Hochzeitsnacht – Tatort 843 #Crimetime 899 #Tatort #Bremen #Lürsen #Stedefreund #RB #Hochzeit #Nacht

Crimetime 899 - Titelfoto © Radio Bremen, Jörg Landsberg

Anders. Und doch.

Einige Befürchtungen, die wir in der Vorschau aufgrund bisheriger Erfahrungen mit Inga Lürsen geäußert haben, sind nicht eingetroffen. Sabine Postel spielte ihre Figur heute angenehm unprätentiös, war immer präsent und verhielt sich in der Situation, die sie vom Drehbuch gesteckt wurde, so gut wie möglich. Andere, dort angesprochenen Störungen gab es allerdings wieder – einige Sätze waren so genuschelt und von anderen Geräuschen überlagert, dass wir Mühe mit dem Verstehen hatten. Zum Zeitpunkt der Wiederveröffentlichung dieses Textes im Jahr 2020 wissen wir, dass die schlechte Akustik eine besondere Bremer Kunstform geworden ist – aber gab es im Jahr 2012 dafür Abzüge? Dies und mehr klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Zwei maskierte Männer stürmen eine Hochzeitsfeier, auf der Hauptkommissarin Inga Lürsen und ihr Kollege Stedefreund zu Gast sind. Inga merkt bald, dass das kein gewöhnlicher Raubüberfall ist. Warum versucht einer der Männer etwas über den Mord an einer jungen Frau zu erfahren? Als ein Hochzeitsgast plötzlich tot aufgefunden wird, ist schnell klar, dass es die zwei maskierten Männer nicht gewesen sein können. Doch wer war es dann?

Rezension

Das Konzept, Thriller und Whodunnit miteinander zu verknüpfen, ist per se gewiss interessant, es kommt halt darauf an, wie man so etwas umsetzt. Beim Bremer Rundfunk sieht das auch dieses Mal wieder so aus, dass ein wenig zu sehr auf den Putz gehauen wird, dass die Logik klemmt, um eben dies tun zu können und dann und wann blitzt ein norddeutscher Humor durch, der die Frage aufkommen lässt, ob die Macher den ganzen Tatort möglicherweise nicht ernst genommen haben. Andererseits ist das nicht die Art, wie mit dem Team Lürsen / Stedefreund normalerweise operiert wird.

Die beiden bisherigen Bremer Tatorte, die wir für den Wahlberliner besprochen haben und für die Florian Baxmeyer als Regisseur verantwortlich war („Schlafende Hunde“ und „Der illegale Tod“) haben uns inhaltlich nicht voll überzeugt. Leider müssen wir diese Eindrücke auch für die vorliegende Folge fortschreiben. Das Spiel der Emotionen und die Charade um den Mörder der längst verblichenen Carola wirkt konstruiert, zeitweise over the top und das Szenario „Euer Leben in unserer Gewalt“, das quasi von Anfang bis Ende die Handlung bestimmt, ist schlicht zu lang geraten. Das führt zwangsläufig zu fragwürdigen Gewaltritualen, damit die Spannung erhalten bleibt. Dass es auch zu Sprachelementen führt, die an Simplizität nicht zu überbieten sind („Rache, keine Gerechtigkeit“), überrascht indes negativ. Gerade eine solche Konstellation wie hier, so technisch und sachlich unglaubwürdig sie auch sein mag, bietet grundsätzlich die Gelegenheit, durch gute Dialoge etwas Individuelles entstehen zu lassen – diese Chance wurde in „Hochzeitsnacht“ weitgehend vertan.

Man soll nicht opportunistisch sein, wenn man sieht, dass eine Folge von der führenden Community (Tatort-Fundus, Rangliste) radikal mit dem Daumen von der Erstausstrahlung nach Hause geschickt wird. Andererseits hatten wir heute beim Schauen besonders angenehme Begleitung und dadurch ein etwas anderes Feeling, waren vielleicht etwas weniger kritisch und genau eingestellt als bei den bisherigen Rezensionen, die wir mit voller Absicht nach dem Anschauen „in Klausur“ erstellt hatten. Diese Fremdeinflüsse gleichen sich wohl aus und wir sind beruhigt, unsere eigene Wahrnehmung betreffend.

