Irma Vep (FR 1996) #Filmfest 322 #Fantomas

Filmfest 322 A "Mini-Special Fantomas-Filme der 1960er" (Ergänzung)

Vorwort anlässlich der Veröffentlichung des Rezension 2020. Da wir gerade die drei französischen Fantomas-Filme der 1960er Jahre besprochen haben, die wiederum auf Motive von Louis Feuillade zurückgehen, der diesen ersten Superverbrecher-Stoff der Kinogeschichte schon vor dem ersten Weltkrieg von der gleichnamigen Romanserie adaptierte, bietet es sich an, die Kritik zu „Irma Vep“ anzuschließen. Hier wiederum basiert die Idee auf „Vampire“ von Louis Feuillade aus dem Jahr 1915 – mit der Figur Irma Vep, damals gespielt von Musidora (1).

Ein doppelter Rückblick in die Kinogeschichte

Vorwort anlässlich der Veröffentlichung des Rezension 2020. Da wir gerade die drei französischen Fantomas-Filme der 1960er Jahre besprochen haben, die wiederum auf Motive von Louis Feuillade zurückgehen, der diesen ersten Superverbrecher-Stoff der Kinogeschichte schon vor dem ersten Weltkrieg von der gleichnamigen Romanserie adaptierte, bietet es sich an, die Kritik zu „Irma Vep“ anzuschließen. Hier wiederum basiert die Idee auf „Vampire“ von Louis Feuillade aus dem Jahr 1915 – mit der Figur Irma Vep.

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Wer „Irma Vep“ verstehen will, muss genau zu dem Publikum gehören, das ein Reporter (Antoine Basler) im gleichnamigen Film ganz offensichtlich verabscheut, er macht das in einem Interview mit der chinesischen Schauspielerin Maggie Cheung klar.

Man muss zu diesem intellektuellen Minderheitenpublikum gehören. Mehr als das, man sollte sich auch mit Filmgeschichte auskennen und wissen, wie wichtig Louis Feuillades Filmserie „Les vampires“ von 1915 für den frühen Film waren. Weiterhin sollte man ein wenig verfolgt haben, wie sich das französische Autorenkino seit den 60er und 70er Jahren entwickelt hat, um den Klageton und den Pessimismus zu verstehen, welche „Irma Vep“ durchziehen.

Ironisch, melancholisch und doch nicht sentimental blickt er auf den Stand der Dinge im französischen Kino der 90er Jahre. Und in der Tat, neben eher seichten Mainstream-Produktionen, die durchaus erfolgreich waren und für die sich auch sehr bekannte Schauspieler hergaben, war damals eine Leere; das Autorenkino hatte sich festgefahren, war lebensfern und didaktisch geworden, sehr kopflastig. Man konnte in vielen Filmen kaum noch unterscheiden, ob die gestelzten Dialoge ebenso ironisch gemeint waren wie viele Elemente in „Irma Vep“ – oder vielleicht doch ernst.

Gemildert wird der scharfe Blick von Regisseur Olivier Assayas (der zuletzt mit der Filmtrilogie über den venezolanischen Terroristen „Carlos“ hervorgetreten war) durch seine unverkennbare Sympathie für die hongkongchinesische Aktrice Maggie Cheung, die sich selbst spielt und im Film-Film gemäß Wunsch des Regisseurs René Vidal (dargestellt von der Autorenfilm-Ikone Jean-Pierre Léaud) die Titelrolle im Feuillade-Remake übernehmen soll.

Handlung (2)

Der französische Filmregisseur René Vidal möchte ein Remake des französischen Stummfilms Les Vampires von Louis Feuillade drehen. Die Hauptrolle Irma Vep in dem Film von 1915 hatte die französische Schauspielerin Musidora gespielt. Nun sucht Vidal eine passende Schauspielerin, die diesen Part übernehmen kann und findet sie in der chinesischen Schauspielerin Maggie Cheung. Maggie reist nach Paris, um die Rolle zu übernehmen. Sie spricht jedoch kein Wort französisch und verlangt deshalb, dass alle Mitarbeiter englisch mit ihr sprechen. Ein erstes Treffen mit der Kostümbildnerin Zoé findet statt. Sie soll ein hautenges Latexkostüm tragen und erfährt von Zoé, dass Vidals Karriere als Filmregisseur abwärts geht. Maggie ist jedoch nicht weiter besorgt und es kommt zu ersten Aufnahmen. Vidal ist jedoch unzufrieden und verlässt nach erster Sichtung des Materials seinen Arbeitsplatz.

