Mein Freund Harvey (Harvey, USA 1950) #Filmfest 326 #Top250

Filmfest 326 A "Concept IMDb Top 250 of All Time" (36)

Mehr falscher Hase könnte die Lösung sein

Da wir kürzlich zwei Filme mit James Stewart aus dem Jahr 1950 rezensiert haben, die seinen Starruhm deutlich vermehrten und auf verschiedene Weise das Genre Western voranbrachten („Winchester 73“ vor wenigen Tagen und heute „Broken Arrow„) bietet es sich an, ins Archiv zu gehen und die Kritik zum dritten höchst erfolgreichen Stewart-Film aus dem Jahr 1950 hervorzuholen – diejenige zu „Harvey“, dem Mann mit dem Hasen. Ein weiterer Klassiker – aber aus einem anderen Genre, der skurrilen Komödie.

Anders als die beiden genannten Western zierte der Film außerdem von 1999 bis 2013 die Liste der „Top 250“ der Internet Movie Database und stand zum Zeitpunkt des Rezensionsentwurfs im Jahr mit 8,1/10 noch bei einer Durchschnittspunktzahl, die „knapp draußen“ bedeutete – mittlerweile hat sich das Voting-Ergebnis auf 7,9/10 ermäßigt. Auch unser letzter Film innerhalb des Konzepts „Top 250“ zeigte James Stewart in der Hauptrolle: Der Weihnachtsfilm „Ist das Leben nicht schön?„, der so hoch geschätzt wird, dass er wohl während unserer Lebzeiten nicht in Gefahr ist, die „Top 250“ verlassen zu müssen. Das ist doch eine schöne Form von Kontiunität in Zeiten des rasanten Wandels. Wie „Harvey“ bei uns ankam, steht in der -> Rezension.

Handlung

Elwood P. Dowd ist ein liebenswert-schrulliger und zu allen unerschütterlich freundlicher Mann mittleren Alters. Sein bester Freund ist seit einigen Jahren ein Puka in Gestalt eines 2,10 Meter großen Hasens namens Harvey, mit welchem er stundenlang durch die Stadt zieht und in seiner Lieblingskneipe „Charley’s Bar“ fremde Leute zu einem Glas mit sich und Harvey einlädt. Das Problem ist allerdings, dass, auch wenn der Wirt und die anderen Gäste Harveys Existenz akzeptieren, Harvey für alle Menschen außer Elwood unsichtbar ist. Daher gestaltet sich das Zusammenleben mit Elwood und seinem Hasen für Elwoods Schwester Veta und ihre Tochter Myrtle oft schwierig. Jedoch hat Elwood das Haus sowie das nicht unerhebliche Vermögen geerbt, sodass die beiden Frauen auf sein Wohlwollen angewiesen sind. Als die sehr um ihren Ruf besorgte Veta eines Tages eine Feier mit zahlreichen bedeutenden und angesehenen Damen veranstaltet – mit dem Ziel, unter deren Söhnen endlich einen Ehemann für Myrtle zu finden – erscheint Elwood mit seinem unsichtbaren Hasen und stellt ihn allen Gästen vor. Nachdem die Gäste recht schnell unter fadenscheinigen Gründen verschwunden sind, beschließt Veta, ihren Bruder in ein Sanatorium einweisen zu lassen.

Bei der Vorstellung Elwoods im Sanatorium führt Veta eine Unterredung mit dem jungen Psychiater Dr. Sanderson, bei welcher sie ständige Trinkerei oder eine psychische Störung als Gründe für Harveys vermeintliche Existenz angibt. Doch als die wegen der Umstände hysterische Veta aussagt, Harvey gelegentlich selbst zu sehen, wird nicht Elwood, sondern seine Schwester ins Sanatorium eingewiesen. Elwood verlässt das Gelände, während seine Schwester sich mit Händen und Füßen gegen ihre Einweisung wehrt. Nachdem Dr. Chumley, der angesehene Leiter des Sanatoriums, nach kurzer Zeit die Verwechslung festgestellt hat, wird Veta zwar wieder freigelassen, doch ihr Bruder bleibt unauffindbar. Chumley schickt alle seine Mitarbeiter auf die Suche nach Harvey, um den Ruf seines Sanatoriums zu retten. Veta holt sich inzwischen ihren Anwalt Gaffney zur Hilfe, welcher Chumley und sein Klinikum auf Schadenersatz für die Verwechslung verklagen soll. (…)

Rezension

Ich beginne mit einem Vergleich. In einigen Momenten hat mich „Harvey“, wie ich ihn hier verkürzt und nach dem Originaltitel nenne, mich an „Arsen und Spitzenhäubchen“ erinnert. Zum einen natürlich wegen Josephine Hull, die schon so brillant eine der beiden mörderischen Schwestern in diesem Film gespielt hatte und hier Elwoods Schwester Veta gibt. In den Broadway-Vorlagen zu beiden Filmen hat sie übrigens auch dieselben Rollen gespielt wie dann im jeweiligen Film. So, wie Jimmy Stewart die Zweitbesetzung für „Harvey“ am Broadway war. Stewart war einer der ersten ausgewiesenen Theaterschauspieler, die nach Hollywood gingen und dort das Niveau erheblich anzuheben halfen.

