Just One of those Things – Ella Fitzgerald #Filmfest 339 #Songbook #EllaFitzgerald #LouisArmstrong

Filmfest 339 D Songbook 

Es war einmal ein Lied und eine Sängerin und ein Sänger und Trompeter

Es gibt ein Lied von George Gershwin, es stammt aus der ersten „farbigen“ Oper namens „Porgy and Bess“ und es hat sich für immer in mein Gedächtnis gebrannt. Es ist „Summertime“. Ich glaube, es ist mein Song of Songs. Es gibt zwei Superstars des Jazz, Louis Armstrong und Ella Fitzgerald, die haben dieses Lied im Jahr 1958 zusammen gesungen. Nur eine einzige weiter Interpretation hat mich ähnlich in eine andere Welt entführen können: Diejenige von Charly Parker aus dem Jahr 1949, aber sie ist auch gefährlich, weil die Noten sich beim Anhören zu verselbstständigen pflegen,  zum Himmel steigen wollen, um frei zu sein für immer, doch in der Regel ist an der Zimmerdecke Schluss, selbst wenn das Zimmer einen sechs Meter hohen Penthouse-Living-Room darstellt – sie stoßen an und fallen unsanft zu Boden oder sie fliegen gegen die Wand und rutschen kraftlos ab. Die Version von Charly Parker könnte ich nicht mehrmals hintereinander hören, so faszinierend ich sie finde, sie dringt viel zu tief in die Untiefen meiner Seele ein – das ist bei Louis‘ und Ellas Version anders. Sie ist purer Genuss und ich bin geneigt, den Boden zu küssen, auf dem schon die Noten von Charlie herumliegen, weil so viel Talent an mir vorüberzieht, vergänglich, doch unsterblich.

Die Ella-und-Louis-Version von „Summertime“ übertrifft für mich selbst die „klassischen“ Interpretationen, die im von Gershwin intendierten Opernstil gesungen und gespielt sind, weil sie beseelter wirkt, individueller allemal, und von jenen Musiker*innen vorgetragen wird, die in der Welt von Porgy und von Bess aufwuchsen. Oder doch in einer, die jener Welt ähnlicher war, die Gershin in Ellas Jugendzeit entwarf, als die Welt der Weißen ihrer Welt zu jener Zeit, in der sie dennoch, against all Odds zu von allen „Rassen“ geliebten Stars wurden, ähnlich war. Mein Kompliment an den die beiden großen Künstler könnte nicht größer sein, denn von meinem Song of Songs besitze ich mittlerweile eine eigene Compilation verschiedener Interpretation und immer noch steht die von Ella und Louis ganz vorne.

Und hier ist Summertime für Sie, liebe Leser*innen:

Die Version von „Summertime“ von Ella und Louis stammt übrigens nicht von dem im Jahr 1956 entstandenen Jazz-Verve-Album „Ella und Louis“, sondern wurde zwei Jahre später aufgenommen. Wer sich das 1956er Album anhören musste, das nicht zu den „Songbooks“ zählt, bitte sehr:

Beschreibung der Dokumentation (1)

Ella Fitzgerald war die Stimme des Jazz: Bereits mit 15 Jahren gewinnt sie einen Talentwettbewerb im Apollo Theater in Harlem. Wenige Monate später ist Ella Fitzgerald ein Star. Auf den Spuren ihrer mehr als 60-jährigen Karriere bietet der Dokumentarfilm viel Musik voll purer Lebensfreude, zeigt die Sängerin aber auch als engagierte Kämpferin der Bürgerrechtsbewegung.

Sie war die First Lady of Jazz und Schöpferin des Scat, bei dem sie ihre Stimme in freier Improvisation über Jazzakkorde wandern ließ: Ella Fitzgerald hat diese Stimme schon sehr früh zu einem virtuosen Instrument ausgebaut und gehört mit 13 Grammys und mehr als 40 Millionen verkauften Alben zweifellos zu den größten Stars der Jazzgeschichte. In bislang unveröffentlichtem Bildmaterial und exklusiven Interviews erzählt die Dokumentation aus ihrem Leben und wie es Ella Fitzgerald als schwarzer Frau gelang, in einer von Rassismus geprägten Welt erfolgreich zu sein.

