Dschungel im Sturm (Red Dust, USA 1932) #Filmfest 332

Filmfest 332 A

Das Original

Nachdem wir für das Filmfest ’21 nun doch auf Eingliederung der Harlow-Filme ohne „Special“ in den allgemeinen Ablauf optiert haben, können wir neben den Filmen, die vor langer Zeit in den ARD-Programmen gezeigt wurden, auch „Dschungel im Sturm“ präsentieren, den wir ursprünglich im Jahr 2012 rezensiert haben. Würde er heute z. B. auf Arte ausgestrahlt, so viel verraten wir hier schon einmal, würde möglicherweise eine Texttafel mit dem Inhalt „Film enthält veraltete kulturelle Darstellungen“ vorgeschaltet werden. Was unbedingt erwähnen müssen: Im vorausgehenden Film von Jean Harlow, dem kürzlich besprochenen „Red Headed Woman“, hatte Harlow die Haare noch nicht plationblond gefärbt, allerdings bedeutet das nicht, dass „Red Dust“ der erste Auftritt von ihr mit dieser Haarfarbe ist. Wir kennen noch nicht alle Streifen, in denen sie mitspielt.

Es kam auch in Hollywood nicht häufig vor, dass ein Schauspieler 21 Jahre später in einem Remake spielt – und zwar in der gleichen Rolle wie im ersten. Clark Gable, oft apostrophiert als „König von Hollywood“, hat das getan. 1932, in „Red Dust“, heißt seine Figur Dennis Carson, 1953 Victor Marswell, die Story hat man aus dem feuchtheißen Dschungel ins trockenheißte Afrika verlegt. Das Remake heißt „Mogambo“, heute ist dieses Remake zumindest in Europa bekannter als „Red Dust“. Parallelen, Unterschiede zu „Mogambo“ und mehr zu „Red Dust“ besprechen wir in der -> Rezension.

Handlung (1)

Bis auf einige gelegentliche Ausflüge nach Saigon hat Dennis Carson sein Leben auf seiner Kautschukplantage in Indochina verbracht. Gary Willis, ein neuer Vermesser, kommt zusammen mit seiner Frau Barbara auf die Plantage. Gleichzeitig verlässt die in Carson verliebte Prostituierte Vantine die Gegend. Carson, der von Vantine Fred genannt wird, sah in ihr nur eine kleine Unterhaltung. Es stört ihn, dass sein neuer Angestellter seine Ehefrau mitgebracht hat.

Barbara hält nicht viel von Carson, bis dieser Gary nach einem Malariaanfall das Leben rettet. Vantine kehrt auf die Plantage zurück, weil das Boot, mit dem sie abfahren wollte, defekt ist. Carson verliebt sich indessen in Barbara. Nach einiger Zeit erwidert Barbara Carsons zärtliche Gefühle. Bis auf Gary, der von Carson zu einer Vermessung flussabwärts geschickt wird, weiß jeder auf der Plantage von der Affäre, auch Vantine. Barbara und Carson wollen heiraten, also muss Gary benachrichtigt werden, damit Barbara sich scheiden lassen kann. Carson sucht Gary auf, bemerkt dabei Garys tiefe Liebe zu Barbara. Carson kehrt zur Plantage zurück, ergibt sich dem Alkohol und lässt sich von Vantine trösten. Barbara kommt hinzu, die Carson, als dieser sich wie ein Prolet aufführt, niederschießt.

Gary kommt zurück, von den Gerüchten über Barbara und Carson alarmiert. Barbara ist zu verstört, doch Vantine erzählt Gary, dass Barbara auf Carson geschossen habe, weil dieser zudringlich wurde. Vantine pflegt Carson. Als dieser wieder gesund ist, liest er einen Zeitungsartikel, der von der Abreise der Willis berichtet. Er merkt zudem, dass er Vantine liebt.

