Mein großer Freund Shane (Shane, USA 1953) #Filmfest 354 DGR

Filmfest 354 A "Die große Rezension"

„Shane. Come back!“

Mein großer Freund Shane (Originaltitel: Shane) ist ein US-amerikanischer Western des Regisseurs George Stevens aus dem Jahr 1953. Er basiert auf dem gleichnamigen Roman von Jack Schaefer. (1)

Regisseur George Stevens ist nicht eine Hollywood-Ikone geworden wie einige Kollegen, etwa John Ford oder William Wyler. Er hat auch bei wesentlich weniger Filmen im Directors Chair gesessen.

In „Shane“ vereint er aber etwas von diesen beiden bekannteren Hollywood-Altmeistern. Fords Sinn für pathetische, bildgewaltige Symbolik und Wylers Gefühl für den richtigen Ton der Dialoge und die Führung der Schauspieler. 1952 gewann Stevens für „A Place in the Sun“ den Regie-Oscar, 1957 noch einmal, für „Giant“. Beide Filme bekamen auch den Oscar für den besten Film des Jahres. Warum wir das an dieser Stelle erwähnen und mehr zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung (6)

Eines Tages trifft ein geheimnisvoller Fremder auf der kleinen Farm von Joe Starrett ein. Alles deutet darauf hin, dass es sich bei diesem Mann, der sich Shane nennt, um einen Revolverhelden handelt, der sich auf der stetigen Flucht vor Verfolgern, die sich mit ihm messen wollen, befindet. Starrett fragt Shane jedoch nie nach seiner Herkunft und bietet ihm an, auf seiner Farm zu bleiben und für ihn zu arbeiten. Shane nimmt an. Starretts Sohn, der achtjährige Joey, bewundert den Fremden für seine Stärke und seinen gekonnten Umgang mit der Waffe. Shane wiederum fühlt sich zu Starretts Frau Marian hingezogen, die anscheinend das gleiche für ihn fühlt.

Starrett befindet sich zusammen mit seinen Nachbarn in einer erbitterten Fehde mit dem Großgrundbesitzer Rufus Ryker, der das ganze Gebiet der Gegend für sich beansprucht und alle kleinen Farmer vertreiben will. In diesem Konflikt stellt sich Shane auf die Seite der Farmer, versucht aber, Auseinandersetzungen zu vermeiden. Die Situation eskaliert entscheidend, als Ryker den Scharfschützen Jack Slick Wilson aus Cheyenne engagiert.

Starrett wird herausgefordert und will Wilson zu einem Schusswechsel gegenübertreten. Ein ehemaliger Angestellter von Ryker warnt Shane, dass Starrett in eine Falle gelockt werden soll. Shane muss Starrett nach einem längeren Zweikampf niederschlagen, um ihn vor einer Konfrontation mit Ryker und Wilson, in der er keine Chance hätte, zu schützen. Er verabschiedet sich von Starretts Frau, die seine Beweggründe versteht, und reitet in die Stadt. Joey läuft ihm hinterher, ohne dass Shane es merkt.

Im Showdown im Saloon kann Shane Wilson und Ryker erschießen, wird jedoch, als er den Saloon verlassen will, von Rykers Bruder aus dem Hinterhalt beschossen und verletzt. Shane kann der tödlichen Kugel nur entgehen, weil er von Joey gewarnt wird und tötet Rykers Bruder ebenfalls. Shane kehrt nicht mehr auf Starretts Farm zurück. Er verabschiedet sich von Joey, verlässt das Tal und reitet verwundet in die Ferne. Ob Shane tödlich verwundet wurde, wie oft spekuliert wird, ist weder aus dem Film noch aus Schaefers Roman ersichtlich.

Rezension

1953/54 wurde  „Shane“ vom allerdings grandiosen Staraufgebot in „From Here to Eternity“ („Verdammt in alle Ewigkeit“) geschlagen. Trotzdem gilt vielen „Shane“ als der Höhepunkt im Schaffen von Stevens, dessen Art, Filme zu machen, sehr gut in die 50er mit ihren großen Entwürfen, Epen, mit ihrem Pathos und ihrer unbedingten Hinwendung zu den Emotionen des Publikums passte.

