Vier Nächte mit Anna (Cztery noce z Anną, PL 2008) #Filmfest 353

Filmfest 353 A

Passion oder Obsession?

Vier Nächte mit Anna ist ein Film des polnischen Regisseurs Jerzy Skolimowski aus dem Jahr 2008 mit den Schauspielern Arturo Steranko und Kinga Preis.

Nach über 350 Filmfest-Präsentationen zeigen wir erstmals eine Kritik zu einem polnischen Film – und müssen gleichzeitig festhalten, dass unser Nachbarland damit noch vergleichsweise „früh dran“ ist, weil wir uns im Moment fast ganz auf das US-Kino konzentrieren, lediglich einige französische und deutsche und wenige britische Filme haben wir bisher besprochen, einen schwedischen, einen japanischen, einen südkoreanischen und ein paar Coproduktionen, an denen weitere Länder beteiligt sind. Wie war die erste Begegnung beim Grenzübertritt nach Osten, von Berlin aus ist das ja nicht so weit. Oder doch? Es steht in der Rezension.

Handlung (1)

Leon Okrasa, ein ehemaliger Gefangener, lebt in einer polnischen Kleinstadt. Dort arbeitet er im Krematorium eines Spitals. Leon ist zu schüchtern, um seinem täglichen Gegenüber – der Krankenschwester Anna, die Opfer einer Vergewaltigung wurde – in die Augen zu schauen und ihr seine Liebe zu gestehen.

Er steigt stattdessen des Nachts in ihre Wohnung ein, während sie betäubt durch Tabletten schläft. So kann er bei seiner Angebeteten sein. Er putzt ihre Wohnung nach einer Party, zu der er nicht eingeladen wurde, schließt Freundschaft mit ihrer Katze, flickt ihre Krankenschwester-Uniform oder malt ihre Nägel an. Wir erleben die Geschichte einer mysteriösen Liebe, die sich nicht äußern kann.

2020-08-14 Filmfest ARezension

Ein bisschen dichter als der eine oder andere Kinoliebhaber hierzulande sind wir ja an Polen dran, weil wir die Reihe Polizeiruf 110 für „Crimetime“ rezensieren. Unser Haussender RBB hatte sich vor einigen Jahren entschlossen, seinen Polizeiruf-Standort nicht mehr im Berliner Umland anzusiedeln, sondern nach Świecko zu verlegen und dort ein polnisch-deutsches Kommissariat zu zeigen – eine binationale Polizeidienststelle gibt es dort tatsächlich, sie ist aber nicht auf Mordermittlung spezialisiert.

Was wir im Film sehen, wirkt aber eher, als sei es in Ostpolen angesiedelt. Das ergibt einen erheblichen Unterschied, denn der Landesteil ist viel ärmer als der Westen und die Mitte des Landes, sehr dünn besiedelt und ich kenne ihn persönlich vor allem aus einer beruflichen Beziehung anfangs meiner Zeit in Berlin. Das Werk, das ich dabei besichtigt habe, im selben Jahr, in dem der Film „Vier Nächte mit Anna“ entstand, war moderner als alles, was wir im Film sehen, aber diese kleinen, öden Dörfer, die gibt es sogar ähnlich in Ostbrandenburg, umso mehr in Ostpolen, das durch ausgedehnte Waldgebiete gekennzeichnet ist. Nur einmal scheint in „Vier Nächte mit Anna“ die Sonne und das ist selbstverständlich ein Moment, in dem der Antiheld des Films ein wenig Hoffnung schöpft. Ansonsten ist es wintergrau oder Nacht.

Es ist ein intensiver, kleiner Film mit Darsteller*innen, die hierzulande nicht bekannt sind. Lediglich „Anna“, mit richtigem Namen Kinga Preis, verfügt über einen Eintrag in der deutschen Wikipedia:

Kinga Preis kommt aus einer künstlerischen Familie. Die Großmutter war Balletttänzerin, die Mutter studierte Musik und arbeitet an der Oper in Wrocław. Anfang der 1990er Jahre studierte Kinga Preis in ihrer Heimatstadt an der staatlichen Schauspielschule. Noch als Studentin gab sie ein Aufsehen erregendes Debüt am Teatr Polski als Käthchen von Heilbronn unter der Regie von Jerzy Jarocki. Dem Teatr Polski ist sie bis heute verbunden und gehört dem Ensemble an. Einem breiteren Publikum wurde sie durch ihre Auftritte beim Chansonfestival in Wrocław bekannt, die im Fernsehen gezeigt wurden. Hier überzeugte sie mit den polnischen Versionen des Liedrepertoires von Nick Cave. Sie erhielt zahlreiche Preise für ihre Theater- und Filmarbeiten, u. a. wurde sie zwischen 2002 und 2006 drei Mal mit dem Orły ausgezeichnet, dem Polnischen Filmpreis. Sie ist damit die einzige Schauspielerin, die diesen Preis für die beste Hauptrolle bereits zweimal erhalten hat.

