Außer Gefecht – Tatort 630 #Crimetime 906 #Tatort #München #Batic #Leitmayr #Menzinger #BR #Gefecht

Crimetime 906 - Titelfoto © BR / TV 60 Film, von Vietinghoff

Das Problem der Sterbehilfe vor der Neuregelung

Anlässlich der Publikation dieses Beitrags ist er bereits überholt, erst recht ist es der Tatort Nr. 630 aus dem Jahr 2004, weil die Sterbehilfe in Deutschland inzwischen  neu geregelt wurde. Wir ändern aber nicht den Text, weil wir das an vielen Stellen tun müssten, zur Sterbehilfe gibt es neuere Tatorte wie „Der Elefant im Raum“ aus dem Jahr 2019. Wie ist der Film aus Tatort? Die 2016 geschriebene „Dual-Rezension“ zeigt zwei in Teilen unterschiedliche Meinungen. Diese bitten wir in ebenjener -> Rezension nachzulesen.

Handlung

Undercover – fein eingekleidet als Kellner im eleganten Drehrestaurant des Münchner Olympiaturms – lauern die drei Münchner Kommissare Ivo Batic, Franz Leitmayr und Carlo Menzinger einem ehemaligen Krankenpfleger auf: Johannes Peter Peschen soll zwölf Menschenleben auf dem Gewissen haben.

Es war Leitmayrs Idee, nach einem anonymen Hinweis den Gesuchten im höchst gelegenen Restaurant Münchens abzufangen – nicht zur Freude seiner beiden Kollegen. Vor allem mit Batic, der unter einer lästigen Magenverstimmung leidet, gerät Leitmayr der fragwürdigen Aktion wegen derart aneinander, dass es zum Bruch zwischen den beiden befreundeten Kollegen kommt!

Aber plötzlich sind die Kommissare ihrem Ziel ganz nah: Als keiner mehr daran glaubt, kommt Peschen per Lift ins Aussichtslokal. Franz Leitmayr sieht sich in seiner Strategie bestätigt und triumphiert, als er Peschen festnimmt und ihm die Handschellen anlegt. Doch unvermittelt zerrt der Ex-Pfleger den Kommissar in den bereitstehenden Lift.

Der Aufzug fährt ab – und bleibt in 80 Metern Höhe stecken. Über das Notfalltelefon erfahren Batic und Menzinger, dass Peschen Leitmayr eine Spritze gesetzt hat. Danach reißt der Kontakt zu ihm ab.

Ob es Batic und Menzinger in ihrem nervenaufreibenden Wettlauf mit der Zeit gelingt, den Kollegen aus der Todesfalle zu befreien, steht in den Sternen. Die eingeleiteten Rettungsmaßnahmen laufen aus dem Ruder, und Batic macht sich zudem schwere Vorwürfe darüber, dass er sich mit Leitmayr, kurz bevor dieser mit dem unheimlichen Pfleger im Lift verschwand, zerstritten hatte wie nie zuvor.

Rezension

ANNI: Was hat Udo Wachtveitl mit Götz George gemeinsam?

TOM: Steckt im Fahrstuhl fest – „Abwärts“. Was hat das Zeitkonzept mit einem berühmten Western gemein?

ANNI: Spielzeit = gespielte Zeit. „High Noon“.

TOM: Also müsste „Außer Gefecht“ so gut sein wie „Abwärts“ und „High Noon“ zusammen.

ANNI: Quatsch! Was für Maßstäbe, besonders im Vergleich zu „High Noon“. So kannst du einen Tatort nicht filmen, wenn du auf ein Sozialthema aufmerksam machen willst.

TOM: „High Noon“ hatte auch ein sehr grundlegendes Sozialthema. Nur wurde das dort nicht lang und breit ausdiskutiert, dazu noch im Lift, sondern gezeigt.

ANNI: Nur streiten sich bei „High Noon“ bis heute die Kritiker über die Interpretation, und das war bei „Außer Gefecht“ sicher nicht gewünscht. Du kannst dir zum Thema „aktive Sterbehilfe“ deine eigene Meinung bilden, aber die Infos waren notwendig, vor zehn Jahren, und wären es für viele Zuschauer auch heute noch.

TOM: Dann  machen wir doch auch mal einen Info-Block:

Bei der aktiven Sterbehilfe verabreicht jemand einem Patienten ein unmittelbar tödlich wirkendes Mittel. Der Patient nimmt es also nicht selbst zu sich (das ist der Unterschied zum assistierten Suizid), sondern es wird dem Patienten von außen “aktiv” zugeführt. Wer aktive Sterbehilfe betreibt setzt also bewusst und vorsätzlich einen neuen Kausalverlauf in Gang, der unmittelbar und kurzfristig zum Tod führen soll.