So miserabel, wie er gegenwärtig aufgefasst wird (Stand am 16.09., 23:48 Uhr = Rang 826 von 843 bisher gesendeten Tatorten) ist „Hochzeitsnacht“ nicht, obwohl wir mal einige Dinge festhalten wollen. Eine Handlung oder ein Plot müssen nicht deshalb gut sein, weil sie „anders“ sind oder etwas enthalten, das es bisher so nicht gab. Manche Dinge gab es auch deshalb noch nicht, weil sie zu absurd erschienen sind. Das Absurde in immer neue Dimensionen zu treiben, eignet den Bremer Tatorten und dem Team Lürsen / Stedefreund aber nicht besonders gut und für uns ist Glaubwürdigkeit durchaus noch ein Wert und eine wichtige Messgröße bei einem Fernsehkrimi. Oder sind wir jetzt ungerecht oder gar rachsüchtig? Letzeres sicher nicht, so sehr haben wir die heutigen 90 Minuten nicht als vertane Zeit angesehen. Und Gerechtigkeit ist immer relativ. Was wir den Münsteranern ohne Probleme zubilligen, nämlich, dass die Personen genauso unwahrscheinlich sind wie manche Handlungselemente in ihren Tatorten, damit tun wir uns bei den Bremern schwer.

Wir meinen aber: zu Recht. Denn Lürsen / Stedefreund sind nun einmal anders platziert worden, als sie vor 15 Jahren (Lürsen) gestartet sind. Da war in Tatorten wie „Schatten“ ein anderer Anspruch dokumentiert, ein anderes Konzept verkündet worden – an dem sich die heutigen Folgen selbstverständlich messen lassen müssen. Schließlich sind wir wieder ein wenig weiter und in einem Umfeld von teilweise modernen, effektvollen und doch stimmigen Tatort-Episoden fällt ein Abwärtstrend besonders auf. Man kann sich aber genau dieses Eindrucks nicht erwehren – dass handwerklich präzises Arbeiten beim BR nicht mehr angesagt ist und die Figuren Lürsen, in „Hochzeitsnacht“ aber besonders der Kollege Stedefreund, einer Form von Klamauk ausgesetzt werden, die zwar etwas Skurriles hat, aber im Teil-Gegensatz zu dem, was sich in Münster abspielt, nicht aus dem Job und seinen Situationen und / oder den Ermittlertypen und ihrem reichhaltigen Umfeld heraus generiert wird.

Man kann mal ohne Hose durch die Flachbewässerungslandschaft irren, aber schon, wie diese verloren geht, das wirkt zu konstruiert. Man kann einem Hund nachlaufen, bis früh und spät vorbei ist, aber die Sache mit dem Nicht-Netz, dafür aber Bluetooth, die haben wir nicht wirklich verstanden. Wir dachten immer, ohne Netzempfang ist auch der Einsatz von Letzterem nicht möglich. Netz aber gibt es bei guten Providern (nicht bei demjenigen, den wir für unser Firmenhandy verwenden müssen, weil’s so vorgegeben ist) mittlerweile fast überall und wenn mal nicht, dann sind die Löcher nicht kilometergroß, wie es in „Hochzeitsnacht“ suggeriert wird. Das ist eines der No-Go-Elemente, die uns innerlich aufstöhnen ließen. Es gibt viele andere: Die dilettantische SEK-Steuerung, die fragwürdigen Zuständigkeiten, das Verhalten der Kleingangster, die sich zwischen der Abzocke einer Hochzeitsgesellschaft und dem Ergründen eines Altmordes verlieren, um die wichtigsten oder die, die uns ohne mühevolle Gedächtnisarbeit einfallen zu nennen.

