Schmerzensgeld – Tatort 173 #Crimetime 914 #Tatort #Frankfurt #Brinkmann #HR #Schmerz #Geld

Crimetime 914 - Titelfoto © HR, Kurt Bethge

Kein Schmerzensgeld für die Zuschauer notwendig

Der Frankfurter Kommissar Edgar Brinkmann (Karl-Heinz von Hassel) war ein beinahe exakter Zeitgenosse der Hamburger Ermittler Stoever und Brockmöller. So müssen wir die Rezension wohl beginnen, denn im Gegensatz zu den legendären Hamburgern ist Brinkmann für uns noch persona incognita, obwohl er es auf 28 Fälle brachte (Stoever und Brockmöller im beinahe gleich langen Zeitraum auf 41).

Erst einen Brinkmann-Tatort hatten wir uns angeschaut, jedoch seinerzeit nicht für den Wahlberliner rezensiert. Nun also „Schmerzensgeld“ und der erste Fall von Brinkmann ist passenderweise unsere Rezensions-Premiere, seine Filme betreffend. Außerdem gibt es keinen Mord – besser: keine getötete Person. An einen solchen Fall unter den bisher 242 rezensierten können wir uns nicht erinnern. Da kommt sofort die Frage auf, warum die Mordkommission überhaupt ermittelt – aber vielleicht war das Ursprungskonzept sogar, dass Brinkmann eine Art Allround-Kriminaler sein soll (falls es so etwas wirklich gab), nachdem Frankfurt mit vielen verschiedenen Einfolgen-Falllösern aufgewartet hatte, die manchmal normale Revierpolizisten waren oder reaktiviert wurden. Die Herangehensweise in der Hessen-Metropole fiel offenbar etwas aus dem Rahmen.  Was damit gemeint ist und mehr zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung

Fred Corbut leitet eine Bankfiliale in Frankfurt. Eines Tages erfährt er unter der Hand, daß ihm vorzeitig eine Revision ins Haus steht. Corbut weiß, was das für ihn bedeutet: Er hat über eine halbe Million unterschlagen. In seiner Verzweiflung sucht er wieder eine Spielbank auf. Diesmal scheint ihm die attraktive Laura Winter, die er dort kennenlernt, Glück zu bringen. Statt den beträchtlichen Gewinn in bar mitzunehmen, läßt er sich einen Scheck ausstellen.Seine Vorsicht erweist sich schnell als nur zu begründet: In einer Tiefgarage will ihm ein Ganove das Geld abnehmen. Dieser Westernburger hat Corbut offenbar seit längerem beobachtet, weiß Bescheid über seine früheren Verluste im Spielcasino und droht, ihn bei seiner Direktion anzuschwärzen, wenn er nicht zahlt.

In seiner Not entschließt sich Corbut auf Westernburgers Drängen hin, mit ihm gemeinsame Sache zu machen, um aus der Klemme zu kommen. Im Tresorraum der Bankfiliale manipuliert er Geldkoffer eines bevorstehenden Transports, den Westernburger anschließend an einer geeigneten Stelle überfallen will. Dieser soll die Koffer beseitigen, damit niemand erfährt, daß so gut wie kein Geld in dem Fahrzeug war.

Beide haben nicht die geringste Ahnung, was ein gewisser Manni Hoffmann völlig unabhängig von ihnen ausgeheckt. Hoffmann ist sehr stolz auf seine Schießkünste, die er nutzen will, um mit dem Geldtransportfahrer Holger Martell einen großen Coup zu landen, ohne daß sie in Verdacht geraten. Ihr Pech, daß sie ausgerechnet den Geldtransport ausrauben wollen, mit dem Corbut und Westernburger ihr übles Spiel treiben. Und das hat fatale Folgen, auch für Corbut.

