Sumpfgebiete – Polizeiruf 110 Episode 360 #Crimetime 913 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #München #Meuffels #BR #Sumpf #Gebiet

Crimetime 913 - Titelfoto © BR, Hendrik Heiden

Niemals werdet ihr sie in die Finger bekommen

Der zweite München-Polizeiruf hintereinander. Zweimal Kommissare am Rande des Nervenzusammenbruchs oder über der Grenze. Einmal echt, einmal vorgetäuscht. Zwei Epochen, acht Jahre dazwischen. Ein normaler Fall um Habgier und Grausamkeit beim Mord, ein Fall mit einer großen Verschwörung. Acht Jahre. Kommissar Tauber und Kommissar von Meuffels. Düster, von der Kritik als kalt kritisiert. Eiskalt, normal. Mehr in der -> Rezension.

Handlung

Julia Wendt wurde vor fünf Jahren wegen eines Brandanschlags auf ihren Ehemann in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Nun wird sie entlassen, in vier Wochen soll das Wiederaufnahmeverfahren ihres Falles beginnen. Da sie sich überwacht und bedroht fühlt, sucht sie Hilfe bei Kriminalhauptkommissar Hanns von Meuffels, der sie damals verhaftet hatte. Als sie vor seinen Augen überfahren wird und in seinen Armen stirbt, untersucht von Meuffels den Fall. Eine Liste von Schwarzgeld-Transfers, die Wendt der Steuerfahndung übergeben hatte, wurde nicht bearbeitet, sie sei später im Archiv verbrannt.

Von Meuffels sucht nach dieser Liste. Dabei wird er vom LKA beobachtet und verfolgt, zwei Schläger schlagen ihn in Anwesenheit eines LKA-Kommissars zusammen. Von Meuffels randaliert in seinem Büro und lässt sich in die geschlossene Psychiatrie einweisen. Dort findet er eine CD, die wohl die Liste enthält. Er entkommt aus der Psychiatrie. Im Olympiastadion will er die CD Beck, seinem Chef, übergeben. Da schlägt ihn der LKA-Kommissar nieder und zerstört die CD. Von Meuffels hat nun keine Beweise gegen die Clique einflussreicher Steuerhinterzieher – ein weiterer Kampf scheint aussichtslos.

Rezension

Es ist beinahe ein Zufall, dass wir zwei München-Polizeirufe hintereinander angeschaut haben, einen aus 2008 und einen aus dem Jahr 2016. Für ersteren hatten wir die Abfolge der gespeicherten Aufzeichnungen durchbrochen, weil wir einfach einen München-Polizeiruf schauen wollten. Das war der Film mit Tauber, „Wie ist die Welt so stille“. Bei Letzterem mussten wir zweimal ansetzen, die erste Aufzeichnung hatten wir wegen des Media-Receiver-Wechsels sogar gelöscht.  Heißt: Wir glaubten nicht, dass das mit der Wiedervorlage innerhalb kurzer Zeit noch klappen wird. Zu schlimm war es beim ersten Mal. Zu viel Labyrinth? Oder zu viel Eintönigkeit an der Kante zum Wahnsinn? Schwer zu sagen, heute Abend hatte das Anschauen jedenfalls reibungslos funktioniert. Zu einem viel früheren Zeitpunkt als üblich.

Was 2008 noch für Kopfschütteln bei Kritikern sorgte, ist 2016 längst angekommen im Mainstream: Eine sehr kühle Inszenierung, ja, eine wesentlich kältere. Denn anders als Tauber in einem Fall, dessen blutig-berechnete Ausführung ihn an die Grenzen treibt, ist von Meuffels in „Sumpfgebiete“ ganz allein. Nur ein neuer Kollege, gleichwohl ein alter Bekannter, bleibt bis zum Ende zwielichtig, seine Erkältung ist wohl nicht gespielt. Aber alle anderen stecken mit drin im Münchener Sumpf, im Amigo-Schleim der Steuerhinterziehung. Die zeitgenössische Kritik reagierte eher verhalten auf diesen Film, obwohl er, das müssen wir jetzt auch zugeben, trotz der Schwierigkeiten beim ersten Versuch, viel Wahres enthält.

