Zerstörte Träume – Polizeiruf 110 Episode 228 #Crimetime 915 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schneider #MDR #Traum #Zerstörung

Crimetime 915 - Titelfoto © MDR

Die große Karriere endet oder nicht

Eine große Karriere hat der Darsteller des Teenie-Stars Daniel Cross tatsächlich gemacht. Matthias Schweighöfer gilt als einer der profiliertesten deutschen Schauspieler seiner Generation. Auch als Sänger hatte er Erfolg, ein Album von ihm kam 2017 bis auf den 5. Platz der Charts – also 16 Jahre nach dem Dreh von „Zerstörte Träume“. Wir gehen davon aus, dass er seine Musiknummer, die während des Vorgangs gespielt wird, selbst singt. Zum Gesprochenen, zur Handlung und zu anderen Aspekten des 228. Polizeirufs steht mehr in der -> Rezension.

Handlung

Der stadtbekannte Dealer Marc Solms wird in den Räumen des Sängers Daniel Cross tot aufgefunden. Daniel Cross selbst wird neben der Leiche mit einem Messer in der Hand entdeckt und von den Kommissaren Schmücke und Schneider festgenommen. Er schweigt zu den Geschehnissen und sein Manager Peter Flemming verteidigt vehement die Unschuld seines Schützlings. Er schildert den jungen Künstler als viel zu sensibel, um so eine Tat zu begehen. Für Schmücke deuten die Spuren auch viel zu eindeutig auf Cross als Täter, daher will er sich nicht zu schnell festlegen und ermittelt in alle Richtungen. Unerwartet trifft Schmücke auf seine Schwester Gabriele, die er jahrelang nicht gesehen hat. Sie bittet ihn Daniels Unschuld zu beweisen, da er ihr Sohn ist.

In der Wohnung des Toten findet sich eine Kundendatei. Daniel Cross ist allerdings nicht darunter, was aber auch bedeuten kann, dass jemand seine Adresse entfernt hat, um ihn zu entlasten. Für Schmücke und Schneider zeigt Daniel eindeutige Entzugserscheinungen und sie sind sich sicher, dass auch Daniel Kunde von Solms gewesen ist. Schmückes Schwester kann nicht länger mitansehen, wie sich ihr Sohn in der Untersuchungshaft quält. Kurzerhand legt sie ein Geständnis ab, dass sie Solms umgebracht hätte. Da dies durchaus glaubwürdig klingt, wird sie in Polizeigewahrsam genommen. Schneider drängt seinen Kollegen, den Fall wegen Befangenheit abzugeben, aber Schmücke will weiter ermitteln.

Peter Flemming will einen fremden Mann vor Daniels Garderobe gesehen haben. Die Suche nach ihm führt zu Philipp Bender, der Solms öfter gefahren hatte und auch in der Nähe der Konzerthalle war. Seine Aussage entlastet Gabriele Cross und lenkt die Aufmerksamkeit der Ermittler auf Daniels Manager. Dieser gibt am Ende zu, Solms erstochen zu haben, damit er seinen Schützling nicht mehr mit Drogen versorgen kann. Er wollte nur mit ihm reden, aber Solms drohte damit, Daniels Sucht an die Öffentlichkeit zu bringen und das konnte er nicht zulassen.

Rezension

Schmücke und Schneider, die Hallenser Polizeiruf-Kommissare, hatten sich 2001 schon gut eingearbeitet, „Zerstörte Träume“ ist ihr 16. gemeinsamer Fall. Es war vermutlich nicht so einfach, aus dieser Geschichte einen guten Whodunit zu machen. Das merkt man daran, dass die Mutter von Daniel den Mord gesteht, um ihren Sohn zu schützen und glaubwürdig die Tatwaffe beschreibt, obwohl sich später herausstellt, dass sie gar nicht im Raum war, in welchem sich die Tötungshandlung zutrug. Anders ausgedrückt: Man musste dehnen und ziehen, damit ein grundsätzlich eher einfacher Film auf knapp 90 Minuten kommt.

Auch wenn Matthias Schweighöfer schon recht gut spielt und Herbert I Schmücke noch bei Edith ist, die in diesem Film sogar Verständnis für seine Arbeit aufbringt, während Herbert II dem vornamensgleichen Kollegen und Kumpel misstraut, wirkt der Film schon ein wenig wie einige, die wir vor mehreren Monaten gesehen haben – aus der Mitte der 2000er, als Schmücke und Schneider allmählich einer wohlgelaunten Routine versandeten. Nicht nur die Auflösung wird ebenso gestreckt wie schlechter Koks (vorher hieß es, Daniel nimmt etwas in Pillenform) – weil die meisten Verdächtigen nicht sehr prägnant herausgearbeitet werden, greift man als zusätzliches Stilmittel auf die Involvierung des Ermittlers zurück – Schmücke, so stellt sich heraus, ist der Onkel des jungen Musikers.