Auch die spätviktorianische Atmosphäre des Dowd-Hauses hat mich ein wenig an die Heimstatt der beiden Schwestern in „Arsen und Spitzenhäubchen“ erinnert. Der Film hat eine ganz andere Botschaft, ist natürlich keine schwarze Krimikomödie wie „Arsen“, sondern sehr lighthearted, wenn man so will, ein weißer Versöhnungsfilm, der zudem die schon damals berechtigte Frage stellt, ob eher die Menschen in der Anstalt das Problem sind oder die sogenannten Normalen, die sich ständig gegenseitig austricksen, die voller Aversionen und Aggressionen sind und deswegen einen wie Elwood P. Dowd ausgrenzen. Dabei ist er der netteste und harmloseste Zeitgenosse, den man sich vorstellen kann und ich hätte sicher großen Spaß daran gehabt, mich in einer Bar mit ihm und seinem Harvey auszutauschen. Nach Stimmungslage wäre ich vermutlich damit ins Gespräch eingestiegen, wie sich die Karottenbeschaffung für einen zwei Meter großen Hasen anlässt. Ein weiterer Link zu „Arsen“ liegt aber auf schauspielerischer Ebene.  

Ich habe mir während des Films gesagt:  Es handelt sich um eine Rolle, die nur James Stewart spielen konnte. Es passiert mir recht oft, dass ich für mich selbst überlege, welcher Schauspieler könnte für die Darstellung eines Charakters – ebenfalls – in Frage kommen und wie wäre sie dann interpretiert worden. Und dann dachte ich, man darf nicht immer alles vom Ergebnis her sehen, das sehr gut geworden ist. Cary Grant wäre knapp geeignet gewesen. Dann wäre Dowd eben ein wenig burlesker aufgetreten, aber sicher so, dass wir sehr gelacht hätten. Das Philosophische wäre vielleicht etwas mehr in den Hintergrund getreten als bei Jimmy Stewart. Später las ich dann, dass Grant tatsächlich zu den in Erwägung gezogenen männlichen Darstellern gehörte. Für mich sind sie beide Ausnahmetalente ihrer Generation.

Aber während in „Arsen“ Madness freidreht und gefährlich wird, und zwar in ganz verschiedenen Varianten, einmal als harmlos wirkend in den Personen der beiden Holunderbeerwein-Mörderinnen, zum anderen durch den bösen Bruder, einen Schwerverbrecher, beherrscht Sillyness den Film „Harvey“ so total, dass man eine Lektion fürs Leben erfährt. Die Menschen in „Arsen“ sind überspitzte Kunstfiguren, auch wenn das Motiv „Todesengel“, das die beiden älteren Damen verkörpern, alles andere als realitätsfern ist, nämlich einsame, beladene ältere Menschen lieber beim Sterben etwas zu beschleunigen, als sie mitleidlos weiter darben zu sehen. Dafür ist „Harvey“ ein Panoptikum von Alltagsmenschen, die auf ihre Weise gefährlich und höchst fehlerhaft agieren, während Elwood Dowd mit traumwandlerischer Sicherheit durchs Leben geht, weil er keine Vorurteile hat und mit jedermann gut Freund sein möchte. Wer von uns hätte den Mut, sich einfach Leute von der Straße nach Hause einzuladen, die er irgendwo getroffen und mit denen er ins Gespräch gekommen ist? Doch nur, wenn sie Stallgeruch haben, ansonsten geht das nicht so schnell.

Dabei wäre in unserer diversen Welt gerade eine solche offene Haltung notwendiger denn je, denn erstaunlicherweise sind die wenigsten Menschen richtig bösartig, wenn man ihnen aufgeschlossenen und interessiert entgegentritt. Es gibt Hundsfott-Branchen, auf deren Mitarbeiter das weniger zutrifft, weil sich dort alle Miesniks sammeln, aber auch das ist natürlich ein Vorurteil und man muss stets zwischen dienstlichen und privaten Begegnungen unterscheiden. Insofern weist Elwood ein unübersehbar wichtige Eigenschaft auf: Er ist Privatier. Er hat geerbt und geht keinem Beruf nach, in dem er sich auch einmal konfrontativ verhalten müsste. Schränkt das den philosophischen Wert des Films ein? In unserem Konkurrenzsystem, das weiß jeder, käme man als Elwood nicht weit, Gnade denen, die das nicht verstanden haben und glauben, ein Recht auf ihre Indivdiualität oder gar ihre Schrullen zu haben. Privat kann sich jeder überlegen, ob er nur mit seinesgleichen verkehrt oder seine Welt um abweichende Menschen erweitert, um innerlich bereichert zu werden.