Der Plot des Brinkmann-Einstiegs, ca. 75 Minuten Spielzeit zu den kürzesten Tatorten zählt, ist aber eine richtig nette Angelegenheit. Ein doppelt geplanter Geldtransportüberfall, ein Banker, der gleich  zweimal dem eigenen Haus Banknoten unterschlagen will, nachdem er zuvor schon Geld abgezweigt hat, um es zu verspielen. Ein Geldtransportfahrer, der bei dem einen Überfall mitmacht und ein Kumpel, der entdeckt, dass der Transporter quasi leer war. Eine Ehefrau, die sich das Geld von dem Banker zurückholen will.

Rezension

So ging es dann auch nach Brinkmann weiter. 2002 wurde die Tatortgemeinde direkt nach Brinkmann mit Dellwo und vor allem zu Charlotte Sänger (Jörg SchüttaufAndrea Sawatzki) konrrontiert. Das war ein großer Sprung. Deutlicher könnten Charakterunterschiede zwischen aufeinander folgenden Ermittlern / Teammitgliedern wohl kaum sein und bezüglich des Filmstils hat man die Uhr wohl gleich um mehrere Jahrzehnte nach vorne gedreht.

Das Ende wird nur angedeutet, ein schönes Filmzitat. Der Assistent von Brinkmann steht im Spielcasino herum und hört mit, wie der Täter des einen geplanten Überfalls mit der Frau spricht, die sich an den Banker herangemacht hat, als dieser ausnahmsweise mal gewonnen hat. Man kennt sich, in den relevanten Kreisen. Was man nur ahnt, was aber nicht ausgeführt wird: Auch diese Herrschaften könnten den Banker noch erpressen, zusätzlich zu den 200.000 DM, die der männliche Part schon kassiert hat. Vom Ende her wird aber verständlich, warum die Frau so cool reagiert hat, als der Typ in der Garage das an dem Abend gewonnene Geld vom Banker Corbut haben wollte. Für die Mitte der 80er Jahre war das eine schöne Summe, davon hätte man etwa sieben der neuen Mercedes 190 kaufen können, von denen einer im Film als Tatfahrzeug verwendet wird.

Aber es ist wenig im Vergleich zu den 600.000, die der Banker Corbut verspielt hat und aufgrund vorgezogener Revision dringendst ersetzen muss, weshalb er auf die Idee mit dem fingierten Überfall kommt. Und dann macht er’s wirklich noch einmal, wie die schöne Laura ihm rät – um sich dann abzusetzen. Das wäre ihm wohl kaum gelungen, denn da ist ja noch Max Westernburg.

Doch, der Krimi ist durchaus logisch aufgebaut und schon deshalb äußerst vergnüglich, weil sich hier alle so schön gegenseitig bescheißen wollen und am Ende jeder leer ausgeht. Die Festnahme von Westernburg wird auch noch folgen und dass Laura mit ihm unter einer Decke steckt, ist eine echte Schlusspointe, wie heutige Tatorte sie nur noch selten aufweisen.

In vielen Details steckt ein Anflug von Humor, wie er damals noch eher selten war, die Figur Brinkmann allerdings ist um einiges konservativer als die der erwähnten Kollegen Stoever / Brockmöller, Brinkmann hat auch nur einen jungen Assistenten namens Wegner, keinen echten, mehr oder weniger gleichrangigen Kollegen oder Kumpel.

Dafür sprechen die Namen in diesem Krimi herrlich mit uns. Da gibt es den Banker Corbut, was sich wohl nicht umsonst ähnlich wie „Skorbut“ klingen soll und uns klar macht, wie tief krank das Bankwesen damals schon war, ohne dass man die ganzen Begriffe kannte, die in der Krise seit 2008 populär geworden sind. Jedoch ein geradezu prophetischer Krimi. Die Skyline von FFM war damals noch nicht so beeindruckend, es ist allerdings davon auszugehen, dass hinter den Fassaden noch vorwiegend mit echtem Geld gearbeitet wurde. Oder echtes Geld veruntreut wurde, wie von jenem – offenbar als Single – in einer hübschen Altbauwohnung mit 70er-Jahre-Türgriffen wohnt. Und wo ist der Unterschied zwischen dem Verzocken in der Spielbank oder an der Börse bzw. in toxischen Investments? Nur die Dimensionen unterscheiden sich, nicht die Mentalität.