Die Dreharbeiten verlaufen weiter chaotisch und sind geprägt von Intrigen innerhalb des Filmteams. Vidal ist am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Dennoch findet Maggie den Regisseur sympathisch und verteidigt ihn auch gegen einen französischen Journalisten, der besonders auf Filme von John Woo und Arnold Schwarzenegger steht und französisches Autorenkino langweilig findet. Als die Kostümbildnerin Zoé nach einem desaströsen Drehtag sie auf ihrem Motorrad mit zu Freunden nimmt, erfährt Maggie von diesen Freunden, dass Zoé ein Auge auf sie geworfen hat. Maggie ist entsetzt und kehrt allein zurück in ihr Hotel. Dort erhält sie zahlreiche Nachrichten von Vidal. Maggie ruft ihn und er bittet sie, zu ihm nach Haus zu kommen. Als sie dort ankommt, findet sie ihn nach einem Streit mit seiner Ehefrau unter dem Einfluss starker Beruhigungsmittel.

In derselben Nacht kehrt Maggie zurück in ihr Hotel und schlüpft in ihr Kostüm. Ähnlich wie ihr Rollencharakter bricht sie in ein Hotelzimmer ein, stiehlt Schmuck und flüchtet über die Dächer des Hotels, wirft den Schmuck allerdings weg. Am nächsten Morgen verschläft sie und wird von Zoé geweckt, die gekommen ist, um zu überprüfen, ob alles mit Maggie in Ordnung ist. Am Drehort herrscht wieder einmal das völlige Chaos. Vidal ist nicht am Set erschienen. Schließlich erfährt die Crew, dass Vidal einen Nervenzusammenbruch hatte und der Regisseur José Mirano seine Arbeit übernehmen soll. Mirano versteht jedoch nicht, warum Vidal ausgerechnet eine chinesische Schauspielerin besetzt hat, die nicht einmal französisch spricht. Er will die Regie nur übernehmen, wenn Maggie durch eine französische Schauspielerin ersetzt wird. Maggie wird entlassen und fliegt nach New York, um dort Ridley Scott zu treffen.

Rezension

125 Jahre französisches Kino. Wir haben noch unzählige Klassiker vor uns, wenn wir „Dem Wahlberliner“ eine ernst gemeinte Filmrezensions-Rubrik schenken wollen, aber manchmal muss es auch mal ein Film über einen ganz alten Klassiker sein, den wir bisher nicht gesehen haben – Louis Feuillades inhaltlich etwas obskure, aber unter Filmhistorikern beliebte Serie „Les Vampires“. Und nicht nur die Filmhistoriker mochten diese einfache Serie aus zehn Filmen, die unter den erschwerenden Bedingungen des ersten Weltkrieges in den Jahren 1915-1916 zustande kam:

„Doch gerade die Improvisationen des unter Zeitdruck sehenden Feuillade begeisterten die französischen Surrealisten. Sie betrachteten sie als filmische Entspechungen zur „écriture automatique“. „In Les Vampires, schrieben Aragon und Breton, „muss man die eigentliche Wirklichkeit des Jahrhunderts suchen, jenseits der Mode, jenseits des Geschmacks.““ (3)

So durch die zeitgenössische Künstler-Avantgarde geadelt, eignete sich die Stummfilmserie von Pionier Feuillade hervorragend für eine Reflektion auf ein gefühltes Ende einer großen französischen Filmtradition und damit eines Zirkels; so, wie der einer jüngeren Generation angehörende Regisseur Olivier Assayas die Lage der Dinge im Jahr 1996 empunden haben mag.

In Wirklichkeit, das wissen wir heute, war dies allenfalls ein Zwischentief und in Frankreich werden nach wie vor interessante Filme gemacht. Sie sind nicht mehr stilprägend wie einst die Nouvelle Vague und selten avantgardistisch. Doch gibt es noch ein avantgardistisches Kino, ist stilistisch ganz Neues zu vermelden? Eher nein. Der Film ist, wie das Automobil, ein Produkt geworden, das sich nur noch in Details verändert, ist eine Kunst, die sich nicht mehr in großen Sprüngen entwickelt, sie hat sich erkennbar dem Ziel verschrieben, ein williges Publikum zu erreichen und nimmt auf dessen visuelle Konventionen Rücksicht. Technisch tut sich noch das eine oder andere, vor allem aber vermehren sich die Distributionskanäle und kannibalisieren das Großereignis Kino im Sinne der alles marginalisierenden Plattformökonomie.

Man mag den Mangel an Experimentierfreudigkeit bedauern und den gleichzeitig massenhaften und kleingeistigen Konsumismus, aber es gab eine Zeit für das alles. Die Pionierzeit des Kinos war aufregend und großartig, aber sie ist unwiderruflich vorbei. Wir bedauern das mit Olivier Assayas ein wenig, gehen aber rasch zur Reminiszenz über.

