Auf ewig dein – Tatort 898 #Crimetime 905 #Tatort #Dortmund #Faber #Bönisch #Dalay #Kossik #WDR #ewig #dein

 Crimetime 905 - Titelfoto © WDR, Thomas Kost

Nicht zwei davon!

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Ein Mädchen wird tot im Wald gefunden, ein zweites ist verschwunden, das Gestern nicht verwunden, mittendrin statt nur dabei sind Faber und Boehnisch und das beigeordnete Jungpolizistenpaar macht deutlich, warum die Kinderquote in Deutschland so gering ist, dass man sich nicht nur zwei Fabers auf keiner Dienststelle, sondern auch tote Mädchen noch weniger leisten kann als anderswo.

 Nachdem wir für die drei ersten Faber-Tatorte je 7,5/10 vergeben haben, immer der Spekulation folgend, dass der Faber uns noch richtig Spaß machen wird, gehen wir jetzt –  wohin? Dies und mehr klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Miriam war erst zwölf. Erdrosselt und notdürftig im Wald verscharrt: Kommissar Faber befürchtet gleich, dass es sich hier nicht um eine Einzeltat handelt: Seit dem Vortag wird auch die 13-jährige Lisa vermisst. Vom Typ her sehen die beiden Mädchen sich sehr ähnlich. Schnell steht Miriams Stiefvater Gunnar Stetter (Hans-Jochen Wagner: “Tatort” (div.) “Verratene Freunde”, “Woche für Woche”) im Visier der Ermittler. Auf seinem Rechner wurden kinderpornografische Fotos gefunden. Was ist mit Lisas Vater Stefan Passik (Martin Reik: “Tatort – Die Wahrheit stirbt zuletzt”, “Tatort – Franziska”)? Die Kommissare beschlagnahmen auch seinen Rechner. Ist die Mordkommission hier einem Pädophilen-Ring auf der Spur?

Auch jenseits des eigentlichen Falls sind die Kommissare sehr gefordert: Nora Dalay (Aylin Tezel) ist schwanger. Im Gegensatz zu ihr wünscht sich ihr Freund und Kollege Daniel Kossik (Stefan Konarske), dass sie das Baby bekommt. Derweil lässt Peter Faber (Jörg Hartmann) seine Vergangenheit einfach nicht los. Der Fall erinnert ihn seltsamerweise an den Tod seiner Frau und seiner Tochter. Und auch in Martina Bönischs (Anna Schudt) Privatleben gibt es etwas, das sie am liebsten ungeschehen machen würde.

Rezension

Vieles an diesem Krimi ist super gemacht, aber Manches mehr als merkwürdig. Vielleicht ist das eine in dieser Form nicht ohne das andere denkbar.

Ein Alleinstellungsmerkmal der Dortmund-Tatorte ist derzeit, dass man nicht wirklich weiß, was man damit anfangen soll, wenn man nicht den jeweils vorherigen gesehen hat. Eine echte Serie, wie Marienhof oder Verbotene Liebe, keine Reihe, wie der Tatort normalerweise eine ist (weswegen wir uns auch streng abgewöhnt haben, bei den Filmen von „Folgen“ zu sprechen).

Wer aber Fabers Vergangenheit nicht kennt, den Tod seiner Familie, der zunächst wie ein  Unfall, im dritten Faber jedoch bereits als Gewalttat offenbar wurde, der weiß nicht, warum Faber ist, wie er ist, und was diese Verknüpfung von aktuellen Fällen mit seiner Biografie darstellen soll – die in „Auf ewig Dein“ noch enger geworden ist, sodass man sich endlich die Auflösung wünscht. Die kriegt man aber nur scheinbar und am Ende ist man im Grunde so schlau wie zuvor. So leicht macht’s uns der große WDR mit seinem großen Faber-Konzept nicht.

Immerhin weiß man jetzt, woher die Erinnerungs-Terrorbriefe kommen, die Faber immer mal wieder erreichen. Deswegen hätte er den Austern schlürfenden Graf im Restaurant auch nicht fragen müssen, warum der sich als Putzmann verdingt hat. Um Zugang zur Dienststelle Fabers zu erhalten, was sonst? Da entgleitet dem Faber für einen Moment sein beinahe unheimlicher Zugang zu den Tätern, mit dem er’s in Dortmund noch weit bringen wird, sofern seine Psyche einigermaßen standhält.

Wie kein anderer Tatort-Kommissar zuvor wird Peter Faber von seiner Vergangenheit heimgesucht. Ein echter Homo Faber also. Da ist nicht nur ab und zu mal ein Ex-Knacki unterwegs, der es dem heimzahlen will, der ihn hinter Gitter gebracht hat, da schlägt jeder Fall eine Brücke in die Lübecker Zeit des Kommissars. Kein Entkommen wäre auch ein guter Titel für den vierten Faber-Tatort gewesen, aber den gab bereits.