Die Dokumentation zeigt sie auch als Kämpferin für Bürgerrechte und beleuchtet den inneren Konflikt der Sängerin, die sich zwischen öffentlichem Ruhm und zurückgezogenem Privatleben mit Mann und Kind entscheiden musste. Als sie zum größten Gesangsstar der Welt aufgestiegen war, war sie „die einsamste Frau der Welt“, wie der Pianist und Freund Oscar Peterson erzählt. Dennoch entschied sie sich dafür, den Menschen mit ihrer Musik Hoffnung und Zuversicht zu schenken. Familienangehörige, Weggefährten und Zeitzeugen wie die „Königin des Swing“ Norma Miller in einem ihrer letzten Fernsehauftritte, Schlagzeuger Gregg Field, Pianist Kenny Barron, Impresario George Wein, Manager Jim Blackman, Tony Bennett, Jamie Cullum, Johnny Mathis, Smokey Robinson, Patti Austin und Ella Fitzgeralds Sohn Ray Brown Jr. zeichnen ein umfassendes Porträt der Sängerin. Anhand vieler Fotos und Archivbilder sowie durch Ella Fitzgeralds Sprechstimme bringt es den ZuschauerInnen das bewegte Leben der Jazzdiva nahe.

2020-04-18-filmfest-d-documentary-2020Besprechung

Manchmal frage ich mich, wer diese Inhaltsangaben erstellt. Ella Fitzgerald war nicht, wie einige farbige Sänger*innen, Schauspieler und deren weiße Freunde der Typ, der mit Martin Luther King auf dem Marsch nach Washington ging und dort aus nächster nähe die berühmte „I have a Dream“-Rede hören konnte.

Es wird im Film kurz über ihre Diskrimierungserfahrungen gesprochen und dass sie einmal aufbegehrte, dass sie hier und da über das spricht, die alle farbigen Künstler*innen mit ihr teilten, aber sie war nicht politisch genug und, so lese ich es zwischen den Zeilen heraus, zu vorsichtig, um auf dem Gipfel des Ruhms zu polarisieren. Immerhin war sie zur Zeit der Rassenunruhen eine der populärsten Interpretinnen des bezüglich seiner Genese weißen „American Songbooks“.

Denn in der Tat ist es ihr in hohem Maße zu verdanken, dass das „Great American Songbook“ auf eine neue Ebene gehoben wurde und seitdem als Kulturgut anerkannt ist. Es gibt andere Sänger*innen, die dafür ebenfalls viel getan haben, zur selben Zeit wie sie und überwiegend Weiße, das sollte man allerdings nicht verschweigen.

Die entscheidenden Jahre waren die späten 1940er. Damals endete die Dominanzphase des Swing, insbesondere des Bigband-Swing und der Jazz entwickelte sich zum Bebop. Ella Fitzgerald machte diese Phase mit und leistete dabei Unglaubliches, zum Beispiel als erste weibliche Scat-Interpretin. Sie konnte improvisieren, als hätte sie eine ganze Band in sich, die sonst eben nicht vokal unterwegs ist, wenn sie Jam-Sessions macht. Weshalb das so ist, liegt auf der Hand: Ein*e Sänger*in benötigt eine Absprache mit den Instrumenten, deshalb sind Impro-Sitzungen auch besonders dann genial, wenn nur ein Instrument am Werk ist, mit einer eingespielten kleinen Combo, in der die Beteiligten einander sehr gut kennen, geht es aber auch ganz gut. Aber Sänger*innen müssen tatsächlich auch raus ins Solo, wenn sie nicht nur Texte, sondern auch Melodien und einen Rhythmus umformen und spontan ändern wollen.

