Borowski und der freie Fall – Tatort 846 #Crimetime 901 #Tatort #Kiel #Borowski #Brandt #NDR #Fall #frei

Titelfoto © NDR, Marion von der Mehden

Scheiße! Verarschung!

Dreimal schreit Sarah Brandt in diesem Film „Scheiße!“, wenn wir richtig gezählt haben. Mindestens dreimal dachten wir:

– Werden sie wirklich die Traute haben, den Fall Barschel einer fiktiven Lösung zuzuführen? Das kann ja eigentlich nicht sein.

– Werden sie wirklich den irgendwo zwischen Wulf, zu Guttenberg, Westerwelle, Barschel selbst und einigen anderen in irgendwelche Skandale oder Outings verwickelten Politiker von Treunau als Mörder hinstellen? Das wäre genauso ein Kracher.

Sie haben es nicht getan, beides nicht. Der Fall Tod des Uwe Barschel am 9.10.1987 in Genf bleibt ein Mysterium und es war die wildgewordene Fernsehjournalistin Ulla Jahn, die ihren Exmann auf dem Gewissen hat, auch wenn es kein geplanter Mord war. Geplant war aber wohl die Ermordung des Fotografen Graf, und das ist eine andere Kategorie. An wen erinnert uns diese hoch ehrgeizige Fernsehmoderatorin bloß. An Sarah Brandt! Nein, da gibt es noch jemanden, den  Namen schreiben wir aber jetzt nicht hier rein, wir barscheln ein wenig.

Wer erwartet hat, dass der größte Politthriller der 1980er Jahre, der Fall Uwe Barschel, wirklich gelöst wird, der wird enttäuscht, wer glaubte, dies sei ein ganz normaler Tatort, ebenfalls. Dabei ist es grandios, wie der Realfall mit einer fiktiven Geschichte verwoben wurde. Bezüglich einiger Logikdetails gibt es Aussetzer, schauspielerisch gibt es überraschenderweise etwas auszusetzen, konzeptionell funktioniert diese Mischung aus Fiktion und Realität. Verschwörungstheoretiker dürfen sich von „Borowski und der freie Fall“ bestätigt fühlen , weil der BND ein Beweisstück nach dem anderen aus Borowskis Dienststelle verschwinden lässt und wohl auch das iPad von Sarah Brandt geklaut hat.

Wenn man so will, ist der Film eine gut gemachte Verarschung, man kann auch sagen, ein ironisches, bezüglich der Medien auch selbstironisches Spiel mit Wahrheit und Fiktion, das die unangenehme Eigenschaft hat, uns bewusst zu machen, wie sehr wir unserer eigenen Wahrnehmung verhaftet sind, die wir für die Wahrheit haben, und wie sehr wir zum Beispiel durch die Medien manipuliert werden können.

Hier nochmal die Links zum Fall Uwe Barschel, die wir bereits in der Vorschau gepostet hatten:

Barschel Affäre / Uwe Barschel – Todesumstände

Und dann geht’s weiter mit der -> Rezension.

Handlung

Der Kieler Autor Dirk Sauerland wird tot auf seiner Jacht aufgefunden. Sauerland war über die Grenzen von Kiel hinaus bekannt. In den letzten Monaten hatte er an einer spektakulären Enthüllungsgeschichte gearbeitet.

Sauerlands Exfrau Ulla Jahn, die eine beliebte Talkshow moderiert, gibt Hauptkommissar Borowski und Kommissarin Sarah Brand einen Hinweis auf das schwule Doppelleben des Toten. Was hat Landespolitiker Karl Martin von Treunau für ein Interesse, seine Beziehung zu dem Toten zu verheimlichen? Ein Kontaktbogen mit Fotos aus den 80er Jahren bringt Borowski auf eine alte Spur.

Vor 25 Jahren starb der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe Barschel in einem Hotel in Genf. Offenbar war Dirk Sauerland zur gleichen Zeit vor Ort. Was hatte er damals entdeckt, und warum musste Sauerland heute sterben? Sarah Brandt stürzt sich voller Eifer in die Recherche des Barschel-Falls. Borowski bleibt lieber Realist. Dann taucht plötzlich ein Zeuge aus Genf auf.

