Leerstand – Tatort 609 #Crimetime 917 #Tatort #Frankfurt #Dellwo #Sänger #HR #Leerstand

Crimetime 917 - Titelfoto HR, Martina Pipprich

Der verflixte siebte Fall

In ihrem siebten Fall werden die hr-Ermittler Charlotte Sänger und Fritz Dellwo mit einer Entführung konfrontiert, die sie in eine fast ausweglose Situation bringt. In der -> Rezension wird sich noch herausstellen, dass sich dieses für den siebten Fall typische Gefühl auf den Rezensenten übertragen hat.

Handlung

Die Kommissare Fritz Dellwo und Charlotte Sänger werden in ihr altes Präsidium gerufen. In dem leer stehenden Gebäude soll die Leiche einer jungen Frau gefunden worden sein. Aber die beiden Kollegen, die den Leichenfund gemeldet hatten, sind am vermeintlichen Tatort nicht auffindbar. Dellwo und Sänger machen sich im alten Präsidium auf die Suche, doch auch von der Leiche der Frau ist keine Spur zu finden. Stattdessen werden sie mit der Situation konfrontiert, dass die beiden Polizisten als Geiseln genommen wurden. Die Forderung des Entführers wird ihnen durch einen Komplizen übermittelt: Charlotte Sänger soll Alexander Kern in das verlassene Präsidium holen. Kern – in einem reinen Indizienprozess wegen Entführung verurteilt – wurde vor kurzem wegen seines Wiederaufnahmeverfahrens aus dem Gefängnis entlassen. Als Sänger sich weigert, Kern ins Präsidium zu locken, erfahren sie, dass auch die Anwältin Kerns in der Gewalt des Entführers ist. Dellwo und Sänger wird klar, dass sie sich in einer fast auswegslosen Situation befinden. Wie immer sie sich entscheiden ist es falsch – der Alptraum eines jeden Polizisten.

Rezension

Niki Stein hat gewiss schon viele interessante Filme inszeniert, aber hier war er auch fürs Drehbuch verantwortlich. Das tut er aber meistens, weil er denen, die nur Bücher schreiben können, nichts gönnt. In Ausnahmefällen darf auch mal jemand anderes ran. Im Ernst: Die Ergebnisse sind unterschiedlich, etwa so, wie ich der Personalunion aus Buch und Regie gegenüberstehe, es kann nur ein Zwiespalt bleiben. Einerseits weiß der Regisseur natürlich perfekt, was der Autor sehen wollte, andererseits fehlt ein Korrektiv, wie eben bei vielen Autorenfilmen.

Ich mag zum Beispiel Steins Tatort „Oscar“, den er ebenfalls für die Frankfurter Sänger und Dellwo geschrieben und gedreht hat, die beiden konnten sozialen Themen so unglaublich gut abbilden, das schafft heute in diesem Stil kein Team mehr. Die Kölner machen es anders, wirken mehr mittendrin, diskutieren jedes Sujet, wenn’s pädagogisch-öffentlichrechtlich sein muss, in These und Antithese, aber der in sich gekehrte Fritz und die ätherische Charlotte brechen das alle in ihren eigenen Persönlichkeiten auf eine faszinierende Weise, die Nachdenken und Stellungnahme herausfordert. Ihre Tatorte waren damals die Avantgarde und da war Niki Stein natürlich der richtige Regisseur.

Über Leerstand habe ich mich allerdings in mehrfacher Weise geärgert. Zum einen, weil die ganze Handlung möglicherweise ein Traum von Fritz Dellwo war, und sowas ging vielleicht noch bei Fritz Lang anno 1944 in „The Woman in the Window“, aber da war die Binnenhandlung trotzdem recht logisch. Man kann sich bei Träumen aber immer damit herausreden, dass sie genau das nicht sein müssen. Trotzdem mag ich die Tatsache nicht in dem Sinn verstehen, dass Sänger den Alexander Kern so schnell aus der Fassung bringt. Mumpitz, bei einem solchen Typ. Andere haben das jahrelang nicht hinbekommen, Fachpersonal, das auf derlei Personen spezialisiert ist.

