Väter – Tatort 549 #Crimetime 907 #Tatort #Kiel #Borowski #NDR #Väter #Vater

Crimetime 907 - Titelfoto © NDR, Manju Sawhney

Ich höre!

Der folgende Text bezieht sich auf die Erstpublikation der Kritik im September 2013: Suchen wir uns für die 250. Tatort-Rezension beim Wahlberliner einen besonderen, einen Top-Tatort oder einen historisch bedeutsamen heraus? Oder kommt etwas anderes, ebenfalls Spezielles?

Wir haben uns entschieden, einen Kommissar zu würdigen, den wir mittlerweile für einen der besten, wenn nicht den besten Ermittler der Serie „Tatort“ halten und starten mit der 250. Kritik eine kleine Aufholjagd, die vier seiner Krimis umfasst. Damit würdigen wir ihn entsprechend der Stellung, die er sich mittlerweile erarbeitet hat. Ja, erarbeitet. Denn der Kieler Kauz ist schrittweise nach vorne gekommen und seine Filme sind gelungene Beispiele dafür, wie man Qualität konservieren und ausbauen kann. Selbstverständlich ist „Väter“ nicht unser erster Borowski. Seine Tatorte seit MItte 2011 haben wir nach Erstausstrahlung rezensiert, andere bereits nachgeholt – wie bei vielen weiteren Tatort-Teams. Und wie geht es den Vätern? Das klären wir in der -> Rezension

Handlung

Kein besonders guter Tag für Kriminalhauptkommissar Borowski: Der Zeuge Scharndorf, angesehene Lokalgröße, will in einem Mordfall nicht aussagen, um seinen Ruf nicht zu gefährden. Als Borowski ihn kurzerhand nackt auf dem Dach eines Bordells ankettet, um ihm über die Schamgrenze zu helfen, bringt ihm das fast die Suspendierung, jedenfalls aber einige Stunden bei der Betriebspsychologin Frieda Jung ein. Noch dazu taucht seine Tochter Carla auf, die auf keinen Fall mit der Mutter und deren neuen Lover verreisen möchte.

Doch das sind Nichtigkeiten gegenüber der endgültigen Wendung, auf die ein anderer Mensch zu dieser Zeit zusteuert: Lars Betz, geschieden, ein Sohn, ehemals Seemann, nun Fahrer für einen Schiffausstatter, wird nach Aussage seines Chefs den Job verlieren, wenn er an diesem Tag nicht pünktlich ist. Das wäre ein Verlust zu viel für den labilen Mann. Betz gerät in eine Radarfalle und wird geblitzt. Auch das kann ihn den Job kosten. Er fordert den Polizisten Ebert auf, den Film heraus zu geben – was dieser verweigert. Betz hetzt davon, doch Ebert folgt ihm und stirbt unter einem Lastwagen. Betz flüchtet.

Es ist keine schwierige Ermittlung, die Borowski und seinen Assistenten Alim Zainalow zu der Firma von Betz‘ Arbeitgeber führt. Doch Betz ist auf dem Foto nicht zu erkennen. Und eigentlich war es auch nicht seine Tour. Die sollte sein Chef Oliver Nagel fahren. Das sagt Wächter aus, Betz‘ zweiter Chef. Ein kurzer Aufschub für Betz, um sich von seinem Kind zu verabschieden. Wer weiß, was nun auf ihn zukommt. Doch Nagel wird den Irrtum nicht mehr aufklären können. Seine Leiche wird im Holzhafen gefunden. Es könnte für Betz glimpflich ausgehen, doch einen Mörder möchte auch sein Chef Wächter nicht decken. Betz wird festgenommen, der „Polizistenmörder“.

Als Borowski trotzdem weiter ermittelt, erntet er den Frust und den Ärger der Kollegen. Warum meint er, der Polizistenmörder sei unschuldig? „Und wann“, fragt Borowski zurück, „hat Ziehmann erfahren, dass wir Nagel gesucht haben?“ Es gibt noch weitere Fragen. Warum war Nagel z.B. am Vortag bei Scharndorf? Und wusste sein Kompagnon Wächter davon? Als sich die Hinweise verdichten, gesteht Betz plötzlich.

Rezension

Wir sind in der glücklichen Lage, unsere kleine Reihe mit „Väter“ starten zu können – also mit dem ersten von derzeit 21 Borowskis. Zudem gibt es demnächst sein 10jähriges Tatortjubiläum zu feiern, denn es war am 30.11.2003, als er mit „Väter“ erstmals dem gespannten Sonntagabend-Publikum präsentiert wurde.

