Schweinsteiger: Memories – Von Anfang bis Legende (DE 2020) #Filmfest 341

Filmfest 341 D

Erinnern Sie sich an die Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien? Ich mich schon. Es war nämlich das letzte Turnier dieser Art, für das ich mich ernsthaft interessiert habe. Und das war Typen wie Bastian Schweinsteiger und vor allem Philipp Lahm zu verdanken. Weil sie den bisher härtesten Kampf um den Worldcup geführt und gewonnen haben, sind sie auf ihre Weise Legenden geworden. Denn es war ein legendäres Turnier mit vielen mühevollen oder glücklichen Siegen und einem kuriosen, aber magischen Moment, dem 7:1-Halbfinale gegen Brasilien. So hatte ich die Empfehlungsrezension zu dieser Schweinsteiger-Filmbiografie eingeleitet und so lasse ich sie stehen, nachdem ich den Film gesehen habe – ergänzt ist diese -> Rezension nun um meine eigenen Eindrücke nach dem Anschauen. Weil sie dadurch das Feature wechselt, erhält der Text eine eigenständige Nummer.

Handlung

Unterbrochen von Rückblenden in die Kindheit und Jugend von Bastian Schweinsteiger zeichnet die Sportlerbiografie, die von dessen Freund Til Schweiger produziert wurde, die Stationen von Schweinsteigers Karriere nach. Von der Jugendabteilung zweier bayerischer Provinzclubs kam er zu Bayern München und bliebt dort während der bei Weitem überwiegenden Zeit seiner Karriere, gewann 2013 die Champions League mit dem Verein und wurde 2014 in Brasilien Weltmeister.

Die Rückblicke in Schweinsteigers frühe Jahre waren deshalb gut in den Film integrierbar, weil sein Vater ein Sportgeschäft besaß und besonders die sportlichen Tätigkeiten der Brüder Bastian und Tobias ausgiebig auf Video filmte.

Höhepunkte wie Schweinsteigers erster Einsatz in der A-Nationalmannschaft im Jahr 2004, das „Sommermärchen“ 2006, das verlorene „Finale dahoam“ der Championsleague 2012, der Gewinn der CL gegen Dortmund 2013 und das Finale der WM 2014 gegen Argentinien, in dem Schweinsteiger trotz schlechter körperlicher Verfassung, einem Spiel gegen einen sehr harten Gegner und einer Verletzung im Gesicht im Spiel selbst bis fast zum Ende der Verlängerung auf dem Platz blieb, sind die Höhepunkte des Films.

2020-04-18-filmfest-d-documentary-2020Rezension

Finale 2014: Jeder Ballkontakt wird von der Soundtechnik so unterlegt, dass er klingt wie ein Knallfrosch. Autsch, das tut so, so weh!, will uns dies zuweilen in Zeitlupe vorgetragene Klimax des Heldenepos über Bastian Schweinsteiger sagen. An dramaturgisch geschickt gewählten Stellen finden sich hingegen diese qualitativ sehr unterschiedlichen Aufnahmen, eine springt sogar bzw. hält die Bildränder nicht, aber das hat ja gerade Charme.

Anders als einige der Interviews, die mehr als banal daherkommen. Ganz nett sind noch die Jugenderinnerungen von Felix Neureuther oder dem Trainer-Urgestein Herrmann Gerland mit seiner schnodderigen Sprechweise, die so schön antiquiert wirkt und wohltuend, dass Gerhard Delling als journalistischer Experte ein paar analytische Sätze beisteuern darf. Auch der immer noch aktuelle Bundestrainer Joachim Löw wird interviewt und outet sich als Fan von Schweinsteiger:

„Hingegen: Jedes Mal, wenn ich den Namen „Jogi“ Löw lese, stellen sich mir die Nackenhaare auf. Ich will nicht zu einer allzu ausführlichen Analyse ansetzen, (…) aber der einzige Turniergewinn, den er seiner ewiglich währenden Karriere als Bundestrainer mit einer im Moment der Übernahme von Jürgen Klinsmann aufgestellten, hochbegabten, jungen Mannschaft hinbekam, war ebenjene WM 2014.

