Das ist unser Haus – Tatort 1153 #Crimetime Vorschau 17.01.2021 Das Erste 20:15 Uhr #Tatort #Stuttgart #Lannert #Bootz #SWR #UnserHaus

Crimetime Vorschau - Titelfoto © SWR, Benoit Linder

Finger weg von unserem Projekt!

„Das Stuttgarter Ermittlerduo Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) bekommt es in seinem 27. Fall „Das ist unser Haus“ mit einer alternativen Baugemeinschaft zu tun, die wortwörtlich eine Leiche im Keller – pardon, AM Keller – hat. Das bringt nicht nur die positive Schwingungen innerhalb der Wohngruppe, sondern sogar die Aura des gesamten Hauses kräftig durcheinander. Schließlich wird der Mörder in den eigenen Reihen vermutet!“ So leitet die Redaktion von Tatort-Fans ihre Beschreibung zum Film ein. „Die ersten Dialoge der Wohngruppe sind wegweisend für den Rest des Films: entweder wird Verständnis gezeigt oder gestritten. Ein Ideal wird versucht, das an der Natur des Menschen scheitert“, heißt es weiter, am Ende findet eine Stimme es gut, die andere langweilig. Hm.

Mein erster Eindruck: In dem Film sollen self-empowerte Lebensformen durch den Kakao gezogen werden – und was darf das Publikum davon halten? Dass hierarchisch-kapitalistisch-patriarchalisch besser ist, weil nur einer das Sagen hat und nicht um Lösungen gerungen werden muss, weil alle anderen die Klappe zu halten haben und die Politik auch noch so geschmiert wird, dass das Wort „Fassadendemokratie“ gar nicht so falsch ist? Sind wir wieder mal auf dem gut kaschierten Fascho-Trip, der ja auch in Tatorten und Polizeirufen immer mehr Einzug hält (zu Beispiel durch das Hypen von Selbstjustiz anstatt Berücksichtung rechtsstaatlicher Grundsätze), auf äußerst manipulative Art verbrämt und gleichzeitig verstärkt durch Political Correctness? Ethik wird in Geiselhaft zwecks Rechtfertigung primitivster Handlungsweisen genommen. Das war das Wort zum Sonntag, nun weitere Stimmen.

„Ein Krimi auf der Höhe unserer Zeit“ befindet der SW3-Tatortcheck und vergibt – fünf Elche! Das ist natürlich tricky, weil es sich bei dem Film um ein Produkt aus dem eigenen Haus handelt, daher etwas mehr Text zur Erläuterung: „Jeder Zuschauer ahnt es bis hier: Diese Freaks treffen auf unsere allerbesten Vorurteile. Sie wollen gut angezogene Hipster sein, sind aber in Wahrheit übertrieben biedere Hippie-Fetischisten, die mit Gruppendiskussion allem auf den Grund gehen. Das merken übrigens auch die sehr feinsinnigen Kommissare Lannert und Bootz, die in diesem Tatort kaum zum Ermitteln kommen. Alles hier wirkt wie aus einer Social-Media-Verschwörungs-Selbsthilfegruppe. Jeder darf seinen verschwurbelten Wahnsinn mal zum Besten geben. Dann wird basisdemokratisch abgestimmt, ob’s auch echt wahr ist.“ Es geht darum, wie sich die Leiche „am“ Keller auf das Karma der Baugemeinschaft oder -genossenschaft auswirkt, und wie ist es mit ebenjenem bereits angesprochenen Publikum, also uns? „(…) Dieser Tatort hält uns einen Spiegel vor die Nase: Sind wir in Wahrheit auch so bieder und glauben wir auch – viel zu schnell – all den verrückten Wahnsinn, den sich irgendwer zusammenspinnt, so lange es einigermaßen ins eigene Weltbild passt? Der Tatort zeigt auch, dass das echte Leben inzwischen ist wie Social Media. Vom Leugner bis zum Messias, vom Verschwörungstheoretiker bis zum Opfer: Alles da. LOL!!!“

Da hat sich jemand mächtig den Brass von der Seele geschrieben, aber aus Stuttgart kommen bekanntlich auch die Wutbürger und manchmal nach Berlin, wenn es zum Beispiel ums Querdenkertum in Sachen Corona geht. Das habe ich verstanden. Aber so sind die Wohnprojekte, die ich kenne, auch nicht aufgestellt. Ein bisschen mehr am eigenen Wohlergeben als an der großen Solidarität orientiert, das schon. Man merkt es daran, dass sie gerne aus der Öffentlichkeit verschwinden, wenn sie, nicht selten mit Hilfe der Politik, ihre Ziele erreicht haben. Aber es sind ja nicht nur Schwaben und Schwäbinnen dabei und in Berlin gibt es unter jedem Haus, in diesem tief historischen Grund, irgendwelche Relikte.

