Der Tod des Pelikan – Polizeiruf 110 Episode 134 #Crimetime 916 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Berlin #DDR #Grawe #Pelikan #Tod

Crimetime 916 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Die Oper, der Meister des Suspense, das Ende

Der 134. Polizeiruf war der erste, der nach der Maueröffnung Premiere feierte – am 1. Januar des Wiedervereinigungsjahres 1990. Ein würdiges Datum für einen ungewöhnlichen Krimi, eine besondere Zeit, in die ein beinahe zeitlos wirkender Film gestellt wird, über den es einiges zu schreiben gibt. Wir tun das in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Opernsängerin Gerda Bachmann will sich von ihrem Mann, dem Flugkapitän Herbert, scheiden lassen. Der gemeinsame Sohn Robert soll nach dem Willen Gerdas bei ihr bleiben und beide Anwälte wissen, dass der Sohn der Mutter zugesprochen werden wird. Zwar ist sie mit ihrem Künstlerberuf viel außer Haus, kann dem Jungen aber dennoch ein stabileres Leben bieten als der Vater, der als Pilot stets tagelang außer Landes ist. Als Herbert Robert mal wieder zu Gerda bringt, macht er ihr klar, dass er auf keinen Fall kampflos aufgeben wird. Er steigert sich immer mehr in seine Wut hinein, trinkt Schnaps und droht, für seinen Sohn bis zum Äußersten zu gehen. Anschließend verlässt er Gerda wütend. Vor dem Haus trifft er auf Oberleutnant Thomas Grawe, der auf demselben Gang wie Gerda wohnt. Beide halten Smalltalk und Herbert fragt, was Grawe machen würde, wenn ihm die Tochter weggenommen würde. Er bringt den Vergleich, dass er wie ein Pelikan um sein Kind kämpfen wird und sich notfalls die Federn ziehen lassen wird. Grawe wird mit dem Wagen abgeholt und Herbert, selbst verblüfft, was er dem ihm fremden Mann erzählt hat, fährt davon. Fast überfährt er einen Motorradfahrer, den er übersieht, doch kommt der Fahrer nur ins Rutschen. Wenig später steht Herbert erneut vor Gerdas Tür. Er ist nun wie verwandelt und beichtet Gerda, dass er einen Mann überfahren habe. Er werde ihr Robert nun kampflos überlassen, habe sie ihn mit dem Wissen doch in der Hand. Gerda ist nicht wohl, von ihm als „Vertrauensperson“ benutzt zu werden, und sie verspricht Herbert nur, nicht von allein zur Polizei zu gehen. Sollte sie sie jedoch befragen, werde sie nicht für Herbert lügen.

Einige Zeit später findet Gerda in der Post einen anonymen Brief, dem ein Zeitungsausschnitt beiliegt. In ihm wird von einem Unfall am 15. Februar 1989 – dem Tag von Herberts letztem Besuch – berichtet, bei dem ein Mann zu Tode kam. Der Täter, der Unfallflucht begangen hat, wird nach wie vor gesucht. Gerda alarmiert Herbert, der behauptet, denselben anonymen Brief erhalten zu haben. Wenig später erhält Gerda einen weiteren Brief mit der Todesanzeige des beim Unfall Umgekommenen. Ein dritter Brief wiederum enthält das Foto eines Mannes mit Trauerrand und Gerda geht davon aus, dass es der Getötete ist. Sie ist verzweifelt, weil sie nicht weiß, wer hinter den Sendungen steckt und was derjenige bezweckt. Im Alltag wird sie immer empfindlicher und fahriger, beginnt, Medikamente gegen die Nervosität zu schlucken, und vergisst, ihren Sohn vom Kindergarten abzuholen. Entgegen der Behauptung ihres Mannes, auf Robert zu verzichten, wird nun doch vom Jugendamt Gerdas Leben unter die Lupe genommen, und die Fürsorger erhalten keinen guten Eindruck.