„Shane“ ist tatsächlich ein großartiger Film, auch wenn wir ihn nicht über „Giganten“ stellen, der aufgrund der weitschweifigen Romanvorlage von Edna Ferber und des epischen Panoramas, der Fülle von Figuren andere Anforderungen an die Regie stellte, die Stevens nach unserer Auffassung hervorragend bewältigt hat. „A Place in the Sun“ als gemäß Motion Picture Academy besten Film des Jahres 1951/52 haben wir mittlerweile auch angeschaut, die Rezension wird auf dem Filmfest erscheinen.

Noch heute gilt „Shane“ als einer der besten Western und wird vom American Film Institute (AFI) (5) zu den besten 100 amerikanischen Filmen gezählt, anders als manche Oscar-Gewinner.

Nach Martin Holtz in „Schnitt“ hat der bekannte Filmhistoriker André Bazin „Shane“ als Superwestern bezeichnet, weil er den Mythos des Westerns selbstreflektierend behandelt (1). Bevor wir das lasen, hatten wir uns schon den Begriff „Metawestern“ für „Shane“ ausgedacht und freuen uns, dass wir ihn ähnlich gelesen haben wie diese Kritiker.

Das ist allerdings auch nicht schwer, denn „Shane“ ist in seiner reichhaltigen Symbolik so eindeutig und unmissverständlich für jeden, der sich ein wenig mit der Geschichte der USA, den Mythen und Träumen des Landes beschäftigt hat, dass man erkennt, wie hier nicht etwa Stereotypen (wie Erik Beck meint) (2), sondern Archetypen kreiert wurden. Einerseits glaubwürdig und realistisch gezeichnet, wie die siedelnden Farmer und Rancher, andererseits ganz dem Mythos folgend, wie der lone Rider und Gunslinger Shane (Alan Ladd) und sein finaler Gegenspieler, der fiese Wilson (Jack Palance). Der Konflikt zwischen Farmen und Ranchern, der die Handlung steuert und den wir aus so vielen Western kennen, wird bereits in der zweiten Szene eingeführt und entwickelt sich ziemlich genau genau entlang der Plotpoint-Theorie.

In unserer ausführlichen Rezension werden wir auf die Charaktere, den Konflikt, den Hintergrund eingehen und erklären, warum wir „Shane“ ausgezeichnet finden. Wir sind zwar nicht mit Roger Ebert der Meinung, dass er höher anzusiedeln sei als „High Noon“ (1952) (3), mit dem ihn auch Bosley Crowther, der führende amerikanische Filmkritiker der 50er und somit Kritiker-Zeitzeuge, in einen Zusammenhang gestellt hat (4) wenngleich wir zustimmen, dass er überzeitlicher in seiner Botschaft und vielleicht auch in seiner Gestaltung ist.

  1. Figuren

– Die Siedler und die Rancher. Joe Starrett (Van Heflin) ist der Anführer einer Gruppe von Farmern, die sich auf dem Land am Fuß der großen Berge niedergelassen haben und dort ihr einfaches Leben führen, ihre Felder bestellen und in ständigem Konflikt mit den Ranchern leben, die ihr Vieh schon seit langer Zeit über dieses Land treiben und mit dem Zäunen der Farmer nicht klarkommen.

Die Siedler sind in einer gerade für die 50er verblüffend realistischen Weise gezeichnet. Einfach ist ihr Leben, sind ihre Häuser, ihre Kleidung, ihre Art zu denken. Es geht um die simplen Prinzipien. Kämpfe ich für mein Land oder weiche ich der Gewalt? Gehe ich allein weg oder schließe ich mich mit anderen zu einer Gefahrengemeinschaft zusammen und leiste Widerstand? Dem Film liegt offenbar in Teilen ein  historisches Ereignis von 1892 zugrunde, in dem es um genau diesen Konflikt zwischen amerikanischen Prototypen geht, die sich das Land von den „Native Americans“ genommen und es kultiviert haben.