Rezension

Die Parallelen und Unterschiede zwischen den Filmen sind ein Stück Kinogeschichte und erzählen einerseits von den recht wilden, noch nicht durch den Hays-Code zensierten früheren 30ern und andererseits vom Edelkino der 50er, in dem selbst eindeutige Sujets auf ungeheuer symbolisch aufgeladene und indirekte Art erzählt werden, allerdings hatte sich inzwischen auch die Dialogtechnik, mit der Zensur und durch sie gefördert, weiterentwickelt.

Interessanterweise werten viele Kinofans heute den rauen Charme des Originals höher als die zweifelsohne superben Schauspieldarbietungen in John Fords „Mogambo“. Da wir beide Filme kurz hintereinander gesehen haben, können wir diese beiden Filme gut vergleichen, die betreffende Ansicht verstehen, teilen sie aber nicht auf ganzer Linie.

  1. Der Film hat den falschen Namen

Es gibt zwar auch einen Staubsturm zu sehen, trotzdem ist ausnahmweise der deutsche Verleihname des Filmes der bessere: Weil er zumindest nicht auf die falsche Fährte fühlt, es sei hier staubig und trocken.

Im Gegenteil. Es regnet beinahe durch die gesamten 83 Minuten hindurch und Clark Gable und alle anderen Männer sind überwiegend in schweißüberströmtem Zustand zu sehen. Die Frauen interessanterweise nicht. Aber auch sie tragen zur knisternd erotischen Atmsophäre des Streifens selbstverständlich in erheblichem Maß bei.

Besonders Jean Harlow in der Rolle der im Dschungel gestrandeten Prostituierten Vantine, die mit „Red Dust“ zum ersten Tonfilm-Sexsymbol Hollywoods aufstieg. Auch bei ihr hat die Legende etwas mit Wasser zu tun: In einer naturalistischen Badezuberszene kühlt sie ihren Körper, doch nie ist die Dschungelhitze so spürbar wie in diesem Moment. Gerüchte besagen, es gebe geschnittenes Filmmaterial, auf dem sie tatsächlich nackt gezeigt wird – auch für Precode-Verhältnisse eine ungeheure Idee, so etwas wirklich ins Kino zu bringen, und man tat es ja dann auch nicht.

Noch heute verblüffend ist die Eindeutigkeit, mit der hier agiert wird. Das gab es vielleicht in dieser gleichermaßen naiven wie frechen Art nur in der kurzen Zeit vom Beginn des Tonfilms bis zur einsetzenden Veredelung Mitte der 30er Jahre –  dieses umschweifelose Kino, in dem die Dinge zwar auch nicht immer beim Namen genannt waren, aber von ganz substanzieller Nachvollziehbarkeit und Eindeutigkeit waren. Da wurde nicht rumgedruckst. Sex war Sex und in dieser schwülheißen Atmosphäre, die „Red Dust“ noch heute hervorragend rüberbringt, konnte alles geschehen, und zwar sehr schnell und ohne, dass man sich groß fragen musste, warum eigentlich.

Dass ein recht ungezähmter Bursche wie der junge Clark Gable auf eine wasserstoffblonde, robust und irdisch wirkende Sirene namens Vantine abfährt, nachdem er sie zunächst nicht ausstehen kann, und dass dies ziemlich abrupt geschieht (wie sie selbst anmerkt), ist ebenso glaubwürdig wie die Tatsache, dass eine aristokratisch wirkende Landvermesserfrau namens Barbara Willis (Mary Astor) in diesem Klima ebenfalls nicht die Moral wahren kann und dem animalischen Charme dieses Kautschukplantagenmanagers verfällt. An dem Film ist nichts Falsches, nichts Gekünsteltes, deshalb wohl mögen ihn  heute wieder viele Filmliebhaber. Er gilt vielen auch als einer der besten Clark-Gable-Filme.