Aktive Sterbehilfe ist in Deutschland ausnahmslos verboten, wie fast weltweit (Ausnahmen gelten in einigen Benelux-Staaten und im US-Bundesstaat Oregon, allerdings unter strengen Auflagen). Sie ist mindestens als sog. “Tötung auf Verlangen” strafbar (§ 216 Abs. 1 StGB: “Ist jemand durch das ausdrückliche und ernstliche Verlangen des Getöteten zur Tötung bestimmt worden, so ist auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu erkennen”). War der Patient erkennbar unzurechnungsfähig, depressiv oder unter äzßerem Druck, so bestehen Zweifel am “ernstlichen Verlangen”. In diesem Fall ist sogar eine Verurteilung wegen Totschlags denkbar (§ 212 StGB). Text aus: Info-Sterbehilfe.

ANNI: Ich finde das Thema aktive Sterbehilfe gut dargestellt. Und, nein, ich will jetzt nicht über das Für und Wider diskutieren, sondern am Krimi bleiben.

TOM: Ganz deiner Meinung. Ich hab manchmal richtig auf die Zähne beißen müssen, etwa bei diesen Idioten von Aufzugs-Notfall-Monteuren und bei allen möglichen anderen höchst künstlichen Verzögerungen, wie etwa, dass Batic auf die Suche nach dem Mittel geht, das man Leiti gespritzt hat, dass es eine Ewigkeit dauert, bis die Feuerwehr eintrifft. Da hätte man, um einen wirklich verdichteten Thriller zu schaffen, etwas andere probieren können – nämlich Echtzeit und Spielzeit im Verhältnis 2:1. Ich weiß, das klingt ungewöhnlich, ist aber, wenn man von der Prämisse ausgeht, dass man parallel laufende Ereignisse einfach hintereinander zeigt, obwohl klar ist, dass die parallel laufen, nicht unmöglich.

ANNI: Wow. Ich sag’s ja immer mal wieder, du bist im falschen Fach. Ich fand es eher ungewöhnlich, dass man einen Darsteller wie Jörg Schüttauf, der in einer anderen Stadt (Tatort-Frankfurt) den Ermittler spielt, in einer anderen als Täter auftreten lässt. Gut, man hat ihn einigermaßen verfremdet, aber er ist schon noch erkennbar. Klar ist dadurch die Identifikationsmöglichkeit besser: Man rechnet dem Todesengel-Pfleger automatisch diese Sensibilität zu, die Schüttauf als Fritz Dellwo auch im Ermittlerbusiness hat. Man hört auf das, was er sagt.

TOM: Aber jemand, der so gestrickt ist, inszeniert doch nicht so eine Aufzug-Masche. Was ist das psychologisch für ein Quark? Gerade in einem Krimi, in dem des auf die Psychologie ankommt. Oder dieses Rumgezicke zwischen Batic und Leitmayr, wobei Batic meiner Meinung nach Recht hat. Ein komplettes Team geht aufgrund eines anonymen Hinweises undercover. Und es ist ein Riesenklops, plotseitig.

ANNI: Oh nein, wieso das denn schon wieder?

TOM: Weil die beiden Kommis von der Pressekonferenz doch jedem bekannt sind, mit ihren markanten Grauköpfen. Da ergibt Undercover als Kellner in dem Moment etwa so viel Sinn, als wenn sich Angela Merkel als punkige Sozialarbeiterin verkleiden würde, um Integrationsarbeit im Alltag zu erforschen. Jeder würde sie erkennen und sich ganz anders verhalten als sonst.

ANNI: Ach du dickes Ei.

TOM: Eben. Wenn du so willst, stimmt bei dem Tatort schon der Handlungsansatz nicht. Und die Aufzugstory hätte man doch auch ohne das Undercovern inszenieren können.

ANNI: Aber sehen die beiden nicht hinreißend aus, in ihren weißen Kellner-Jacketts und mit Fliege? Ich finde, das war’s wert, sie Undercover arbeiten zu lassen.

TOM: Und dann diese Unterhaltung per deutlich sichtbaren In-Ear-Kopfhörern, und eben dieses ganze Brimborium, um den Aufzug möglichst lange im Schacht stecken zu lassen, inklusive der Einbindung der Sicherheitschefin des Olympiaturms, die ebenso in die aktive Sterbehilfe verstrickt ist, wegen ihrer Mutter, wie Leiti wegen seines Vaters. Und wie abgezockt der Pfleger da insgesamt vorgeht. Dieses Arrangement und der Stress dabei sind doch eine ganze andere Hausnummer als im Krankenhaus oder auswärts, wo er in aller Ruhe den Patienten die Spritzen setzen kann. Nee, ich kauf das nicht. Und weil ich das nicht tue, ist dieser Tatort für mich auch nicht maximal spannend. Am besten fand ich  noch die Szenen im Pflegeheim, das man eigentlich in Anführungszeichen schreiben müsste. Es sieht eh mehr nach einem Krankenhaus mit einer Lebensend-Station aus.

