Barry schwieg – Polizeiruf 110 Episode 61 #Crimetime 904 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Arndt #Fuchs #Hübner #Schweigen

Crimetime 904 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Der Hund, der Schönheitssalon, der manikürte Polizeioffizier

Obwohl nur 74 Minuten lang, rechnen wir „Barry schwieg“ zu der „Premium-Schiene“ der Polizeirufe aus den 1970ern, die man in der Tat deutlich in zwei Kategorien bezüglich Aufwand und Komplexität unterteilen kann. Ab Mitte des Jahrzehntes kann man das nicht mehr an Schwarz-Weiß oder in Farbe festmachen, aber es gibt weitere Indizien – allerdings auch die Tendenz, die Filme generell länger und vielschichtiger werden zu lassen. Warum wir die Einordnung so vornehmen und vieles mehr zum 61. Polizeiruf erklären wir in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Nach mehr als fünf Jahren Haft wegen Raubes wird Gerhard Wagenknecht vorzeitig entlassen. Er begibt sich zu seiner Ehefrau Eva, die während seiner Haft mit eigener Kraft ein gutgehendes Kosmetikstudio aufgebaut hat. Sie eröffnet Gerhard, dass sie sich nun von ihm scheiden lassen wird. Längst hat sie in Fernsehmechaniker Andreas Hahn einen neuen Freund gefunden. Gerhard zieht bei seinem Vater ein. Der hat kurz nach Haftantritt des Sohnes überstürzt das Haus der Familie verkauft, weil er nicht mehr im Ort bleiben wollte. In eben jenem Haus wird in Abwesenheit des neuen Besitzers Heinz Damm eingebrochen. Das gesamte Haus wird vom Täter durchwühlt. Heinz’ Nachbarin Irma Werner überrascht den Täter und wird von ihm niedergeschlagen. Ein Mann flieht aus dem Haus und Schäferhund Barry schlägt an. Wenig später wird anonym die Polizei über den Einbruch informiert. Irma Werner wird mit inneren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht, wo sie wenig später verstirbt.

Leutnant Vera Arndt beginnt mit den Ermittlungen, wobei sie von Oberleutnant Jürgen Hübner unterstützt wird und sich gelegentlich Ratschläge bei Hauptmann Peter Fuchs holt. Vera Arndt hat zu dem Tatort eine besondere Beziehung: Der Fall Gerhard Wagenknecht war damals ihr erster Fall bei der Kriminalpolizei. Gerhard Wagenknecht hatte ihr damals berichtet, dass er die beim Raub erbeuteten 80.000 Mark verbrannt hat, und Vera Arndt hatte ihm geglaubt, nachdem verbrannte Scheine gefunden worden waren. Nun scheint jemand im Haus nach dem Geld gesucht zu haben. Diese Person muss auch Barrys Gehorsamswort gekannt haben, da Barry beim Einbruch nicht zu bellen begann. Erst einen flüchtenden Mann verbellte der Hund, wie eine Nachbarin zeitlich feststellen kann, und unmittelbar darauf ging der Notruf bei der Polizei ein. Die Ermittler konzentrieren sich nun auf Personen, die das Gehorsamswort kennen könnten, wobei sie gleichzeitig herausfinden wollen, ob das Geld aus dem Raub noch existiert, und wenn ja, wo.

Gerhard reagiert überrascht, als die Ermittler ihm vom Einbruch in das Haus und dem Tod der Frau berichten. Die Ermittler vernehmen auch Günter Helm, der sich im Gefängnis mit Gerhard eine Zelle teilte. Er will zunächst nicht aussagen, gibt jedoch nach einem Trick Vera Arndts zu, beim Haus gewesen zu sein. Die Tür stand offen und Irma Werner lag bereits am Boden. Er sei panisch davongerannt, weil er nicht in einen Mord verwickelt werden wollte. Günter gibt zu, dass er auf der Suche nach dem Geld war, das sich auf dem Grundstück befinden sollte, habe Gerhard das doch bei einem Streit aus Versehen verraten. Günter berichtet, dass er die Polizei telefonisch vom Einbruch verständigt hatte. Später fällt ihm ein Detail ein, das auch eine Nachbarin Damms erwähnte. Etwas vom Grundstück entfernt parkte laut Nachbarin ein Wagen. Günter wiederum sah den Wagen in hohem Tempo an sich vorbeifahren. Er sagt aus, dass es ein weißer Trabant Kombi mit seitlicher Aufschrift war. Einen derartigen Wagen hat Jürgen Hübner gesehen: Er gehört Evas Freund Andreas Hahn. Jürgen Hübner findet zudem heraus, dass Eva finanzielle Schwierigkeiten hat, muss doch ein Kredit für den Kosmetiksalon abbezahlt werden.