Und wieder ein Debüt. Nein, kein aktuelles, sondern eines, das bereits vor zehn Jahren stattfand. Der Einstand von Axel Milberg als Kommissar Klaus Borowski in Kiel. Ein liebevoller Vater, ein leidenschaftlicher Polizist und einer, der sich von Dienstvergehen zu Dienstvergehen hangelt und nur deshalb noch nicht suspendiert ist, weil von ganz oben die Sitzungen bei Frieda Jung angeordnet wurden. Mögen sie Borowskiks Soziophobie abhelfen.

Für 2003 war diese neue Ermittlerfigur ein Grenzgänger. Mittlerweile hat sich Borowskis Sozialprofil verbessert.  So sehr, dass es zur Verstrickung kam, woraufhin Frieda Jung die Kieler Mordkommission verließ und Sarah Brandt kam, die denn wohl doch zu jung für eine private Annäherung an den zehn Jahre älteren Kommissar wirkt.

Der Humor ist dem Borowski trotz der Abwesenheit von Frieda Jung nicht verloren gegangen, auch wenn es hin und wieder eine Erinnerungsmelancholie gibt, die dem leitenden Ermittler etwas wie Tiefe gibt.

Im ersten Tatort „Väter“ ist alles noch ein wenig anders und doch schon viel von dem angelegt, was wir heute so schätzen. Die Dynamik, das Spannungsfeld der Dienst-Konstellation, zu der auch Kriminalrat Schladitz am oberen Ende der Hierachie sowie der junge Assistent Zainalow gehören. Eine solche Figur, die von den erfahrenen Ermittlern regelmäßig gefaltet wird, wenn diese ihre Launen haben, gibt es in vielen Tatortstädten, aber hier gibt es auch Widerstand, unterschiedlich ausgeprägt von Fall zu Fall und mittlerweile Geschichte.

Dass der erste Borowski „Väter“ genannt wurde, kommt nicht von ungefähr, denn viel Raum nimmt dessen Verhältnis zu Tochter Carla ein. Wenn man sieht, wie die beiden miteinander agieren, kann man dem Mann nicht mehr so böse dafür sein, dass er seine Dienstumgebung gerne schikaniert und die Sitzungen bei der Psychologin mit der Laufmasche erkennbar als lächerlich empfindet. Wir hingegen empfanden deren Ansprache am Ende als etwas überzogen, die dazu führt, dass nicht Borowski, sondern sie die Situation deeskaliert, in der ein junger Polizist die Waffe auf den Kommissar richtet.

Es wird mit Trauma-Verarbeitung gedealt. Da ist zum einen ein Verkehrspolizisten-Team, das durch einen grausamen Unfall auseinandergerissen wird. Der überlebende Partner wird von Frau Jung therapiert und Borowski platzt dazwischen und zieht ihn auf eine barsche Weise aus der Situation und wieder hinein in seinen Konflikt, der darin besteht, dass er aus privaten Gründen nicht anwesend war, als sein Kollege den Tod fand und sich an diesem Tod die Schuld gibt. Dadurch wohl kommt es zu der gefährlichen Szene am Ende, die von Frieda Jung kommunikativ gelöst wird.  Und dann noch zu einer Handlung seitens Borowskis an dem Kollegen, die Frau Jung mit „Ja, ja, die gute alte Ohrfeige“ kommentiert. Ist die lehrbuchhafte Ansprache, der die Ohrfeige folgt, Ironie?

Man kann es nicht mit Sicherheit sagen, denn unterschwellig und manchmal auch derb ironisch ist Vieles in diesem Film, auch im Verhalten von Borowski und die Sache mit der mangelnden Situationsbeherrschung allerorten, von der Laufmasche über Borowskis zeitweilige Ausfälle bis hin zu der Anfangszene, die natürlich ein Knaller und gut für die Einführung einer neuen Ermittlerfigur ist: Wie Borowski im Bordell einen stadtbekannten Unternehmer festnimmt und mit  Handschellen an ein blinkendes Herz auf dem Vordach des Puffs festmacht, wo dieser Bürger mehrere Stunden zubringen muss. Daraufhin kommt es beinahe zur Suspendierung des Neuen, bevor wir ihn überhaupt richtig kennenlernen durften. Es sei vorweggenommen, die Figur ist so facettenreich, dass wir ihn auch nach „Väter“ nicht vollständig kennen, zudem entwickelt er sich ja sachte und im Zwei-Schritte-vor-einer-zurück-Modus über die Jahre weiter.

