Saratoga (USA 1937) #Filmfest 340

Filmfest 340 A

2021-01-09 FF 0340 Saratoga USA 1937 Text

Saratoga ist eine US-amerikanische Filmkomödie aus dem Jahr 1937 von Jack Conway. Die Hauptrollen spielten Clark Gable und Jean Harlow. (1)

„Saratoga“ ist nicht nur, wie oben erwähnt, einer der letzten Filme von Jean Harlow, sondern ihr letzter. Entsprechend erfuhr er eine besondere Rezeption:

Der Tod von Jean Harlow während der Dreharbeiten zu  Saratoga  (USA 1937) verursachte Probleme bei der Fertigstellung und Förderung des Films. Bekanntlich vervollständigte MGM Harlows verbleibende Szenen mit Aufnahmen eines Körperdoppels, das mit verdecktem Gesicht gefilmt wurde. Trotz der daraus resultierenden ästhetischen Probleme,  Saratoga ist als einer der erfolgreichsten Filme von Harlow bekannt (Glancy 1991), und sein Erfolg wurde einfach als Ergebnis eines trauernden Massenpublikums gesehen, das verzweifelt versucht, sich von seinem Idol zu verabschieden (Addison 2005; Stenn 1991). Diese Erklärung verdunkelt jedoch die Strategien, die das Studio verwendet, um den Empfang des Films zu steuern, und allgemein die Vielfalt der Betrachtungsmodi, die dem nordamerikanischen Publikum in der klassischen Hollywood-Zeit zur Verfügung standen. (2)

Dies ist der Beginn einer hochinteressanten Abhandlung, die um einiges über „Saratoga“ hinausgeht und die man unbedingt lesen sollte, um die Mechanismen in der klassischen Zeit von Hollywood zu verstehen: Die Konventionalisierung im Zuge des New Deal und mit dem Hays Code im Unterschied zu Pre-Code-Produktionen, die wir bereits für den Gangsterfilm exemplarisch anhand von Werken mit E. G. Robinson dargestellt haben, aber auch der Art, wie Zuschauer damals das Geschehen auf der Leinwand verstanden haben. Dabei werden kultur- und sozialwissenschaftliche Ansätze beleuchtet. Letztlich läuft es darauf hinaus, dass das besonders pingelig auf sein Image bedachte Studio MGM öffentlich überlegte, ob der Film mit einer anderen Schauspielerin neu gedreht werden sollte – sich dann aber wohl weniger wegen der Trauer der Fans, die von Harlow Abschied nehmen und den Film unbedingt sehen wollten, als wegen der überdurchschnittlich hohen  Kosten, welche die Starbesetzung verursacht hatte (ca. 1 Million Dollar bei durchschnittlichem Budget von ca. 600.000 Dollar für einen MGM-Film zu jener Zeit), gegen eine Neuverfilmung entschied.

Auch die Beschreibung, wie die ästhetischen Probleme des Films behandelt wurden, die daraus entstanden, dass etwa zehn Prozent der Szenen mit Harlow zum Zeitpunkt ihres Todes noch nicht gedreht waren, ist spannend und filmtechnisch erhellend.

Der Film ist der letzte mit Jean Harlow. Im Mai 1937, als ca. 90 % des Films abgedreht waren, brach Harlow auf dem Set zusammen und verstarb eine Woche später. Die restlichen Szenen wurden mit Mary Dees gedreht, die nur von hinten gefilmt wurde. Die Stimme wurde mit Paula Winslowe nachsynchronisiert. Zuerst wollte Mayer die Harlow-Szenen mit einer anderen Schauspielerin neu drehen. Schauspielerinnen wie Virginia Bruce oder Jean Arthur wurden in Erwägung gezogen.[1] Doch Probevorführungen mit den alten Szenen hatten ergeben, dass das Publikum den Film ohne Jean Harlow nicht akzeptieren würde.[2]