Die Indizien reichen nicht für eine Verhaftung von Andreas aus. Er wird dennoch vorgeladen und von Jürgen Hübner zum Grundstück Damms gebracht. Er soll das Grundstück betreten. Kurze Zeit später lässt Damm Barry auf Andreas los, der den Hund mit dem richtigen Gehorsamswort zum Stehen bringt. Es ist nun klar, dass Andreas der Täter gewesen sein könnte. Als er erfährt, dass Irma Werner tot ist, gesteht er alles. Er habe erfahren, dass das Geld im Haus ist, und es gesucht. Irma Werner habe ihn bei seinem Einbruch überrascht und an der Jacke festgehalten. Daraufhin habe er sie geschlagen und sie sei gefallen. Ihren Tod habe er nicht gewollt. Das Geld wollte er aus Liebe für Eva stehlen, wie einst auch Gerhard das Geld geraubt hat, um Eva den Traum eines eigenen Kosmetikstudios zu erfüllen. Eva wird wütend und muss von den Ermittlern zurückgehalten werden. Erst jetzt geht Gerhard zum Hundezwinger. Aus einem Fressnapf-Unterteil, das mit einem Deckel verschlossen war, holt er wortlos die abgepackten Scheine des Diebstahls.

Rezension

Wenn man sich die Handlung nach dem Anschauen noch einmal durchliest, merkt man doch, dass der Film einige Schwächen hat. Wer fährt mit einem Firmenauto mit Aufschrift zum Einbruch und wer denkt sich ein so verrücktes Versteck aus wie den Hundenapf, der Hohlraum unter dem doppelten Boden wirkt außerdem zu klein für die massiven Geldscheinbündel. Der Titel des Films ist hingegen hochgradig originell, denn niemals hätten wir an einen Schäferhund gedacht, der den Täter kennt und ihn deshalb nicht verbellt. 

Warum wir den Film der „A-Kategorie“ zuordnen, die für die folgenden 1980er nicht mehr so eindeutig zu erstellen ist? Vor allem wegen der hochkarätigen Besetzung mit den drei Hauptermittler*innen der damaligen Zeit, die ohne jüngere Kolleg*innen spielen. Hauptmann Fuchs tritt bereits etwas in den Hintergrund, wie er das einige Jahre später für die „zweite Generation“ (hauptsächlich Grawe und Zimmermann) häufiger tat, ist jedoch in sehr vielen Filmen präsent, weil er beim Publikum so beliebt war. Hübner wirkt hier eher wie der Co-Ermittler und Leutnant Arndt hat den Löwenanteil. Ähnlich präsent wie sie wirkt nur die Episoden-Hauptdarstellerin Uta Schorn, die in vielen Polizeirufen sehr unterschiedliche Figuren spielte. Sigrid Göhler spielt Arndt mit der ihr eigenen Mischung aus Schärfe, Intuition und Zugewandtheit, während wir ihren späteren Ehemann Peter Reusse schon in Rollen gesehen haben, die ihn überzeugender wirken ließen. In „Barry schwieg“ muss er zu defensiv agieren, wird, wie auch der Herr Wagenknecht, ziemlich von Eva dominiert, die nicht nur ihren Schönheitssalon, sondern auch die Männer steuert, die sich für sie interessieren. Offensichtlich ist der Nachname „Wagenknecht“ in Ostdeutschland gar nicht so selten, trotzdem waren wir beim Hören immer wieder irritiert, besonders, als Arndt den Vater des Häftlings direkt mit Namen anspricht. 

Ideologisch steht „Barry schwieg“ auf ziemlich festem Boden, der wird allerdings nicht mehr so blank gezeigt wie in einigen frühen Werken der Reihe, das heißt, dem Publikum wird nicht durch die Ermittler erklärt, was eine verwerfliche Gesinnung ist, wenn es beispielsweise um die Schädigung von Volkseigentum geht. Vielmehr wird Eva, die mittelständische Unternehmerin, als nicht delinquente, aber moralisch zwielichtige und etwas manipulative Person gezeigt, die sich nur an ihren Erfolg  binden mag und alles andere hintanstellt. Ihr Streben löst erst die Verbrechen der Männer aus, die nur aus Liebe zu ihr stehlen oder jemanden so unglücklich verletzen, dass die Person die Treppe herunterfällt und stirbt. Einer von vielen Kollateralschäden in Polizeirufen aus der DDR-Zeit. Das Ziel war nur ein Vermögensdelikt, die Körperverletzung oder das Tötungsdelikt sind nicht gewollt, sondern eine Folge der Gier. 

