(Grundsätzliches) Feuerwerksverbot an Silvester? | Civey | #Newsroom #Timeline #Poll #Umfrage #Fireworks #NewYearsEve

Liebe Leser*innen,

unsere Haltung zum Silvesterfeuerwerk ist Ihnen sicher bekannt, aber wann passt ein Artikel dazu besser als heute, wann eine Umfrage, die Civey gestartet hat, besser als am 31.12.2020? Sie lautet:

Civey-Umfrage: Sollte das Zünden von Feuerwerkskörpern und Böllern an Silvester in den kommenden Jahren grundsätzlich verboten werden? – Civey

Gegenwärtig sind 55,2 Prozent derer, die abgestimmt haben, dafür, dass es so kommen sollte. 41,3 Prozent sagen sogar: Ja, auf jeden Fall. 28,9 Prozent sind komplett dagegen. Die geringe Quote von 4,4 Prozent Unentschiedenen belegt, dass fast jede*r eine Meinung zu dem Thema hat und es ein ziemlich emotionaler Gegenstand ist, ergibt sich aus der Kontroverse.

Bei uns ist im Quartier ist es heute Abend so: Ich könnte rausgehen und diejenigen, die trotz Corona ungehemmt ballern, lokalisieren und vielleicht auch filmen. Ich rede von dieser Minute, wir haben kurz vor 21 Uhr. Das wäre in den Vorjahren nicht möglich gewesen, weil zu viele nicht an sich halten konnten und teilweise Tage, noch vor einigen Jahren sogar Wochen im Voraus bewiesen haben, dass sie sich einen Dreck um andere scheren. Für mich war es zunächst weniger der Krach und der Unrat einer einzigen Nacht als dieses Verhalten, das durch Nachballern noch Tage nach Neujahr ergänzt wurde, das mich immer mehr auf die Palme gebracht hat. Ein weiteres Phänomen bei uns: Die dicksten Böller werden anderen Leuten absichtlich vors Fenster oder auf die Balkone geworfen. Naja, gerade haben wir wieder eine Salve, aber es wirkt, als ob sie wirklich nur aus einer oder wenigen Ecken von besonders Bescheuerten kommt.

Ich habe nicht nachgeschaut, ob ich dagegen vorgehen könnte, wie also die exakten Regelungen jetzt aussehen. Es ist ähnlich wie mit den Covidioten: Man muss, wenn man darauf eingerichtet ist, ertragen, dass es Menschen gibt, die belegen, dass diese Zivilisation Schwierigkeiten haben wird, die nächsten Jahrzehnte zu überstehen. Befeuert wird der Typus, dieser sich und anderen gegenüber besonders sackig verhaltende Charakter, von politischen Parteien, die genau dazu passen: Die FDP natürlich immer vorneweg, wenn es darum geht, Freiheit als Freiheit definiert, andere gefährden und sich auf deren Kosten ungehindert ausbreiten zu dürfen, die Rechten natürlich ebenso. Ich bin mir sicher, es gibt eine große Schnittmenge von AfD-Wähler*innen, Covidioten, Pyromanen und Granatwerfern.

Es gibt aber auch verwahrloste ehemalige Arbeiterparteien wie die SPD, deren Politiker offenbar glauben, nur noch dann ein paar Wähler*innen halten zu können, wenn sie den unzeitgemäßen Irrsinn des Mitten-in-der-Stadt-Böllerns, teilweise mit verbotenen Sorten von Feuerwerkskörpern, zu einer unveränderbaren Tradition des einfachen Mannes erklären. Tradition in welchem Sinne eigentlich? Schon möglich, dass man das Bedürfnis hat, das Jahr 2020 mit einem kräftigen Bums zu verabschieden und die bösen Geister dieses Jahres auszutreiben. Geht mir auch so. Aber wer glaubt noch an Geister, in einer Zeit, in der die meisten nicht einmal mehr christlich oder anderweitig religiös geprägt sind?

Und wird es dadurch 2021 besser, dass die Corona-Ausnahmesituation, die Menschen zusätzlich belastet, auch noch durch weiter ungebremstes Freidrehen an Silvester verschlimmert wird und dadurch, dass ihre Tiere auch dieses Jahr leiden müssen,  dass der Feinstaub in den Städten alles vernebelt und der Dreck auf den Straßen, den natürlich nicht die Verursacher beseitigen, sondern für dessen Kosten wir alle herangezogen werden, zusätzlich klarmacht, wie absurd die Lage ist bzw. wie wir mit ihr umgehen?