Ein Charakter wie Shane wird es in dem historischen Konflikt zwischen Farmen und Ranchern nicht gegeben haben, aber das Duell zwischen Altem und Neuem, zwischen Ordnung und Freiheit, das viel Subtext für den Film stellt, das ist nachvollziehbar und wird psychologisch höchst glaubwürdig gespielt. Mehrmals versucht zum Beispiel der alte Rancher Rufus Ryker (Emile Meyer) Starrett einzubinden, ihn zu überreden, für ihn zu arbeiten und seine kleine, materiell nicht sehr bedeutende Farm zu verkaufen. Er erklärt in einer wundervollen Szene mit fliegenden weißen Haaren, auf einem Pferd sitzend, gegen den weiten Himmel als Hintergrund, dem Farmer, wer die älteren Rechte hat, wer der Gefahr gegen die Indianer trotzte und das Land urbar gemacht hat. Man kann seine Position verstehen.

Ebenso diejenige der Farmer, die aus einfachsten Verhältnissen aufgebrochen sind, eine neue  Generation, vermutlich vor nicht allzu langer Zeit eingewanderte Europäer, die nicht diese beinahe Heldenstatur haben wie der alternde Großrancher, aber gemeinsam zäh und verbissen um ihr Stückchen Scholle kämpfen, das erste Besitztum, das sie vermutlich in ihrem Leben erreicht haben und das einzige, das sie erreichen konnten.

Mit einfachsten Worten, so, wie die Leute damals vermutlich auch gesprochen haben, wird eine pathetische Stimmung generiert, die gerade deshalb so wirkungsvoll ist, weil sie Authentizität vermittelt. Für das Verhalten der Menschen wird ihre Geschichte herangezogen, es werden keine übergeordneten nationalen oder ethischen Prinzipien bemüht. Dennoch spürt man, warum die USA lange Zeit ein Leuchtturm als „Land of the Free“ waren. Nicht, weil einzelne übergroße Figuren etwas einmalig Schönes geschaffen haben, sondern weil der Wille vieler Unterprivilegierter, die über die weite See in die Neue Welt gefahren waren, es dazu gemacht hat. Die Stärke aller Charaktere, selbst die Schwäche des einen oder anderen Siedlers, resultiert aus der Notwendigkeit, in einer kargen Umgebung zu überleben. Die Berge im Hintergrund sind wundervoll, aber das weite Land ist nicht komfortabel und die kleine, triste Stadt erst, die ist sogar feindlich gegenber den Farmern.

Szenen auf den Farmen sind übrigens mit dem eingängigen „Shane-Thema“ unterlegt, alle, die in der Stadt spielen, haben eine bedrohliche, enervierende Musikuntermalung. Eines der vielen einfachen, aber hoch konsequent und wirkungsvoll eingesetzten Stilmittel in „Shane“. Ein weiteres ist der rigoros dramaturgisch ausgefeilte Szenenschnitt. Wir verstehen, warum der Film schon 1951 gedreht war und erst 1953 in die Kinos kam, weil Regisseur Stevens unglaublich viel Zeit auf den Schnitt verwendete.

– Shane. In das realistische Szenario der Farmer und Rancher, die verschiedene, unvereinbar scheinende Interessen haben, wird der einsame Revolverheld Shane gestellt. Schon seine Farben sind symbolisch. Heller Hut, helle Trapperkleidung, helles Pferd. Er ist ein Märchenprinz, der genau in dem Moment erscheint, in dem es brenzlig wird und der Konflikt zwischen den Menschen, die das Land beanspruchen, zu eskalieren droht. Er ist seine eigene Welt. Er kommt aus dem Nichts und es wird weniger als bei irgendeinem anderen Film, in dem ähnliche Typen auftreten, dazu erklärt. Er wird ins Nichts reiten und wir wissen immer noch keinen Deut über seinen Hintergrund. Aber da er eine mythologische Figur und ein Archetyp ist, ahnen wir Vieles, ohne dass es ausgesprochen werden muss.

Er hat eine Vergangenheit, vermutlich keine ganz saubere, auch wenn seine Kleidung und sein Verhalten ihn eindeutig als der guten Seite zuzurechnend ausweisen. Er sehnt sich nach Ankommen, dieser Mann in mittleren Jahren, ist des Herumziehens im Grunde müde. Er heuert bei Starrett an und hilft diesem und den übrigen Siedlern gegen die Rancher. Am Ende stellt er sich allein, weil nur er es kann, gegen den Banditen Wilson und erschießt ihn. Doch er bleibt nicht. Das wirkt ein wenig masochistisch, ist es aber nicht.