Dem ersten Borowski fehlt noch der schräge, manchmal nur mit mystischen Momenten beherrschbare Plot, der mittlerweile ein Markenzeichen der Kieler Tatorte geworden ist. Mit oft ungewöhnlichen Handlungen (zuletzt rezensiert: „Borowski in der Unterwelt“) geht eine besondere Atmosphäre einher, die mit zum stärksten Impact aller derzeitigen Tatorte führt. Auch dies hat sich aber erst entwickelt und so ist es folgerichtig, dass der Kieler Tatort sich eine weitere Auszeichnung verdient: Diejenige, als einer der wenigen Standorte die Qualität über die Jahre nicht nur gehalten, sondern tendenziell sogar verbessert zu haben.

Das liegt an Axel Milberg und seinen Mitspielern, aber auch an einem intelligenten Konzept, das nicht so schnell auserzählt ist, aber dennoch eine Dynamik aufweist. Die ganz altgedienten Tatortler haben eher eine Statik erreicht, mit welcher der Zuschauer gut klarkommt, weil das Erwartete auch seine guten Seiten hat, aber in der Borowski-Figur lebt nach wie vor die Spannung darüber, wie’s weitergeht. Etwas Ähnliches hatten sie in Frankfurt mit Fritz Dellwo und Charlotte Sänger hinbekommen, doch ist dort ist schon das Nachfolgeteam nach lediglich fünf Folgen Teilgeschichte.

Natürlich erleben auch andere Kommissare nicht selten Persönliches, vor allem, weil ja immer wieder Tatverdächtige aus dem persönlichen Umfeld kommen, als ob Kommissare in einem riesigen Milieu potzenzieller Verbrecher angesiedelt wären, wo sie doch, wie auch Borowski, in Wahrheit eher Einzelgänger sind. Diese Diskrepanz zeigt Kiel nicht, weil die Spannung hauptsächlich aus der Dynamik des Teams und der Figuren erwächst. Die haben es dort, anders ausgedrückt, nicht nötig, den Zuschauer immer wieder dadurch einzufangen, dass die Kommissare die Fälle aus persönlichen Gründen persönlich nehmen und dadurch stärker emotionalisiert sind – denn unterschwellig oder offen sehr emotional, das ist der Eigenbrötler Borowski sowieso.

Vom ersten Augenblick an, und nicht erst, als er sein charakteristisches „Ich höre!“ zum ersten Mal ins Telefon sagt, hören und schauen wir ihm zu und schenken ihm unsere Aufmerksamkeit.

Finale

„Väter“ ist ein klassischer Whodunnit, der noch nicht andeutet, wozu sie in Kiel noch fähig sein würden, aber es ist auch einem Erstling gemäß, dass der Plot nicht zu kompliziert sein darf. Denn es sind viele Figuren einzuführen und deren Charakteristika müssen so herausgearbeitet werden, dass sie im Gedächtnis bleiben und in den nächsten Filmen etwas mehr in den Hintergrund treten können.

Trotz dieser Akzentuierung weg vom Krimi ist es keine Frage, dass „Väter“ zu den gelungenen Tatorten zählt. Nicht nur, weil gleich zwei Väter (Borowski und einer der Verdächtigen, gespielt von Dominque Horwitz) in Erscheinung treten, die auf ganz unterschiedliche Art mit den Schwierigkeiten einer Vaterrolle zu kämpfen haben. Sondern, weil der Film schon diesen Detailreichtum und mehrere Ebenen von Humor aufweist, Elemente, die Kieler Tatorte mit Klaus, Roland, Frieda und jetzt Sarah bis heute auszeichnen.

7,5/10

© 2021, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Klaus Borowski – Axel Milberg
Frieda Jung – Maren Eggert
Roland Schladitz – Thomas Kügel
Alim Zainalow – Mehdi Moinzadeh
Carla Borowski – Neelam Schlemminger
Bernd Wiegand – Christian Grashof
Elke Betz – Gunda Ebert
Lars Betz – Henning Peker
Oliver Nagel – Hans-Georg Panczak
Stefan Wächter – Götz Schubert
Wolfgang Ebert – Tim Wilde
Jens Ziehmann – Tobias Nath

Buch – Orkun Ertener
Kamera – Benjamin Dernbecher
Musik – J. J. Gernt
Regie – Thomas Freundner

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