Tod auf Eis – Tatort 185 #Crimetime 903 #Tatort #Hamburg #Stoever #Brockmöller #NDR #Eis #Tod

Crimetime 903 - Titelfoto © NDR

Dies Hotel hat tausend Augen  

Mitte der 1980er Jahre gab es tatsächlich noch Menschen, die nicht wussten, was ein Azubi ist und Arbeitgeber, die zu ihren Azubis sagten: „Also, bei uns heißen die Lehrlinge immer noch Lehrlinge, ne?“  

Etwa zu jener Zeit kamen verstärkt Begriffsbildungen auf, die sich heute zu einer Sprache verdichtet haben, die politisch so korrekt ist, dass dabei gerne übersehen wird, dass sich die Zustände vielfach nicht entsprechend der politisch hochwertigeren Sprache verbessert haben. Aber 1985 musste man einem politisch versierten und sozialdemokratischen Kommissar wie Brockmöller wirklich noch die geläufige Abkürzung „Azubi“ erklären. Was man ihm sonst noch erklären musste oder was er in Partnerschaft mit dem guten Brocki selbst ermittelt hat, darüber schreiben wir mehr in der -> Rezension.

Er ist in „Tod auf Eis“ schon ein paar Stunden im Einsatz, da kommt Paul (Stoever) dazu und fängt an, die Menschen im Hotel ebenfalls zu befragen, wodurch die Lücken bei der Rekonstruktion des Tatablaufes zunächst nicht kleiner werden. Wir hingegen schließen wieder eine Lücke im Stoever-Brockmöller Portfolio, frühe Phase. Wir haben nach dem allerersten Stoever „Haie vor Helgoland“ (ohne Brocki), „Gelegenheit macht Liebe“ (ohne) und „Leiche im Keller“ (dem ersten mit Peter) nun den zweiten Tatortaus der gemeinsamen Zeit einfangen und für den Wahlberliner besprechen können. Von den sehr frühen Stoevers fehlt uns nur noch „Irren ist tödlich“, da werden wir wieder auf Brocki verzichten müssen.

Besonders hoch angesehen ist „Tod auf Eis“ in der Tatortgemeinde nicht. Natürlich, man kann oder sollte nicht jeden Tatort so anlegen und filmen wie diesen und das ist ja auch in der Folge nicht passiert. Es erfordert eine bestimmte Sorte Humor, die Agatha Christie-Persiflage zu schätzen, die außerdem noch „Menschen im Hotel“ und Dostojewski (Aufkauf von Wechseln zwecks möglicher Erpressung) „Die Brüder Karamasow“ durch den Kakao zieht.

Handlung

Zum zweiten Mal ist das Gespann Kriminal-Hauptkommissar Stoever und sein Kollege Brockmöller gemeinsam auf Mörderjagd. Ein Hotelbesitzer wird tot im Tiefkühlraum seines Betriebs aufgefunden. Staunend erforschen Stoever und Brockmöller die Szenerie hinter den Kulissen eines großen Hotels.

Das Opfer dieses Mordes – das steht bald fest – hatte Feinde: unter den Angestellten ebenso wie in der weit verzweigten Verwandtschaft – keiner von ihnen darf den Ort des Geschehens verlassen. Für sie wird das Hotel zum Gefängnis auf Zeit.

Stoever hat einen Verdacht, aber keinen Beweis. Also versucht er, den vermeintlichen Täter in eine Falle zu locken. Ein gefährliches Spiel: Der zweite Mord liegt in der Luft.

Rezension

Brocki ist in „Tod auf Eis“ schon ein paar Stunden im Einsatz, da kommt Paul Stoever dazu und fängt an, die Menschen im Hotel ebenfalls zu befragen, wodurch die Lücken bei der Rekonstruktion des Tatablaufes zunächst nicht kleiner werden. Wir hingegen schließen wieder eine Lücke im Stoever-Brockmöller Portfolio, frühe Phase. Wir haben nach dem allerersten Stoever „Haie vor Helgoland“ (ohne Brocki), „Gelegenheit macht Liebe“ (ohne) und „Leiche im Keller“ (dem ersten mit Peter) nun den zweiten Tatortaus der gemeinsamen Zeit einfangen und für den Wahlberliner besprechen können. Von den sehr frühen Stoevers fehlt uns nur noch „Irren ist tödlich“, da werden wir wieder auf Brocki verzichten müssen.

