Bei Klingelzeichen Mord – Polizeiurf 110 Episode 227 #Crimetime 900 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Brandenburg #Rosenbaum #Krause #RBB #ORB #Klingel #Mord

Crimetime xxx - Titelfoto © ORB / RBB,

Klappt auch ohne Anruf

Die Rezension zu diesem Brandenburg-Polizeiruf aus dem Jahr 2001 ist der 900. Artikel in dieser Rubrik und damit die 900. Krimi-Rezension, die im „neuen“ Wahlberliner gezeigt wird. Vorschauen und nicht auf einen einzelnen Film bezogene Artikel werden nicht nummeriert. Dieses Jubiläum wollten wir nicht „begehen“, doch immerhin ist es zufällig bzw. der Abfolge der Veröffentlichung von Entwürfen entsprechend ein Film mit der Polizeiruf-Kultfigur Horst Krause geworden.

Wenn es vorher verabredet ist. Üblicherweise werden die beiden ersten Filme, die ein neues Team miteinander dreht, in recht kurzem Abstand gezeigt, damit das Publikum sich eingewöhnen kann und die Macher innerhalb kurzer Zeit viele Rückmeldungen bekommen – kommen die Neuen gut an, besteht Justierungsbedarf? Zwischen der Ausstrahlung des ersten gemeinsamen Falles von Wanda Rosenbaum (Jutta Müller) und Horst Krause vergingen jedoch nicht weniger als 23 Monate. Den Grund für diesen großen Abstand kennen wir nicht, aber es kann doch nicht daran gelegen haben, dass Krause anfänglich nicht beliebt war? Wie auch immer, mehr zu seiner zweiten gemeinsamen Ermittlung mit Wanda Rosenbaum gibt es in der -> Rezension nachzulesen.

Handlung (Wikipedia)

Als Polizeihauptmeister Krause seine Nichte verspätet zur Schule bringt, kommt deren Lehrerin Katja Kamp ihm aus Janas Klassenraum entgegen und bricht mit einer Stichwunde tödlich verletzt zusammen. Kriminalhauptkommissarin Wanda Rosenbaum übernimmt die Ermittlungen, bei denen zunächst jeder der einundzwanzig anwesenden Schüler verdächtig erscheint, die unbeliebte Frau Kamp getötet zu haben. Krause findet heraus, dass Jana absichtlich verschlafen hat. Auch weitere Schüler haben überraschend gefehlt. Offensichtlich wussten alle Schüler, dass an diesem Morgen etwas vorfallen würde. Der von Kamp suspendierte Schüler Alexander Jahn scheint der Täter zu sein, jedoch bezeugen seine Mitschüler, dass er zur Tatzeit nicht anwesend war. Die Schüler untereinander geraten zunehmend unter psychischen Druck. Als schließlich Jana versucht, sich das Leben zu nehmen, gestehen die übrigen Schüler den Tathergang: Kamp griff Alexander verbal an, der sie daraufhin mit einem Messer bedrohte. Die Schülerin Lilly nahm schließlich Alexanders Messer und stach zu; Alexander flüchtete mit der Tatwaffe durch das Fenster aus dem Klassenraum.

In einer Nebenhandlung versucht Rosenbaum Kontakt zu ihrer erwachsenen Tochter, von der sie sich entfremdet hat, aufzubauen, was diese jedoch ablehnt.

Rezension

Den Nachfolger „Angst“ hingegen haben wir bereits rezensiert. Etwas misslich, aber nicht dramatisch, dass wir in „Angst“ sehen, warum Rosenbaum rein zufällig auf die vermisste Tochter trifft – weil sie es in „Bei Klingelzeichen Mord“ nicht schafft, Kontakt zu ihr aufzubauen. Daher weiß die Kommissarin nicht, dass Annette sich inzwischen einer Gruppe von Kernkraftgegnern angeschlossen hat.

Um das Verhältnis oder Nicht-Verhältnis von Kindern und Eltern geht es auch in „Bei Klingelzeichen Mord“ und darum, dass das Dach der Schule viele undichte Stellen hat und auch sonst das Gebäude in schlechtem Zustand ist. Kommentiert wird das nicht, aber man spürt bereits, warum PISA eine Blamage für das deutsche Bildungssystem werden wird. Die Schwierigkeiten, in einem damals schon kaputtgesparten System wertvollen Unterricht abzuhalten, kommen recht authentisch rüber, die Unterschied zu heutigen Zuständen sind erschreckend gering, obwohl man längst weiß, wie schädlich dieser Niedergang der Bildung für die Zukunftsfähigkeit des Landes ist. Die Herausforderungen durch Schüler*innen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen wachsen ständig, die Anstrengungen, sie zu meistern, wachsen von politischer Seite nicht mit und alles bleibt an den Lehrkräften hängen. Das Klagelied des Schuldirektors ist also nachvollziehbar. Selbst die in manchen Bundesländern wieder ganz aktuelle Idee, die Zahl der Unterrichtsstunden für die Lehrkräfte zu erhöhen, um der Personalnot Herr zu werden, kommt in diese Klage vor.

Leider haben uns andere Komponenten des Films weniger gut gefallen. So sehr der Film es vermeiden möchte, die Schüler zu kommentieren, so sehr schießt er sich mit der Figur der Lehrerin Kamp bei dem Versuch, nicht gegen die jungen Menschen Partei zu ergreifen, ins Knie. Warum?

