Der Wundermann / Mein zauberhafter Bruder (Wonder Man, USA 1945) #Filmfest 351

Filmfest 351 A

„Der Wundermann“ ist ein US-amerikanischer Fantasyfilm aus dem Jahre 1945 von H. Bruce Humberstone mit Danny Kaye und Virginia Mayo in den Hauptrollen. Der Film basiert auf einer Kurzgeschichte von Arthur Sheekman und wurde unter dem Titel „Mein zauberhafter Bruder“ im Fernsehen ausgestrahlt. „Der Wundermann“ war in vier Kategorien für einen Oscar nominiert und konnte einen erringen. (1)

Wie ich darauf kam, mir diesen Film anzuschauen? Wegen „Der Hofnarr“. Den hatte ich kürzlich aufgzeichnet, bereits einmal gesichtet (nicht zum ersten Mal) und werde es noch eimal tun, bevor ich die Rezension dazu schreibe. Aber was hat Danny Kaye, der Star, der die Titelrolle in dem Kultmovie „The Curt Jester“ spielt, am Beginn seiner Karriere gemacht? Zum Beispiel „The Miracle Man“. Mehr dazu steht in der -> Rezension zu lesen.

Handlung (1)

Die eineiigen Zwillinge Edwin und Buster Dingle haben große äußerliche Ähnlichkeit, sind jedoch in ihrer Persönlichkeit gänzlich verschieden. Buster Dingle tritt unter dem Namen „Buzzy Bellew“ in lauter und alberner Manier im Nachtclub „Pelican Club“ auf, während der gelehrte Edwin Dingle als ruhiger Zeitgenosse momentan ein wissenschaftliches Buch über die Grenzen des Menschheitswissens verfasst. Die Brüder haben sich seit Jahren nicht mehr gesehen. Buster wird Zeuge eines Mordes, den der Mafiaboss „Ten Grand“ Jackson verantwortet. Da Buster vor Gericht aussagen will, wird er in der Folge selbst von „Ten Grand“ Jacksons Handlangern ermordet und in einen Fluss geworfen.

Buster kehrt als Geist zurück und kontaktiert seinen Bruder, um die Mörder zur Verantwortung zu ziehen. Also schlüpft Edwin in die Rolle seines Bruders. So tritt er auch an seiner Stelle im Nachtclub auf und wird dabei von seinem Geisterbruder unterstützt. Buster ist es nicht möglich, von jemand anderem gesehen oder gehört zu werden als von seinen Bruder Edwin. Das sorgt für Komplikationen und die meisten Menschen halten Edwin nun entweder für einen Wahnsinnigen oder einen Lügner. In einer Szene im Nachtclub tritt Edwin als berühmter russischer Sänger auf, der an einer Blumenallergie leidet. Als man eine Vase mit Blumen neben ihn auf den Tisch stellt, wird sein Lied, das er zum Besten gibt, ständig durch sein lautes Niesen unterbrochen. Verwicklungen anderer Art ergeben sich auch dadurch, dass der ermordete Buster mit der Künstlerin Midge Mallon liiert war, während Edwin sich zu der Bibliothekarin Ellen Shanley hingezogen fühlt.

Verfolgt von Jacksons Handlangern Chimp und Torso, flüchtet sich Edwin in eine Opernaufführung, wo er auf der Bühne singen muss. Edwin singt dem Staatsanwalt, der im Publikum anwesend ist, seine Aussage (was sein Bruder ihm über den Mord gesagt hat) in Form einer Opernarie. „Ten Grand“ Jackson kann schließlich verhaftet und verurteilt werden. Am Ende heiraten Edwin Dingle und Ellen Shanley, und Midge Mallon heiratet Monte Rossen, den Besitzer des Nachtclubs, in dem Buster Dingle auftrat.

2020-08-14 Filmfest ARezension

Ich muss gestehen, den Namen H. Bruce Humberstone habe ich nie zuvor gehört bzw. ihn nicht im Gedächtnis behalten. Vera-Ellen hingegen, der weibliche Start des Films bzw. einer von beiden, Virginia Mayo sehe ich als gleichberechtigt an, sie wird auch vor Ellen genannt, die damals ganz neu in Hollywood war. Ihr Name dürfte vor allem jenen ein Begriff sein, der die Tanzfilme von MGM mit Fred Astaire und Gene Kelly kennt – genauer gesagt, zwei davon: „Heut geh’n wir bummeln“ und „Königliche Hochzeit“, in den Jahren 1949 und 1950 entstanden. In beiden spielt Vera-Ellen als quirlige, sehr tanzbegabte und reizende Person eine wichtige Rolle bzw. die weibliche Hauptrolle.