Besonders hoch angesehen ist „Tod auf Eis“ in der Tatortgemeinde nicht. Natürlich, man kann oder sollte nicht jeden Tatort so anlegen und filmen wie diesen und das ist ja auch in der Folge nicht passiert. Es erfordert eine bestimmte Sorte Humor, die Agatha Christie-Persiflage zu schätzen, die außerdem noch „Menschen im Hotel“ und Dostojewski (Aufkauf von Wechseln zwecks möglicher Erpressung -> „Die Brüder Karamasow“) durch den Kakao zieht.

Auf seinem Weg in den Tod folgen dem Hotelbesitzer Rheese mindestens 25 Augenpaare,das ist natürlich ein Gag, so viele Verdächtige wird es später nicht geben. Mit der Zeit merkt man immer besser, dass die vielen Menschen in einem klaustrophobischen Setting, die gespielte Zeit von nur 24 Stunden, die Auflösung mit der Versammlung ebenjener Menschen, die, entgegen Agatha Christie, nicht ausnahmslos zum Verdächtigenkreis gehören und nicht alle etwas zur Lösung beisteuern dürfen, ein  besonderer Tatort ist, der zudem durch viele witzige und knackige Dialoge glänzt. Wenn man einem Miss Marpe-Film nicht vorwirft, dass er veraltet ist, was wir gewiss nicht tun, dann gilt das gleichermaßen für eine recht gelungene Parodie darauf, wie „Tod auf Eis“ eine darstellt.

Dass ein zweiter Mord in der Luft liegt, wie die Handlungsangabe es darstellt, wäre zwar Christie-mäßig, aber so richtig darauf zugesteuert ist der Plot von „Tod auf Eis“ nicht. Dafür singen Stoever und Brockmöller erstmalig miteinander, in dem Moment, als sie an der Tür zum Kühlraum eine wichtige mechanische Entdeckung machen. Ganz kurz, ganz leise intonieren sie „Es liegt was in der Luft“, aber der Beweis ist schlagend: Die Welt wird nicht durch Revolution, sondern durch Evolution vorangebracht. Wir haben den oder das missing Link für diese Theorie gefunden, zumindest, soweit es Stoevers und Brockmöllers Entwicklung zu den berühmten „Swinging Cops“ angeht. Und wir wissen nun auch, Evolution verläuft nicht immer geradlinig. Dass gerade hier eine Legende geboren wird, die Urzelle der ersten und bisher einzigen gemeinsam Musik machenden Polizisten in der Tatort-Serie, konnte man nicht ahnen, als die Folge 185 erstmalig ausgestrahlt wird.

Bisher kannten wir nur den ersten und den dritten der gemeinsamen Fälle, und in beiden wird gar nicht gesungen.  Zumindest nicht von den beiden Kommissaren, von denen Krug schon in etwa ausschaut wie später, Brockmöller aber noch keinen Schnurrbart trägt. Wir sind schon so gespannt darauf, ob der Schnurrbart evolutionär oder revolutionär zu Brocki gefunden hat und wie es mit der Entwicklung dieser Gesangeskunst weiterging, die im weiteren Verlauf der Zusammenarbeit zu leicht surrealem Keyboard spielen im 7er BMW und zu einer grandiosen Abschiedsnummer auf einem Kreuzfahrtschiff in „Tod vor Scharhörn“ geführt hat.

Keyboard wird in „Tod auf Eis“ bereits gespielt, als Begleitmusik. Leider passt diese Synthesizer-Mucke zwar in die 80er, aber nicht zu der Hotel-Atmosphäre im Film. Da hätte man, wen man schon so bewusst älteres Kino zitiert, musikalisch mehr wagen dürfen. Schlechter wäre die Rezeption vieler Tatort-Fans, die in dieser Folge 185 verzweifelt nach Logik und Übersichtlichkeit sowie nach schönen Außenaufnahmen von Hamburg gesucht haben, auch dann nicht ausgefallen, wenn man das berühmte Miss Marple-Thema ebenso parodistisch angegangen wäre wie vieles andere, was man dem typisch britischen Rätselkrimi zuschreibt.

Seltsam, dass viele auch die überdrehten Figuren und die ebenfalls parodistische Behandlung des Themas „Streit der Erben“ nicht mögen, denn es ist ganz klar, dass dieser Krimi sich selbst nicht so ernst nimmt und dadurch an Charme gewinnt. Die Schauspielleistungen sind nicht schlecht und unter der aufgestellten Parodie-Prämisse zu bewerten, einige Dialoge kommen sogar richtig gut, auf eine intuitiv-sketchige Art, die nicht einmal in den neueren Münster-Folgen so flockig rüberkommt, welche gegenüber den älteren Münster-Folgen allerdings zurückgefallen sind.

