

Finale

„Hanglage mit Aussicht“ behandelt durchaus brisante Themen, aber so seriös und so dezent gespielt, dass die Rezension vergleichsweise kurz bleibt, denn es gibt bis auf die übertriebene Laufgeschwindigkeit von Flückiger am Berghang nichts Technisches auszusetzen. Alle Figuren handeln mit nachvollziehbaren Motiven und angesichts ihrer Motivlage einigermaßen stimmig, das Personal ist übersichtlich und die Form des Whodunnit ohne Wimpernzucken sehr klar und beinahe lehrbuchhaft ausgeführt. Immer wieder mal taucht jemand auf, der verdächtig sein könnte, am Ende hat jemand den Mord begangen, der ohnehin gut in Frage kam.

Dass dies alles auch klischeehaft wirkt, darüber muss man nicht diskutieren. Schließlich wissen wir, das der tägliche Umgang mit Geld, wie Banker ihn pflegen, tatsächlich die Mentaltiät verändern kann. Die Politiker rupft man nur so halb, der Politiker Mattmann (Jean-Pierre Cornu) ist zwar am Sepkulationskarussell auf der Alm beteiligt, weiß aber nichts von dem Mord an dem Investor, welcher der Almwirtstochter Claudia Arnold (Sarah Sophia Meyer) den Hof gemacht hat und in Wirklichkeit nur hinter deren Land her war. Ein windiger Anwalt sorgt dafür, dass diesen braven Arnolds alle möglichen Amtsplagen auf den Hals gehetzt werden und sogar das Aufzugseil wird manipuliert, sodass ein größerer Schaden für die Familie entsteht.

Wir schätzen aber die Solidität dieses Krimis und natürlich die schöne Bergkulisse, der Vierwaldstätter See ist immer eine Augenweide, und warum soll eine schöne Landschaft nicht auch einen kleinen Bewertungsbonus bringen? Wir müssen gar nicht in die Schweiz fahren, um uns am Sonntagabend dort ein wenig zu erholen und das Auge wohlgefällig auf glitzerndem Wasser, folkloristischem Ausflugswesen und stolzen Bergpanoramen ruhen zu lassen. Der Krimi stört das Wohlbefinden nicht, weil er zum einen im Ausland spielt und zum anderen die Verhältnisse so klar, die Deutungsmöglichkeiten so minimal sind, dass der Denkapparat nicht in unangenehmes Rotieren verfällt, schon kurz vor der neuen Arbeitswoche, und man sich auch emotional nicht so angefasst fühlt, dass Taschentücher nass werden.

7/10

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Reto Flückiger Stefan Gubser
Liz Ritschard Delia Mayer
Beat Odermatt Matthias Fankhauser
Claudia Arnold Sarah Sophia Meyer
Rolf Arnold Peter Freiburghaus
Louis Kälin Imanuel Humm
Jonas Bättig Aaron Hitz
Eugen Mattmann Jean-Pierre Cornu
Ernst Schmidinger Andrea Zogg
Yvonne Veitli Sabina Schneebeli
Marcel Küng Martin Klaus
Regie: Sabine Boss
Buch: Felix Benesch
Kamera: Roland Schmid S.C.S.
Musik: Fabian Sturzenegger

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