Drive (USA 2011) #Filmfest 337 #Top250

Filmfest 337 A "Concept IMDb Top 250 of All Time" (39)

2020-08-14 Filmfest AHe drives by night

Drive ist ein US-amerikanischer Thriller des dänischen Filmemachers Nicolas Winding Refn aus dem Jahr 2011, der mit der Literaturverfilmung des gleichnamigen Romans von James Sallis sein Debüt als Hollywoodregisseur gab.

„Traumwandlerisch souverän entwickelter Neo-Noir-Thriller als passionierte Hommage an die Krimiwelle der 1980er-Jahre, der kunstvoll mit den Elementen jongliert, wobei er dezidiert auf eine Ironisierung verzichtet.“ – Lexikon des internationalen Films[30]

Ist „Drive“ ein Film noir und wie kam der altmodische Held ohne Namen und der Film bei mir an? Darüber steht mehr in der -> Rezension.

Handlung

Der namenlose Fahrer (engl. driver), der tagsüber als Mechaniker und Stuntfahrer arbeitet, bietet nachts seine Dienste als Fluchtfahrer für Diebstähle und Raubüberfälle in Los Angeles an. Nachdem telefonisch und anonym Ort und Zeit des geplanten Verbrechens vereinbart werden, wartet der Fahrer in seinem Auto exakt fünf Minuten am Ort des Geschehens, in denen seine „Kunden“ den Raub oder Überfall begehen können. Er arbeitet nie mehrmals mit denselben Personen zusammen, wird ihnen unter keinen Umständen bei den Verbrechen helfen und den Tatort nach Ablauf der vereinbarten Zeit auch dann verlassen, wenn diese noch nicht im Fluchtauto sind. Mithilfe der Überwachung des Polizeifunks und seiner außergewöhnlichen Fahrkünste schafft es der Fahrer auf diese Art und Weise zu Beginn des Filmes, zwei Einbrechern zur Flucht zu verhelfen, indem er den Fluchtwagen in der Parkgarage des Staples Centers versteckt. Da zu diesem Zeitpunkt gerade eine Sportveranstaltung zu Ende ist, kann er unbemerkt in der Menschenmasse flüchten und in sein spärliches Apartment zurückkehren. Derweil plant sein Boss und Freund Shannon, sein Fahrertalent zu nutzen und ein Rennteam zu gründen, weshalb er sich von dem Gangster Bernie Rose 300.000 US-Dollar für ein Stockcar leiht. Bernies Geschäftspartner ist Nino, ein Gangster jüdischer Abstammung.

Währenddessen lernt der Fahrer seine alleinerziehende Nachbarin Irene und ihren Sohn Benicio kennen. Er begegnet Irene in einem Supermarkt. Irenes Wagen hat einen Motorschaden, sie lässt ihren Wagen in der Werkstatt reparieren, in welcher der Fahrer beschäftigt ist, weswegen er sie nach Hause fährt. Der Fahrer verbringt immer mehr Zeit mit den beiden und fühlt sich zu Irene hingezogen. Nach kurzer Zeit wird jedoch ihr Ehemann Standard aus dem Gefängnis entlassen. Standard schuldet einem albanischen Gangster namens Cook Schutzgeld, weswegen dieser ihn zusammenschlagen lässt und droht, sich als Nächstes Irene und Benicio vorzunehmen, wenn Standard nicht ein Pfandhaus im Valley für ihn ausraubt.

Um Irene und Benicio zu schützen, hilft der Fahrer seinem Nachbarn Standard, indem er sich Cook als Fluchtfahrer aufzwingt. Cook bestimmt seinerseits, dass die rothaarige Blanche am Überfall beteiligt ist. Anfangs scheint der Coup gut zu verlaufen, doch währenddessen fährt eine unbekannte Limousine auf dem Parkplatz vor. Blanche kann mit einer großen Geldtasche in das Fluchtauto einsteigen, aber auf Standard wird nach Verlassen der Pfandleihe geschossen – tödlich in den Rücken getroffen, bleibt er auf dem Weg zum Auto liegen. Der Fahrer flieht mit Blanche und kann den Verfolgern in der Limousine mithilfe eines rasanten Manövers entkommen und sich mit der Komplizin und dem Geld in einem Motelzimmer verstecken. Dort entdeckt er, dass sie über eine Million US-Dollar erbeutet haben, einen viel zu hohen Betrag für einen Überfall auf ein Pfandhaus. Unter Gewaltandrohung erzählt Blanche, dass der andere Wagen Cook gehört und dieser plante, den Fahrer und Standard zu hintergehen, um das Geld für sich zu behalten. Kurze Zeit später wird Blanche erschossen, als zwei bewaffnete Männer in das Motelzimmer eindringen. Der Fahrer wird am Oberarm angeschossen, kann die beiden jedoch überwältigen und töten.