Zwar bewundert ihn der junge Joey, der Sohn von Starrett (Brandon de Wilde) sehr und sorgt für die emotionalen Momente des Films, aber Shane weiß, dass er nicht bleiben kann. Zum einen, das sagt er selbst, weil er einen Menschen erschossen hat und das immer an ihm haften wird. Er hat es für die gute Sache getan, aber das reicht nicht, und er weiß, dass sein Spruch „Eine Waffe ist immer so viel wert wie der Mann, der sie trägt“ im Grunde den neuen Ordnungsprinzipien einer zivilisierten Gesellschaft nicht gerecht werden kann – genauso wie die ausgreifenden Ansprüche der Rancher, Shane ist wie sie, und auch das wird im Film erwähnt, eine Figur aus der alten, zu Ende gehenden Zeit des Wilden Westens.

Da ist aber noch eine zweite Sache. Auf Starretts Farm entwickeln dessen Frau und Shane Gefühle füreinander, sind aber beide zu anständig, um sie auch nur  gegenseitig anzudeuten. Lediglich auf eine Frage von Joey äußert sich dessen Mutter in die Richtung, ohne dass der Junge wissen kann, wie sie es meint und wie tief es geht. Natürlich ist der gut aussehende Shane mit seiner sanften und doch höchst konsequenten Art ein Gegenstück  zum derben, realistischen Farmer Starrett. Er ist eine Projektion für diese Frau und, das wird ganz deutlich, auch ein Symbol des amerikanischen Traumes von der Erhebung über das Alltägliche hinaus zu etwas Höherem, das ethisch und in den Zielen die Nation eint.

Diese Aufstellung der männlichen Hauptfigure ist keineswegs unbewusst. Auch deshalb kann auf die Geschichte des Mannes verzichtet werden, denn ein Märchenprinz braucht eine solche individuelle Geschichte nicht, er symbolisiert Allgemeingültiges.

Schnell ist dieser Mann in der Lage, aus dem natürlichen Misstrauen unter Fremden Freundschaft werden zu lassen, Liebe wächst ihm entgegen und sein Drama ist, dass er sie nicht annehmen kann, weil die Situation es nicht zulässt, und, so der Eindruck, es nie zulassen wird. Ihm bleibt, Prinzipien und Träume zu transportieren und etwas in den  Herzen der Menschen zu hinterlassen, denen er begegnet: Eine Erinnerung an einen entscheidenden Moment, an eine Krise und an einen Sieg über diese Krise wird Teil des kollektiven Bewusstseins einer Nation von Menschen, die ihre Vergangenheit hinter sich ließen, um etwas Neues zu beginnen. Shane steht auch dafür, dass das Gestern nicht zählt, sondern das, was man heute tut, um das Morgen endlich zu gewinnen und ein besseres Leben für sich und die Seinen zu schaffen. Ein Typ wie Shane ist auch eine Art Dauerpionier, der immer wieder zu Neuem aufbricht und der sich in jeder Stadt erneuern kann, so, wie sich Amerika in seinen Filmen, besonders dem landeseigenen Format des Westerns, immer neu erfunden hat.

– Der Junge Joey. Es ist ein toller Kniff, die Geschichte aus der Perspektive eines Kindes zu erzählen, das zu Shane (der von dem nicht sehr groß gewachsenen Alan Ladd verkörpert wird) buchstäblich aufschaut und ihn auf naive Weise bewundert, einmal auch  hasst, als er Vater Starrett auf eine etwas unfaire Art k. o. gehen lässt, weil er die Hintergründe von Shanes Handeln nicht verstehen kann. Dennoch läuft er ihm in der einzigen unrealistisch wirkenden Szene des Films in die Stadt nach – und kann ihm am Ende sogar das Leben retten. Da ist jeder Blick ein Symbol, jedes Wort hat eine Bedeutung und sagt uns etwas. Dieser blonde, hübsche Junge in seiner Naivität und seiner Aufgeschlossenheit ist ein weiteres Symbol in dem Film.

