Der Rebell (The Flame and the Arrow, USA 1950) #Filmfest 331

Filmfest 331 A

Akrobat schön!

Der Rebell (Originaltitel: The Flame and the Arrow) ist ein US-amerikanischerAbenteuerfilm, von Jacques Tourneur 1950 inszeniert. Die Uraufführung in Deutschland fand am 24. März 1951 statt. (…) [Nebenrollendarsteller] Nick Cravat war ein Jugendfreund von Oscar- und Golden Globe-Gewinner Burt Lancaster (1961) und jahrelang als Akrobat und Trapez-Artist mit ihm aufgetreten. Nachdem Lancaster nach Hollywood gewechselt war, spielte er in dessen Filmen mehrmals Nebenrollen. Auch in Der Rebell stellte er, genau wie in Der rote Korsar, einen Stummen dar, der mit Lancaster akrobatische Stunts ausführt.

Das leitet uns dorthin, woher alles kam: Nämlich zu Burt Lancasters frühen Jahren als Zirkusartist. In „Der rote Korsar“ (1952) kam seine Athletik von Lancaster zu voller Entfaltung, in „Trapez“ (1956) hat er sich an jene Jahre vor dem Film erinnert und eine im wörtlichen Sinne gebrochene Figur gespielt. Sein erster Abenteuerfilm jedoch, indem er seine Fähigkeiten einsetzen konnte, war „The Flame and the Arrow“. Und wie kam dieses mediävistische Vergnügen bei uns an? Es steht in der -> Rezension.

Handlung (1)

Italien im 12. Jahrhundert, zur Zeit Friedrich Barbarossas: Dardo Bartoli lebt mit seiner untreuen Frau Francesca und seinem Sohn Rudi in der Lombardei. Francesca ist die Geliebte des örtlichen Grafen Ulrich, der von seiner Nichte Anne umsorgt wird. Dardo kommt mit dem Grafen in Konflikt, als er dessen Jagdfalken erschießt, als dieser im Dorf Tauben jagt. Aus Rache entführt der Graf Rudi in sein Schloss. Bei der Rettungsaktion wird Dardo von einem Pfeil getroffen, sein Sohn hält die gräflichen Schergen auf, damit Dardo entfliehen kann.

Der junge Adelige Alessandro de Granazia hält um Annes Hand an, wird aber abgewiesen und vom Grafen wegen Steuerschulden eingekerkert. Dardo, mittlerweile Anführer einer Rebellengruppe, befreit Alessandro. Eine Zofe Annes hilft ihm und seinem besten Freund, dem stummen Piccolo, in das Schloss einzudringen, um seinen Sohn zu befreien. Der Rettungsversuch schlägt fehl. Als sie in Annes Zimmer eindringen, schlägt Piccolo vor, Anne zu entführen. Sie schaffen sie in ihr Versteck.

Sie schlagen dem Grafen einen Gefangenenaustausch vor. Graf Ulrich droht, Dardos Onkel, Papa Bartoli, hinzurichten, wenn er Anne nicht freilässt. Dardo und seine Leute stürmen das Dorf und befreien Papa Bartoli. Dardos Tante berichtet ihm, dass fünf weitere Gefangene an Stelle Papa Bartolis hängen sollen. Dardo stellt sich dem Grafen, um sie zu retten. Er wird vor den Augen seines Sohnes gehängt. Die anderen Rebellen, darunter auch Alessandro, werden in den Kerker geworfen. Alessandro verrät dem Grafen, dass die übrigen Rebellen am nächsten Tag einen Angriff planen und dass Dardo lebt. Piccolo hatte die Stelle des Henkers eingenommen. Als Belohnung für den Verrat will Ulrich Anne mit Alessandro vermählen. Anne gelingt es Dardos Tante zu warnen.

Auf Vorschlag Piccolos schleicht sich die Bande als Akrobaten getarnt ins Schloss ein und es kommt zu einem erbitterten Kampf. Anne informiert Dardo, dass der Graf Rudi als Geisel nehmen will. Dardo kann den Grafen stellen, der in der Gesellschaft Alessandros ist. Während Dardo und Alessandro kämpfen, flüchtet der Graf. Dardo will Alessandro überzeugen, ihn vorbeizulassen, doch Alessandro lehnt ab und wird von Dardo getötet. Dardo findet seine Frau Francesca mit einem Messer im Rücken. Der Graf nutzt Rudi als menschlichen Schutzschild, aber Dardo erschießt den Grafen. Die Rebellen erobern das Schloss und Dardo und Anne fallen sich in die Arme.