  1. Auswertung der Filmliebhaber

Manchmal empfiehlt sich ein Blick in die Internet Movie Database, um dem Phänomen eines Films auf die Spur zu kommen, genauer gesagt, ein Blick in die Statistik der Bewertungen. Welches Geschlecht und welches Alter favorisieren einen Film besonders? Wir sind, das geben wir zu, gegenüber Filmen skeptisch, die vor allem von Zuschauern hochgejubelt werden, die zu jung sind, um ein Werk in Relation zur gesamten Filmgeschichte stellen zu können.

Bei „Red Dust“ ist es aber umgekehrt. Je älter das Publikum, desto mehr mag es den Film (leider gibt es nur die Kategorie 45+ als älteste Usergruppe der Datenbank, interessant wäre es, diese noch einmal in 45 bis 60 und älter als 60 Jahre zu unterteilen).

Und je weiblicher und älter, desto beliebter wird „Red Dust“. Das heißt vor allem, dass seine Erotik auf Frauen wirkt, die vielleicht auch gerne einmal ein solche Abenteuerromanze mit einem Burschen wie Clark Gable gehabt hätten und in dem langweiligen Landvermesser Willis, der zwar auf romantische Weise treu, aber mit seinen häufigen Fieberanfällen auch nicht so lebenstüchtig wirkt eher das erkennen, was ihnen im Realleben beschieden wurde. Außerdem dürfte die libertinöse Vantine nicht nur auf männliches Publikum reizvoll wirken, sie ist ja nicht nur eine erotische Männerphantasie, sondern auch eine Projektionsfläche für die Geschlechtskolleginnen.

Diese Vantine ist auch kein Sexobjekt, sondern sie agiert. Sie ist eine dieser Frauen, die sich aus dem Jazz Age in die frühen, schweren Depressionsjahre gerettet haben (1932 war der Tiefpunkt der Weltwirtschaftskrise), die ihre Unabhängigkeit ans Set mitbringen und vordergründig Sex gegen Geld verkaufen. Sie haben auch Gefühle und müssen nicht Männerwelten durchleben und durchleiden, um Karriere zu machen, sie kämpfen um das, was sie wollen, mit ihren Waffen und sie nehmen es sich sofort, wenn sie’s kriegen können. Sie sind in ihrer eigenen Welt zuhause und fühlen sich dort offensichtlich ganz wohl.

Clark Gable ist eine Sehnsuchtsfigur, Vantine eine Identifikationsfigur für viele Frauen – ebenso aber die Frau des Landvermessers, dargestellt von Mary Astor. Sie ist nicht nur klassischer gestylt als Jean Harlow und entspricht mehr dem Schönheitsideal der Zeit, sie ist auch im klassischen Rollenklischee angesiedelt. Wo es ihren Mann beruflich hinzieht, da zieht sie mit, und sei es eine alles andere als komfortable Kautschukplantage in der Vorhölle von Indochina.

  1. Clark Gable und eine neue Variante des männlichen Stars

Mit Rollen wie der des robusten Dennis Carson stieg Clark Gable zum größten männlichen Star Hollywoods auf und man sieht sofort, warum das so kam und warum zum Beispiel Gary Cooper sich in jenen Jahren einen ähnlichen Nimbus erarbeitete.

Beide Schauspieler sind Protagonisten einer neuen Generation gewesen, wenn auch mit unterschiedlichem Akzent. Während die Frauen in „Red Dust“, vor allem Mary Astor, noch ein wenig aus dem Stummfilm tradiert daherkommen, Acting wie Styling betreffend, wirkt Clark Gable wie vom Mond gefallen. Kerle, die ungeschminkt und schwitzend, breitbeinig, mit rauen Sprüchen und einem wirklich smarten Lächeln die Leinwand dominieren, gab es im Stummfilm nicht. Man kann sich gut vorstellen, wie die Tonfilmkinogängerinnen reihenweise auf den Plüschsesseln dahinschmolzen, auf eine naive Art, die bei aller Verehrung den heutigen Stars nicht mehr entgegengebracht werden kann.