Er steht für eine junge, formbare Nation, die alle Weitherzigkeit der Welt in sich vereint, aber auch für die Naivität, die ein Durchblicken von Gründen und Strömungen in den Herzen der Erwachsenen noch nicht nachvollziehen kann. Sein Sinn für Gut und Böse ist ungeheuer ausgeprägt und unverfälscht, die Differenzierung von Motiven ist ihm nicht gegeben, und so nehmen wir die Amerikaner ja oft auch wahr – als ziemlich schwarzweiß denkend.

Der Film zeigt dafür Verständnis, aber er spricht auch davon, dass man hinter die Fassaden blicken soll und die Motive von Gegnern erst einmal verstehen lernen soll, bevor man diese verurteilt. So sind  zum Beispiel die Rancher solange nicht unehrenwert, bis sie sich des angeheuerten Pistoleros bedienen, um die Farmer zu vertreiben. Der Junge hingegen kann nicht den Umschwung sehen, seine Sympathie gilt von Beginn an Shane, würde auch gelten, wenn dieser nicht den Showdown im Saloon mit Wilsen gehabt hätte, obwohl der beobachtende Junge davon fasziniert ist – und währt über das hoch emotionale Ende des Films hinaus.

– Die übrigen Figuren. In der Stadt gibt es diese typischen neutralen Händler, die Waren an diejenigen verkaufen, die sie ihnen abnehmen. Der Händler Grafton (Paul McVey) muss ein Interesse an den Farmern haben, schließlich nehmen sie ihm mehr Waren ab als eine einzige Rancherfamilie mit ihren Angestellten. Durch sie wird die Stadt wachsen, soll gemäß Aussage von Starrett eine Kirche und eine Schule erhalten. Händler werden in Western oft als wenig attraktive Figuren gezeichnet, was sie im Vergleich zu Helden natürlich auch sind (eine Durchbrechung des Musters wird 1956 in „The Fastest Gun Alive“ gezeigt, wo Glenn Ford in einer seiner typischen Rollen als müder Revolverheld ausgerechnet Händler wird und nicht zur Ruhe kommt).

Die Burschen, die für die Rancher arbeiten, neigen hingegen zur Gewalt, sind rohe Desperados und eben keine Familienmenschen wie die Siedler, die etwas aufbauen wollen und können – und auch hier gibt es etwas Interessantes. Der Cowboy Chris Calloway (Ben Johnson) provoziert Shane anfangs, wechselt aber zum Ende hin quasi die Fronten und informiert ihn darüber, dass Ryker Wilson angeheuert hat, weil er sagt, es sei genug geschehen und es möge kein (weiteres) Blut fließen, nachdem Wilson den einfältigen und dem gefährlichen Handeln zugeneigten Siedler Torrey erschossen hat. Es ist faszinierend anzusehen, wie mit archetypischen Charakteren agiert und manchmal auch deren Durchbrechung gezeigt wird.

  1. Handlung, Setting, Techniken

Nur wenige Filme beziehen die Gestaltung ihrer Dekors so konsequent in die Dramaturgie ein wie „Shane“. Am deutlichsten wird dies in der Szene, in der Wilson den Siedler Torrey erschießt. Dieser Farmer will in Crafton, der neben dem Laden auch einen Saloon betreibt, einen Whisky trinken und damit demonstrieren, dass er keine Angst vor Ryker und seinen Leuten hat. Die Musik ist düster und drohend, als er über die nicht ausgebaute, sondern als tiefes Matschloch gezeigte Straße zum Saloon geht und seine schmutzigen Stiefel sich schmatzend durchs brackige Wasser arbeiten. Vor dem Saloon, ganz sauber und auf einem Holzgehsteig, wartet Wilson. Jack Palance, der Wilson spielt, ist ohnehin groß, für damalige Zeit mit 1,93 Metern ein Riese gewesen, zudem steht er erhöht, der Sielder muss zu ihm aufschauen.

Die Verhältnisse sind von Beginn an klar und man weiß, dieser Typ wird den Siedler erschießen, bevor der auch  nur die Waffe in die richtige Richtung bekommen kann. So geschieht es. Es ist vorhersehbar und höchst dramatisch, wie dieser einfache Mann von der Feuersalve niedergestreckt und geradezu in den Schlamm gespritzt wird. Es geht noch weiter: Dort zieht ihn ein anderer Farmer heraus, schleift ihn mühsam davon, während oben der Täter in kommoder Haltung verweilt. Die Verhältnisse sind noch einmal bewahrt worden, der Saloon als Symbol der Rancherfestung, die gegen das Neue verteidigt werden soll, das sich aus dem Schlamm emporhebt, ist noch einmal farmerfrei geblieben. Dieser Mord, der sogar nach altem Westerngesetz einer ist, weil eben nicht der Siedler wirklich  zuerst „gezogen“ hat. soll unter den Menschen draußen in ihren kleinen Häusern Schrecken verbreiten, sie zum Aufgeben bewegen. Beinahe gelingt dieses Vorhaben.