Anschließend sucht er Cook in dessen Stripclub auf, um die Hintergründe des Überfalls aufzudecken. Er erfährt mithilfe von Gewaltanwendung, dass Cook für Bernie Roses Geschäftspartner Nino arbeitet, der gehört hatte, dass die Ostküstenmafia Geld im Pfandhaus deponiert hatte, um es später in der Region zu investieren. Um die Konkurrenz zu schwächen, ließ Nino Cook das Geld stehlen. In der Zwischenzeit treffen der Fahrer und Irene im Fahrstuhl ihres Wohnhauses auf einen von Ninos Killern. Als der Fahrer dessen Waffe bemerkt, schiebt er Irene hinter sich, küsst sie und greift dann den Mann an. Irene sieht entsetzt zu, wie er völlig enthemmt dem am Boden Liegenden den Kopf zertritt. Bernie Rose hat inzwischen von Ninos Coup erfahren und fürchtet die Reaktionen der Mafia. Sie beschließen alle zu töten, die von dem Überfall wissen und sich das Geld zurückzuholen. Bernie ersticht Cook und taucht später bei Shannon in der Werkstatt auf, welcher gerade seine Flucht vorbereitet. Er tötet Shannon, indem er die Arterien an seinem Unterarm durchtrennt.

Später verfolgt der Fahrer Nino und drängt dessen Limousine von der Straße ab. Danach rammt er die Limousine seitlich, sodass sich der Wagen überschlägt und eine Steilküste hinabstürzt. Der verletzte Nino befreit sich aus dem Wagen und flüchtet zum Strand, wo er vom Fahrer in den Pazifik gedrängt wird und dort umkommt. Anschließend telefoniert der Fahrer mit Irene und erzählt ihr, dass er Los Angeles verlassen müsse und die Zeit mit ihr und Benicio das Schönste in seinem Leben gewesen sei. Der Fahrer vereinbart mit Bernie Rose ein Treffen in einem Restaurant, wo dieser ihm verspricht, dass er im Tausch gegen das Geld zwar für Irenes und Benicios Sicherheit garantieren könne, aber nicht für die des Fahrers. Bei der Geldübergabe auf dem Restaurantparkplatz sticht Bernie Rose dem Fahrer in den Bauch und wird daraufhin selbst von ihm schwer verletzt. Anschließend sitzt der Fahrer reglos im Auto, was vermuten lässt, dass die Verletzungen tödlich waren. Dann startet er aber den Wagen und fährt davon. Das Geld lässt er neben dem toten Bernie liegen. Irene klopft an der Tür der leeren Wohnung des Fahrers. Dieser fährt allein in die Nacht.

Rezension

Ein Amerikaner, der im Film nicht permanent quasselt. Eine Amerikanerin, die sich ähnlich verhält. Wann hat es das zuletzt gegeben? Es muss vor meiner Geburt gewesen sein, also sehr lange her. Ich sehe allerdings weniger die 1980er vor mir, in denen es Mode wurde, gute und weniger gute Gags in jeder Lebenslage zu machen oder coole Sprüche in ebensolcher Lage, was dazu geführt hatte, dass ich mich fragte: Was ist falsch an mir? Und daran, dass ich mich in angespannten Situationen eher zu konzentrieren versuche und eher wortkarg bin? Wieso kann ich nicht nebenbei Weltklasse-Witze produzieren?

Aber gehen wir in die 1960er und 1970er zurück: Es war der Italo-Western, der das Wortkarge in die Kinos brachte, auf eine Weise stilisiert, die man durchaus als ironisch bezeichnen kann. Im Grunde war es jedoch eine Wiederkehr jener Film-noir-Helden der 1940er, die oft nur das Nötigste zwischen den (beinahe) zusammengepressten Lippen hervorquetschten. Humphrey Bogart war eine Ikone dieser Spielweise. Er konnte sich das wegen seiner großen Leinwandpräsenz leisten. Aber auch Westernhelden wie Gary Cooper waren nicht von der übertrieben mitteilsamen Art. Ist „Drive“ deswegen aber auch ein Film noir?