Der Film hat Frankreich sehr viel zu verdanken. Auch wenn um 1895 in mehreren Ländern beinahe gleichzeitig die ersten Filmrollen auf Vorführgeräten öffentlich abgespult wurden, die Gebrüder Lumière aus Paris gelten als die Erfinder dessen, woraus sich das Kino entwickelt hat. Der französische Film hatte seine Höhepunkte und weniger interessante Phasen, aber er war immer präsent und in jeder Dekade seit Anbeginn des 20. Jahrhunderts interessant und vielfältig. Von dem hohen Anspruch, den der französische Film seit vielen Jahrzehnten an sich selbst stellt, muss man ausgehen, wenn man die filmische Klage über das Ende des guten Autorenkinos, die Olivier Assayas mit „Irma Vep“ führt, aus der richtigen Perspektive betrachten will.

Über die vielen wundervollen Stunden zu reflektieren, die uns französische  Filme geschenkt haben und noch einmal den Zauber des frühen Kinos allgemein zu spüren, gebrochen durch die Darstellung abgehalfterter Autorenfilmer der späten 90er Jahre, dafür ist „Irma Vep“ ein ausgezeichnetes Vehikel. In diesem Werk hallt großes Kino nach und wird zum Kammerspiel, bei dem es um eine chaotische, intime Filmproduktion geht, in deren Verlauf wichtige Figuren sich in ihrer Limitiertheit  entblößen. Nur der chinesische Actionstar Maggie Cheung, der gar keine Actionszenen spielen kann, steht abseits dieses Treibens und wirkt unbeschadet wie eine aus der Ferne betrachtete Figur von Feuillade. Nicht umsonst wird mit Kameraeinstellungen gespielt und René Vidal erkennt, dass die Großaufnahmen seines uninspirierten Remakes und die bewegliche Kamera, die es bei Feuillade noch nicht gab, die Figur „Irma Vep“ vollkommen entzaubern.

Der Film äußert sich sehr kritisch zu den Produktionsbedingungen im Autorenkino der Zeit und zu den Befindlichkeiten der Beteiligten, die im eigenen Saft schmoren und nur noch zur Inszenierung von oder Mitarbeit an seelenlosen Remakes imstande sind. Uns gefällt gerade diese Lesart ausgezeichnet, weil wir der Ansicht sind, dass die meisten Remakes eine Geld- und Zeitverschwendung darstellen. Filme, die so gut sind, dass man sie x-mal kopiert, haben meist eine Seele, die sich genau dieser Nachahmung entzieht.

Insofern ist „Irma Vep“ auch eine Aufforderung, nicht rückwärts in die große Filmgeschichte des eigenen Landes zu blicken, das Vergangene im Ganzen oder in filmischen Einzelzitaten aufleben zu lassen, sondern die aktuellen Themen, die jede Zeit hat, auf aktuelle Weise aufzugreifen. Der introspektive Blick und die Selbstbezogenheit der hier  gezeigten Filmschaffenden, so verstehen wir Assayas, sind grundfalsch.

Auseinandersetzung mit Befindlichkeiten. „Irma Vep“ ist erstaunlich vielschichtig. Da ist  zum Beispiel die Besetzung des von inneren Krisen geschüttelten Regisseurs Vidal mit Jean-Pierre Léaud. Jeder Filmliebhaber denkt bei diesem Schauspieler sofort an seine Filme mit Francois Truffaut, an dessen Kreation Antoine Doinel. Den vielleicht schönsten Film der Quattrologie, „Baisers volées“, haben wir  jüngst für den Wahlberliner rezensiert.

Mit der Besetzung huldigt Olivier Assayas nicht nur der großen Zeit des französischen Autorenkinos, sondern beschreibt auch, wie die Autoren selbst zu Doinel-Figuren wurden, die immer mit ihren eigenen Befindlichkeiten beschäftigt sind. Was seinerzeit eine liebevolle und sehr klare Zeichnung von kleinen Egoisten war, hat sich in die Filmwelt selbst hineingefressen und zersetzt jede Möglichkeit, sich der heutigen Realität auf angemessene Weise zu stellen.

Als der Journalist das Interview mit Maggie Cheung führt und dabei über das neuzeitliche Subventionskino herzieht, hat man nicht das Gefühl, dass Regisseur Assayas die Ansichten des Journalisten teilt, der Arnold Schwarzenegger als kapablen Filmschaffenden empfindet, sondern dass er es schade findet, dass solche Meinungen beinahe unwidersprochen bleiben müssen, weil es eben keinen anspruchsvollen, aber gleichwohl einem großen Publikum zugänglichen (französischen) Film mehr zu geben scheint.