Doch dann die Beerdingungsszene. Schlichtes Ritual in schlichtester Umgebung, Gesang a capella, dann begleitet von einer einzigen Mundharmonika, die ein altes Lied aus dem Süden spielt – eines der Lieder aus dem Bürgerkrieg. Man erfährt durch dieses Lied und ganz nebenbei auch schon vorher, dass dieser hitzköpfige Torrey ein Südstaatler gewesen sein muss. Es ist für seine Farmerkollegen nicht wichtig, sie kommen von überall, und auch hier sehen wir ein Symbol. Wie nämlich alle im Aufbau des Landes vereint sind, mit ihren Eigenheiten und Unterschieden. Toll gemacht in dem Zusammenhang die Diskussionszene, bei der die Farmer darüber debattieren, was gegen Ryker zu tun soll. Sie findet im ersten Drittel des Films statt, vor der Schlägerei im Saloon, die nicht nur klasse gefilmt ist, sondern auch den ersten Plotpoint bildet, den ersten Handlungshöhe- und Wendepunkt, die kurze Hinwendung zur Action in einem sonst ruhig und im Stil der Zeit psychologisierend inszenierten Werk.

In dieser Diskussion spielt ebenfalls einer der Siedler, ein alter, etwas ironischer Mann, die Mundharmonika. Und wenn Torrey heißblütige Kampfesworte sagt, wechselt die sonst die Einsamkeit der Prärie reflektierende Weise zu dem eben erwähnten Kriegslied – da reitet einer noch einmal eine Attacke gegen eine Übermacht, ein Kavalier in Arbeitshosen, ein Mutiger ohne viel Verstand. Dieser Mutige, man spürt es schon, wird untergehen wie einst der Süden, aus dem  er stammt, gegen den Norden. Da ist ein kleines Echo der Filme drin, in denen es um den Nord-Süd-Konflikt der Jahre 1861-1865 geht. Es ist wirklich unendlich viel Subtext in „Shane“ und ihn zu entschlüsseln macht mächtig Spaß, zumal als Nicht-US-Amerikaner, der sich aber ein wenig mit Nordamerika befasst hat.

Neben den vielen symbolischen Akten, die sich auch in Dialogen und Handlungen manifestieren, bietet „Shane“ eine hervorragende, konsequente Dramaturgie, die den Film kürzer wirken lässt, als er wirklich ist. Gefühlt sind es nur 90 Minuten, in Wirklichkeit fast 120, die er dauert. Und dies, obwohl die Aktion ihn nicht dominiert – ihn dadurch auch nicht ermüdend wirken lassen kann. Es sind die Wechsel zwischen lyrischen und dramatischen Szenen, die ihm den Rhythmus geben, manchmal sogar die Schnitte innerhalb einer Sequenz. Ein gutes Beispiel dafür ist die Holzhack-Szene, in der Starrett und Shane zu Freunden werden.

Zunächst wechseln sie Blicke, der Umschnitt erfolgt vom einen zum anderen Gesicht. Dann greifen sie beide zur Axt, die fliegenden Späne kommen ins Bild. Dann wieder die Gesichter – dann für einige Sekunden nur noch die Späne, das Schlagen der Äxte in diesen alten, widerspenstigen Baumstumpf, der ein wenig deplatziert mitten in der Prärie steht. Da schließen sich zwei einander noch abschätzend gegenüberstehende Individuen in einer gemeinsamen Aktion zu einem  Willen zusammen und begründen eine tiefe, einfache und ehrliche Freundschaft. Shane hat im Grunde von all dem nichts, auch nicht, dass Starrett nun endlich mit seiner Hilfe den Baumstumpf umstoßen kann, was ihm alleine nie gelang – selbstverständlich wieder ein Symbol (er hätte ja auch mal einen Nachbarn zu Hilfe nehmen können).