Zu sehr ist das Kino mittlerweile ein fortgeschrittenes Medium in einer medial übersättigten Epoche. Es gibt immer wieder neue, interessante Männer und Frauen mit Starpotenzial, aber dass noch ganz neuartige Typen auf die Leinwand geschickt werden, kann man beim besten Willen nicht behaupten. Im Grunde endete dieses Hervorbringen von wirklichen Innovationen in den 50ern, als die gelernten Schauspieler wie Marlon Brando, James Dean oder Paul Newmann im Film ansässig wurden, vielleicht auch in den 60ern, als auch Käuze wie Woody Allen attraktive Frauen abbekamen und welche mit weniger attraktiven Gesichtern zu Stars aufsteigen konnten. Seitdem sind neue Gesichter allenfalls Variationen und Ergänzungen vorhandener Grundtypen.

  1. Jean Harlow als eine neue Variante weiblicher Stars

So erdnah hat man Frauen im Film selten zuvor und danach gesehen, die Jean Harlow im zweiten Film mit Clark Gable. In gewisser Weise gibt es eine andere Entwicklungslinie als bei männlichen Stars, die mit dem wechselhafteren Rollenbild der  Frau zu tun haben. Für eine kurze Zeit kreuzten sich die Wege dieser Typenbilder – der sexorientierten, aber gutherzigen Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt und das des rauen Burschen, der ebenso gestrickt ist. Kein Wunder, dass die Chemie zwischen den Hauptdarstellern zu vier weiteren Filmen der beiden führte. Vermutlich wären es noch mehr geworden, wäre Jean Harlow nicht 1937 auf tragische und mysteriöse Weise verstorben.

In den späteren 30er Jahren wurden die Frauen konventioneller. Der Hays Code traf die Gestaltung weiblicher Figuren sichtlich härter als die männlicher. Die Zeiten wurden konservativer, was sich im Abgesang zunächst auf die erotischen Filme, dann auf das Gangstermovie des frühen Tonfilmes ausdrückte. Im zweiten Weltkrieg glänzten unabhängige Frauen vor allem im Film noir – und brachten Männer zu Fall und spielten böses Schicksal, ihre Aura erhielt eine sehr düstere Note, ihr dominantes Agieren wurde als hoch gefährlich dargestellt. Als das Remake „Mogambo“ gedreht wurde, war der Film zwar für die frühen 50er frivol und ist dank Ava Gardners doppelbödigem Witz eine Show, aber die Sexualität einer Frau konnte sich bei weitem nicht in jener quietschvergnügten Offenheit zeigen, wie das in „Red Dust“ noch möglich war.

Später gab es viel Nacktheit im Kino, aber man darf das nicht mit dieser schwülen Form von Erotik verwechseln, die „Red Dust“ durchzieht. Zudem haben Feminismus und eine mittlerweile ziemlich verklemmte Form von politische Korrektheit dazu geführt, dass viel über Sex geredet wird, aber kaum gezeigt wird, dass das Leben manchmal von ganz einfachen Gelüsten bestimmt ist und die Dinge wirklich einfach sein können. Viele konservative Gegenbewegungen in den letzten Jahrzehnten haben einen Mehltau über die Darstellung unserer oft nicht besonders tiefgründigen Begierden gelegt.

Im europäischen Kino sieht es ein wenig anders aus, das muss man immerhin festhalten. Dennoch würde der sozial weichgespülte Mann von heute einen Typ wie Vantine auch bei uns als einfach nur primitiv und als Charakter zu flach empfinden – im Kino, nicht in der Wirklichkeit, versteht sich.