Zum männlichen Hauptdarsteller Artur Steranko, geboren 1958, ist in der polnischen Wikipedia zu lesen:

Er wurde 1981 am Dramatic College des Wybrzeże Theaters in Danzig in Schauspiel ausgebildet. Zuvor spielte er an folgenden Theatern: Bałtycki Teatr Dramatyczny im. Juliusz Słowacki in Koszalin (1977-1979) und Wybrzeże in Danzig (1979-81). Seit 1981 ist er am Theater„Stefan Jaracz“ in Olsztyn engagiert. 2013 spielte er die Rolle des Zygmunt Krzepicki in dem Stück Kariera Nikodem Dyzma (Regie Michał Kotański). [1]

Nach meiner Ansicht funktioniert ein Film wie „Vier Nächte mit Anna“ auch nur dort, wo die Menschen einsam sind und in einem sehr übersichtlichen Panorama. Er hat trotzdem ein wenig von „Das Fenster zum Hof“ und „Die Verlobung des M. Hire“, denn alles beginnt damit, dass ein anderer Mensch beobachtet wird, wie er im erleuchteten Zimmer steht, sich bewegt und dieses oder jenes tut. Im Verlauf der Handlung weicht „Vier Nächte mit Anna“ immer mehr von den beiden genannten ab und kommt eher auf Krimis wie „Borowski und der stille Gast“, wobei das Klettern durch ein altes Fenster, dessen linkes unteres Segment geöffnet oder nur angelehnt ist, die einfachste denkbare Variante darstellt – nach einem vollkommen offenen Fenster im Erdgeschoss natürlich.

Es ist auch die Möglichkeit, dass Okrasa der Frau etwas antun oder dass alles aus dem Ruder laufen könnte, falls sie aufwacht, die dem Film Spannung verleiht, weniger die Idee, dass die beiden Einsamen zueinander finden könnten. Etwas an der Gestaltung des Films hat mich von Beginn an eher an ein fatales oder negatives Ende glauben lassen. Es ist dann nur negativ, denn Anna sagt für Okrasa aus, was sie bei einem Delikt nicht konnte, dessen Opfer sie fünf Jahre zuvor wurde und das Okrasa beobachtete: Sie wurde seinerzeit in einer Scheune vergewaltigt und Okrasa war ihr Retter. Seltsam durchaus, dass er das nicht klarmachen konnte und sie es nicht mitbekam, sodass er fünf Jahre im Gefängnis verbringen musste. Trotzdem übt sie auf ihn eine magische Anziehungskraft aus und er versucht, ihr so nah wie möglich zu sein.

Am Schluss steht er vor einer Mauer, die wirkt, als sei dort nie ein Schwesternwohnheim der nahegelegenen Klinik gewesen. Nicht etwa, als ob man zum Schutz der Frauen nach den jüngsten Vorkommnissen einen antisexistischen Schutzwall errichtet hätte. Deshalb lag die Frage nah, ob sich Okrasa die vier Nächte mit Anna nur eingebildet oder erträumt hatte. Ich glaube aber eher, die Verwendung der Mauer in einer Entfernung von Okrasas Haus, in der vorher das Wohnheim gelegen haben müsste, ist dem sicher nicht sehr großen Budget des Films geschuldet. Zwischen dem Moment, in dem Okrasa wieder losziehen will, nachdem klar ist, dass er kein Täter ist, und seinem traurigen Berühren der Mauer, liegt ein Schnitt, während man schon den Eindruck hat, das Haus, das als seines dient und der Flachbau, in dem Anna wohnt, stehen einander wirklich gegenüber.