Gerda glaubt unterdessen mehrfach, in der Stadt den angeblich toten Mann zu sehen. Sie kann ihn jedoch nie stellen. Eines Tages – sie hat den Mann gerade durch eine Schaufensterscheibe entdeckt – trifft sie auf ihre Freundin Marianne, die sie schon lange nicht mehr gesehen hat. Sie hofft, dass sie sich ihr anvertrauen kann, und bittet sie am Abend nach der Vorstellung auf sie zu warten. Gerda singt die Hauptrolle in Madama Butterfly, bricht jedoch ohnmächtig auf der Bühne zusammen, als sie den vermeintlichen Toten zu sehen glaubt. In ihrer Garderobe berichtet sie Marianne von Herberts Tat. Sie hat einen Plan: Sie will auf dem Friedhof nach dem Grab des Toten suchen und sich vom Friedhofswärter die Adresse geben lassen, um so von den Nachkommen zu erfahren, ob der Mann auf dem Foto auch der Tote ist. Sie setzt den Plan mit Marianne in die Tat um und begibt sich anschließend zu dem Wohnhaus, dessen Adresse Marianne ihr aufgeschrieben hat. Sie findet jedoch nur ein Abrisshaus vor. Sie ruft Oberleutnant Thomas Grawe an, mit dem sie sich bereits einmal im Haus unterhalten hat, und berichtet ihm von Herberts Tat und den anonymen Briefen. Er ist überrascht und legt ihr das Bild des wirklichen Opfers vor – ein anderer Mann als auf dem Gerda zugeschickten Bild. Zudem wird er stutzig, dass Gerda aktiv auf den Zeitungsartikel hingewiesen wurde, hätte sie ihn ohne den Hinweis nie entdeckt. Gerda erkennt, dass sie von Herbert manipuliert wurde, hatte er doch alles geben wollen, um ihr den Jungen wegzunehmen. Am Abend hat Gerda erneut eine Vorstellung als Madame Butterfly. Herbert ist wieder im Land und sucht Gerdas Garderobe auf, wo er auf Marianne trifft. Es wird deutlich, dass er und Marianne heimlich ein Paar sind und den Schwindel gemeinsam geplant haben. Der ominöse Tote war der gemeinsame Bekannte Schubert, Herbert wiederum war in Wirklichkeit nie in einen Unfall mit Todesfolge verwickelt. Die Polizei hat den wirklichen Täter längst verhaftet. Gerda hört das schadenfrohe Gespräch zwischen Herbert und Marianne mit, geht zu ihrem Mann und ersticht ihn mit einem Theaterdolch. Oberleutnant Grawe hat unterdessen beim Betrachten eines Pelikanbildes erfahren, dass Pelikane ihre Kinder notfalls bis zum Tod verteidigen. Mit ungutem Gefühl eilt er in die Oper, kommt jedoch zu spät.

Rezension

Ist „Der Tod des Pelikan“ der beste Polizeiruf der DDR-Phase (1971-1990)? Auf jeden Fall ist er ein Vermächtnis. Es zeichnete sich bereits viele Jahre vorher ab, dass die ostdeutsche Parallelreihe zum „Tatort“ einen eigenen Weg gehen würde. Nicht an das klassische Handlungsschema gebunden, dass der Film mit einer Leiche beginnen muss, war der Polizeiruf schon immer viel flexibler im Handlungsaufbau und das hatte man genutzt, indem man zeigte, wie Verbrechen entstanden, sich auf die Figuren konzentrieren konnte, virtuos mit Rückblenden arbeitete und in manchen Phasen weitaus mehr Spaß am Experiment und an der Innovation zeigte, als das zur selben Zeit im westdeutschen Pendant der Fall war. Einschränkungen hingegen gab es bei der Darstellung der Strukturen und Hintergründe des Verbrechens und beim Aufwand, mit dem die Filme erstellt werden konnten.