Das Psychospiel zwischen dem Mördersohn und Nachfolger-Mörder Graf und dem Kommissar ist superspannend. Obwohl man weiß, dass Faber nicht springen wird, weil es sonst bei der Fallhöhe keinen weiteren Tatort mit ihm geben könnte. Und dann passiert was Seltsames: Hat der WDR dichtgehalten und der größte Tatortknaller aller Zeiten ist der Tod eines Kommissars, und dieser ist vorher nie durchgesickert? Nein, so schlimm ist es letztlich nicht.

Außerdem muss man sich ins Gedächtnis rufen, dass die wieder einmal sehr gute Inszenierung von Dror Zahavi (zuletzt für „Franziska“ zuständig) verdeckt, dass das Ganze kompett unglaubwürdig ist. Küchenpsychologie in Hochglanzbilder und statuarische, literarisch verdichtete Dialoge gewickelt, damit’s nicht auffällt.

Wenn man es negativ sehen will, folgt auch „Auf ewig Dein“ der Tendenz, mehr darstellen zu wollen, als an Substanz dahintersteckt. Auch in „Franziska“ lagen Schatten auf dem Psychoduell zwischen Gefangenem und Gefangener, aber nicht so deutlich wie in „Auf ewig Dein“.

Ein Schlaglicht darauf wirft ausgerechnet die Nebenhandlung mit den  Jungkommissaren Dalay / Tetzel, die entwaffnend einfach ist, wenn auch wieder schön stylisch gefilmt und mit so einem Überzug zwischen cool und „le drâme, c’est moi“ changierend. Im Grunde passiert nichts anderes, als dass der Mann nicht sofort vor Freude umfällt, nachdem ihm seine Partnerin mitteilt, dass sie plötzlich schwanger von ihm ist, dann das Kind will, doch ihr ist alles zu unsicher und am Ende geht die Tür zur Praxis der Frauenärztin auf und der Mann gibt seine Schlüssel zurück. So ist das Leben, wenn Mann nichts zu sagen hat. Wie auch? Die biologischen Umstände sind, wie sie sind. Eine philosophische Konnotation zur Haupthandlung mit den toten Mädchen sehen wir nicht.

Es sei denn, man würde sich darauf stellen, dass hier gezeigt werden soll, dass wohl auch solche Fälle, welche Jungkommissare zu lösen haben, dazu führen, dass sie nicht mit ganzem Herzen und voller Optimismus „ja!“ zu neuem Leben sagen können. Wir kennen das aber alle – zumindest diejenigen unter uns, die sich wirklich Gedanken über die Zukunft machen. Würden mehr Leute das tun, wäre die Geburtenrate noch geringer. Würden alle Völker das tun, wäre das Überbevölkerungsproblem längst ad acta. Selbst wenn das nun eine Ebene zu tief eingestiegen ist, nachvollziehbar ist es. Das können sie gut, die Macher von „Auf ewig Dein“, die für mehrere Fabers und andere Tatorte verantwortlich zeichnen.

Sie bringen auch Jörg Hartmann als Faber zur Geltung. Es knistert, wenn der Mann im Bild ist. Man weiß nie, was kommt. Selten war eine Figur so spannend und selten so unrealistisch als Polizist. Nicht, weil sie spannend ist, sondern weil die Spannung auf totaler Unberechenbarkeit fußt, mit der man normalerweise kein Team leiten kann, ohne dass einem der Mangel an Vertrauenswürdigkeit bald um die Ohren fliegt. Faber wird manchmal mehr mitgenommen, als dass er andere mitnehmen kann – und kehrt doch dieses Mal schon häufiger den Chef heraus, und, haben Sie’s gemerkt? Er hat keine Einrichtungsgegenstände zerschlagen und nur am Ende den Graf ein wenig am Kinn gefasst. Wir hatten spätestens in der Restaurantszene gedacht, jetzt passiert’s. Jetzt kann der Faber die Provokationen des Graf nur noch mit physischer Entladung beantworten. Aber, siehe oben, Faber ist nicht auszurechnen.