Mein Kompendium zum Genre von Paul Duncan, das im Jahr 2012 erschien, schließt in der Tat mit „Drive“ ab und ich bin der Ansicht: eindeutig ja. Es gibt kein Happy Ending, man weiß nicht einmal, ob unser Held, der in die Nacht fährt, überleben wird. Vielleicht bleibt er nur auf der Straße, bis ihn die Kraft verlässt, denn die Straße ist sein Wohnzimmer, nicht etwa das wenig gemütliche Appartement, das erkennbar nur einen Schlafplatz darstellt. Der Driver ohne Namen, ein Gebrauch, der sich an den namenlosen Fremden in „Nobody“ oder den Kopfgeldjäger in „Für eine Handvoll Dollar“ anlehnt, weist darauf hin, dass der Film auch ein Western sein will. Ein Typ, der sich in der Regel raushält, der nur seinen Job macht und dabei dem Verbrechen nützlich ist, wird zum Rächer. Eigentlich hat er drei Jobs, um sich über Wasser halten zu können, zählt zum Prekariat – so viel zum sozialen Kommentar, der, wie alle Filme dieser Art es tun, nur zeigt, nicht erklärt. Die Gangster beherrschen das Setting. Selbst hinter dem Renngeschehen mit Stock-Cars stecken ebensolche, die dort Geld investieren oder nicht.

Die Polizei hingegen kommt nur komplett anonymisiert vor, auch das ist in manchen Noir-Filmen der klassischen Ära ebenso. Nicht ganz so konsequent meistens, es musste fürs damalige Publikum zumeist doch einen sichtbaren Gegenspieler geben. Heute sind nur noch die Streifenwagen als Chiffre notwendig, die nicht die größte Bedrohung für den Driver darstellen. Da kann er sich einfach hinter einem Lastwagen parken und das Licht ausschalten oder in ein Parkhaus fahren. Aber die Unterwelt, die macht ihm dann doch zu schaffen und ohne seine Motive zu erklären, legt er sich mit ihr an. Er trägt eine helle Jacke und ist der Engel für die Frau in Bedrängnis und ihren kleinen Sohn. Dass sie verheiratet ist, erfährt er, nachdem er sich bereits verliebt hat, weicht aber nicht von seiner Haltung ab, zumal Betrug in keiner Richtung zu erkennen ist. Der Film ironisiert traditionelle Einzelgänger nicht, sondern stilisiert sie und macht sie gleichzeitig zugänglich.

Driver: [on phone] There’s a hundred-thousand streets in this city. You don’t need to know the route. You give me a time and a place, I give you a five minute window. Anything happens in that five minutes and I’m yours. No matter what. Anything happens a minute either side of that and you’re on your own. Do you understand?
[pause]
Driver: Good. And you won’t be able to reach me on this phone again.

Das dürfte in etwa der längste zusammenhängende Text sein, den der Driver während 100 Minuten erfrischend kurzer Spielzeit spricht.

Viel trägt dazu Ryan Gosling bei, dass der Fahrer eine konsistente Figur ist. Ich habe bisher nicht viel von ihm gesehen (wie etwa „Blue Valentine“, „La La Land“ habe ich aufgezeichnet, die Rezension wird bald folgen). Er ist schweigsam, aber nicht stumm, er kann nett lächeln und gleichzeitig ist er ein sehr ernster, ganz und gar nicht klamaukhafter Typ, aber nicht sinister, wie manchmal die klassischen Noir-Antihelden dargestellt wurden – und das nimmt man ihm ab. Nur so funktioniert ein Film noir wirklich, sonst artet er zu einer Thriller-Komödie aus und wenn es dann schlecht ausgeht und der Protagonist stirbt oder einsam von dannen geht oder fährt, wirkt das unnatürlich. Gosling sieht mittlerweile nicht nur auf eine etwas verschlossene und konzentrierte Weise intelligent aus, seine Physiognomie ist mit den Jahren härter geworden, er hat auch ein Händchen dafür, in Filmen mitzuspielen, die sehr gelobt werden. „Drive“ hat aktuell eine Wertung von 7,8/10 in der IMDb, „La La Land“ liegt bei 8/10, ebenso „Blade Runner 2049“.