Stellt man jetzt noch den Quervergleich zu anderen Tatorten aus der Mitte der 80er an, vonden wir schon einige für den Wahlberliner angeschaut haben, dann merkt man erst, warum die beiden Hamburger zur Legende wurden. Dieses Knackige und Laute, der Schalk der Macher, der hinter tausend verstohlen blickenden Augen hervorblitzt, ohne dass man das dem Gesichtsausdruck der Menschen Eins zu Eins entnehmen könnte,  ist entwaffnend.

Es fängt anders an, das muss man zugeben. Die ersten Szenen sind noch ganz steif, da ahnt man die Parodie noch nicht, doch als die beiden Hamburg-Cops im Hotel eingecheckt haben und zwischen Dutzenden von Erben, Angestellten und Gästen umherirren, sich in unzähligen Winkeln und Räumen verlieren und wiederfinden, da ist klar, dass dieser Tatort in Relation zu den damaligen Verhältnissen Experimentcharakter aufweist.

Falls die zeitgenössischen Kritiken aber auch so mäßig ausgefallen sind wie die heutigen Fan-Bewertungen, ist klar, warum man aus diesem Einzelfall von einem Innenraum-Krimi keine Linie entwickelt hat, sondern lieber die Figuren Stoever und Brockmöller mit weiteren Attributen (wie dem erwähnten Singen, dem Schnurrbart und Stoevers bunten Krawatten, den Pflanzen im Dienstbüro, den Fahrten durch die Landschaft) versehen hat.

Finale

Dass man am Ende nicht ganz sicher weiß, wer nun den Tod des Hoteliers verursacht hat, ist nicht schlimm, es war sowieso das gemeinschaftliche Zusammenwirken zweier unabhängig voneinander handelnder Personen, das letztlich vor Gericht zu bewerten sein wird.

Dass nebenbei noch ein – ebenfalls parodistisch gemeintes – Schlaglicht auf die internationale Sparausstattung an Personal in einem auf der Kippe zur Unrentabilität stehenden Familienhotel fällt, das Hamburg im Blick und die heutige Sprachregelung noch nicht drauf hat, ist wieder ein Stück Kulturgeschichte. Dieses einverständliche Grinsen Brockmöllers, als er mitbekommt, wie der Hausmeister sich hübsche Migrantinnen reihenweise heranzieht, wirkt gerade bei dessen später sehr sozial angehauchter Figur befremdlich und einige Sprüche in diesem Bereich sind denn doch zu flott, auch wenn der Grundtatbestand der Ausbeutung von Immigranten in diesem Film vom Parodie-Schema ausgenommen wird – im Gegensatz wiederum zu dem hoch cholerischen polnischen Koch, von dem man zunächst denkt, das kann nur ein Originaldeutscher sein. Eine witzige, freche Volte von mehreren, die sich dieser Film leistet.

Ein großer Wurf ist „Tod auf Eis“ aus heutiger Sicht zwar nicht, man zerbirst beim Anschauen auch nicht vor Anspannung, aber er ist originell und schöpft bei den Charakteren weit mehr aus dem Vollen, als es zur damaligen Zeit üblich war, in welcher noch der nüchterne Stil des 70er-Jahre-Autorenfilms vorherrschte. Stoever und Brokmöller zeigen Launen und Momente, die damals neu waren, wie etwa die Schlussszene mit dem Dackel Willi, den Paul auf dem Arm hält. Immerhin hat der  Hund ihn auf eine wichtige Spur gebracht, insofern hat sich der Hund dieses Kuscheln mit Paul verdient.

Wir wollte ursprünglich auch mal was Neues machen und eine Zwischenpunktzahl von 7,3/10 vergeben. Da wir aber die 1/100-Schritte in der Rubrik „Crimetime“ auf 5/100 ermäßigt haben, profitiert „Tod auf Eis“ davon, dass 7,3 näher an 7,5 als an 7,0 sind. 

7,5/10

© 2021, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kriminalhauptkommissar Paul Stoever – Manfred Krug
Kriminalhauptkommissar Peter Brockmöller – Charles Brauer
Magda Rhese – Lola Müthel
Helene – Johanna von Koczian
Paul Rhese – Ullrich Haupt
Silvia Eichholtz – Eva Kryll
Adalbert von Plackwitz – Thomas Astan
Husemann – Rüdiger Bahr
Diedrichs – Wilfried Baasner
Hilmar – Eduard Erne
Anja – Marion Hilgers

Regie – Dietrich Haugk
Buch – Wolfgang Graetz
Kamera – Manfred Ensinger
Musik – Hermann Thieme

 

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