Und dieser Mr. Humberstone? Er hat immerhin 59 Einträge in der IMDb als Regisseur, allerdings war er dabei teilweise noch Assistent oder es handelt sich bereits um Fernseharbeiten. Vier Spielfilme mit Charlie Chan sind darunter, Tarzan-Filme, aber nicht mit Johnny Weissmüller, sondern mit dem Konkurrenzdarsteller Buster Crabbe, ein Film noir und verschiedene Genrestücke, davon auch welche mit A-Stars. Unglücklichereweise habe ich diese alle noch nicht gesehen, aber Danny Kaye hat er zu einem fulminanten Auftritt verholfen – wobei der Auftritt natürlich in erster Linie den Fähigkeiten dieses Komödianten geschuldet ist, der als Solo-Comedian zu der Zeit einer der besten in Hollywood war.

Sein Stil in „Wonder Man“ kommt nach meiner Auffassung dem von Jerry Lewis am nächsten, dessen Karriere kurz darauf begann. In „The Court Jester“ ist er um einiges vielseitiger und schafft es, neben der Komik für Romantik zu sorgen. Das gelingt in „Wonder Man“ nicht so recht, obwohl er in beiden Rollen ein Love Interest hat, das von den beiden Dingle-Brüdern ziemlich strapaziert wird, weil sie eben nicht sie selbst sind. Nicht immer jedenfalls. Denn immer wieder tritt der eine in den anderen hinein oder weist ihn von außen an. Die Romantik wird auch dadurch beschädigt, dass das Drehbuch unübersehbar ein Problem mit seinem Ende hat. Vielleicht mussten deswegen nicht weniger als vier Autoren damit befasst werden – um dieses Ende doch nicht biegen zu können.

Es wird nämlich so getan, als gäbe es für beide Brüder und ihre Mädels eine Hochzeit, was aber nicht sein kann, da der eine nun einmal tot ist und nicht aufersteht. Die süße Tänzerin und Sängerin, die von Vera-Ellen gespielt wird, geht also leer aus bzw. muss den Manager des Clubs heiraten, in dem sie auftritt, denn übrig bleibt ja nur der Ex-Bücherwurm Edwin, der sich nun ein wenig verändert hat, offener geworden ist, aber nicht die Rolle seines Bruders in der Show ausfüllen wird. Damit das Problem nicht so auffällt, wird das Fotoalbum schnell zugeklappt. Allerdings ist dies das Ende der deutschen Version, das Original enthält im Anschluss eine Szene mit Danny Kaye und Virginia Mayo, die das Ergebnis vielleicht glättet – die einzige Version, die ich dazu gefunden habe, ist leider mit einer russischen Übersetzung überlagert, sodass ich den geprochenen Text nicht verstehen konnte.

Nach wenigen Minuten hatte ich hingegen schon ein erfreuliches Erlebnis. Die Shownummer mit Kaye, die ich schon einmal auf Youtube angeschaut hatte und sehr hübsch, komisch und energiegeladen fand, ist tatsächlich aus diesem Film, auch wenn ich ihn dadurch als „Wonder Man“ erinnerte. Schon der Vorspann lässt den Film unweigerlich als ein Produkt der Bigband-Ära erkennen und die Absicht, hier ein rasantes Vergnügen auf die Leinwand zu bringen. Weitgehend hält „Miracle Man“ dieses Versprechen und erlaubt sich einen Ausflug in den Film noir, der in jenen Jahren immer beliebter wurde. „Wonder Man“ dürfte eine der ersten Parodien auf das Genre gewesen sein, allerdings – ist er das? Dann hätte nicht einer der Brüder Dingle tatsächlich erschossen werden dürfen. Um dies zu überspielen, muss Kaye alle seine komödiantischen Fähigkeiten einsetzen – und dann doch dieses Ende, das daran erinnert, dass eben nicht alles gut ist – von wegen, das Zytoplasma geht langsam zu Ende, mein geliebter Bruder, und ich werde nicht zu dir oder in dich zurückkehren können.