Weil sie dermaßen abgedreht und als Charakter monströs dargestellt wird, dass man nachvollziehen kann, warum irgendwann jemand austickt und sie angreift. Es war eine Verabredung, die ausführende Täterin war eine andere Person als vorgesehen, aber es wirkt sehr nachvollziehbar. Damit wird durch eine für den Lehrberuf vollkommen ungeeignete Person alles, was geschieht, auf eine Ebene gehoben, auf die es nach unserer Ansicht nicht gehört: Nicht, was die Schüler reizbar und aggressiv von Hause aus gemacht haben könnte – die vielen Messer – spielt die Hauptrolle, sondern, wie es geschehen konnte, dass eine Person wie Frau Kamp unterrichten darf. Damit verbindet sich eine weitere Darstellung, die in der Realität rein hypothetisch sein dürfte:

Dass nach einem Jahr, in dem die Lehrerin nur Angriffe gegen ihre Schüler*innen gefahren hat, immer noch keine Eltern auf der Matte stehen und protestieren. Denn auch jene Eltern, die nicht viel Zeit für ihre Kinder haben, die selbst viele Fehler im Umgang mit ihren Kindern machen, vor allem jene aus dem Mittelstand, sind oft die ersten, die gegen Lehrkräfte zu Felde ziehen, wenn in der Schule etwas schiefgeht. Ein Phänomen, das während unserer Schulzeit schon bestand, wir haben mitbekommen, wie ein Lehrer von aggressiven Mitschülern und deren Eltern zusammen abgesägt wurde. Die Schule hatte sich dann revanchiert und ihn der Klasse in einem anderen Fach erneut vorgesetzt. Auch keine sehr schlaue Idee, aber die massenhafte Renitenz der Schüler an höheren Lehranstalten und ihrer Eltern war damals auch noch eine relativ neue Erscheinungsform des Generationenkonfliktes.

In jenen Jahren noch nicht Gang und Gäbe: Dass Eltern der Schule mit juristischen Maßnahmen drohen, wenn die Noten der Sprösslinge nicht wunschgemäß ausfallen.

Wir haben mehrere Varianten von Schule, wie sie nicht sein soll, erlebt: Lehrer, die ihren Schüler*innen nicht standhalten konnten, Lehrer, die sich Schüler gezielt herausgesucht haben, um sie zu mobben, aber niemals so verrückt gewesen wären, die ganze Klasse permanent zu diskriminieren und dadurch allgemeinen Hass auf sich zu ziehen, wie Frau Kamp es im Film tut, es war eher ein Anbiedern an die wenig empathische Mehrheit auf Kosten einer vermeintlich schwächeren Minderheit. Die dritte Variante waren Intrigen, die hinter dem Rücken von Schüler*innen gesponnen wurden – von Lehrern und anderen Schüler*innen. Alles zusammen war aber nicht der überwiegende Teil des Schulgeschehens, das wollen wir ausdrücklich festhalten.

Schulkrimis sind immer auch eine Reise in die Erinnerung und ein Vergleich muss immer subjektiv sein. Jenseits der Subjektivität bleiben wir aber dabei, dass eine Lehrerin wie Frau Kamp vielleicht nicht in jeder Schule umgebracht worden wäre, aber lange hätte sie eine Klasse mit ihren Methoden nicht unterrichten können, ohne dass die Schulleitung zur Intervention gezwungen worden wäre.

Krause und Rosenbaum stellen die ruhenden Pole in diesem Film dar, auch wenn der gute Polizeihauptmeister dadurch ins Geschehen gezogen wird, dass seine Nichte bei ihm verweilt und Mitglied just jener Klassengemeinschaft ist, in der es zu einem Tötungsdelikt kommt. Dadurch ist Krause sogar der erste außerhalb der Klassengemeinschaft, der von der Tat erfährt.

Finale

Die Zusammenarbeit des Dorfpolizisten mit der Kommissarin ist sehr angenehm, man spürt die Hierarchie zwar, aber sie wird nicht so herausgestellt wie in den folgenden Filmen,  in denen Imoge Kogge als Johanna Herz die zweite Chefin von Krause wurde. Schade, dass Jutta Müller ihre Rolle als Wanda Rosenbaum schon nach vier Filmen abgab. Auch die jungen Darsteller*innen der Schüler*innen spielen überzeugend, aber Rosenbaum ist das emotionale Kraftzentrum, mit ihrer zurückhaltenden, wissenden Art, und doch kommt sie nicht an ihrer Tochter heran, sodass man geneigt ist, dieser überwiegend die Verantwortung für die Probleme zu geben.

Wieder einmal sehen wir eine starke Inszenierung und gutes Spiel, ausgesuchte Settings und eine ansprechende visuelle Umsetzung, der Plot an sich ist vernünftig gestrickt, aber dieses Mal ist es eine Figur, die einen Film etwas in Schräglage bringt, weil durch diese Persönlichkeit das eigentliche Anliegen, nämlich auf Mängel in der Eltern-Schüler-Kommunikation, im Mindset der Eltern und im Schulsystem hinzuweisen, zumindest über weite Strecken überdeckt wird. Auch einige Zuordnungen wie die des verstockt wirkenden Alexander als Spross einer Zahnärzte-Familie sind sicher nicht gewollte gegen ein Klischee herausgearbeitet, während der Speditionsunternehmer und sein Sohn schon eher einem gängigen Muster entsprechen. Der Film hat viele Qualitäten, aber auch einige deutliche Schwächen.

7/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Andreas Kleinert
Drehbuch Stefan Kolditz
Produktion Thomas Wilkening
Musik Andreas Hoge
Kamera Thomas Plenert
Schnitt Gisela Zick
Besetzung

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