Ich argumentiere nicht prioritär mit dem Problem, dass die Kliniken in den nächsten Stunden bei der angespannten Lage, die wir haben, nicht auch noch Feuerwerksverletzte aufnehmen sollten, denn das Thema ist viel älter und grundsätzlicher, auch wenn es die Politik jetzt so zu „spielen“ versucht, als sie kürzlich den Einkauf von Feuerwerkskörpern mit der Befürchtung der Überlastung von Kliniken verboten hat.

Ich habe den Verdacht, dass ein Vorschlag, den ich gar nicht so sinnlos finde, wieder andere auf den Plan rufen würde, die ich mehr schätze als die Covidioten und Pyromanen: Diejenigen, welche die Baufreiheit des Tempelhofer Feldes in Berlin verteidigen. Ich halte es für durchaus diskussionswürdig, dort eine Zone für jene einzurichten, deren Leben aus Suff und Ballerei besteht, das wäre ganz im Sinne der Freiheit und mit wenig Gefahr für Unbeteiligte verbunden. Natürlich müssten alle, bevor sie in der Baller(mann)zone einchecken, eine Verfügung unterzeichnen, die besagt, dass es für sie okay ist, dass Menschen, die unschuldig, z. B. aufgrund einer Coronainfektion Intensivbetten benötigen (und sofern sie keine Covidioten sind) vorrangig behandelt werden dürfen. Dann gehen halt bei den Ballermännern und -frauen mal ein paar Gliedmaßen verloren. Das wird vielleicht dafür sorgen, dass sie in Zukunft … nun ja, wer „Die Ritter der Kokosnuss“ kennt, der zweifelt auch daran … Schwamm drüber.

Man könnte so viel zu dem Thema schreiben und was die Dummheit und Rücksichtslosigkeit vieler über uns alle aussagt und über die Möglichkeit, die Welt zu verbessern. Doch wir wollen uns bescheiden, auch deswegen, weil wir in den letzten Monaten dem Nachdenken über die Zukunft des Wahlberliners mehr Aufmerksamkeit gewidmet haben als der politischen Aktivität, also wenig zur Weltverbesserung beitragen haben – aber mehr Kracher von uns kommen wieder im nächsten Jahr. Großer Vorteil für alle: Mensch kann sich aussuchen, ob er oder sie deren Wirkung spüren will oder ob nicht. Das ist die Freiheit, die ich meine: Die Wahl muss bestehen bleiben. Wir haben aber nicht die Wahl, ob wir uns von einer Minderheit der Covidioten und Pyromanen terrorisieren lassen. Sie machen es einfach und dürfen es sogar.

Das ist antidemokratisch und hat nichts mit Minderheitenschutz zu tun, sondern nur damit, dass diejenigen, denen andere komplett wurscht sind, viel zu viel Freiraum in einer Gesellschaft bekommen, in der wir alle immer Einschränkungen erfahren, weil die Politik es  aus wirtschaftlichen Gründen, wegen der Sicherheit oder gesundheitspolitisch für geboten hält. Wir erkennen sehr wohl die Diskrepanzen und Widersprüche und ärgern uns massiv. Nicht, weil uns nicht klar wäre, dass wir alle Widersprüche in uns tragen, sondern weil seit vielen Jahren diejenigen, die sich am rücksichtslosesten und gemeinschaftsschädlichsten verhalten, am meisten privilegiert werden. Auf allen Gebieten der Politik, in der Wirtschaft, im täglichen Leben.

Dass die Politik sich so schwer damit tut, endlich ein generelles Feuerwerksverbot zu verhängen, ist ein Symbol, ein Ausdruck dieser Haltung und leider eines, das auch deshalb so viel Unmut verursacht, weil es eben diese Symbolkraft hat; weil es nicht täglich leise wirkt, sondern mit maximaler Lautstärke das – sic! – verstärkt, was wir ohnehin jeden Tag erleben. Den grundsätzlichen Mangel an Empathie in einer Gesellschaft, die man gezielt in diese Richtung gezüchtet hat.

Deswegen habe ich zum Abschluss eine kleine Bitte an unsere Leser*innen: Wer mag, stimme bitte unter dem obigen Link ab! Wir glauben, dass in unserem Umfeld und unter denen, die uns lesen, die Covidioten und Pyromanen nur eine kleine Minderheit darstellen, daher können wir diesen Wunsch ohne Bedenken aufschreiben und an Sie und an euch weiterleiten. Mehr bessere Welt fordern geht dieses Jahr leider nicht mehr, aber mit mehr Rücksicht auf andere und auf die Umwelt fängt sowieso alles an. Vielleicht reagiert die Politik, wenn auch nur aus Opportunismus, doch noch, wenn es dazu kommt, dass 70 oder 80 Prozent der Menschen sich klar gegen den weiteren Silvesterwahnsinn aussprechen. Auf Silvester 2021!

TH

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