Thomas Gehringer gibt in Tittelbach-TV zu Protokoll: „Ausflug ins schwäbische Biotop: Im Fundament eines frisch bezogenen Neubaus wird eine weibliche Leiche gefunden, weshalb die Bewohnerinnen und Bewohner der „Wohngenossenschaft Oase“ in Ostfildern bei Stuttgart aufs Komischste aneinander geraten. Dietrich Brüggemann (Drehbuch, Regie, Musik) präsentiert in seinem dritten „Tatort“ – wie bereits in „Stau“ – ein Potpourri skurriler Typen. „Das ist unser Haus“ (SWR) ist ein Krimi mit fundierter, wenn auch satirisch zugespitzter Milieu-Kenntnis. Die verschwurbelten Dialoge und das zum Teil laienhafte Spiel sind zwar nicht unanstrengend, treffen aber genau den Ton von Kollektiven, die ihren Traum vom alternativen Leben in quälenden Gruppensitzungen in Grund und Boden quatschen.“

Ich merke schon, alle Tatort-Kritiker*innen kennen sich bestens mit dem „Milieu“ aus, aber ich glaube, da ist etwas anderes gemeint als das, was ich unter einem Kollektiv verstehe, denn jede demokratisch organisierte Einheit ist auch ein Kollektiv. Was hier beschrieben wird, ist eher ein Milieu, das Progressivität, Nachhaltigkeit, Humanität eher vorspiegelt als ethisch fundiert lebt. Das kommt davon, dass die meisten aus dem „Milieu“ wenig politisch gebildet sind und außerdem aus neoliberal-bürgerlichen Elternhäusern stammen.

Den Ausbruch und Aufbruch hat diese Generation aber nie gewagt, sondern sich verhipstert und trägt die Nase sehr hoch. Ich erkenne jetzt doch viele Typen aus meinem Berliner Wohnkiez wieder. Alles Schwäbinnen und Schwaben? Eher nicht. Die Plattheit, die aus dieser Viertelintellektualität und dem Formalakademikertum heutiger Ausprägung erwächst, lässt sich, damit überhaupt ein Lebenssinn, eine Art Raison d’être wenigstens suggeriert werden kann, nur mit etwas Ökogedöns verkleiden, das eben nichts mit globalem Bewusstsein zu tun hat – sondern die unhaltbaren Zustände verfestigt. Deswegen wird es im Bund möglicherweise nach der Wahl 2021 auch zu einer Jamaika-Koalition kommen, ohne dass die meisten Grünwähler*innen das irgendwie komisch finden werden.  

Ach ja, Tittelbach vergibt 4,5/6, das ist bei dieser Publikation sozusagen eine Durchschnittsbewertung.

Selbst dem Meister der Titelfindung Christian Buß vom Spiegel fällt dieses Mal nur ein: „Unter Öko-Spießern – Kehrwoche mit Achtsamkeitskontrolle und Aurareinigung: Lannert und Bootz ermitteln in einem Wohnprojekt linker Schwaben. Der »Tatort« als WG-Komödie.“ Auch hier zitiere ich dieses Mal etwas ausführlicher: „Die Kommissare verstehen nicht, weshalb sich Menschen freiwillig solche Endlossitzungen antun. Die Gruppenälteste hat aber während des Gesprächs unter vier Augen ein gutes Argument parat: »Menschen an sich sind halt schwierig und nervtötend und fehlerhaft. Aber wer das nicht will, der kann ja in so ein Reihenhaus ziehen – und sich dann am Ende wundern, wenn er stirbt und keiner vermisst ihn. Hier hat man halt die ständige Auseinandersetzung mit Leuten, die sich die Hälfte der Zeit aufführen wie egozentrische Kleinkinder. Aber die finden einen wenigstens, wenn man tot ist.“ Buß vergibt 6/10.

Na bitte. Angesichts der vielen Kinderlosen heutzutage und derer, die sich aus Gründen der Solidarität ihrer Kinder nicht sicher sein können, wird hier wenigstens ein Panorama eröffnet – denn viele werden im Alter tatsächlich in WGen dieser Art ziehen müssen, wenn sie nicht im profitgetriebenen Heim- und Wohnbetreuungs-Business verwaltet werden wollen. Für viele von uns geht es hier also auch um einen Blick in die eigene Zukunft: Die Wahl, ob wir uns lieber den Stress antun, den man von gleichberechtigten Teams eben kennt oder ob wir uns lieber komplett bevormunden lassen, also noch etwas mehr als jetzt schon. Was im Film selbstverständlich weggelassen werden dürfte, sonst hätte er ja keinen satirischen Einschlag, ist eine moderne und gut moderierte Kommunikation, die durchaus nicht chaotisch verlaufen und in freidrehenden Egoismen enden muss. Was man im Film eher sieht, ist wohl, was unverdaut von einigen Elementen einer nicht wirklich durchdachten antiautoritären, in Wirklichkeit zum Egoismus leitenden Erziehung der 1970er übriggeblieben ist und das genaue Gegenteil von Gruppenachtsamkeit: Nämlich, dass jeder in und mit sich selbst gefangen ist. Auch wenn es einigen Autoritären nicht passt, selbstverwaltete Projekte und genossenschaftliche Modelle funktionieren in der Regel.