2020-08-14 Filmfest ARezension

Burt Lancaster war einer der ersten Schauspieler, die für uns als echte Individuen auf der Leinwand hervortraten. Das kam sicher daher, weil der erste Film mit ihm, den wir gesehen haben, der grandiose „Rote Korsar“ von 1952 ist, und nicht etwa die Films noirs wie „The Killers“ (1946) oder „Criss Cross“ (1949), mit denen er berühmt wurde und die als hervorragende Genrewerke gelten. Letzterer war allerdings der zweite, und dass wir diese Abfolge noch so genau wissen, sagt einiges darüber aus, welch ein Lieblingsschauspieler Lancaster nach kurzer Zeit geworden war. Unser dritter Lancaster-Film war dann wohl „Trapez“, der gewissermaßen prototypisch ist, weil er den Star in der Welt zeigt, in welcher er aufgewachsen war – und wo er schon einen angeschlagenen Artisten spielt.

In seinen frühen Schwarz-Weiß-Filmen der Schwarzen Serie hatte er begreiflicherweise wenig zu lachen, und was wäre dem Hollywoodkino verloren gegangen, wenn es nie hätte Burt Lancasters unvergleichliches, breites Grinsen kennengelernt hätte. Das durfte es 1950 mit „Der Rebell“. Hinzu kommt, dass er der physischste Hollywoodschauspieler seiner Zeit war. Als er nach einer kurzen Phase Anfang der 1950er, in denen er zeigen durfte, dass er vor seiner Filmkarriere Akrobat war, Filme machte, in denen seine Körperlichkeit nicht mehr im Vordergrund stand, gab es keine Nachfolger für ihn – bis zwanzig Jahre später Silvester Stallone mit „Rocky“ (1976) genauso kometenhaft zum Starruhm geschossen wurde wie Burt Lancaster ziemlich genau 30 Jahre zuvor.

Der erste Film, in dem Lancaster seine wilden, blonden Locken ebenso ungekämmt zeigen durfte wie sein Lachen ungezähmt, war aber nicht der bekannte „Rote Korsar“, sondern der hierzulande weniger rezipierte „Der Rebell“ („The Flame and the Arrow“), der zwei Jahre vor dem köstlichen Piraten-Abenteuer entstand. Wirklich ist dieser Film in vieler Hinsicht ein Vorläufer des Korsaren, nicht zuletzt, weil Nick Cravat ein kongeniales Kraftpakete-Duo mit Lancaster bildet, jener kleinwüchsige Akrobat, den Lancaster aus seiner Zirkuszeit kannte und nach Hollywood holte, um als sein Buddy zu fungieren – wobei er jeweils einen stummen Mann spielt, der durch seine übrigen Sinne und seine Wendigkeit brilliert.

Ein anderer Film von Jacques Tourneur. Wenn wir den Namen Jacques Tourneur hören, werden wir immer an „Out of the Past“ (1947) denken, mit dem er sich, Robert Mitchum und Kirk Douglas einen Platz im Olymp der Schwarzen Serie gesichert hat. Der Film ist auch nach unserer Meinung einer der besten des Genres. Berühmt wurde er allerdings mit „Katzenmenschen“ (1942) und „Ich folgte einem Zombie“ (1943), die äußerst populär wurden. Tourneur konnte sicher viele Genres, also durfte er sich 1950 auch an einem vergleichsweise aufwendigen Kostümabenteuer versuchen. Warner Brothers, bei denen „Der Rebell“ entstand, hatten lange  Zeit einen Star, der für alle Abenteuerfilme die überragende Statur hatte – Errol Flynn. Doch dessen Zenit war 1950 überschritten. Den letzten seiner Filme für die Warners („“, 1953) haben wir jüngst rezensiert. Da kam ein Burt Lancaster gerade recht, der zwar ein anderer, weniger statuarischer, aber sehr frisch wirkender Typ war und mit Leichtigkeit dieselbe Leinwandpräsenz entwickelte wie Flynn. Und er hatte eben dieses Plus, dass er seine Stunts selbst drehen konnte, auch wenn sie, wie in der Schlusssequenz von „Der Rebell“, an eine Meisterschaft im Turnen am Reck erinnern und damit über das hinausgehen, was man klassischerweise unter „Stunt“ versteht.