The 40-year-old socially awkward gentle Leon Okrasa (Artur Steranko) is a stoker in his waterlogged rural village’s hospital crematory, and lives in a dilapidated cottage caring for his ailing elderly grandma (Barbara Kołodziejska). A few years back, in 2003, Leon stood frozen as he witnessed the brutal rape of Anna P. (Kinga Preis) at the Old Kolkhoz shack, returning from fishing in a nearby stream, and after reporting the incident by phone is accused of the crime and convicted on circumstantial evidence. That injustice tells you all you want to know about where we are going with this Kafka-like story. (2)

Ungerechtfertigt verhaftet und ins Gefängnis gebracht, wird er dort selbst von Mithäftlingen vergewaltigt. Das wird ebenso nüchtern und distanziert gezeigt wie die meisten Szenen im Film, die nach maximaler Tristesse suchen. Der soziale Kommentar betrifft nicht nur die Einsamkeit, sondern auch das ausgeliefert sein des vereinsamten Individuums an bedrückende Autoritäten, auch wenn sie im Film nur in einer Person zu sehen sind: Dem Klinikdirektor. Eigentlich ein nett wirkender Mann, aber auch ein Exekutor, der in diesem Fall das Kaputtsparen der Klinik und ihrer Mitarbeiter vollzieht – im Rahmen des Outsourcing, denn das Krematorium, dessen Betrieb dem Charakter seines Mitarbeiters entspricht, wird geschlossen bzw. mit dem in der nächsten Stadt zusammengelegt.

Finale

„Vier Nächte mit Anna“ ist ein sehr melancholischer, um nicht zu schreiben trister Film, kein Mainstreamkino. Gewissenhaft wird Okrasas Seelenlandschaft abgebildet – aber doch wieder mehr von außen, das Innere äußert sich nur in Okrasas Handlungen, besonders deutlich, wenn er eine Abfindung vom Arbeitgeber bekommt und viel davon, vielleicht das Ganze, in einen Ring für Anna steckt, zu dem sie keinen Bezug entwickeln kann – wie zu dem Mann nicht, der ihn ihr geschenkt hat. Es ist kein Film, mit dem man depressive Stimmungen vertreiben kann, aber einer, der zum Nachdenken darüber anregt, ob diese Form von Hingabe, die Okrasa zeigt, nicht mehr Tiefe hat als die Art, wie wir oftmals unsere Beziehungen ausgestalten. Die äußeren Umstände, die zu all dem führen, es befördern, es spiegeln, werden ebenfalls nur gezeigt, nicht kommentiert.

Vielleicht sollten ein paar Worte zu Regisseur Jerzy Skolimowski folgen, die seine Ausnahmestellung im polnischen Kino belegen und außerdem den Schluss nahelegen, dass es sich bei „Vier Nächte mit Anna“ um ein formstrenges und pessimistisches Alterswerk handelt:

1966 drehte er als Regisseur den Spielfilm Bariera, der ihm internationale Aufmerksamkeit brachte und er erhielt die Möglichkeit in Belgien den Film Le Départ zu realisieren. Das Drehbuch schrieb er gemeinsam mit Andrzej Kostenko. Die Hauptrolle in dieser swingenden, romantischen Komödie, die so typisch für die 1960er Jahre war, spielte Jean-Pierre Léaud. Auf der Berlinale 1967 erhielt er für diesen Film den Goldenen Bären. Im gleichen Jahr drehte er seinen für viele Jahre letzten polnischen Film Hände hoch!, der jedoch von der Zensur verboten wurde und erst 1981 uraufgeführt wurde. Die starke Kritik des Filmes am Stalinismus führte dazu, dass Skolimowski von dem kommunistischen Regime in Polen quasi ausgewiesen wurde.[1][2]

Anschließend realisierte seine Filme fortan in Frankreich, den USA und der Bundesrepublik Deutschland. Sein erster englischsprachiger Film, den er mit einem eigenen Drehbuch verfilmte, war das damals als Skandalfilm gesehene Drama Deep End, das ihm Lobeshymnen vieler internationaler Filmkritiker einbrachte. Mit seinen folgenden Filmen konnte Skolimowski nur teilweise an daran anknüpfen.[3] So wurde sein Film Das Feuerschiff (1985) nach einem Roman von Siegfried Lenz zwar bei den Filmfestspielen in Venedig mit mehreren Preisen ausgezeichnet, war aber an den Kinokassen ein Misserfolg.

66/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und kursiv ohne Nummerierung: Vier Nächte mit Anna – Wikipedia
(2) FOUR NIGHTS WITH ANNA – Dennis Schwartz Reviews

Regie Jerzy Skolimowski
Drehbuch Jerzy Skolimowski
Ewa Piaskowska
Produktion Jerzy Skolimowski
Paulo Branco
Musik Michał Lorenc
Kamera Adam Sikora
Schnitt Cezary Grzesiuk
Besetzung

 

 

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