Obwohl wir also wissen, dass man den Film so, wie unser Leben gestrickt ist, nicht direkt übertragen können, wäre es aber auch denkbar, zum Beispiel Firmenkulturen zu fördern, die nicht nur gnadenlos auf Effizienz ausgerichtet sind, sondern Verständnis und freien Geist fördern, damit auch Kreativität und Wohlbefinden aller. Außer bei seiner Familie, die sich zu sehr von altbackenen Provinz-Society-Ladys beeinflussen lässt, fühlt sich jeder mit Elwood wohl und seine Familie tut es nicht, weil sie sich nicht auf ihn einlassen kann und sie kann es nicht, weil deren Freunde sich nicht auf ihn einlassen können. Ich habe zwischenzeitlich überlegt, ob sich unsere Einstellung gegenüber dem „Abweichenden“ geändert hat, ob heutige Partygäste immer noch so unverständig wären wie jene des Jahres 1950 im Film und flüchten, nur weil ein Mann einen imaginären Hasen besitzt und ihn deshalb gar für gefährlich halten. Ich fürchte, es hätte sich trotz aller Sozialpädagogik und psychologischen Edukation nicht viel geändert. Die Ladys im Film sind ja selbst etwas kurios, aber in der uniformiert an den Interessen des Finanzkapitalismus ausgerichteten, maximal geglätteten Gesellschaft unserer Zeit würde ein Dowd noch mehr wie ein Fremdkörper wirken, wo immer er aufträte. Außer in Comedy Shows, und dort würde ihn das Publikum möglicherweise missverstehen.

Wie ist „Harvey“ als filmisches Werk? Man merkt ihm, wie bei vielen anderen Adaptionen von Broadway-Stücken, seine Herkunft an, aber der Wert einer Filmversion liegt schon darin, die wunderbaren Darsteller zu sehen. So muss man es wohl positiv wenden, wenn die visuelle Gestaltung eher zurückhaltend ist und die Möglichkeiten des Mediums Film wenig nutzt. Sicher gibt es ein paar Settings mehr als im Stück Bühnenbilder und verschiedene Handlungsorte, aber der altbackene Charme von „Harvey“ rührt auch daher, dass er neben den antiquierten Wohnräumen der Familie Dowd konservativ bebildert ist, auch für die Verhältnisse von 1950. Es gibt kaum subjektive Kameraeinstellungen, das Meiste wird in der Halbtotalen gefilmt, die Beweglichkeit des filmischen Auges hält sich in Grenzen, was wiederum damit korrespondiert, dass es nur wenige visuelle Gags zu bewundern gibt.

Finale

„Harvey“ ist ein ganz reizend gespielter und philsophischer Film, der ein wenig in die Richtung von „Irre – wir behandeln die Falschen“, einem Sachbuch aus dem Reich der Psychologie geht, das in den letzten Jahren Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Die These, dass harmlose Spinner weitaus weniger Schaden anrichten als sogenannte Normalos mit all ihren Aggressionen und ihrem überzogenen Konkurrenzdenken, ihrem teilweise grenzenlosen Egoismus, ist in etwa so wahr, wie dass die Sonne jeden Morgen aufgeht, ob sichtbar oder hinter Wolken. Hinter den Wolken könnte aber die Erkenntnis liegen, dass die einen nicht ohne die anderen können und an klaren Tagen tritt sie hervor. Würde jemand skurril wirken, wenn wir ihn nicht so empfänden? Und könnten wir uns liebevoll denen, die „anders“ sind, widmen, wenn nicht die Übrigen mit ihrem fantasielosen Funktionalismus dafür sorgen würden, dass die Infrastruktur dafür vorhanden ist? Ich würde meinen, die Harvey-Freunde dieser Welt bereichern uns in hohem Maß, und wir sollten nicht neidisch darauf sein, dass sie sich vielfach der Logik entziehen, denn vor allem sind wir nicht alle gleich gestrickt und so lese ich vor allem eine schöne Toleranzbotschaft aus dem Film heraus.

84/100

© 2020 (Entwurf 2016) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Henry Koster
Drehbuch Mary Chase,
Oscar Brodney,
Myles Connolly
Produktion John Beck für
Universal Pictures
Musik Frank Skinner
Kamera William H. Daniels
Schnitt Ralph Dawson
Besetzung

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