ANNI: Was soll das denn sein? Eine Sterbeklinik? Ja, aber wenn es berührt, hat es doch seinen Zweck erfüllt, oder?

TOM: Wird für mich durch die Plot-Überkonstruktion abgeschwächt. Ja, ich kann’s nicht ändern.

ANNI: Und natürlich durch die von dir postulierte, aber nicht erwiesene psychologische Undenkbarkeit einer Figur wie von Pfleger Johannes Peter Peschen (PJPP). Es ist eben nur ganz wenig undenkbar.

TOM: Wollen wir jetzt über die Authentizitätsvermutung diskutieren, die es bei fiktionalen Stoffen angeraten sein lässt, gewisse Dinge, die real in absoluten Ausnahmefällen passieren können, besser rauszulassen? Aber das Problem, das ich hier sehe, ist bei vielen Filmen mit Leuten, die psychologisch irgendwie in Ausnahmezuständen sind, implementiert, und es ist schon klar, dass man nicht zu sehr von sich selbst ausgehen darf.

ANNI: Eben. Sonst könntest du Leiti ja auch nur folgen, wenn du ein ebensolches Verhältnis wie er zu deinem Vater hättest. Und wenn das so wäre, würdest du dann nicht Verständnis dafür haben, dass Leitmayr sich dem Mann auch in seiner Todesstunde nicht annähern konnte, weil der einfach nicht in der Lage war, die richtigen Dinge zu sagen?

TOM: Ich befürchte fast, so wird es bei mir auch laufen.

ANNI: Quatsch. Siehst du, von wegen Authentizitätsvermutung.

TOM: Ich hab sehr darüber nachgedacht, wie es mal mit uns sein wird, wenn wir alt sind. Ein Schreckens-Szenario. Auf der Ebene hat mich dieser Tatort schon erwischt, keine Frage. Nicht alle Leute sterben durch dahinsiechen, aber die Möglichkeit besteht, und das Thema geht uns alle an. Und wer weiß schon, ob die Familie sich liebevoll kümmern wird?

ANNI: Vor allem, wenn man keine Kinder hat, was ja heute nicht gerade selten ist. Ich fand das auch sehr bedrückend. Ein guter Tatort, getragen von guten Schauspielern.

TOM: Am meisten mochte ich die junge Polizistin. Schade, dass man solche Talente in Tatorten nicht weiterentwickelt.

ANNI: Wenn es nach dir ginge … nein, es gibt ja heutzutage wirklich viele Jungermittlerinnen, mindestens als zweite Kraft in einem Team von zwei oder vier Personen. Das war aber 2006 noch nicht so. In der Hinsicht hat sich viel verändert. So, ich hab meine Punkte notiert. Sag deine.

TOM: Ich gebe 6/10.

ANNI: Schon wieder? Darüber kommst du doch auch bei neuen Tatorten nur noch selten hinaus.

TOM: Ich war leider sofort genervt von diesem unnötigen Geblöke im Restaurant. Ich meine, die beiden, Batic und Leitmayr, waren damals schon seit 15 Jahren ein Team, kann man da nicht vorab für reine Luft sorgen, sodass man sich am Einsatzort professionell verhalten kann?

ANNI: Ich merke schon, du stellst wieder einmal hohe Anforderungen an das Verhalten anderer Leute. Ich geb 9/10. So. Ich fand „Außer Gefecht“ klasse als Sozialtatort und gelungen als Thriller; für mich ist er unter den besten, die wir bisher gesehen haben, und das ist ja nun weit mehr als die Hälfte aller je gedrehten Tatorte. Bei der Riesen-Diskrepanz, die wir heute aufzeigen, kommt leider nur eine Wertung knapp über dem Durchschnitt unserer bisherigen Punktevergaben heraus.

7,5/10

© 2021 (Entwurf 2016) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Carlo Menzinger – Michael Fitz
Ivo Batic – Miroslav Nemec
Johannes Peter Peschen – Jörg Schüttauf
Walter Kehrer – Horst Sachtleben
Bettina Dessauer – Margret Völker
Fabian Krepp – Jan Messutat
Verwirrter Mann – Erich Will
Schwarzkopf – Andreas Borcherding
Gerichtsmediziner – Johannes Herrschmann
Streifenbeamter – Franz Froschauer
Zivildienstleistender – Thomas Feist
Zweiter Liftmechaniker – Erhard Brem
Liftmechaniker Castorf – Michael Grimm
Geschäftsführer im Restaurant – Klaus Wolf
Alte Frau – Regine Lutz
Polizeibeamtin Charlie Peetz – Kathrin von Steinburg
Inge Kehrer – Ulrike Krumbiegel
u.a.

Drehbuch – Christian Jeltsch
Regie – Friedemann Fromm
Kamera – Hanno Lentz
Musik – Manu Kur

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