  1. Symbolik oder nicht

Ob der Film Symbolik jenseits gewisser doppelbödiger Bemerkungen von Jean Harlow hat, darf bezweifelt werden. Wir erwähnen diesen Aspekt deshalb, weil diese in „Mogambo“ so offensichtlich ist. Aber Victor Fleming ist in 1932 nicht mit John Ford in 1953 zu vergleichen. Der eine hat pathetische Kavalleriefilme gemacht und Sozialdramen wie „Früchte des Zorns“ (1940), der andere den ebenfalls eher unsymbolischen und alles direkt erklärenden „Gone With The Wind“ (1939). Der Tiger, den Clark Gable während des Films erlegt, ist demgemäß wohl keine Allegorie darauf, dass er selbst kurz darauf angeschossen wird und wie ihn Jean Harlow als Jägerin zur Strecke bringt. In „Mogambo“ hingegen ist das ganze Szenario einer Jagdstation, die sich mit dem Fang wilder Tiere für Zoos und Zirkusse befasst, eindeutig ein Spiegel der Jagd der Menschen aufeinander. John Ford wäre nicht John Ford, wenn nicht in vielen Bildern Anspielungen zu erkennen wären. Eine Rezension von „Mogambo“ steht noch aus, aber wir werden an der Stelle vertiefend darauf eingehen.

  1. Eine gewisse, frühe Reife

Technisch ist „Red Dust“ bemerkenswert gelungen und zu seinem Erfolg dürfte auch beigetragen haben, dass plötzlich die Kamera mitsamt Ton-Equipment in Bewegung geraten war. Noch ein oder zwei Jahre vorher wirkte alles, was im Stummfilm an formalen Innovationen erarbeitet worden war, wie abgetötet – wegen der unbeweglichen, riesigen Kameratechnik, die Schauspieler zwang, sehr statisch zu agieren und sich immer in der Nähe eines versteckten Mikrofons aufzuhalten (1952 wurde dieser Übergangszeit mit dem Musical-Highlight „Singin‘ In The Rain“  wundervoll komödiantisch die Referenz erwiesen).

Auffällig sind die Szenen, in denen Menschen durch den Dschungel eilen und von der Kamera dabei begleitet werden. In den USA war es nicht üblich,  den Ton hinterher hinzuzusynchronisieren, also muss das Mikrofon mit am beweglichen Kamerakran befestigt gewesen sein. Zwar wurde gewiss der gesamte Film im Studio gedreht, inklusive der Dschungelvegetation, aber auch dort  musste die Bewegungsfreiheit der Technik erst einmal zurückgewonnen werden. Wir wissen leider nicht, wie gut die Original-Tonqualität in diesen Szenen ist, wie Donner und Regenflut in Töne umgesetzt werden, denn die deutsche Synchronisation hat sich nicht nur der Stimmen der Darsteller, sondern auch aller Umgebungsgeräusche angenommen. Doch allein die Tatsache, wie die Kamera durch die Botanik schwenkt und sich von den Fesseln der ersten Tonfilmjahre befreit, muss man feiern.

MGM war vergleichsweise spät umgestiegen, dann aber offensichtlich mit aller Konsequenz, wie es bei diesem bestausgestatteten Hollywood-Studio Philosophie war . Das Beste oder Nichts, dieser heutige Werbespruch trifft gut den Anspruch des Chefs Louis B. Mayer, der sich vor allem in blendend choreografierten und ausgestatteten Musicals verwirklicht hat, nachdem der Hays-Code kam und die wilden Exotikfilme gegangen waren.

Hingegen hat der Film keinen aufwendigen Score, wie er kurze Zeit später üblich wurde, der Vorspannn und die dort eingesetzte Musik sind eher schmucklos.

  1. Menschenbild

Man darf einen Film nicht bewerten, ohne seine Zeitbezogenheit anzusprechen. Nicht nur, dass Saigon in der US-Version offenbar falsch ausgesprochen wird, nämlich anglifiziert, auch sonst wird klar, wie man damals gestrickt war und dass gerade MGM bei aller Freizügigkeit, der sich damals auch dieses nach eigener Definition etwas bessere Studio nicht verschloss, gerne ein paar Botschaften mittransportieren ließ, die gar nicht subtil waren.