Von CumEx war im März 2016 noch nicht die Rede, als der Dreh begann, die CumEx-Files wurden erst im Oktober 2018 veröffentlicht. Man muss, wenn man nach Vorbildern für den Plot sucht, wenn man konkrete Vorgänge benennen will, eher auf die Erfahrungen mit Daten-CDs zurückgreifen, mit denen einst Steuersünder in der Schweiz ausfindig gemacht wurden. Die gab es damals schon und sinnfälligerweise wird am Ende eine solche CD vernichtet. Mitten im Olympiastadion. Schluss mit der Illusion vom fairen Sport, vom Sommer, aber der endete ja schon 1972 in einem Blutbad. Da kann man froh sein, dass von Meuffels lebend davonkommt. Was gar nicht so stimmig wirkt.

Wenn wir in den nächsten Jahren nochmal jemanden „Hans!“ rufen hören (oder „Hanns!“, was sich kaum unterscheiden lässt), werden wir unsere Mordgelüste wohl unter Kontrolle halten müssen. Wie oft hat der Vorgesetzte von Kommissar v. M. ihn beschwörend beim Namen genannt? Und doch rechnet er zu den Verrätern.

Wir haben eine Ahnung, was den Kritikern an dem Werk in Wahrheit nicht gefällt. Es ist ein lupenreiner Verschwörungskrimi. Ein Einzelner, der nach der Wahrheit sucht und noch an die Gerechtigkeit glaubt, der sich berufen fühlt, der seine Tätigkeit als Mission sieht, wird in die Zange genommen und steht am Ende mit leeren Händen da. Nichts ist mehr nachzuweisen. Ein Banker sagt ihm sogar jene lang gesuchte Wahrheit einfach ins Gesicht und nichts ist verwertbar, ein Vieraugengespräch am Rande eines Tennisplatzes. Von Meuffels überwacht einen Mordverdächtigen und wird selbst überwacht. Sumpfgebiete gibt es nicht in Form von erotischen Ausschweifungen, nur einmal, angedeutet, kaum erkennbar auf den Bildschirmen, die Teil einer Dachboden-Installation sind. Von Meuffels wird selbst überwacht. Alles, was er fühlt, ahnt, ermittelt, stimmt, und doch hat er keine Chance. Er hat gegen das System keine Chance. Was wetten wir, wie viel von den CumEx-Milliarden wirklich zurückgeholt werden wird? Ein paar Promille? Ein paar Bauernopfer werden eine Strafe zahlen müssen, ein paar vielleicht sogar einfahren. Das Spiel aber geht weiter.

Eine Verschwörung ist es nicht deswegen, weil alle Beteiligten zusammenwirken und einen Willen auf ein gemeinsames Ziel richten, sondern, weil das System so eingerichtet ist, dass man hinter dem Rücken der doofen Mehrheit solche Geschäfte machen und dabei Absprachen zulasten der Mehrheit treffen kann. Natürlich muss das alles vertuscht werden. In Deutschland gehen dem Fiskus jährlich 120-130 Milliarden Euro durch Steuervermeidung und Steuerhinterziehung verloren, heißt es. Was man damit alles machen könnte. Zum Beispiel unsere Zukunft auf diesem Planeten sichern. Nichts davon wird in „Sumpfgebiete“ besprochen.

Denn er ist keine moralische Aufbereitung, sondern ein David-gegen-Goliath-Szenario. Ein Mann allein gegen die Geldverschiebungs-Mafia. Bargeld über die Grenze, nun ja, das wirkt heutzutage wenig elaboriert, aber CumEx in einem Film zu erklären, wäre auch wieder nicht so einfach. Es sei denn, man schafft einen Talking Head, einen, der einem Sonderkommando in einem Erklärvideo beibringt, um was es geht. Für die Handlung ist das gar nicht wichtig, es würde nur die Motivation stärken und das Publikum schlauer machen. Aber dafür ist in „Sumpfgebiete“ kein Platz.