Die Schauspielerin versucht Vidal, der sie engagiert hat, zu verteidigen, aber sie hat erkennbar Mühe, dem aggressiven Pressemann argumentativ die Stirn zu bieten. Am Ende setzt Assayas auf die Sprachlosigkeit der französischen Filmintellektuellen der 90er Jahre noch eines drauf, indem er Vidal zusammenbrechen lässt. Ein derber Regisseurstyp, der manchmal Bierschaum auf den Lippen hat, übernimmt den Dreh und feuert sofort die Chinesin, weil er die Vision von Vidal nicht versteht.

Der konnte sie zwar nicht mehr umsetzen, weil er künstlerisch in der Krise steckt, doch immerhin hatte er eine Idee, die über eine bloße Nacherzählung hinausging – während sein Nachfolger eine vordergründig linksgerichtete Argumentation einbringt, die eine Frau, die im Vampirskostüm auf Beutzüge geht, nur als in ihrer Charakterentwicklung milieubezogen deuten kann. Dass er in Wahrheit die Chinesin mit ihrer subtil erotischen und jedenfalls exotischen Ausstrahlung schlicht nicht mag und es lieber eine Nummer einfacher hat, möglicherweise auch das schauspielerische Talent der gewünschten Hauptdarstellerin ebenso wie deren Formbarkeit betreffend, das darf man getrost als Subtext herauslesen. Am Ende verliert also die ohnehin prekäre Produktion auch noch ihren Star, ihr Zugpferd, weil ein strubbeliger Altregisseur sich durch zweifelhaften Eingriff in Vidals Konzept verewigen wollte.

Die Chinesin hingegen bewahrt sich ihre Integrität, schlüpft gerne in ihre Rolle, wie man feststellen kann, aber sie lässt sich zum Beispiel von der  lesbischen  Kostümbildnerin Zoé nicht in Persönliches hineinziehen und spielt auf sehr feine Weise eine Person, welche solche Avancen peinlich, lustig und anrührend im selben Moment findet.

Die Momente von Irma Vep. Neben der Auseinandersetzung mit dem Business der unabhängigen Filmschaffenden und deren mentaler Verortung gibt es in „Irma Vep“ eine Menge mehr zu sehen.

Es geht zum Beispiel um Erotik und um Obsessionen. Sozusagen parallel zu seinen Aussagen über die Filmer macht Assayas ein noch größeres Fass auf: Männer, die Visionäre waren, sind zu  Voyeuren geworden. Sie wirken ausgelaugt oder flach, stark hingegen sind die Frauen, gleich, ob sie, wie Maggie, sich ganz in ihre Rolle hineinbegeben und den Zauber von Latex und nächtlichen Exkursionen in fremde Hotelzimmer in sich aufnehmen, ob sie leidenschaftlich gegeneinander intrigieren, wie einige weibliche Mitglieder der Crew, nein, Maggie alias Irma versucht auch immer noch, diesen männlichen Obsessionen und zu Voyeurismus degradierten visuellen Konzepten gerecht zu werden und darüber hinaus etwas wie Empathie zu kaputten Typen wie René Vidal zu entwickeln. Männer am Ende ihrer Welt wird einer flirrend-postfeministischen Frauenpower gegenübergestellt, die sich auf schmalen Dachgraten bewegt und eine Filmproduktion klammern könnte, wenn die beteiltigen Männer es denn zuließen.

In der schönste Szene von „Irma Vep“, die beinahe aus dem übrigen Film herausgelöst ist, sehen wir Maggie nachts im Hotel, wie sie freiwillig diese enge, schwarze Catsuit überzieht, sich in ein anderes Zimmer schleicht und dort Schmuck stiehlt. Sie flieht aufs Dach und wird dort vom nächtlichen Regen geradezu zärtlich empfangen, genießt diesen Moment und wirkt in dem nassglänzenden Latexkostüm dabei genau so, wie es sich Regisseur Vidal wohl erträumt hatte. Doch der ist leider nicht anwesend, um diesen schönen Augenblick einzufangen, wird niemals Zeuge davon sein, wie sich die Frau auf ganz natürliche, von ihrer eigenen Anmut faszinierte Weise in das verwandelt, was die hölzerne Regie des Altfilmers nie zugelassen hätte.