Bessere Zitate, mit denen man Werbung machen kann: „Mein Zwillingsbruder ist ein Bücherwurm. Der würde dir nicht gefallen. Ich bin nur ein Wurm.“

Diese Antwort ist ebenso geeignet, zarte Bande zu knüpfen:

Ellen Shanley: Do you think you’ll be coming back tomorrow?
Edwin Dingle: Oh, by all means. I enjoy it here very much. I love the smell of leather bindings.

Oder, wenn eine Frau Sie unversehens einlädt, die beichtet, ich habe etwa tausend Konservendosen, müssen Sie sagen, Sie lieben Konservendosen, denn Sie sind ein Prepper und der Welteruntergang findet sowieso gerade statt, wie wir aus der Perspektive von 2021 bestätigen können. Oder Frankfurter mit Kartoffelsalat. Wenn das so weitergeht, muss ich die Arbeit an dieser Rezension unterbrechen und über meinen Kühlschrank herfallen. Eine mögliche Beziehungsbasis könnte sich aber auch so gestalten:

Midge Mallon: Someday, you won’t get away with this, Buzzy. Its a good thing I’m as wacky as you are.

Die Java-Routine geht in eine Performance von „Schwarze Augen“ über, die unter anderem Danny Kayes russische Herkunft covert. Ein weiteres schönes Stück ist, neben der famosen Opernszene, die mich ein wenig an „Tanz auf dem Vulkan“ erinnert hat, ist „So in Love“, in der Vera-Ellen einen der schnellsten Steps auf die Bühne legt, die ich bisher gesehen habe und ich kenne diejenigen, die im Film vorkommen, fast alle. Unter den Frauen, die in Hollywoodfilmen spielten, war wohl nur Eleanor Powell in der Lage, ein ähnliches Tempo zu gehen.

Als Buzzy von Gangstern entführt und über ein Brückengeländer geworfen wird, dachte ich zunächst, er ist sicher nicht tödlich – wir sind doch in einer Komödie! Aber die Idee mit dem Doppelgänger basiert ja darauf, dass der tote Bruder den lebenden für Gerechtigkeit sorgen lassen will. Dass Bruder Edwin ein riesiges Wissen hat, ein fotografisches Gedächtnis und mit zwei Händen schreibt, wird allerdings in der folgenden Handlung kaum ausgespielt, auch wenn er in der Opernszene, in welcher er seine Zeugenaussage in Anwesenheit des Staatsanwalts von der Bühne aus mach, die wichtigsten Fakten singend wiedergeben kann, die sein Bruder ihm erzählt hat.

Der Pelikan-Club, in dem viele der Szenen stattfinden, freilich nicht die geschmissene Oper, ist wohl eine Anspielung auf das „Flamingo“, das kurz vor dem Dreh des Films in Nevada eröffnet wurde und den Ruhm von Las Vegas mitbegründet hat.

Finale

An „Der Hofnarr“, der eine wirklich fulminante Handlung aufweist, die sogar auf komödiantische Weise beinahe logisch ist, kommt „Wonder Man“ nicht heran. Der Film zerfällt zu sehr in „Nummern“ und eine eher schmale Plotbasis, die nicht immer gut austariert sind und Danny Kayes Komik ist zu „sketchy“, als dass der Film nicht nur die schnellste Zunge Hollywoods präsentieren, sondern auch spannend und romantisch sein könnte. Man kann das zusammenbringen, wie „Der Hofnarr“ beweist, der Opener von Danny Kaye zeigt dort, wo es ums komödiantische respektive tänzerische Talent geht, eine sehr ansehnlich Gestaltung, außerdem ist die Tricktechnik hervorzuheben, die wirklich sehr gelungen ist. Daher noch

68/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und kursiv ohne Nummerierung: Wikipedia. Der Oskar galt der besten Tricktechnik.

Regie H. Bruce Humberstone
Drehbuch Arthur Sheekman (Kurzgeschichte)
Jack Jevne
Eddie Moran
Melville Shavelson
Don Hartman
Produktion Samuel Goldwyn
Musik Ray Heindorf
Heinz Roemheld
Kamera Victor Milner
William E. Snyder
Schnitt Daniel Mandell
Besetzung

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