Sicher nicht seine Schuld, dass zu dem Zeitpunkt, als in Deutschland eine neue Spielphilosophie für ansehnlicheren Fußball sorgte, auch die spanische Nationalmannschaft so herausragend wurde, dass sie auf Jahre nicht zu bezwingen war, aber die Fails fanden nicht nur in Spielen gegen diese statt, wo es sichtbar an mentaler Stärke fehlte. Mein persönlicher Dank für die WM 2014 geht an Lahm, Schweinsteiger und Co., denn sie übernahmen nach dem furchtbaren, verlängerten Viertelfinale gegen Algerien das Regime, gewannen mit etwas Dusel und sehr viel Einsatz gegen Fankreich und im Finale gegen Argentinien, beide Mannschaften waren spielerisch mindestens gleichwertig.

Der kursive Text entstammt der Empfehlungsrezension. Die Argentinier waren also nicht nur hart drauf, so kommt es nämlich im Film weitgehend rüber und die Deutschen hielten dagegen, so gut sie konnten, obwohl sie eine andere Spielweise pflegten. Lionel Messi hatte nicht seinen besten Tag und das war ein großes Glück, wie sich u. a. anhand eines versemmelten direkten Freistoßes zeigte, den er normalerweise viel gefährlicher geschossen und vielleicht ins Lattenkreuz gezirkelt hätte.

Klar strukturierte und willensstarke Spieler in einer Mannschaft, die im Grunde ihren Zenit überschritten hatte, wussten, dass es für einige von ihnen die letzte Chance auf einen Turniersieg werden würde und für mich war nach dem anschließenden Rücktritt von Philipp Lahm als einem der intelligentesten Fußballer, die je in Deutschland gegen den Ball getreten haben, klar, das wird künftig nichts mehr, wenn nicht auch ein Trainerwechsel stattfindet. Erste Skepsis kam bei mir schon während der WM 2010 auf und nach dem entsetzlichen Halbfinale bei der EM 2012 mit einer von Löw provozierten Niederlage gegen Italien und gemäß meinen Beobachtungen des Trainers während jener EM war es für mich das zweite Fußball-Wunder nach 1954, dass mit ihm, zum Ende hin auch gegen ihn, zwei Jahre später ein Turniergewinn möglich wurde.

Zu diesen Spielern zählte Schweinsteiger, der, das wird im Film nicht verschwiegen, durch seinen hohen körperlichen Einsatz einem höheren Verschleiß unterlag als Spieler, die „sich auch mal zurücknehmen“, wie der ebenfalls interviewte Ulrich Hoeneß es ausdrückt.

Es waren die Spieler, „Die Mannschaft“. Unvergesslich im Finale der „blutende Held“ Schweinsteiger, der mit letzter Kraft diesen Titel sichern half und danach ausgepowert war bis – bis zum Karriereende im Jahr 2019, wenn man es genau nimmt. Ein sehr hoher Preis für einen Titel.

Dies kommt im Film durchaus rüber, auch wenn es nicht zu sehr in den Vordergrund gerückt wird, denn es handelt sich um eine Hommage, nicht um eine kritische Reflektion über Sinn und Unsinn des Hochleistungssports. Bei den Fußballspielern kann man immerhin noch sagen, sie haben ihre Knochen für gutes Geld hingehalten, das gilt bei anderen Spitzensportler*innen oft nicht in dem Maße, obwohl sie eine ebenso gute Show bieten und exzeptionelle Typen sind.

Was seitdem passierte, ist bekannt: Löw hat einen Negativrekord nach dem anderen mit der deutschen Nationalmannschaft aufgestellt und ich habe mittlerweile den Verdacht, er hat etwas gegen die DFB-Oberen in der Hand, das sie dazu zwingt, ihn einfach immer weitermachen zu lassen, ansonsten würde er den Whistleblower geben und ein Skandal wäre die Folge. Ich denke dabei immer sofort an das Gemauschel um die WM-Vergabe 2006, aber da wird sicher noch mehr sein, denn dass der Fußball der einzige saubere Sport sein soll, der gleichzeitig ein großes Geschäft darstellt, wäre eine arg naive Sichtweise.

Auch in diesem Interview zeigt Löw eine sehr eigenwillige Art, die nicht nur auf den schwäbischen Singsang zurückzuführen ist, sondern auf eine ziemlich interessante Beziehung zu sich selbst, inklusive des mega-künstlichen Grinsens, das er sich offenbar bewusst angeeignet hat. Solange in diesem Buddy-Cluster, der sich aus dem Trainer, altgedienten Spielern, die ihm zu Ansehen verholfen haben, Schauspielern und anderen Promis, zusammensetzt, keine Bewegung entsteht und alle nur sich selbst und die Vergangenheit feiern, wird sich nichts ändern.