Das hat Ella Fitzgerald dann auch in der Zeit gemacht, als sie bereits die Songbook-Alben aufnahm: In jenem legendären Berlin-Konzert aus dem Jahr 1960. Frankly, Dear, it’s Berlin, that inspires people to fly to the moon … Ja, das war kurz vor dem Fall der Mauer und es gibt einige Aufnahmen von Ella in der Stadt, nicht nur das Konzert selbst mit der Stelle, in der sie den Text von Mackie Messer nicht reproduzieren konnte und eine legendäre Talentshow mit mindestens tausend Anspielungen auf andere Songs aus diesem Nachteil machte, wurde mitgeschnitten.

Doch zurück ins Jahr, sagen wir, 1950. Es war jene entscheidende Phase, in der die Mainstream-Musikkultur sich teilte bzw. der Bebop eine interessante Nebenstraße nahm, die vielleicht den intellektuellen Reiz auslöste, der dazu führte, dass der Jazz sich zu einer immer mehr elitären Musikrichtung entwickelte – und der Pop ein paar Jahre später sich in Softpop und Rock’n Roll teilte – aber diese Straßen blieben immer näher beieinander als die neuen, reduzierten und auf ihre Art die Nachfolge der klassischen Kammermusik suchenden Formen des Jazz, die für ein immer kleineres und immer mehr aus Kenner*innen bestehendes Publikum geschaffen wurden.

Das war wohl nichts für Ella Fitzgerald, zumal meist ohne Vokalinterpret*in gespielt wurde, also wurde sie selbst mainstreamiger und gab, anstatt, wie in ihrer Anfangsphase, auch kreativ zu sein und selbst Lieder zu formen, den vorhandenen Songbooks der Starkomponisten die höchste denkbare Aussagekraft, nach meiner Ansicht ihre bis heute unübertreffliche, vollendete Form. Ich glaube, Ella Fitzgerald wäre als die Jazzsängerin, als die sie manchmal verkürzt dargestellt wird, nie so legendär geworden, wenn sie sich damals nicht (zum zweiten Mal, nach ihrem Einstieg in den Bebop) neu erfunden und dem amerikanischen Publikum erst die Schönheit und Ewigkeit der Songs von Berlin, Gershwin, Porter und anderen klargemacht hätte.

Einen ähnlichen Weg beschritten andere auch, die ein großes Publikum behalten oder gar neues hinzugewinnen wollten, signifikant etwa der Weg von Nat „King“ Cole, der vom Vorsteher einer Jazzband zum höchst erfolgreichen Crooner wurde, in die gleiche Liga aufstieg, in der Bing Crosby oder Frank Sinatra siedelten, die niemals Jazzer waren, aber ebenfalls Karriereknicks hinnehmen mussten, um sich für etwas Neues entscheiden zu können. Bei Sinatra war es der Wechsel vom Teenieschwarm, wofür er zu alt geworden war, hin zum wohl am meisten „sophisticateden“ Interpreten der Songbooks. In höherem Alter haben Ella und er, die in derselben Ära anfingen, Musik zu machen, auch zusammen auf der Bühne gestanden.

Über Ella Fitzgerald hätte man sicher eine umfassendere Doku mit viel mehr Musik darin machen können, aber die Songbooks gibt es ja schon. Außerdem gibt es einen sehr netten Ansatz: Ausschließlich farbige Frauen sprechen über Ella, darunter eine mittlerweile hundert Jahre alte Person, die Ellas allerersten Auftritt vor Publikum miterlebt hatte und sogar mit ihr in einem Talentwettbewerb konkurrierte. Sie wurde Tänzerin und Ella, die auch gerne getanzt hätte, versuchte es doch lieber mit dem Singen – und das war ein Glück für uns alle, denn selbst, wenn sie ihre schon immer vorhandenen Figurprobleme überwunden hätte, Toptänzer*innen gab es damals wie Sand am Meer, aber eine Stimme wie die von Ella Fitzgerald nur ein einziges Mal.

In der Dokumentation noch nicht erwähnt sind die „Lost Berlin Tapes“, die erst im vergangenen Jahr neu herausgebracht wurden und für einiges Aufsehen sorgten.

TH

8/10

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

  1. ARTE-Begleittext

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