Das ist eine Allegorie auf Kunst, Künstlichkeit und jene unsterbliche Fantasie, die sich an einem Menschen nur zeigt, wenn dieser ganz er selbst ist und nicht das gehetzte Produkt ideologischer und künstlerischer Standpunkte. Ob man dies als grundsätzliches Statement des Regisseurs Assayas ansieh. Ob man eine solche Einstellung teilt, ist eine Sache; auf jeden Fall lässt Regisseur Olivier Assayas keinen Zweifel daran, dass er sich die Kraft der Imagination ins französische Kino zurückwünscht.

In den letzten Minuten des Films, die in den Abspann übergehen, sehen wir Material, das noch von Vidal gedreht wurde und vom neuen Regisseur gesichtet wurde. In einem letzten, am Rande des Wahnsinns stehenden künstlerischen Akt hat er das Zelluloid surrealistisch verfremdet. Die Hauptdarstellerin wird ohnehin ausgetauscht, könnte man denken, insofern ist das nicht mehr relevant. Aber in einem letzten Aufbäumen gegen das Banale hat der Mann noch einmal suggestive Momente geschaffen, die aber alles andere als eine Lösung für die Schwächen des Materials zu sein scheinen. Vielmehr scheint es, als würde hier an der glatten Oberfläche des heutigen Films gekratzt und als würde eine gepeinigte Künstlerseele den Todesschrei ausstoßen, bevor sie den Kampf mit sich und dem Film als Objekt der Begierde endgültig aufgibt. Dass „Irma Vep“ dokumentarisch wirkt, bis auf die erwähnte Dachszene und einige bewusst von schauspielerischer Geste dominierte Minuten, dass der Plot hinter die Einzelmomente zurücktritt, ist wieder im Kontext zu begreifen: Spielarten des Autorenkinos zeigt genau diesen Stil.

Finale

Es macht Spaß, zu sehen, wie man mit der Zeit eine andere Einstellung zu den Facetten eines Films gewinnt. Hätten wir ihn Ende der 90er Jahre rezensiert, nach der deutschen Erstausstrahlung oder als wir ihn im Jahr 2001 archiviert hatten, wäre das Ergebnis der Betrachtun sicher ein anderes gewesen. Natürlich profitieren wir davon, dass bestimmte Aspekte von Kritikern bereits auf den Punkt gebracht wurden und dass man das überall nachlesen kann (3), aber wir spüren auch den eigenen Beobachtungen in Bezug auf solche Aussagen nach und es gibt ja gerade zu eher für Cinéasten gemachten Filmen wie „Irma Vep“ immer sehr verschiedene Meinungen.

Dass der Film eher für ein kundiges Publikum geeignet ist, das die Anspielungsebenen und Bezüge zur Filmhistorie entschlüsseln kann, ist im Grunde ein wenig ironisch, vielleicht war es dem Regisseur Assayas aber auch bewusst, dass er eine Art Kritik vom Insider für Insider vom Stapel gelassen hat, als er diesen Film drehte. Heute gehört auch diese zeitgebundene Sichtweise, die der Regisseur einnimmt, zur Filmhistorie und obwohl neuere Filme oft überschätzt werden, während wohl die wenigsten heute lebenden Menschen einen Originalstreifen vom Kinopionier Louis Feuillade gesehen haben dürften, teilen wir den pessimistischen Blick von Assayas nicht. Dafür freuen wir uns über die vielen interessanten Elemente und Momente in „Irma Vep“ und, da sind wir ganz so wie die Männer, die im Film gezeigt werden, über die schöne Titelheldin im schwarzglänzenden Kostüm, die Fantasien beflügelt, obwohl die Magie des Zelluloids bereits erloschen scheint.

78/100

© 2020 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Wikipedia: Musidora war, neben Theda Bara, die erste Vamp-Darstellerin der Filmgeschichte und Star mehrerer Serials von Louis Feuillade, der sie bei den Folies Bergère entdeckt hatte, unter anderem in Die Vampire (1915) und Judex (1916). Seit Mitte der 1920er Jahre arbeitete sie nur noch als Journalistin und Autorin. Sie war unter anderem als Filmjournalistin tätig und arbeitete später auch für die Cinémathèque Française. Ihr Künstlername war dem Roman Fortunio von Théophile Gautier entlehnt.[1]
(2) Wikipedia
(3) Francis Dassin: Louis Feuillade, Paris 1964; zitiert nach Jerzy Toeplitz, Geschichte des Films, Band 1 (1895-1933), R & B bei Zweitausendeins, 1987, S. 146.
(4) IMDb, Reviews zu „Irma Vep“.

Regie Olivier Assayas
Drehbuch Olivier Assayas
Produktion Georges Benayoun
Kamera Éric Gautier
Schnitt Luc Barnier
Besetzung

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