Manni Hoffmann, der Präzisionsschütze, war wohl Zeitsoldat und ist nun Kleingauner, er hofft auf das große Geld und findet in den Geldkoffern stattdessen die FAZ, die in jenen Jahren noch als gedruckte Ausgabe erhältlich war (kleiner Scherz, muss auch mal sein). Manni und Martell (Name für einen kleingewachsenen, schmächtigen Geldfahrer auch schön ironisch) sind die einzigen im Spiel, die einander nicht betrügen wollen, aber der Verdacht kommt auch in diesem Binnenverhältnis auf, befördert von Martells Frau, die den ungewöhnlichen Vornamen Helen trägt, ohne dass dafür einen verortbaren Hintergrund gäbe – jedoch, unter den Menschen ihrer Kreise ist sie gewiss die schöne Helena, wie auch Brinkmanns Assistent Wegner andeutet, ambitioniert obendrein.

Laura Winter ist aber doch ein anderes Kaliber, mit ihrer gewaltigen, blonden 80er-Frisur und dieser Masche, im Spielcasino nach Opfern Ausschau zu halten. Eine Lady de Winter wie aus „Die drei Musketiere“, verführerisch, intrigant, eines der gerissensten Frauenzimmer, die wir bisher in einem Tatort gesehen haben – sie legt es allerdings nicht darauf an, jemanden vom Leben zum Tode zu verbringen und dies passiert, siehe oben, auch im Verlauf dieses Tatorts nicht durch eine der Eskalationen, die niemand wollte, häufige Plotkonstruktion in heutigen Tatorten. Und natürlich Westernburger, ihr Komplize, der nach Westernmanier eine Maske vorm Gesicht trägt, wenn er denjenigen nachjagt, die gerade Geld aus der Spielbank tragen wollen. Diese Strumpmaske ist ein Highlight, weil Westernburgers markantes Gesicht dahinter erst richtig zur Geltung kommt – Damen-Nylons sind eben doch etwas Faszinierendes und die Wollsocken mit Augenausschnitten kam offenbar später auf.

Natürlich ist es toll, Schauspieler wie Siegfried Rauch (Westernburger) wiederzusehen, in diesem markanten Gesicht, seinem verwegenen Dasein eine Form von Freiheit zu erkennen, wie sie speziell die westdeutschen 1980er verströmten. Alles war irgendwie noch möglich, auch wenn das Einzel-Szenario katastrophal ist. Frankfurt als Geldmetropole eignet sich natürlich für einen Plot, in dem es zwar keine Toten gibt, aber alle hinter dem Zaster her sind. Der doppelte Geldtransporter-Überfall ist bezüglich seiner Wahrscheinlichkeit zwar eine echte 1:1.000.000-Geschichte, die Sache mit dem Aktenköfferchen voller Geld, mit dem Corbut abhauen wollte und über den Wegner dann stolpert (nicht Brinkmann, sondern der Assi löst zufällig den Hauptfall), das ist keine hohe Schule.

Ersteres kann man noch unter skurril verbuchen, das könnten wir uns als moderner gemachten Film gut in Münster vorstellen. Letzteres leider auch, wenn sie dort einen schlechten Tag mit einem schlechten Drehbuch erwischt haben. Wir würden es ihnen bewertungsmäßig stärker ankreiden. Dass der Wegner einfach das Gleiche macht wie die Frau Martell tut, nämlich in deren EG-Wohnung klettert – spätestens seit diesem Moment weiß man, Assistenten neigen zu Eigenmächtigkeiten, die nicht dienstwegkonform sind. Apropos Dienstweg: Auch damals hieß das Dokument, das nicht nur die Türen von Verdächtigen, sondern auch Schränke etc. öffnet, Durchsuchungsbeschluss, nicht –befehl. Am Ende geht alles etwas hopplahopp, in „Schmerzensgeld“ und, die heute üblichen 13 Minuten mehr wären von Vorteil gewesen. Dann hätte man alles schön ausermitteln können. Die Art, wie der Film getaktet ist und die vielen Zufälle stehen gegen einen von der Grundanlage interessanten Plot und einige witzige, meist in Hessisch verfasste Dialogsätze.