Ich habe es bereits angedeutet, der Autofahrerfilm ist auch dem Western-Genre zugeneigt und sein getunter Chevrolet Malibu aus dem Jahr 1973 mit dem modernisierten Amaturenbrett ist des Drivers geliebtes Pferd, das er mit starker Geste, Hand oben auf dem Lenkrad, und mit jenen klassischen Autofahrer-Handschuhen aus Leder steuert, als halte er locker die Zügel seines Reittiers in einer Hand. So sieht ihn die Nacht, als Beherrscher seiner Straßenraums und das reicht auch. Regisseur Nicolas Winding Refn hat übrigens erklärt, er sei nicht an Autos interessiert und habe es nach acht vergeblichen Anläufen aufgegeben, einen Führerschein besitzen zu wollen. Anders als in der ARTE-Ankündigung ist es also nicht der Driver selbst, der nicht über eine Lizenz zum Cruisen und Heizen verfügt. Das wäre auch widersinnig, denn er könnte ja doch mal in eine Polizeikontrolle geraten, außerdem lässt er sich von einem Werkstattbesitzer-Freund überreden, Rennfahrer werden zu wollen.

Es gibt durchaus einen wichtigen Unterschied zu vielen klassischen Noirs. In ihnen wird die Schicksalhaftigkeit dessen, was dem Antihelden widerfährt, häufig sehr hervorgehoben. Der Fahrer jedoch, der am meisten dann zum Symbol für das nicht personalisierte Prinzip des Guten, des weißen Engels wird, wenn er zu der silbernen Jacke mit Skorpion auf der Rückseite die Maske trägt, mit welcher er am Ende seine selbstgestellte Aufgabe zu Ende bringt. Diese Maske hatte er zuletzt als Stuntfahrer-Double getragen. Seine Identität wird immer wieder verwischt, er ist schwer greifbar und doch hat man als Zuschauer keine Probleme damit, sein Mindset zu akzeptieren und ihn als Figur interessant zu finden. Der Film hat auch Anklänge an den klassischen Western „Shane“ (1953), in dem ein einsamer Reiter auf einer Farm auftaucht, der Familie gegen Verbrecher hilft, damit sie nicht von ihrem Besitz vertrieben wird und dann davonreitet. Dort ist das Sozialpädagogische etwas stärker ausgeprägt und im Stil der Zeit affirmativer der Gewalt gegenüber, hier kommt es, wie alles, knapp rüber, als er mit dem Sohn von Irene vor dem Fernseher sitzt:

Driver: [watching a cartoon] Is he a bad guy?
Benicio: Yeah.
Driver: How can you tell?
Benicio: Because he’s a shark.
Driver: There’s no good sharks?

Obwohl, anders als in „Shane“, wo der Westerner weiß, dass er keinen Platz in dieser Familie einnehmen kann, hier die Möglichkeit gegeben wäre, dass er mit Irene zusammenkommt, da ihr Mann zwischenzeitlich erschossen wurde, wählt er die Variante, sich zu entfernen. Als er das sagt, ist er noch nicht verletzt und weiß es trotzdem. Der Grund kann also nicht sein, dass er möglicherweise ohnehin nicht mehr lange zu leben hat, es ist eine freie Entscheidung – vielleicht, wei er gemerkt hat, dass es ihn nicht kalt lässt, dass plötzlich der Mann freikommt und eine Dreiecksbeziehung entstehen könnte, die nicht seinem State of Mind entspricht.

Finale

Die Motive von „Drive“ sind sehr traditionell, zitieren das Kino vieler Dekaden, aber das Filming ist natürlich sehr modern und stylisch, besonders die Nachtfahrszenen, die Einsamkeit und Beherrschung des eigenen Lebens gleichzeitig versinnbildlichen, wobei das alles im Griff haben durch die Einsamkeit und das bewusst sehr klein gewählte soziale Umfeld erst möglich wird. Die Einsamkeit ist der Preis dafür, sich nicht zu verlieren. Vielleicht muss er am Ende auch nur weg, weil doch noch irgendein Mafioso übrig ist, der ihn beseitigen wollen könnte. Dass die Polizei ihn sucht, den Eindruck hat man eher nicht. Weite Teile des Films spielen auf der Straße, und dort herrscht das Gesetz der Straße.

83/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Nicolas Winding Refn
Drehbuch Hossein Amini
Produktion John Palermo,
Adam Siegel,
Michel Litvak,
Gigi Pritzker,
Marc Platt
Musik Cliff Martinez
Kamera Newton Thomas Sigel
Schnitt Matthew Newman
Besetzung

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