Der große Caruso (The Great Caruso, USA 1951) #Filmfest 323

Filmfest 323 A

2020-12-28 FF 0323 Der große Caruso The Great Caruso USA 1951

Was mir doch vor über 30 Jahren schon alles aufgefallen war – zum Beispiel, dass Biopics aus Hollywood ebenso schematisch waren wie viele andere Genres. Nur, dass es bei den Filmbiografien noch mehr auffiel, weil ganz unterschiedliche reale Lebensläufe fast immer in eine bestimmte Schablone gespresst wurden. Sehr schade, dass Enrico Caruso zu einer Zeit lebte, als die Tontechnik noch recht simpel war. Wie würde seine Stimme heute wirken, wenn er z. B. bei den Shows der drei Tenöre als Nr. 4 mitgemacht und somit daraus ein vierblättriges Kleeblatt gemacht hätte? „Der 1920er Jahre“, wie oben geschrieben, ist schon beinahe komplett postum gemeint, denn er verstarb 1921, sodass es keine einzige elektrische Schallplattenaufnahme (eingeführt 1925) von ihm gibt. (2)

Aber auch das Leben seines Darstellers Mario Lanza war geeignet, daraus einen Film zu machen und auch er verstarb viel zu früh, bereits im Jahr 1959. Offensichtlich war meine Einschätzung von 1989 zu dem Film, die ich damals nicht anhand der Wikipedia überprüfen konnte, nicht so falsch:

Eine fiktive Fassung von Carusos Leben wurde 1951 mit Mario Lanza in der Hauptrolle unter dem Titel Der große Caruso eher kitschig verfilmt. Der Film war in Italien wegen seines relativ frei erfundenen Inhalts verboten. (1)

Dafür ist eine Wertung von 6/10 noch ganz ordentlich, die Nutzer der IMDb geben heute im Durchschnitt 6,5/10.

© 2020, 1989 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(2) (1) Das muss ich doch nachtragen, weil – sic! – nachträglich auf der Wikipedia-Seite von Enrico Caruso entdeckt: Caruso hat insgesamt 498 Schallplattentitel aufgenommen, von denen allerdings einige unveröffentlicht blieben. Darunter sind nicht nur Opernarien, sondern auch viele volkstümliche Lieder des Repertoires der „Canzone napoletana“, insbesondere „O sole mio“ von Eduardo Di Capua, dem er zu Weltruhm verhalf. Es war Caruso, der durch seine Arbeit für die Victor Talking Machine Company den Siegeszug der Schallplatte initialisierte. Sein am 1. Februar 1904 für Victor aufgenommenes Vesti La Giubba (aus Leoncavallos Oper Pagliacci) gilt mit über einer Million verkaufter Schallplatten seit der Veröffentlichung im Mai 1904 als erster Millionenseller der Schallplattenindustrie.

Da die Abspielgeschwindigkeit der Platten seinerzeit noch nicht exakt vereinheitlicht war, ist es wichtig, jede Platte mit der korrekten Geschwindigkeit wiederzugeben, bei älteren Überspielungen wurde dies oft nicht beachtet (siehe auch unten Carusos Nachwirken im Film). Eine Komplettausgabe der Aufnahmen Carusos wurde zwischen 2000 und 2004 von Naxos veröffentlicht. Die Aufnahmen wurden von Ward Marston, einem ausgewiesenen Spezialisten für die Restaurierung historischer Tonaufnahmen, in den korrekten Tempi abgespielt und sehr sorgfältig und ausgewogen restauriert. Eine schon rund 10 Jahre ältere Ausgabe, welche die meisten von Carusos veröffentlichten Aufnahmen umfasst, ist die mit dem NoNoise-Verfahren bearbeitete und dadurch stark entstellte 14 CD-Ausgabe von Bayer records.

1999 unterlegte das Orchester des Österreichischen Rundfunks die digital behutsam „modernisierte“ Aufnahme der Stimme Carusos mit einem modernen Orchester, so dass man ahnen kann, wie es klingen würde, könnte Caruso heute Aufnahmen machen. Das „Caruso 2000“ genannte Experiment ist unter Spezialisten und Gesangskennern umstritten. 2007 brachte die Enrico-Caruso-Agentur gemeinsam mit dem Pianisten Tommaso Farinetti eine neue Caruso-CD auf den Markt, auf der der junge Pianist Farinetti Caruso virtuell begegnet und die Orchesterstimmen der Originalaufnahme durch eingesetzte Klavierbegleitung ersetzt. Die Aufnahmen wurden zum Unterschied der vorhergehenden Digitalaufnahmen in einem kleinen Konzertsaal aufgenommen und nicht künstlich mit Hall versehen. Das Ergebnis ist, dass Carusos Stimme im Vordergrund steht, die Spanne in der Klangqualität zwischen alter und neuer Aufnahme aber nicht ganz überwunden wird.

Man hat also einiges versucht, um Enrico Carusos Stimme nachträglich nach heutigen Maßstäben „erfahrbar“ zu machen. Das war bei Mario Lanza nicht nötig, seine letzten Aufnahmen erschienen bereits in Stereo und es ist relativ einfach, Musik aus den 1950ern so zu restaurieren, dass sie heutigen Klangansprüchen genügt.

Ob es, genau wie die „Überrestaurierung“ von Filmen, die ich zuletzt vor allem bei französischen Klassikern wahrgenommen habe, Sinn ergibt, Kunst wirken zu lassen, als sei sie viel neueren Ursprungs und ein anderes synästhetisches Erlebnis zu vermitteln, als es die Zuhörer und Zuschauer hatten, als die Werke tatsächlich erschienen, ist eine andere Frage: Passt man etwas der heutigen Medienrezeption an und versucht damit, es „gängiger“ zu machen oder sagt man sich, diese alten Filme sind ohnehin vor allem für Cineasten interessant und diese wissen, dass das Bild bei Stummfilmen mehr oder weniger flimmerte und dass Kontraste, Tiefenschärfe etc. nicht mit späteren Filmen, auch nicht mit in Schwarz-Weiß gefilmten, vergleichbar sein konnten. Die Friedrich-Murnau-Stiftung geht nach meiner Ansicht mit deutschen Filmen aus der Zeit bis 1945 den richtigen Weg: Sie eliminiert grobe Bildkratzer und Gebrauchsspuren so weit wie möglich, kümmert sich bei Tonfilmen auch um die Verständlichkeit des Klanges ein wenig, arbeitet bei der Digitalisierung auch an Schärfe und Kontrast, aber lässt deutlich werden, dass die Technik der Entstehungszeit jener Werke eben nicht mit der von heute vergleichbar war. Fairerweise muss man beifügen, dass es zu vielen deutschen Filmen jener Epoche keine Originalnegative mehr gibt, sodass aufgrund von überall auf der Welt zusammengetragenen Kopien und Filmschnipseln das Bestmögliche aus dem qualitativ sehr unterschiedlichen Material gemacht werden muss. Trotzde lässt sich das grundsätzliche Vorgehen, das die Anmutung der Filme nicht zu massiv beeinflusst, nach meiner Auffassung auf alte Musikaufnahmen übertragen.

(1) Wikipedia, Seite zu Enrico Caruso

Regie Richard Thorpe
Drehbuch Sonya Levien,
William Ludwig
Produktion Joe Pasternak für Metro-Goldwyn-Mayer
Musik Johnny Green
Kamera Joseph Ruttenberg
Schnitt Gene Ruggiero
Besetzung

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