Man hätte es vielleicht so spielen können, dass er auf Sänger als Mensch besonders stark abhebt, aber sie schafft es, ihn auszutricksen, indem sie ein paar einfache Fakten aus den alten Akten aufschreibt, die natürlich ebenso noch im alten Präsidium stehen wie Fritzens Schallplatten nebst Plattenspieler. Ja, ein Traum, ich weiß, und genau das ist das Bescheuerte daran. Nur, wie hat Dellwo im Traum wissen können, wie es in Fromm aussieht? Ich hätte es auch nicht unbedingt verbildlicht gebraucht. Das sind solche Mätzchen, die für mich eben nicht stylisch sind, auch wenn ich eine vage Ahnung habe, dass das verschlungene Geschehen im alten Präsidium und das Herumgeistern der Sonde im alten Chef irgendwie in einem symbolischen Bezug zueinander stehen könnten.

Und dass Kern seinen harten Kern verliert und vor und wegen Sänger anfängt durchzudrehen, kann man natürlich auch in Fritz Innenleben verorten: Sein Trauma ist es, dass seine eigentliche Untergebene Dinge erfühlt und erreicht, die nicht nur für ihn als Normalzeitgenosse frustrierend überlegen wirken müssen. Ich glaube sogar, dass die Ablehnung vieler der Sänger-Figur gegenüber etwas damit zu tun hat. Wie sie da im Garten tanzt und oft so aufmerksam-verwirrt guckt, im alten Präsidium und wie die Waffen wandern usw., das alles hat aber wohl auch dazu beigetragen, dass man sie nicht als Polizistin akzeptieren wollte. Heute Schnee von Gestern, angesichts der Art, wie abgedreht einige der neueren Tatortermittler_innen sind. Wobei die männlichen da besonders hervorstechen. Doch Mitte der 2000er war der Gipfel der Exzentrik das damals neue Münster-Duo, das auf seine Weise sehr unrealistisch ist.

Die Charakterzeichnung von Charlotte Sänger hat mich nie gestört, im Gegenteil, die Idee, so jemand könnte mehr können, sogar in einem so wenig künstlerischen Job wie bei der Polizei, was sich nur mit privatem Turniertanz-Engagement als Ausgleich ertragen lässt, die fand ich immer cool. Trotzdem übertreibt man es hier mit ihren magischen Fähigkeiten und auch mit der Labyrinthik des alten Polizeireviers. Wie sie sich in „Leerstand“ in einem Gebäude verhalten, in dem sie früher täglich ein- und ausgingen und im Wesentlichen ihre Arbeitstage zubrachten, das wirkt etwas arg verzettelt, auch wenn es effektvoller ist, als eine solche Begehung in der – schon wieder die! – also, also sowas in der Realität sein sollte. Auch der Arzt, der sich zwei Jahre als Wachmann verdingt, nur, um sich auf seinen Einsatz als Rächer vorzubereiten, ist eigentlich eine psychologische Monstrosität, aber vielleicht kommt man solchen Verhaltensweisen näher, wenn man in jener nun schon häufig zitierten Realität der Ehemann der Darstellerin ist, welche hier die Ermittlerin spielt. Wusste ich vorher gar nicht, finde es aber irgendwie stimmig.

Ich will nicht verhehlen, dass mich eine weiter Faktenlage nicht gerade froh gestimmt hat. Natürlich,  zu einem Tatort gehört eine Leiche, die gibt es hier erst einmal gar nicht, vor allem in der ersten Dekade der Reihe war das Schema auch noch nicht so absolut eingehalten worden, wie das heute der Fall ist. Aber dann war das Mädchen eben doch tot und Alexander Kern lügt einfach nur allen die Hucke voll, auch wenn er sie vielleicht nicht im wörtlichen Sinn eingegraben hat. Da fehlt doch etwas die Rafinesse, auch wenn der Fall offenbar an den realen und tödlich endenden Entführung des Bankiersohns Jakob von Metzler orientiert ist.