Wie Clark Gable hier die „Kulis“ herumscheucht, also die angeblich faulen und nichtsnutzigen Einheimischen, das ist alles andere als das Bild, das wir heute von Vietnamesen haben und von irgendwem haben sollten. In manchen Zusammenhang hat die political correctness die Kreativität únd natürlich auch den Realismus erheblich eingeschränkt und jeder Klamauk, der sich darüber hinwegsetzt, wird gefeiert, als ob er tatsächlich Qualität hätte.

Aber was die in Massenmedien wie dem Kino überaus wirksamen Botschaften über andere Völker angeht, ist es eindeutig ein Vorteil, dass man heute mehr die Fingerspitzen als die große Keule verwendet, wenn es um die Darstellung von Ethnien geht. Die beste Variante ist vielleicht der Realismus, aber wenn der nicht zu haben ist, dann lieber ein überkorrektes Menschenbild vermitteln als ein so eindeutig rassistisches wie in „Red Dust“. Man wird sich gewiss nicht viel dabei gedacht haben, wie ja auch die Darstellung von Afroamerikanern im damaligen Film mehr als bedenklich ist, ohne dass sich jemand wesentlich daran gestört hätte.

Dieses auf die WASPs zentrierte Menschenbild, in dem auch eher den unteren sozialen Schichten angehörende Typen wie Dennis Carson als Herrenmenschen erscheinen, steht wiederum in Kontrast zum für heutige Verhältnisse entwaffnend liberalen Umgang mit einer Prostituierten wie Valentine, die am Ende den Helden kriegt, während die prototypische Oberschichtlady Barbara Willis mit ihrem gutherzigen, aber wenig aufregenden Gatten weitermachen muss. Es gibt aber auch eine konservative Interpretationslinie: Obwohl Gable und Harlow die Projektionsflächen für die Sehnsüchte eines in kleinen Verhältnissen strampelnden, von der Weltwirtschaftskrise gebeutelten Publikums darstellen, sind sie Ausnahmeerscheinungen – diejenigen, die für die Ordnung der Dinge stehen, das sind die beiden anderen. Sie verkörpern den bescheidenen Wohlstand, den sich die Menschen damals erträumten und ihre Welt bleibt trotz eines Ausrutschers intakt, während Gable und Harlow Abenteurer und Outlaws bleiben, die wenig mit der Realität derjenigen zu tun haben, welche im Kino deren Abenteuer verfolgen.

Clark Gable, der sich wirklich in die Lady Astor verliebt, sie nicht einfach nur besitzen will, kehrt nicht zuletzt deshalb zu Vantine zurück, weil er bemerkt hat, was sie längst weiß: Dass die beiden vom selben Stern sind. Die sozialen Welten berühren sich demnach für kurze Zeit, verschmelzen aber niemals.

Finale

„Red Dust“ ist nicht nur filmhistorisch sehr interessant, sondern auch vergnüglich anzuschauen. Wenn man vergisst, dass der Film 80 Jahre alt ist, kann man sich auch von der erotischen Atmosphäre anziehen lassen und ganz unvoreingenommen (als Mann) Jean Harlow bewundern und begehren, wie sie in diesem viel zu lässig gebundenen Morgenrock, später im Kimono durch den Film vibriert oder (als Frau) Clark Gable, in dem der Mann hinter der geschminkten Fassade frühester Kinozeiten heraustritt und sich auf robuste und realistischer anmutende Weise Platz schafft. Dann gibt es ja noch die Badezuberszene – abgesehen davon, dass sie in Schwarz-Weiß gefilmt ist, muss man sie als überzeitlich ansehen. Der Film ist recht kurz, oft sehr rau. Beides war damals üblich, und man darf ihn auch heute noch als überdurchschnittlich bewerten. 

75/100

Regie Victor Fleming
Drehbuch John Lee Mahin
Produktion Irving Thalberg,
Hunt Stromberg
für MGM
Kamera Harold Rosson
Schnitt Blanche Sewell
Besetzung

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