Und er sagt selbst zu Böhnisch, die jetzt auch in Schwierigkeiten geraten ist, von einem Callboy erpresst wird und ihre Contenance verliert, ihre Jungermittler anherrscht: Zwei von seiner Sorte darf es im Team nicht geben. Aber einen könnte es vielleicht geben. Zumindest würde sich wohl jede Dienststelle es in etwa so wünschen: Normalerweise würde man ihn wegsperren, aber wenn ein schwieriger Fall ansteht, bei dessen Lösung alle sonstigen Defizite zurücktreten, kommt er zum Einsatz und findet Täter mit einem Gespür, das ins Fabelhafte geht. Natürlich hat Faber  Recht, was den Mörder der beiden jungen Mädchen und Entführer des dritten Mädchens angeht. Klar war es der Graf. Aber der Grund. Der ist wirklich gruselig.

Graf wird quasi als Lehrling seines Vaters dargestellt, eines Serien-Mädchenmörders.Wunderbar wird dargestellt, wie der Vater den Jungen an den Spaß an der Macht und am Töten heranführt und als der Junge 15 ist und der Vater verhaftet wird, entwickelt sich der Junge zum Triebtäter junior, nur macht er alles viel geschickter als Daddy, weil ja auch die KTU heute viel mehr drauf hat. Der Trick, Faber das ihm gegenüber referieren zu lassen, ist beinahe genial, weil es bei diesem Typ so eine Wahrheitsvermutung hat. Er bringt das rüber, als sei es beinahe selbstverständlich und als gebe es keine Zweifel bei der Indizienlage.

Leider kennen wir keinen einzigen Fall oder keine Fallkonstellation, in denen ein Junge dem Beispiel seines Vaters gefolgt ist und Serienmörder wurde. Falls ein Leser mehr weiß, bitten wir um einen Hinweis per Kommentar, am besten mit Angabe einer seriösen Quelle.

Mit diesem Konstrukt hat der vierte Faber wieder mal gezeigt, dass man immer noch etwas Neues bringen kann, dass es aber immer schwieriger wird, bei der Glaubwürdigkeit in der Spur zu bleiben. Da die gegenwärtigen Tatorte trotz ihres Mangels an Realismus so gut ankommen, hat man sich entschieden, das Neue über das Logische und psychologisch halbwegs Denkbare zu stellen. Die lineare Übertragung aus dem Lehrbetreib in der Industrie, im Handwerk, in der Familie auf die Erzeugung eines Mordtriebes, der eine gleich gelagerte Persönlichkeitsstörung bei zwei aufeinanderfolgenden Generationen von Männern in einer Familie mit gleicher Ausprägung und Zielrichtung voraussetzt, ist so, wie  hier gezeigt, mehr als unwahrscheinlich.

Aber wenn man das schluckt, dann findet man auch die Szene auf dem Dach wohl nicht mehr sonderbar, in der Faber es tatsächlich riskiert, von Graf einfach mal in die Tiefe gestoßen zu werden. Das ist ja gerade so spannend. Und da Faber ja keinen Sinn mehr im Leben hat, könnte er wirklich auf die Idee kommen, durch den eigenen Tod als Teil eines Deals Erlösung zu suchen. So verrückt ist er dann aber glücklicherweise nicht.

Finale

Faber, sein Team, seine Fälle sind eine Show. Und wenn man den Mangel an Wahrscheinlichkeit für gut gibt, kann man nur sagen, die Inszenierung, die Dialoge, die Bildsprache, alles erstklassig. Wir machen trotzdem bei solchen Filmen einen Vorbehalt. Wir schätzen das Faber-Konzept und natürlich den Typ und finden auch seine Martina Böhnisch klasse und dass die beiden langsam in eine gemeinsame Spur finden (obwohl er sie dieses Mal nicht das Opfer spielen lässt und er der Täter sein darf, damit die Einfühlung besser klappt) ist interessant über den einzelnen Film hinaus.

So zu sein wie Faber und in dem Zustand jeden Tag zur Arbeit antreten zu dürfen, das wünschen wir uns dieses Jahr zu Weihnachten. Dann wäre dieser ewige, lästige Kampf mit den Konventionen, Strömungen, Rücksichtnahmen auf andere und allen möglichen ineffizienten Interaktionen, die das Teamleben als sozialer Raum erfordert, vorbei.

Unsere Wertung: 7,5/10

© 2021, 2015, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Peter Faber: Jörg Hartmann
Martina Bönisch: Anna Schudt
Nora Dalay: Aylin Tezel
Daniel Kossik: Stefan Konarske
Jonas Zander: Thomas Arnold
KHK Krüger: Robert Schupp
Markus Graf: Florian Bartholomäi
Gunnar Stetter: Hans-Jochen Wagner
Toni Kelling: Jo Weil
Stefan Passek: Martin Reik
Lea Luschek: Leoni Poffhoff
Katja Bartok: Caroline Ebner
Annika: Marlene Wessendorf

Kamera: Gero Steffen und Jörg Lemberg
Buch: Jürgen Werner
Regie: Dror Zahavi

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