Die erste Frage, die wir uns gestellt haben, war nicht, ob Lancaster also für diese Rolle geeignet war, das wussten wir vorher und es hat sich vollumfänglich bestätigt, sondern, ob Tourneur auch dieses Genre können würde, das besonderes Geschick bei der Koordination von Massenszenen und ein Händchen für Choreografie und Steigerung innerhalb eines ohnehin aktionsreichen Plots erfordert. Um es gleich zu sagen, ein zweiter Cecil B. deMille ist Tourneur nicht. Manche Szenen wirken etwas zu kurz, und zwar genau dort, wo der Höhepunkt des Films sein sollte. Besonders auffällig in der Dunkel-Fechtszene zwischen dem Marquis Alexandre und Dardo, die einfach durchgefilmt wird, anstatt dass man ein paar Sekunden wartet um zu zeigen, wer gesiegt hat und die Tür ins Licht öffnet. Möglich, dass Tourneur sich die Idee vom deutschen Film „Münchhausen“ und seinem Kuckucksduell abgeschaut, aber sie dramaturgisch weniger ausgefeilt hat. Bei den beinahe chaotischen Kampfszenen in der Burg des Grafen fehlt das choreografische Element, das bei MGM und Paramount auf der Basis von Revue-Musicals zu immer neuen Höhen fand – einmal sieht man sogar, dass Nick Cravat, der Rücken an Rücken mit seinem Freund Lancaster kämpft, erst später in die Szene hineinstartet. Während auf der linken Seite des Bildschirms schon Action herrscht, wird rechts noch auf die Klappe gewartet. Diese Szene hätte man wiederholen müssen, auch wenn sie zu den aufwendigsten des Films gehört. Mehrfach passt der Gesichtsausdruck des Jungen, der Dardos Sohn Rudi spielt, nicht zur Situation, einmal lächelt er sogar in einer Situation, in welcher er sich hätte fürchten müssen. Kinder in Massenszenen zu dirigieren, die sich nicht beliebig oft wiederholen lassen, ist eben nicht einfach, und die Szene, in der Rudi zusehen  soll, wie sein Vater gehenkt wird – er weiß schließlich nicht, dass Dardos Freunde dafür sorgen, dass er die Aktion überlebt – ist unangenehm und wirkt nur begrenzt glaubwürdig.

Die etwas uninspiriert wirkenden Kampfszenen, die recht flache Dramaturgie, die stellenweise lässige Inszenierung sind auch die Hauptschwächen von „The Flame and the Arrow“. Tourneur war offenbar ein zu netter Mensch, um solche Großszenen mit eiserner Hand im Griff zu behalten, die von Dickköpfen und Diktatoren wie DeMille oder Fritz Lang gut gemeistert wurden.

Ein eher drehbuchseitiges Problem ist, dass die Intrigen und Verhaltensweisen einzelner Figuren nicht immer sinnvoll wirken. Vor allem das Verhalten des Marquis als eines wichtigen Nebencharakters erschließt sich nicht ganz. Warum er mehrfach die Seiten wechselt, hätte besser nachvollziehbar gemacht werden müssen.

Schön aber und auf ganz natürliche Art: Das Verhältnis zwischen Dardo und seinem kleinen Freund, der tatsächlich Piccolo heißt. Die beiden sind ein echtes Team im Leben gewesen und ihre Zirkusnummer mit der Vertikal zum Einsatz gebrachten Stange ist einer der Höhepunkte des Films. Auch die Art der Annäherung zwischen Anne von Hessen und Dardo ist hübsch inszeniert, weil es dieses Spiel des Vor und Zurück gibt, das Männern wie Frauen gefällt. Dass Dardo ursprünglich eher ein Frauenhasser war, weil seine Gattin sich dem Grafen zugewandt hatte, aus rein materiellen Gründen, gibt diesem Tanz der Geschlechter zusätzliche Würze. Es versteht sich von selbst, dass am Ende alles gut ausgeht, obwohl Dardo auch dieser hochgestellten Frau kein adäquates Leben bieten kann. Da wir aber in Hollywood sind, werden die seelischen Wunden enttäuschter Liebender geheilt und nicht durch neuerliche Niederlagen vertieft.