Aus dem damaligen Verlauf ergibt sich allerdings auch der Unterschied zur Fiktionalisierung à la Stein, der zielgenau dafür sorgt, dass das Drehbuch die oben beschriebene zentrale Schwäche hat. Die Folterandrohungen und besonderen psychischen Einwirkungen wie etwa etwa das Verhalten Fromms gegenüber Kern, der in der Realität Gäfgen heißt, gab es wirklich, aber sie haben dazu geführt, dass Gäfgen das Versteck der Leiche von Metzlers offenbarte und nicht etwa a.) verurteilt wurde, ohne dass das vermutliche Mordopfer gefunden worden wäre und b.) war es eben nicht so, dass er jahrelang elegant schwieg und damit die Rache eines Elternteils auslösen konnte in der Form, wie sie hier stattfindet. Wobei der Arzt ja nur wissen will, was mit Ulrike geschehen ist, Gewissheit haben will. Nein, vielmehr in jener vielerwähnten Realität wäre es um Rache gegangen, denn das Ergebnis von Gäfgens tun war bekannt, und es wird derzeit noch gesühnt, weil Gäfgen Freiheitsstrafe lebenslänglich bekam, § 211 StGB, und dann noch besondere Schwere des Falls.

Man kann sagen, da, wo das Drehbuch auch dramaturgischen Gründen von der Wirklichkeit abgewichen ist, ist es auch gestolpert, aber der Regisseur Stein hilft dem Autor Stein noch einigermaßen aus der Patsche, indem er die Schauspieler gut führt und eine Atmosphäre schafft, die dem alten Dienstbaugemäuer in der Tat etwa Dämonisches verleiht. Sich durch ein so dreckiges Klo von Zelle zu Zelle zu  unterhalten, ist ja auch schon für sich genommen einfach gruselig.

Dieses Haus zieht die ungelösten oder unbefriedigend abgeschlossenen Fälle offenbar magisch an, und dass die verwendete Baulichkeit in Frankfurt tatsächlich lange Zeit leer stand, was man gar nicht glauben sollte, mitten in dieser Stadt – aber vielleicht wollen ja alle lieber hoch bauen und Aufzug fahren als ihre Büros in diesem Klassiker unterbringen – gab natürlich einen vortrefflichen, wenn auch übertrieben verschachtelt dargestellten Drehort ab.

Finale

Irgendwie läuft die Psychologie in diesem Film nicht rund, man hat immer das Gefühl, die Ermittler und die übrigen Schauspieler müssen durch etwas durch, was sie selbst vielleicht nicht überzeugend finden, das macht man eben, aus schierer Professionalität, und man macht es gut, wenn man die Qualität hat und außerdem derjenige, der das Buch verbockt hat, so freundlich ist, sich selbst für dessen Umsetzung zur Verfügung zu stellen und damit auch für das geradezustehen, was er geschrieben hat.

Im Moment steht „Leerstand“ auf Platz 150 von 1032 Tatorten, das ist beachtlich, für Sänger / Dellwo aber nicht überraschend oder überragend, denn einige ihrer Fälle zählen teilweise bis heute zu den besten Tatorten. Sicher hat meine Enttäuschung über „Leerstand“ auch damit zu tun, dass ich letzte Woche nochmal „Wo ist Max Grawert“ gesehen und mich daran erinnert habe, wie viel Spaß mir die beiden Frankfurter gemacht hatten – sie waren just zu dem Zeitpunkt demissioniert, zu dem ich begann, Tatorte schon bei deren Erstausstrahlung zu rezensieren, sodass alle ihre Filme retrospektive Kritiken erhalten. Leerstand ist in der Summe keine Katastrophe, aber Manches ging mir dann doch etwas zu einfach und übers Knie gebrochen vonstatten. Mir ist da noch etwas aufgefallen. Dass die Discobetreiber-Clique, nur ganz kurz gezeigt, viel glaubwürdiger wirkt als die Berber, Junkies u. a., die sich im alten Präsidium einquartiert haben. 

6,5/10

© 2021 (Entwurf 2017) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Charlotte Sänger – Andrea Sawatzki 
Fritz Dellwo – Jörg Schüttauf 
Decker – Christian Berkel 
Alexander Kern – Ludwig Blochberger 
Cosima Abt – Nina Petri 
Fromm – Peter Lerchbaumer 
Kruschke – Oliver Bootz 
Dr. Scheer – Thomas Balou Martin 
Professorin – Iris Böhm 

Regie – Niki Stein 
Buch – Niki Stein 
 

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