Rezension

In zweifacher Hinsicht hat sich der Film allerdings sehr wohl festgelegt. Wenn man davon ausgeht, dass der seltsame falsche Professor aus Genf kein Spinner ist, dann wurde er offenbar beseitigt, bevor er nach Kiel reisen konnte und dann wollte Uwe Barschel im Jahr 1987 tatsächlich vor dem Untersuchungsausschuss des Kieler Landtages aussagen und sich in Genf nicht umbringen. Außerdem wird in „Borowski und der freie Fall“ suggeriert, dass Barschel eine besonders für damalige Verhältnisse erhebliche Schweigegeldsumme in Höhe von 10 Millionen US-Dollar, von fremden Geheimdiensten angeboten, damit er nicht über seine Kenntnisse in gewissen Waffendeals plaudert, abgelehnt hat.

Sowas muss man mögen, weil es natürlich Behauptungen in Zusammenhang mit wirklichem Zeitgeschehen sind, die nicht bewiesen werden können. Aber sie haben beim NDR sehr genau die Grenzen beachtet und nicht etwa behauptet, Uwe Barschel sei tatsächlich ermordet worden. Das wird zwar suggeriert, aber der Film hütet sich davor, etwa Ross und Reiter zu nennen oder nochmal in die DNA-Analyse mit heutigen Kenntnissen einzusteigen, deswegen muss auch der Koffer verschwinden, den Dirk Sauerland 1987 bei seinem Besuch im berüchtigten Zimmer 317 im Genfer Hotel Beau Rivage hat mitgehen lassen.

Was uns in dem Zusammenhang überrascht hat: Dass das Hotel, in dem offenbar wirklich gefilmt wurde, dem zugestimmt hat. Daran sieht man, auch die diskrete Schweiz, in der sich gewiss alle Geheimdienste dieser Welt treffen, kann Skandalreklame gebrauchen. Die Homepage sagt aus, dass dies ein disrektes Haus ist, gleichermaßen habe es im Leben der berühmten Persönlichkeiten dieser Welt stets eine große Rolle gespielt. Wohl wahr, wenn man das Leben des ehemaligen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein und dessen abruptes Ende als Referenz nimmt.

Der Kieler Kommissar Klaus Borowski hebt in der Empfangshalle staunend den Blick zur Decke. So viel Pracht, so viel Dekoration. So viel Tinnef. Er ist auch in seinem freien Fall wieder präsent und auf zurückhaltende, angnehme Art souverän, aber er wird von diesem Fall erkennbar dominiert, da hilft auch die hastige Einflechtung des üblichen Techtelmechtels mit Kriminalrat Schladitz nichts – vielleicht sind die beiden aber auch schwul, wie der Politiker von Treunau, wie der Exjournalist, Buchautor, Firmeninhaber Sauerland, vielleicht wissen sie es nur noch  nicht. Das wäre der nächste Knaller, ein schwules Polizistengespann.

Dass Borowski (Axel Milberg) hingegen der Jungkollegin Brandt (Sibel Kekilli) einmal so nah kommen wird wie einst im wunderbaren „Borowski und die Sterne“ der aus dem Team geschiedenen Polizeipsychologin Frieda Jung (Maren Eggert), darf man ausschließen. Es wär zwar herrlich politisch unkorrekt, wegen des Altersunterschiedes, aber dieses EDV-Bondgirl mit Hysterieattitüde unter den Tatortermittlern trachtet erkennbar zu sehr nach seinem Posten und wird ganz schön unsympathisch positioniert.