Dass eine Handlung wie diejenige von „Hochzeitsnacht“ neuartig wirkt, liegt für uns also schlicht daran, dass man sich ein solches Ding bisher nicht getraut hat, und das meinen wir nicht positiv. Von der psychologischen Stimmigkeit der Gangsterfiguren braucht man deshalb gar nicht zu reden, die kann es aufgrund der mehr als fragwürdigen Verfahrensweisen der beiden miteinander und der rabulistischen Interaktion mit den Hochzeitsgästen gar nicht geben. Dann lieber ein Plot, der ein Déjavu auslöst, aber den Eindruck vermittelt, dass er gut gemacht und innerhalb eines bestehenden Schemas vielleicht neu gedacht ist.

Schade finden wir das, was wir  zur Handlung schreiben mussten, besonders deshalb, weil uns Inga Lürsen dieses Mal ihr sonst oftmals prätentiöses Auftreten weitgehend erspart. Dass sie dadurch nicht so hervortritt, liegt auf der Hand, hat uns aber nicht gestört, denn sie greift hinreichend ins Geschehen ein, um es mitbestimmen zu können. Dass sie in der Kühlkammer landet, war nicht notwendig und hätte sie den Täter nicht anschließend noch auf eine wirklich einfältige Weise nach dem Grund dafür gefragt und hätte dieser nicht wenig überzeugend geantwortet, wär’s nicht so aufgefallen.

Finale

Settings, die in eher abgelegenen Dörfern lagen, führten schon zu großen, wundervollen Tatorten, die Konzentration auf wenige, aber oft sehr einprägsame Typen, spezieller Landeierhumor mit bei, hat uns schon vergnügliche Momente beschert – Großstadtcops auf dem Platten haben etwas Reizvolles. Doch bis auf den mit einem Sprachfehler behafteten Dorfbewohner Oswald gibt es diese Charaktere in „Hochzeitsnacht“ nicht. Es wird zwar (erwähnungsweise) mit Drogen gedealt und mit der Tatsache, dass auf den Dörfern nichts geheim bleibt, doch die Leute, welche die Dorfgemeinschaft bilden, bleiben überwiegend blass, weil sie mit ebensolchen Dialogen ausgestattet werden. Wenn man schon Typen zeigt, die eine ganze Hochzeitsgesellschaft kidnappen und die Telefonleitungen mitkappen, dann müssen diese durchgeknallt sein und so schräg, dass sie gewiss nicht auf die Idee kommen, Motive von Rache oder Gerechtigkeit mit materiellen Interessen zu vermengen.

Mag schon sein, dass Wolf Koschwitz (Denis Moschitto) seinen Co Simon (Ferris Reimann) nur benutzt hat, seine wahren Ziele verbarg, um das Ding nicht allein durchziehen zu müssen – doch wird das konfliktmäßig ausgearbeitetund führt zu dramatischen Entscheidungszenen zwischen den beiden? Wir meinen, nein. Eher wirken die schwarzgekleideten Kidnapper häufig planlos und ähneln damit den schwarzgekleideten SEK-Einsatzkräften, die wild umherballern, auf Anweisung eines Leiters, der überflüssigerweise ebenfalls etwas aus der Vergangenheit mit sich schleppt, genau wie Wolf. In dem Fall ist es ein nicht geregeltes, dienstliches Ding mit Lürsen bzw. Stedefreund, das nicht näher spezifiziert wird und damit eine der vielen Unschärfen in „Hochzeitsnacht“ bildet. Es ist beim RB-Tatort wie gegenwärtig bei Werder Bremen: Für Topplatzierungen reicht es nicht.

6/10

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Inga Lürsen, Hauptkommissarin -Sabine Postel
Stedefreund, Hauptkommissar -Oliver Mommsen
Wolf Koschwitz -Denis Moschitto
Simon Sascha -“Ferris” Reimann
Rieke -Julie Engelbrecht
Oma -Barbara Nüsse
Andreas Biebermann -Arved Birnbaum
Oswald -Michael Witte
Rainer -Timo Jacobs
Nico -Henning Nöhren
Hans Strache -Tobias Langhoff
Petra Strache -Pamela Knaack
Frau Brinkmann -Marion Breckwoldt
Herr Brinkmann -Oliver Breite
Herr Schröder -Ulrich Bähnk

Regie -Florian Baxmeyer
Buch -Jochen Greve
Kamera -Marcus Kanter
Musik -Stefan Hansen

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