Fraglos ist „Der Tod des Pelikans“ schon ein Übergangsfilm. Es dürfte seinen Erschaffern klar gewesen sein, dass Dinge im Wandel begriffen waren und geradezu peinlich achtet man darauf, dass keine DDR-Strukturen in ihm sichtbar werden. Selbst Oberleutnant Grawe wird nur ein einziges Mal mit seiner Position genannt, hat aber hier eine untergeordnete Rolle und leider kommt er am Ende auch noch zu spät, um die gnadenlos folgerichtige Tat zu verhindern. Das kann man als Allegorie sehen – es ist zu spät, um das Blatt noch zu wenden, der Wille der Zeitläufte geschehe.

Dass man etwas Besonderes vorhatte, merkt man schon an der Länge des Films. Mit 98 Minuten Spielzeit übertraf der nicht nur die zeitgenössischen Produktionen der Reihe um ca. 15 Minuten, sondern läuft auch zehn Minuten länger als heutige Tatorte und Polizeirufe, die beide ins Primetime-Format von 88 bis 89 Minuten passen müssen. Dass man diese Länge gar nicht bemerkt, sondern von Beginn an gefesselt ist, liegt an einem herausragenden Plot. Noch etwas besser ist die Inszenierung. Der Chonrist der DDR-Polizeirufe, Peter Hoff, hat den Film völlig zu Recht als Thriller in Hitchcock-Manier bezeichnet. Der Suspense ist außergewöhnlich und auch stilistisch ähnelt der Film den Werken des Altmeisters.

Einer der besten Tricks, und mit Tricks arbeitete Hitchcock exzessiv, ist auch hier, den Zuschauer etwas voraus sein zu lassen. Im Unterschied zu manchen Filmen Hitchcocks allerdings, die den Täter schon sehr früh und sehr deutlich präsentieren und dann ganz darauf abstellen, wie man ihm unter Zeitdruck das Handwerk legen kann, lässt man den Vater hier zwar eindeutig als getriebene, negative Figur auftreten, aber wofür er letztlich verantwortlich ist, das zeigt sich anfangs nicht. Weil die Situation erst entstehen muss, in welcher er auf die Idee kommt, sogar seine Verwicklung in einen Unfall vorzutäuschen, um seine Frau in die Sache hineinzuziehen und ihre Sensibilität auszunutzen. Die Idee, sie in den Wahnsinn zu treiben, erinnert vor allem an einen Film, der nicht von Hitchcock stammt: An „Gaslight“ (1943), der allerdings sehr von der Suspense-Technik Hitchcocks inspiriert ist. Vor allem das Vage, das den Zuschauer ins Geschehen hineinzieht wie ein Sog, erinnert deutlich an diesen famosen Klassiker des Thriller-Genres.

Die Einarbeitung von Puccinis Oper „Madame Butterfly“, in welcher der Kampf um ein Kind eines von mehreren dramatischen Elementen darstellt, ist großartig gelungen und liegt so nah, diese Integration gut auszuspielen, bedingt zum Teil auch die Länge des Films, unterstreicht aber seinen guten Rhythmus und das Drama, das eine Scheidung und das Gezerre um die Kinder immer mit sich bringt, allerdings trat in diesem Film niemand in den kaukasischen Kreidekreis, um die Eskalation zu verhindern. Die Ordnung funktioniert nicht, alles spielt sich hinter ihrem Rücken ab, wie man an der unglücklichen Aufstellung von Oberleutnant Grawe sieht, aber auch daran, dass das Jugendamt nichts zur Lösung beitragen kann.

Um den operngerechten Schluss hinzubekommen, nimmt man am Ende allerdings doch ein paar Fragwürdigkeiten in Kauf. Selbstverständlich hätte Gerda Bachmann eine Chance gehabt, ihr Kind zu behalten, denn als sie Grawe erzählt, was geschehen war, erkennt er sofort die Manipulation und ist ganz auf ihrer Seite. Hätte die Polizei die Person ermittelt, die von Herrn Bachmann beauftragt wurde, den beim Motorradunfall Verunglückten darzustellen, hätte dieser gestanden, was man als wahrscheinlich ansehen darf, hätte Bachmann seinen Sohn niemals wieder sehen dürfen. Dass der vermeintlich Tote die Opernsängerin immer wieder verfolgt, steigert clever die Spannung, dass sie ihn im Publikum erkennt, ist hingegen eher unwahrscheinlich, das weiß jeder, der einmal auf einer beleuchteten Bühne stand, mit einem Publikum im abgedunkelten Saal vor sich. Ganz wichtig aber, dass die alte Freundin von Gerda, die sie zu unzufällig wiedertraf, ganz in der Nähe des Mannes saß.