Es gibt keinen einzigen Brinkmann-Fall, der zu den Kult-Tatorten zählt oder in der Gunst heutiger Zuschauer (Basis: Rangliste des Tatort-Fundus) über 7/10 kommt (die Top-Folgen gemäß Meinung der User liegen über 8/10). Das ist keine famose Ausbeute, zumal auch richtig schlecht bewertete Tatorte aus dem FFM der Jahre 1985 bis 2001 dabei sind (um oder weniger als 5/10). Auch ein langjähriger Ermittler muss also nicht legendär werden.

Finale

Wir sind  nicht so knickerig mit „Schmerzensgeld“, weil er wirklich vergnüglich und absolut unvorhersehbar war – ohne dass man das Gefühl hatte, vom Drehbuchautor bzw. von Peter Hebel, der die Buchvorlage geschrieben hat, zu sehr oder zu lange auf den Arm genommen zu werden. Humor ist vorhanden, auch die Schlussszene, in der Wegner im Spielcasino ein schlaues Gesicht macht, nachdem er Westernburger und Winter belauscht hat, zählt dazu – und spart die Spielzeit für die Festnahme ein. Wie spießige Banker auf eine so schrullig-einfältige Art zu Geldvernichtern werden und hinter der Fassade von Biedermännern Leute stecken können, die einen richtigen Schatten haben, was die berufliche Handhabe angeht, ist vergnüglich azusehen, sofern man nicht zu sehr eine Verbindung zu den heutigen, nicht gerade witzigen Verhältnissen zieht, die von den kernkapitalistischen Geld-„Managern“ mitverschuldet wurden.

Eine Art von Verbindung zu den aktuellen Kölnern Ballauf und Schenk gibt es übrigens auch. Und zwar in Form einer Würstchenbude, an der die Ermittler vor bekannter Kulisse fettiges Fleisch essen. In Köln zeigt sich im Hintergrund der Dom und das Szenario wirkt heute ein wenig anchronistisch, wobei es allerdings, wenn wir uns richtig erinnern, bereits Diskussionen um Bio- oder gar vegatarische Würstchen gab. Der Frankfurter Römer und der 80er-Imbiss hingegen passen zu diesem wirklich einzigen Privatmoment, den sich Brinkmann und sein blonder Assistent in „Schmerzensgeld“ gönnen.

Sehr interessant, dass dieser Tatort in den 1990ern und den 2000ern nur im Abstand von 6-7 Jahren ausgestrahlt wurde – bis zur Bankenkrise. Seitdem kommt er beinahe jährlich zum Einsatz. Nicht nur wir haben erkannt, dass man aus verantwortungslosten Kapitalisten Kapital schlagen kann. Zuletzt allerdings war es nicht der HR im Sinn der häuslichen Traditionspflege, der „Schmerzensgeld“ zeigte,  sondern der WDR, der insgesamt die meisten Tatort-Wiederholungen bringt.

Wie angedeutet, wir mochten diesen Tatort, wissen, dass er einige Schwächen hat, aber

7/10 sind noch drin.

© 2021, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Brinkmann – Karl-Heinz von Hassel
Hauptmeister Robert Wegner – Frank Muth
Fred Corbut – Peter Fricke
Marlies Weber – Angelika Bender
Laura Winter – Christiane Krüger
Manni Hoffmann – Arthur Brauss
Holger Martell – Heinz W. Kraehkamp
Helen Martell – Erika Skrotzki
Willy Lohmas – Claus Berlinghof
Max Westernburger – Siegfried Rauch

Buch – Hans Kelch unter Verwendung von Motiven von Peter Hebel
Regie – Wolfgang Luderer
Kamera – Werner Hoffmann

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