Die Situation Mitte der 2000er war anders, die jetzige Verkrustung ist nicht nur am nervenzerrenden Festhalten an einem Trainer spürbar, der nicht in der Lage ist, eine Mannschaft neuzugestalten – sondern auch an Filmen, die sich ganz auf eine Person konzentrieren und sie nicht in einen historischen oder größeren Kontext stellen. Man erfährt nicht einmal, ob Schweinsteiger in seiner Jugend Idole hatte, an denen er sich ausrichtete oder vielleicht gar kein Fan-Typ war. Privat sieht man nur ein paar Aufnahmen mit seiner dekorativen Frau Ana Ivanovic, wo er den sympathischen Kumpel gibt, der auf ihrem eigenen Feld, dem Tennisplatz und aufgrund seiner körperlichen Verbrauchtheit nicht den Hauch einer Chance hat, auch  nur ein einziges Spiel gegen sie zu gewinnen.

Leider gab es einen ca. 2-minütigen Versprung in der Aufzeichnung wegen Netzausfall ausgerechnet dann, als das unfassbar blamable Halbfinale bei der EM 2012 gegen Italien gezeigt wird, dessen peinlicher Anstrich vollkommen auf eine falsche Taktik des Trainers zurückgeht. Es hätte mich so interessiert, ob ihn das im Film zu einem Moment echter Selbstkritik verleitet hat, denn er hat Schweinsteiger, Lahm & Co. mit diesem auch persönlich vergurkten Auftritt (in der Nase bohren, sich unter den schwitzenden Achseln kratzen) die Chance auf ihren ersten Titel genommen.

Schweinsteiger musste aufhören, bevor es richtig schlimm mit der Nationalmannschaft wurde, nämlich 2016, nach dem EM-Aus ebenfalls im Halbfinale gegen Frankreich, das dann überraschend von Portugal geschlagen wurde. Das hat ihm einigen Frust erspart, zumal er auch in seinem Verein Manchester United zu der Zeit kaum noch zum Einsatz kam. Seine Konstitution erlaubte den Einsatz in der besonders schnellen und harten Premier League kaum noch.

In der IMDb wird die Dokumentation mit 7,6/10 bewertet. Das ist für ein deutsches Produkt viel, deutlich mehr als bei einem Film über Toni Kroos, der ein Jahr zuvor entstanden ist. Auch die Moviepilot-Community wertet für diesen im Juni 2020 erschienen Film mit 7,3/10 – für ihre Verhältnisse – recht hoch.

In Wirklichkeit heißt der Film so: SCHW31NS7EIGER: Memories – Von Anfang bis Legende. Der Filmdienst findet das gar nicht witzig, ich habe den Namen normal geschrieben, damit dieser Beitrag besser zu finden ist.

  • „Dokumentarisches Porträt des deutschen Fußballstars Bastian Schweinsteiger im Stile eines huldigenden Geburtstagsständchens“ befindet der Filmdienst, stört sich an dem Begriff „Legende“, vergleicht Schweini mit Maradona und vergibt nur 2/5.

Klar, das Porträt ist u. a. autorisiert, da werden keine allzu tiefen Einblicke in die negativen Momente der Karriere gegeben. Dass Schweinsteiger aus „stabilen Verhältnissen“ stammt, wie es in der Kritik heißt, wie die meisten der aktuellen deutschen Fußballspieler und anders als Maradona, sollte man ihm nicht zum Vorwurf machen und daran festmachen, ob jemand zur „Legende“ werden kann, ähnlich wie einige Spieler der Weltmeistermannschaft von 1954, weil er Außergewöhnliches vollbracht hat.

Das hat mich denn auch geärgert: Schweinsteige kann nichts dafür, dass er in eine intakte Mittelstandsfamilie hineingeboren wurde und nicht im Slum aufwuchs, dass er gefördert und offenbar von seinen Eltern gut behandelt wurde. Sein Vater war kein Mafioso, der seinen Sohn irgendwo gegen Bestechungsgeld unterbrachte, sondern führte einen Sportladen.