Die negative Darstellung einer Unternehmerin ist durchaus programmatisch: Dieser Stand kommt fast in keinem Polizeiruf auf der guten Seite heraus, auffällig ist nur, dass hier die Salonbesitzerin nicht selbst illegal handelt, sondern als eine Femme fatale dargestellt wird, die Männer dazu bringt, ihr Leben zu ruinieren. Das ist noch einmal schwieriger, als wenn die Unternehmer Männer sind – wegen der durchaus nicht einheitlich wirkenden Rolle der Frau in den DDR-Polizeirufen. Wir schauen darauf auch deshalb so genau, weil in unserem politischen Umfeld gerne so getan wird, als ob Frauen in der DDR nicht nur formal gleichberechtigt, sondern tatsächlich gleichgestellt gewesen wären. Das ist nach unseren heutigen Erkenntnissen nicht der Fall gewesen, es lässt sich jenseits fiktionaler Formate und der zwiespältigen Eindrucke, die daraus hervorgehen (Hausfrau sein wird als nicht erstrebenswert dargestellt, Karriere machen führt ebenfalls nicht zum Glück) an der eindeutigen Unterrepräsentation von Frauen auf politischer Führungsebene belegen. 

Andererseits tritt in den späten 1970ern Leutnant Arndt immer mehr in den Vordergrund, während sie in den ersten Jahren in Relation zu Fuchs und Hübner eher die „zweite Geige“ spielte. Allerdings: Sie kann niemals im Rang mit den beiden gleichziehen, so erfolgreich sie als Ermittlerin auch sein mag. Schade in dem Zusammenhang, dass man ihr eine Dienstbiografie andichtet, die nicht derjenigen entspricht, die gemäß früherer Polizeirufe ausgewiesen wird: Der Film spielt im Jahr 1979, der Fall Wagenknecht, den sie fünfeinhalb Jahre zuvor löste, war angeblich ihr erster – sie war jedoch bereits seit 1971, vom ersten Polizeiruf „Der Fall Lisa Murnau“ an, dabei und unseres Wissens gibt es den Fall, auf den sich „Barry schwieg“ bezieht, nicht. 

Finale

Einige Wochen Abstand machen einiges aus. Wir fühlten uns geradezu heimisch mit „Barry schwieg“ und der „Urbesetzung“, zuletzt hatten wir aktuelle Polizeirufe rezensiert und solche aus der Wendezeit, damals waren Arndt und Subras nicht mehr dabei und Grawe und Zimmermann, zuletzt auch Beck, bestimmten das Bild, das man als Zuschauer von den Ermittlern erhält. Vielleicht kann an anhand des Films ein wenig über Berufliches nachdenken. Arndt ist mit Leib und Seele Polizistin, aber auch die Inhaberin des Schönheitssalons geht in ihrem Beruf auf, das kann man auch von der Angestellten sagen, die Hübner bedient. Viele Polizeirufe enthalten hingegen versteckte, manchmal sogar sehr deutliche Anspielungen auf mangelhafte Arbeitsmoral – eher noch in VEBen als in PGH-Betrieben, soweit wir das bisher entschlüsseln konnten. Selbst dann, wenn hochwertige Arbeitsumfelder gezeigt werden, etwa an wissenschaftlichen Instituten, wird etwas wie Leidenschaft für die Sache eher selten dargestellt, während in Tatorten immer wieder fanatische Typen, die für den Erfolg alles tun würden, vorkommen – in der DDR weicht man eher auf simplen Klau aus, um zu etwas zu kommen oder auch, an entsprechender Position, auf Unterschlagung.

Ein Typ aber, der für das eigene Ding „brennt“, ist Eva Wagenknecht und sie stiftet Unfrieden. Das Dilemma einer nach unserer Ansicht im Kern nicht sozialistischen Ordnung spiegelt sich darin: Die auf Eigennutz ausgerichteten Ambitionen von Persönlickeiten wie Eva, deren Weg im Grunde systemfremd ist, werden negativ bewertet, die oft lasche und nicht immer legalistische Einstellung von Kollektiven oder von Mitgliedern solcher Kollektive ist ebenfalls kein zukunftsfähiges Mindset. 

„Barry schwieg“ ein routiniert gemachter, nicht hundertprozentig schlüssiger, doch vor allem von den Darstellerinnen sehr ansprechend gestalteter Film, dem man eine leicht überdurchschnittliche Bewertung zubilligen darf.

7/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hans Knötzsch
Drehbuch Hans Knötzsch
Manfred Drews
Produktion Erich Biedermann
Musik Helmut Frommhold
Kamera Walter Küppers
Schnitt Marion Mahnecke
Besetzung

 

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