Insofern stehen die letzten beiden Sätze der Wiki-Darstellung im Zweifel. Zum Beispiel hatte das Publikum keine Vergleichsmöglichkeit zwischen der bestehenden Version des Films und einer neuen mit einer anderen Hauptdarstellerin. Leider war die zitierte Seite der Beiträge auf Turner Classic Movies nicht abrufbar, als ich es eben versucht habe, sodass ich nicht überprüfen konnte, was dort geschrieben steht – vermutlich aber keine so tiefgehende und kritische Analyse wie die von Lisa Bode darüber, wie „Saratoga“ letztlich so vermarktet wurde, dass man noch den bestmöglichen Profit aus dem für MGM sehr misslichen Tod von Jean Harlow zog. TCM ist nun einmal, was der Name deutlich macht, eine Firma, die alte Hollywood-Filme für den  zumindest am Mainstream historischer Filme interessierteren Teil des heutigen Publikums technisch aufbereitet und auf zeitgemäßen Datenträgern anbietet.

Einen Blick darauf, dass „Saratoga“ trotz seines damals großen Erfolges heute als diskutabel angesehen wird, lässt die IMDb-Bewertung zu: Sie liegt mit 6,5/10 niedriger als bei allen anderen Filmen mit Jean Harlow, deren Kurzbesprechungen wir auf dem Filmfest gezeigt habe, obwohl sehr bewährte Kräfte wie Jack Conway (Regie) und Anita Loos (Drehbuch), die viel zu Harlows Ruhm beigetragen haben, als kreative Kräfte hinter dem Werk standen.

Möglicherweise kommt es auch auf das Genre an, denn „Saratoga“ war eine romantische Komödie: Beim Film „The Dark Knight“ aus dem Jahr 2008 hingegen wird ein Teil seiner unfassbar hohen Bewertung durch das Publikum von Lisa Bode im oben erwähnten Artikel der Tatsache zugeschrieben, dass der Tod von Joker-Darsteller Heath Ledger die Rezipienten zu zahlreichen „extratextuellen Betrachtungen“ aufrief.

Ich habe den Film gesehen und kann, bei allem Wohlwollen gegenüber dem Batman-Franchise als einer neuzeitlichen Ikone des Mainstreams und der Film-Popkultur, diese extrem hohe Bewertung nicht nachvollziehen. Zumindest ist der gegenwärtige Platz vier auf der Liste der besten Filme aller Zeiten eher ein Ausdruck dafür, wie die schräg Zuschauer ticken können, als dafür, wie überragend gut der Film sein könnte (3). Wir verwenden die „IMDb Top 250“ für das Filmfest als eine Art von Leitlinie, aber anhand solcher übertriebener Bewertungen zeigt die Liste auch ihre Schwächen, die man beim zugewandten, aber auch verständigen und maßvoll distanzierten Umgang mit ihr stets berücksichtigen muss.

Der Film wurde am 23. Juli 1937 in den USA uraufgeführt. Während der Film in Österreich bereits 1938 in den Kinos gezeigt wurde, erschien er in Deutschland erst am 16. September 1988 in einer TV-Premiere des Senders ARD. Weltweit spielte der Film 3,3 Millionen US-Dollar ein.[3]

Ich habe den Film also bei seiner Deutschland-Premiere gesehen und 3,3 Millionen Dollar waren in der Tat ein überragender Kassenerfolg, für die Verhältnisse der Zeit. Damit ist auch unsere Betrachtung von Jean-Harlow-Filmen fürs Erste abgeschlossen – nicht, wie ursprünglich geplant, als „Special“, aber doch innerhalb kurzer Zeit in dichter Abfolge (4). Zwei dieser sechs Filme waren noch Werke der Pre-Code-Ära und den Unterschied zu späteren Filmen von Harlow hatte ich 1989 bereits thematisiert.

TH

© 2021, 1989 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und / oder kursiv ohne zusätzliche Nummerierung durch uns: Wikipedia
(2) Screening the Past, Lisa Bode
(3) IMDb Top 250
(4) Unsere Rezensionen auf Grundlage von „Das internationale Filmverzeichnis Nr. 8“ aus dem Jahr 1989 mit Ergänzen von 2020 / 2021:

Regie Jack Conway
Drehbuch Anita Loos,
Robert E. Hopkins
Produktion Bernard H. Hyman
Musik Edward Ward
Kamera Ray June
Schnitt Elmo Veron
Besetzung

 

 

 

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