Matthias Brandt spielt den von Meuffels großartig, dahinter müssen alle anderen zurückstehen, das verbindet den Film wiederum mit dem eingangs verwähnten Vergleichswerk „Wie ist die Welt so stille“. Solche Filme kann man nur machen, wenn man entsprechende Darsteller zur Verfügung hat, also in vielen Tatortstädten nicht. In München, beim Polizeiruf, schon. In beiden Fällen gibt es Probleme mit dem Szenario mit der Glaubwürdigkeit, in „Sumpfgebiete“ mit einer Reihung von Ereignissen, die jedes für sich noch stimmig sind, aber summarisch wird hier zu viel des Schlechten an- und aufgeboten. Woanders sind sie immer so schnell mit der Suspendierung, aber von Meuffels darf trotz fünf Beschwerden innerhalb weniger Tage weitermachen.

Wer so denkt, hat den Film nicht verstanden. Man lässt ihn weiterermitteln, weil nur er in der Lage ist, „Marlene“ ausfindig zu machen und an die CD zu kommen. Das traut man ihm zu. Und er schafft es. Er hilft dem System unfreiwillig. Niemand kommt zu Schaden, außer die Demokratie. Nein, nicht einmal. Denn anders als bei CumEx weiß ja die Öffentlichkeit nicht, dass alles wahr ist. Und dass Unfälle manchmal keine Zufälle sind. Arme Frau Wendt.

Finale

Der Film ist höchst unangenehm, weil am Ende nichts bleibt. Keine Ordnung im Land. Keine Gerechtigkeit für alle. Der Polizist, der so gut erspürt, um was es geht und seine eigene Lage gut erkennt – er geht mit dem Päckchen, in dem der Datenträger ist, einfach ins Olympiastadion. Und wie der da am Boden liegt, sagt er nicht den Satz, den wir von ihm erwartet hätten: Ihr könnt mich schlagen, treten, ins Krankenhaus bringen oder ins Grab, ich hab längst eine Kopie gezogen und die ist an einem sicheren Ort und wenn mir was passiert, dann – dann wird jemand, den ihr noch gar nicht auf dem Schirm habt, alles an die Presse geben. So oder ähnlich hätte der korrekte Schluss dieses Films aussehen müssen. Was am Ende geschieht, ob Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden, das ist eine ganz andere Frage.

Man wollte aber die Vergeblichkeit des gefährlichen Tuns vom Herrn Baron in den Mittelpunkt rücken und dazu war es notwendig, dass er sich gegen Schluss ziemlich dilettantisch verhält. Schade. Denn das gibt einen Abzug. Nicht, weil die Gerechtigkeit nicht siegt, das ist ja in so vielen Fällen ganz realistisch. Sondern, weil dieser kluge Mann, der auch seinem Chef zu Recht misstraut, der sich dann auf ein Treffen mit ihm einlässt, sich nicht abgesichert hat. Warum man das im Stadion macht? Weil es ein so famoses Setting ist, in Grau-Sepia. Es ist so groß und von Meuffels so klein in dieser fiesen Welt des Gierkapitalismus. Die Wertung entspricht der für den eingangs erwähnten Vergleichsfilm. Es geht nichts über Schauspieler, die alles aufs Wesentliche zurückführen und es an die Zuschauer vermitteln können, auch wenn Plots nicht so recht funktionieren wollen.

8/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hermine Huntgeburth
Drehbuch Holger Karsten SchmidtVolker Einrauch
Produktion Ulrich Limmer
Musik Christine Aufderhaar
Kamera Diethard Prengel
Schnitt Eva Schnare,
Janina Gerkens
Besetzung

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