Der Titel ist übrigens einem Lied von Ton Steine Scherben entnommen, das in Berlin von der Mieterbewegung im Jahr 2020 wiederentdeckt und neu eingespielt wurde – unter anderem mit Veteranen der Band, die einst Rio Reisers Band war. Schon deswegen bin ich kein Fan davon, es für einen Film zu verwenden (oder zu missbrauchen), der etwas ganz anderes zeigt als die Kämpfe, die seit den späten 1960ern mit Liedern wie diesem verbunden sind und deren gesellschaftspolitische Hintergründe.

Wir bescheiden uns heute mit drei zitierten Rezensionen, weil ich selbst recht umfangreich kommentiert habe und die ARD zusätzlich meint, ihre eigene Handlungsangabe mit einem erklärenden Text unterlegen zu müssen (was ist ein liebevoll-schonungsloser Blick?). Vorurteile gegenüber dem Film und dem, was er sich aneignet? Ach was. Heute Abend wird aufgezeichnet und eine ganz und gar sachliche Rezension wird es auch geben.

Handlung

Vor vier Wochen sind die Mitglieder der Baugemeinschaft Oase Ostfildern in ihr Gebäude eingezogen und schon muss wegen eines Abdichtungsproblems das Fundament wieder aufgebaggert werden. Zum Vorschein kommt ein noch größeres Problem: eine nicht identifizierbare weibliche Leiche.

Thorsten Lannert und Sebastian Bootz versuchen, sich zwischen Gruppensitzungen und Gefühlsäußerungen der Bewohner*innen ihren Weg zu bahnen, um Hinweise auf die Identität der Toten zu erhalten. Sie begegnen dabei dem idealistischen Traum vom gemeinschaftlichen Wohnen wie auch den Konflikten, die zwischen den Wohnungsbesitzern aufscheinen, als denen bewusst wird, dass jemand von ihnen womöglich zum Täter wurde. Zumal es sich bei der Toten um eine ehemalige Bewerberin handeln könnte, die irgendwann spurlos verschwand.

Ein Teil der Gruppe macht einen eigenen Verdächtigen außerhalb des Hauses aus und damit sich selbst das Leben leichter. Die Kommissare allerdings sind nicht bereit, sich von Aura und Bauchgefühl beeinflussen zu lassen. Ihnen gibt vielmehr zu denken, dass ausgerechnet die vermisste Bewerberin unter einigen der Bewohner für Aufregung gesorgt hatte.

ARD-Werbetext

Dietrich Brüggemann und Daniel Bickermann, die für das Stuttgarter Kommissarsteam bereits den „Tatort: Stau“ schrieben, knüpfen auch mit diesem Drehbuch im Alltag an: Wohnbau ist gerade im Raum Stuttgart ein drängendes Thema. Wobei es den Häuslebauer*innen im „Tatort: Das ist unser Haus“ nicht nur um das eigene Dach überm Kopf, sondern vor allem um den Traum vom gemeinschaftlichen Leben geht. Ein Ideal, das sich nach der langwierigen Entwicklungsphase ihres Projekts nun in der Realität beweisen muss und zusätzlich durch die Auseinandersetzung mit den Kommissaren auf die Probe gestellt wird. Und auch für Lannert und Bootz ist die Ermittlung in einem Milieu, in dem ganz eigene Denkweisen verankert sind, eine Probe, wenn auch vor allem eine für die Geduld. Dietrich Brüggemann inszenierte mit liebevoll-schonungslosem Blick für das Milieu seiner Figuren wie für ihre Selbsttäuschungen und Absurditäten, witzig, entlarvend und menschlich-allzu menschlich.

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Thorsten Lannert – Richy Müller
Hauptkommissar Sebastian Bootz – Felix Klare
Gerichtsmediziner Dr. Daniel Vogt – Jürgen Hartmann
Leiterin der „Oase Ostfildern“ Ulrike Hoffmann – Christiane Rösinger
Heilpraktiker Wendelin Schneider – Eike Jon Ahrens
Mitbewohner Udo – Oliver Gehrs
sein Sohn Finn – Kilian Jürgens
Mitbewohnerin Kerstin – Nadine Dubois
Mitbewohnerin Victoria – Lana Cooper
Ihre Freundin Birgit – Desiree Klaeukens
Mitbewohner Marco Breuer – Joseph Konrad Bundschuh
Mitbewohnerin Martina – Anna Brüggemann
ihr Ehemann Karsten – Michael Kranz
Beverly – Sarah Bauerett
Kira, Ex-Freundin von Marco – Linda Elsner
Nachbar Klaus Mendel – Heiner Hardt
Nachbarin Frau Binder – Hede Beck
Mordverdächtiger Stefan Heuer – Heinz Rudolf Kunze
u.a.

Drehbuch – Dietrich Brüggemann, Daniel Bickermann
Regie – Dietrich Brüggemann
Kamera – Andreas Schäfauer
Szenenbild – Cosima Vellenzer
Schnitt – Barbara Brückner
Ton – Peter Tielker, Robin Hörrmann
Musik – Dietrich Brüggemann

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