Sie hat zwar recht, ihre Verschwörungsgeneigtheit im Fall Barschel betreffend, zumindest, soweit es  die Handlung der Tatortfolge 846 suggeriert, aber sie trägt ganz schön penetrant vor und auf. Und Sibel Kekilli, die Brandt verkörpert, hat einige schauspielerisch schwache Momente, in denen rasch gesprochene Dialogpassagen sehr auswendig gelernt, als nur knapp gemeistert erkennbar sind. Viel besser ist sie, wenn sie wenig sagen muss, in denen sie leise, wach, intensiv intelligent bleiben und sich auf ihr abwechslungsreiches Spiel der Mimik und der Blicke verlassen kann. Man sollte diese Brandt-Figur nicht zu sehr überzeichnen. Kekilli ist zumindest aktuell noch auf dem Niveau von Jan Josef Liefers, der jedes Tempo, jede Variation beherrscht und aus der eigentlichen Witzfigur Gerichtsmediziner Boerne eine wirklich kultige Tatort-Institution gemacht hat, der aber auch in ernsten Filmen wie jüngst in „Der Turm“ brillieren kann.

Der neue Borowski-Tatort ist kein Fall zum Nachdenken über. Die Medienironie, das Spiel mit unseren Erwartungen und unserer Sensationsgier, das ist schön gemacht, das können wir für gut geben, aber es gab keine Schicksale, die uns berührt hätten. Alle sind Opfer ihres Karrieredenkens geworden, auch Sarah Brandt könnte es eines Tages noch so gehen, zumal immerhin auch dieses Mal erwähnt wird, dass sie ein für ihre Karriere ebenso schädliches Geheimnis hat wie mancher Politiker eines oder mehrere mit sich herumträgt und dass es auch bei ihr einen Mitwisser gibt, nämlich ihren Chef Klaus Borowski, der aus reiner Anständigkeit nicht meldet, dass sie Epileptikerin ist (zur Glaubwürdigkeit dieser Krankheit im vorliegenden Zusammenhang haben wir uns in der Rezension zu „Borowski und der stille Gast“ geäußert).

Er lässt sie also weiter bei sich arbeiten und sie sagt ihm ins Gesicht, dass sie an seinem Stuhl sägen möchte. Ob die Tatortmacher daran gedacht haben, wie unsympathisch eine so angelegte Figur über zwei Tatorte hinweg werden kann? Vielleicht dachte man auch: Ist doch realistisch.

Aus reiner Anständigkeit hat er sich auch entschieden, nicht die Aufhebung der Immunität des Politikers von Treunau zu beantragen, obwohl es erhebliche Verdachtsmomente gegen ihn in den Fällen Sauerland und Graf gibt. Das fanden wir ein bemerkenswertes Detail. Dass ein Kriminaler sich eine Wahlfreiheit behält, ethisch handelt und die Folgen bedenkt und nicht maximal seine Möglichkeiten ausnutzt. Dass er abwägt, ob er vielen Menschen mehr schadet oder nützt. Daran, dass er von Treunau und die Politikerkaste mag, kann’s nicht gelegen haben, das macht sein Verhalten mehrmals deutlich, da ist auch was für den Stammtisch dabei und auch hier: Ist es nicht realistisch, dass eine ehrliche Haut wie Borowski so über Politiker denkt und doch prinzipiell handelt, nämlich verantwortungsbewusst?

Finale

Am Ende wird von Treunaus Immunität deswegen aufgehoben, weil er von seinen Ämtern und Funktionen zurücktritt. Es wird aber nicht gesagt, dass er auch sein Mandat als Abgeordneter niederlegt, welcher er vermutlich ist, und auch ein einfacher Abgeordneter genießt Immunität. Diesen Sachfehler kann an aber auch wegargumentieren, wenn man das, was nicht genau erklärt wird, anders deutet, als wir es nach der Wahrscheinlichkeit getan haben.

An Spitzen-Kieler wie „Borowski und die Sterne“ oder „Borowski und die Frau am Fenster“ reicht die Nummer 846 nicht ganz heran, aber es reicht für eine überdurchschnittliche Bewertung: 8,0/10.

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Klaus Borowski Axel Milberg
Sarah Brandt Sibel Kekilli
Karl Martin v. Treunau Thomas Heinze
Ulla Jahn Marie-Lou Sellem
Roland Schladitz Thomas Kügel
Ernst Klee Jan Peter Heyne
Regie: Eoin Moore
Buch: Fred Breinersdorfer und Eoin Moore
Kamera: Jana Marsik
Musik: Wolfgang Glum, Warner Poland und Kai Uwe Kohlschmidt

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