  • „Schlecht kommt Bastian Schweinsteiger mit ‚Schw31ns7eiger Memories: Von Anfang bis Legende‘ natürlich nicht weg, wieso auch. Schon der Titel signalisiert, worum es der Dokumentation geht: Einer Legende des deutschen Fußballs soll ein Ehrendenkmal errichtet werden. Ein weiteres Indiz hierfür ist einer der Macher hinter der Kamera. Zu den Produzenten von ‚Schw31eins7eiger‘ gehört Til Schweiger, ein erklärter Freund und Fan des Gehuldigten“, heißt es hingegen bei „Filmreporter.de„.

Enthüllungsjournalismus habe ich nicht erwartet, insofern finde ich die Einstellung der zweiten Kritik logisch, empfehle beide zum Nachlesen, denn, um ehrlich zu sein: Wir haben doch viel zu viel Huldigungs- und Buddy-Journalismus und -artwork inklusive psychedelischer Titelgestaltungen –  unabhängig davon, ob einer, der den Hamburg-Tatort zerstört hat, einen Film über jemanden machen sollte, der die WM 2014 retten half. Ich werde mir den Film ansehen, wenn wieder er frei verfügbar ist (das war er kürzlich schon, aber da habe ich den richtigen Zeitpunkt verpasst), weil ich natürlich auch noch einmal dem Fußball in jener Zeit nachspüren will, als das Zuschauen Spaß machte. Die WM 2014 habe ich, die deutschen Spiele betreffend, fast komplett aufgezeichnet. Das Bedürfnis, mir das alles noch mal anzusehen oder gar aufzubereiten, entsteht trotz der aktuellen Flaute eher nicht. 

Auch der Schluss ist einfach nur furchtbar, der Abspann, währenddessen alle herumgrimassieren und die verhaspelten Stellen gezeigt werden. Das hat man sich aus anderen Filmen abgeschaut, innovativ ist die visuelle und dramaturgische Gestaltung ohnehin nicht, sondern geht auf Nummer sicher, dem Inhalt entsprechend. Dass Schweinsteiger und Til Schweiger gut zusammenpassen, zeigt sich im einzigen neueren privaten Moment ohne Schweinsteigers Frau. Na gut. Ich fand Szenen, die große Emotionen der letzten 15 Jahre noch einmal wachgerufen haben und finde, dass ein sympathischer Typ sympathisch dargestellt wird, denn das ist Bastian Schweinsteiger wohl wirklich: bodenständig und ein Teamplayer, der immer ein hervorragendes Auge für die Spielszene und die Mitspieler hatte. Deshalb hat man sicher einen der Fußballspieler der letzten 15 Jahre gewürdigt, die sich dafür am besten eignen.

7/10

© 2021, 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie

Robert Bohrer  

Mitwirkende (in Reihenfolge der Nennung)

 
Bastian Schweinsteiger Bastian Schweinsteiger    
Ana Ivanovic Ana Ivanovic    
Fred Schweinsteiger Fred Schweinsteiger    
Tobias Schweinsteiger Tobias Schweinsteiger    
Felix Neureuther Felix Neureuther    
Uli Hoeneß Uli Hoeneß    
Karl-Heinz Rummenigge Karl-Heinz Rummenigge    
Oliver Kahn Oliver Kahn    
Joachim Löw Joachim Löw    
Louis van Gaal Louis van Gaal    
Jupp Heynckes Jupp Heynckes    
Michael Ballack Michael Ballack    
Miroslav Klose Miroslav Klose    
Manuel Neuer Manuel Neuer    
Jerome Boateng Jerome Boateng    
Thomas Müller Thomas Müller    
Holger Badstuber Holger Badstuber    
David Alaba David Alaba    
Lukas Podolski Lukas Podolski    
Gerhard Delling Gerhard Delling    
Hermann Gerland Hermann Gerland    
Jan Pienta Jan Pienta    
Werner Kern Werner Kern    
Friedrich Curtius Friedrich Curtius    
Hans Kurz Hans Kurz    
Alex Boler Alex Boler    
Veljko Paunovic Veljko Paunovic    
Nelson Rodriguez Nelson Rodriguez    
Dax Mccarty Dax Mccarty    
Eric Gehrig Eric Gehrig    
Kenneth Kronholm Kenneth Kronholm    
Fabian Herbers Fabian Herbers

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