Psychologisch stimmig wird das Szenario vor allem dadurch, dass Gerda eine sensible und in Alltagsdingen etwas naive Künstlerin ist und ihr Mann ein Narzisst, vor allem Ersteres wird anhand der furchtbaren Kombination aus Bedrohen und das Opfer markieren deutlich, die er offenbart. Am Ende, als noch ein paar Federn fallen, nachdem seine Frau ihn erdolcht hat, haben wir uns gefragt, wer nun der Pelikan ist, auch wenn der Beruf als Pilot die Zuordnung nahelegt. Das Problem eines trotz der Länge des Films gequetscht wirkenden Endes beginnt aber nicht erst mit der Handlung von Gerda, sondern mit dem Verhalten ihres Mannes, der so unvorsichtig ist, in der Garderobe offen mit seiner Geliebten über alles zu reden und Gerdae bekommt es dann mit. Nur sein im Schatten einer Persönlichkeitsstörung stehender Charakter macht es halbwegs glaubwürdig, dass er vorzeitig seinen Triumph hinausposaunt, während in Wahrheit noch alles offen ist.

Finale

Es ist aber auch ein Merkmal vieler Hitchcock-Filme, dass ihre Handlungen nur funktionieren, wenn Figuren sehr dezidiert und immer etwas neben der Norm agierend gezeichnet werden, sodass man ihnen ungewöhnliches Verhalten jederzeit abkauft. Der Suspense, den man allgemein hauptsächlich in der Handlung und natürlich in visuellen Spezialitäten des Meisters verortet, beruht nach unserer Ansicht auch darauf, dass dem Zuschauer glaubhaft vermittelt wird, dass er es auf der Leinwand mit Menschen zu tun hat, die anders sind als er selbst – sogar die sogenannten Zufallshelden, die bei ihm häufig vorkommen, Menschen, die unversehens in eine Sache hineingezogen werden und sich dann bewähren. Auch sie sind Teil des Spiels mit dem Außergewöhnlichen.

Deswegen darf nicht unerwähnt bleiben, dass auch die Kamerarbeit mit Hitchcockscher Präzision arbeitet, immer wieder überraschende Perspektiven zeigt, die noch nicht den ganzen Sinn einer Szene verraten. Die Choreografie der Einstellungen, die Komposition der Bilder, zählt zu den Pluspunkten, ebenso die Musikgestaltung und der musiklose Vor- und Abspann, der den Effekt der Konzentration und der Abgeschiedenheit gleichermaßen verstärkt – und das Einsetzen des Films mit der Kinderszene aus „Madame Butterfly“ bereits sehr spannend wirken lässt. Farbe spielt ebenfalls eine ungewöhnlich starke Rolle, ebenso die Dekors, die Mode, die Setdekoration, die Idee, mit einer ungarischen Hauptdarstellerin zu arbeiten, die nur ein einziges Mal in einem Polizeiruf auftrat und auf eigenartige Weise den Effekt steigert, dass man es mit einer unbekannten, aber beachtliche Größe zu tun hat. Diesen Polizeiruf werden wir uns sicher noch einmal ansehen, weil er eine genauere Analyse verdient hat.

9/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Rainer Bär
Drehbuch Rainer Bär
Produktion Fernsehen der DDR
Musik Giacomo Puccini
Karl-Ernst Sasse (Bearbeitung)
Kamera Franz Ritschel
Schnitt Marion Fiedler
Besetzung

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