Nicht Max Steiner vergessen. Zu den Benefits von „Der Rebell“ gehört unzweifelhaft der herrliche Score von Max Steiner, dem dreifachen Oscargewinner in Sachen Filmkomposition. Die Mischung aus jubilierenden oder dräuenden Blech- und Streichinstrumenten, unheilschwangerem Getrommel und der das Land der Handlung reflektierenden Mandolinenmusik ist für damalige Verhältnisse sehr modern. Nicht die Bläser oder Streicher führen über die gesamte Zeit, wie das damals bei den meisten Filmen üblich war, vielmehr changiert die Musik gekonnt zwischen Monumentalfilm und. Der insgesamt in Rhythmus und Instrumentierung wechselreiche Score strukturiert den Film beinahe mehr als die Bilder und ist neben Burt Lancasters Darstellung das  zweite Individualmerkmal, das „Der Rebell“ über die Masse von mehr oder weniger gut gemachten Streifen seiner Art, die seinerzeit in großer Zahl gedreht wurden, heraushebt. Wir waren überrascht, dass der Film im Mittelalter spielt – aber so weit war man damals noch nicht, dass man die eher karge Musik dieser Zeit tatsächlich für einen Film hernimmt. Die gibt es nur, als Dardos Sohn quasi gezwungen wird, höfischen Tanz zu erlernen, mithin in einer emotional kühlen Szene, deren Untermalung somit eher Ausdruck einer unangenehmen Situation wird – und damit ein geschicktes Statement gegen Tendenzen darstellt, Filme mit der Musik zu versehen, die zur Zeit ihrer Handlung üblich war. Das hat man später getan und ist längst wieder davon weg, denn diese Art von Annäherung an die Realität hat die Hollywoodkomponisten vieler ihrer Möglichkeiten beraubt, alle Stimmungen dieser Welt hervorzurufen. 

Spot on Steiner & Others. Warner Bros. waren ohnehin dafür bekannt, dass sie zumindest in ihrer Prestigeproduktionen viel Wert auf eine gute Musik legten. Schon in den 1930ern schuf Franz Waxman recht anspruchsvolle, dennoch eindringliche Libretti für Filme wie „Captain Blood“ (1935) und „Der Herr der sieben Meere“ (1940), beide mit Errol Flynn. Warner gehörte zu den trendsicheren Studios, die sich in den 1950ern die Dienste von Dimitri Tiomkin sicherten, dem Filmkomponisten, der die Fanfaren der melodramatischen Zeiten im wörtlichen Sinn erkannte und pathetische, unvergessliche Scores etwa für „The High and the Mighty“ (1954) und „Giganten“ (1956) schuf.

Für Warner / Flynn hat Steiner u. a. die ebenfalls wunderbare Musik für „Don Juan“ (1948) entwickelt, die ähnlich variantenreich ist wie die von „Der Rebell“.  Die Musik für den berühmtesten Film, die Steiner geschrieben hat, war aber die für „Vom Winde verweht“ (1939) – seine berühmteste Musik hingegen, die ein Chart-Hit wurde, war das Liebesthema von „A Summer Place“ (1959), das in Deutschland von Radiosendern als Jingle für Musiksendungen benutzt wurde – daher kannten wir diese Melodie schon, bevor unser Filminteresse begann und sind sozusagen mit ihr aufgewachsen.

Fazit

Man könnte beinahe sagen, Plus und Minus halten sich die Waage, wenn nicht die Präsenz der Darsteller, insbesondere von Lancaster und Cravat sowie Max Steiners Musik die Schwächen für uns mehr als wettmachen würden.

Eine Tendenz hat der Film übrigens auch, jenseits des üblichen Liedes von Freiheit gegen Unterdrückung und dass die Freiheit siegt. Er zeigt auch etwas, das wir aus den Stewart / Mann-Western kennen: Ein Mann wird vom Einzelgänger mit Vergangenheit, mit einer Vergangenheit, die ihm möglicherweise allen Grund für jenes Einzelgängertum liefert, zu jemandem, der erkennt, dass er Freunde braucht und der sich schlussendlich in den Dienst der Gemeinschaft stellt.

Bis Mitte der 1950er war auch dies eine Mehrheitshaltung in Hollyood, nur selten durchbrochen von Ausnahmefilmen wie „The Fountainhead“ (1949) mit Gary Cooper, ebenfalls bei Warner unter der Regie von King Vidor entstanden und von Max Steiner vertont, in dem ein progressiver Architekt sich gegen die mediokre Mehrheits- und Massenmeinung in der Bauästhetik in einem wahrhaften Titanenkampf stemmt.

Titanenhaft, Bigger than Life sind oft auch die Figuren, die Burt Lancaster gespielt hat, und in etwa 1950 fand sein Eintritt in die Riege der Gewaltigen statt, man kann ihn zum Beispiel auf seinen Auftritt in „The Flame and the Arrow“ festlegen, der mehr ist als ein nach Italien verlegter Western und der Ort, an dem die Briganten ihr Lager aufgeschlagen haben, ist mehr als ein nach Italien verlegter Sherwood Forrest.

70/100

© 2021 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Rebell_(1950)

Regie Jacques Tourneur
Drehbuch Waldo Salt
Produktion Harold Hecht,
Frank Ross
Musik Max Steiner
Kamera Ernest Haller
Schnitt Alan Crosland junior
Besetzung

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