Also müsste er den Fall abgeben. Komischerweise wirkt sich die Subjektivität, die ihm von Schneider unterstellt wird, kaum auf den Gang der Dinge aus. Auch Schneider kann das falsche Geständnis der Mutter nicht widerlegen und die Kriminaltechnik bringt letztlich den entscheidenden Hinweis. So spät, dass man eigens eine unglückliche Liebesgeschichte für die „ansonsten so zuverlässige“ Kriminaltechnikern Weigand erfinden muss, damit ihre Schlamperei erklärbar wird. Es wäre aber Sache der Kommissare gewesen, den Gang der Dinge im Blick zu behalten.. Und warum man die Mutter nicht zu ihrem Sohn lassen will, während er in U-Haft sitzt, bleibt unklar – aus ermittlungstechnischen Gründen? Dann hätte der Staatswanwalt das mal erwähnen dürfen. Es wird also hübsch viel Beiwerk produziert, damit „Zerstörte Träume“ nicht zu plain wirkt – und dieses Beiwerk kommt nicht so recht glaubwürdig zum Tragen.

Die Zuschauerzahl bei der Premiere wird in der Wikipedia nicht genannt, aber ein Marktanteil von 13 Prozent entspricht in der Regel 4 bis 6 Millionen Zuschauern. Viele Tatorte kommen auf über 9 Millionen, heutige Polizeirufe in der Regel auf 7 bis 8 Millionen. Man hatte beim MDR mit Schmücke und Schneider eine Traumbesetzung gefunden, um die aufgeregten und konfusen Wendejahre in eine Phase der Neuorientierung überzuleiten, die nicht zu schmerzhaft wirkt, deshalb haben wir aufgemerkt, weil es hier auch um eine Fluchtgeschichte geht.

Daniels Mutter hat 1979 „rübergemacht“, ging aber nach Österreich – und wird von einer Österreicherin dargestellt. Während der Diskussion mit Schmücke über die Vergangenheit kommt es zu dem bemerkenswerten Dialog: „Du hast dich nie gemeldet“, sagt Schmücke. „Du dich auch nicht“, gibt die Schwester zurück. Sie wusste aber, wo er lebte und arbeitete, er von ihr nichts. Hätte er polizeilich nachforschen müssen? Immerhin hat er die Möglichkeiten dazu. Wer abhaut, hat später eine Art Verpflichtung, das spukt uns doch immer noch im Kopf herum. Gabrieles Schweigen während der DDR-Zeit hingegen erklärt sich gut, sie wollte Herbert nicht in Schwierigkeiten bringen. Zu allem Überfluss wird der aber trotzdem in die Provinz versetzt – und trifft dort auf Schneider. Die Darstellung stimmt so aber nicht.  In ihrem ersten gemeinsamen Film „Der Pferdemörder“ sehen die alten Freunde sich wieder, als Schmücke in seiner Eigenschaft als leitender Ermittler der Hallenser Mordkommission aufs Land fährt und dort auf den anderen Herbert trifft, der seinerseits wirkt, als habe er einen Karriereknick erfahren müssen.

Finale

Es ist eben schwierig, den Polizisten immer wieder neue private Verwicklungen anzudichten, die einen Fall spannender machen sollen. Manchmal ist das gekonnt inszeniert, auch in „Zerstörte Träume“ verbindet sich die Vergangenheit von Schmücke mit dem Fall des toten Dealers (der im Film zunächst nicht als Dealer erkennbar ist, sonst hätte man gleich geahnt, dass Daniel drogenabhängig) einigermaßen nachvollziehbar – außerdem kennt sowieso jeder jeden  um sechs Ecken herum, haben wir kürzlich gelesen.

Das Ende von „Zerstörte Träume“ ist auf subtile Weise konservativ. Ob Daniels Träume zerstört sind, wird im Grunde nicht mehr thematisiert, schließlich hat die Mutter irgendwann eingesehen, dass das Softpop-Business das Ding ihres Sohnes ist, nicht die Karriere als Pianist. Ob die Verwicklung in einen Mordfall und seine Drogensucht das Ende der Karriere bedeuten, wird nicht ausgeführt. Aber dass er zur Mutter zurückkehrt und damit auch das schwule Ding mit dem Manager beendet ist, kann man durchaus als nicht politisch neutral ansehen. So gewöhnlich ist der Film gar nicht, vermutlich kommt es in ihm zu einem der ersten Liebesküsse zwischen Männern im deutschen Krimi-Universum. Trotzdem wirkt er eher aufgebauscht als in seinen Möglichkeiten konsequent ausgespielt.

6,5/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Bodo Fürneisen
Drehbuch Bodo Fürneisen
Produktion Emmo Lempert,
Susanne Wolfram
Musik Rainer Oleak,
Freddy Gigele
Kamera Dieter Chill
Schnitt Matthias Behrens
Besetzung

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