Es gäbe zum  Stil und zu den Techniken, zu den Figuren, zu optischen und inhaltlichen Details mehr zu sagen, aber wir müssen uns hier aus Zeit- und Platzgründen auf die obige Auswahl beschränken.

Finale

In der Besprechung von Filmen wie diesen kommt auch etwas von der Faszination zurück, wir sind wieder wie Joey, der eine naive Bewunderung für dieses große Land hegt, eine Bewunderung, die nicht zuletzt durch die Bush-Jahre in Enttäuschung, manchmal in Entsetzen gemündet ist. Man wacht eines Tages auf, so, wie auch dieser Junge eines Tages erwachsen werden wird. Das heißt nicht, dass man nicht mehr würdigen kann, was dieses Land alles hervorgebracht hat und wie subtil seine Filme manchmal waren. Nicht nur im Vergleich mit deutschen Werken der Zeit, sondern auch mit dem, was heute dem Publikum geboten wird und was dann tatsächlich eher für Kinder ist.

„Shane“ ist großes, emotionales, einfaches Kino. So, wie es am Ende plötzlich ein Echo gibt, das Joeys Worte „Shane, Shane! Come back!“ von den eigentlich viel zu weit entfernt stehenden Bergen zurückwirft, hinterlässt der Film auch in uns ein Echo über simple Wahrheiten und einfache Werte und etwas, das wir nicht erklären können, das aber diese Filme mit offenem oder negativem Ende auszeichnet. Dass wahre Romantik nicht in der Erfüllung, sondern in der Entsagung liegt. Wir möchten diese Lösung nicht für unser eigenes Leben, heutige Filme vermeiden sie auch tunlichst, aber wir erinnern uns an „Casablanca“ und „Vom Winde verweht“, an „Doktor Schiwago“ und dall diese Dramen und Epen. Sie zehren genau von dieser Entsagung. Sie gehören auch wegen ihrer Endings zu den wirklich geliebten Filmen. Woran man sehen kann, wie ambivalent wir sind und wie ein Film wie „Shane“ mit seinen gleichermaßen einfachen wie differenzierten Charakteren und Aussagen das sehr gut spiegelt.

Natürlich ist „Shane“ nicht frei von zeittypischen Überhöhungen, auch wenn er sich ihrer auf eine sehr angenehme Art bewusst ist, natürlich nervt zuweilen ein wenig diese anhängliche Art des jungen Joey, das haben viele Kritiker moniert. Es beschädigt aber nicht die Überzeitlichkeit vieler Elemente in „Shane“, nicht das, was sie uns über das Land, über uns und über die ewig gleichen Herausforderungen, Werte, Rivalitäten, Kämpfe sagen, die in immer neuen Gewändern auf jede Generation in jedem Land zukommen. Sich den Fragen zu stellen, die sich heute oft in komplexen Strukturen verbergen, kann nie schaden und daher bewerten wir diesen sehenswerten Klassiker mit

86/100.

© 2021, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Kritik auf schnitt.de
(2) The History of the Academy Awards: Best Picture 1953, Kritik vom 26. Juli 2010
(3) Kritik vom 3. September 2000 für die Chicago Sun-Times
(4) Kritik vom 24. April 1953 für die New York Times
(5) In der ersten Ausgabe der Liste von 1996 rangiert er auf Platz 69, in der zweiten von 2007 stieg er sogar auf Platz 45, obwohl in diese neue Version Filme der inzwischen vergangenen zehn Jahre eingearbeitet werden mussten, in der vom AFI herausgegebenen Liste der besten Western aller Zeiten liegt Shane beinahe 60 Jahre nach seiner Entstehung auf Platz 3, nur übertroffen von „The Searchers“ von 1956 und dem erwähnten „High Noon“, gefolgt von dem Clint Eastwood-Spätwestern „Erbarmungslos“ („Unforgiven“) von 1992.
(6) Wikipedia

Regie George Stevens
Drehbuch A. B. Guthrie Junior
Produktion Ivan Moffat,
George Stevens für
Paramount Pictures
Musik Victor Young
Kamera Loyal Griggs
Schnitt William Hornbeck
Tom McAdoo
Besetzung

 

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